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Ausgabe:

1907 Nr. 19

Spalte:

535-536

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Houtin, Albert

Titel/Untertitel:

La crise du clergé 1907

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 19.

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knüpfung von Staat und Kirche naturgemäß vielfach auf
die allgemeine Politik übergreifen muß. So wird den
umfangreichen Auffatz jeder benutzen müffen, der über
Moritz unterrichtet fein will. Ißleib hat fehr umfichtig
gearbeitet, nach archivalifchem und gedrucktem Ma-
teriale, unter letzterem natürlich an erster Stelle nach
der von Brandenburg herausgegebenen politifchen Korre-
fpondenz. So findet man alles forgfam gebucht. Aber
gerade damit berühre ich fchon eine Schranke der vorliegenden
Arbeit. Sie bucht zu viel, fie wird dadurch
chronikartig, verliert aber die Großzügigkeit. Damit aber
büßt fie ein gegenüber Brandenburgs Biographie, deren
Reiz gerade in der großzügigen Zufammenfaffung liegt.
Das wirkt um fo peinlicher, als Ißleib beftändig gegen
Brandenburg polemifiert, ohne aber eine eingehende Begründung
zu geben. Wenn denn einmal geftritten werden
müßte, dann auch mit ganz offenem Vifiere und mit
ficherem, feftem Speere, nicht mit den Nadelftichen des
obcliscus! Mir fcheint, daß die Polemik in Einzelheiten
recht hat, aber an den entfcheidenden Punkten kann ich
Brandenburg nicht widerlegt finden. Z. B. (S. 40, Anm. 1)
es fcheint mir der Nachweis nicht erbracht, daß Moritz
in der erften Zeit felbft das Regiment führte, und nicht,
wie Brandenburg gefagt hatte, Georg v. Carlowitz. Daß
Moritz feine Genehmigung geben muß, liegt auf der
Hand, aber die Initiative und die eigentliche Direktion
hat doch Carlowitz (vgl. u. a. S. 45 ff.). Vor allem aber
wird die Pofition Moritzens im fchmalkaldifchen Kriege
durch Ißleibs Schilderung nicht klar, denn der Hinweis
auf den Grundfatz: Gebet dem Kaifer, was des Kaifers
ift, und Gott, was Gottes ift, ift keine Erklärung. Die
Fäden find hier viel verfchlungener, und Brandenburg
hat wenigstens einen ernften Verfuch, alles wirklich klarzulegen
, gemacht, während Ißleib nur Hinweife gibt; das
Raffinement der kaiferlichen Politik und ihre Anknüpfungspunkte
an den faft modernen Anfchauungen
des Sachfen von der Trennung von Politik und Religion
werden nicht deutlich. Doch im letzten Grunde liegt die
Darstellung der äußeren Politik nur auf der Peripherie
der Arbeit von Ißleib; darum fei nochmals ausdrücklich
die Sorgfalt in der Heraushebung der kirchlichen Angelegenheiten
(Verfaffung, Unterricht ufw.) betont.

Gießen. Köhler.

Hoiitin, A., La crise du clerge. Paris, E. Nourry 1907.
(346 p.) 8« fr. 3.50

Der unermüdliche Mitarbeiter und MitkämpferLoifys,
dem die Ehre des Index an demfelben Tage zuteil wurde,
hat uns ein Buch gefchenkt, das feinen früheren Werken
ebenbürtig zur Seite steht (vgl. Th. Ltzg. 1902, Nr. 16;
1905, Nr. 9; 1907, Nr. 2); ja es darf vielleicht noch ein
unmittelbareres und intenfiveres Intereffe in Anfpruch
nehmen. Führt er uns doch in die geistliche Krifis ein,
die fich des franzöfifchen Klerus bemächtigt hat und die
in wachfendem Maße und unter mannigfaltiger Gefialt um
fich greift, bald strenge und gewaltfame Reaktionen hervorrufend
, bald verheißungsvolle Ausfichten eröffnend und
auf Ziele hinfteuernd, die nichts weniger als tiefgehende
und umfaffende Änderungen bedeuten dürften. In einer
reichen höchst lebendig gefchilderten Reihe von Einzelbildern
charakterisiert zunächst der Verf. die Vertreter und
Führer der fortfchrittlichen Bewegung, unter denen der vor-
fichtige und gewandte Historiker, Monfeigneur Duchesne,
die hervorragendste Stelle einnimmt. Die über Loify mitgeteilten
Angaben durften kurz gefaßt werden, da H. in
feiner Schrift La question biblique au XXe siede ausführlich
über ihn berichtet hatte. Nicht minder lehrreich
und dankenswert find die Charakterbilder der in
verfchiedene Gruppen eingeteilten Priester, der ängstlichen
, der ehrgeizigen, der aufrichtigen, derer, die in
der Kirche verbleiben, der austretenden, der in den
römifchen Schafftall zurückkehrenden. Wie über die Individuen
, fo verbreitet H. auch über Institutionen, Schulen,
Seminarien, ganze Diözefen, das helle Lieht einer stets aus
dem Vollen fchöpfenden, in den Grenzen (trengerübjektivi-
tät beharrenden Gefchichte. Auch in den Kapiteln, wo ein
fchärferer Ton angefchlagen wird, wie bei der Schilderung
des Bistums Autun und der Zeichnung der Individualität
des Kardinals Perraud, wagt der Verf. keine Auslage, die
er nicht durch authentifche Urkunden belegen, kein Urteil
, das er nicht fachlich begründen könnte. Einen ergreifenden
, zuletzt wehmütigen Eindruck machen die An-
(ätze zu einer im Sinne einer Vertiefung der theologifchen
Studien unternommenen Reform in den Diözefen von Lyon,
Tours, Cambrai. Das Intereffantefte und Bedeutungsvolle
aber, was die Schrift H.s bietet, liegt m. E. in
der Auskunft, die uns über den Seelenzuftand und die
inneren Erfahrungen des Klerus an der Hand zuver-
läffigfter Quellen vermittelt wird. Wie fchwer fällt es felbft
einem gut unterrichteten Protestanten, die ,Pfychologie'
des Priesters zu verstehen, ihn aus den geistigen Voraus-
fetzungen feiner Vergangenheit und feines Milieus zu beurteilen
, die Probleme, mit denen er fich auseinander zu
fetzen hat, in der Weife nachzuempfinden, wie fie fich
ihm felbft aufdrängen! Was der ausgezeichnete Schriftsteller
Ferdinand Fabre in unübertrefflichen Romanen
auf einen künftlerifchen Ausdruck gebracht hat, das tritt uns
hier urfprünglich, gleichfam aktenmäßig aufgezeichnet und
verbürgt, in einer Fülle von Einzeldarstellungen entgegen.
Allerdings ift das Intereffe H.s weniger auf die rein reli-
giöfen Gewiffenserlebniffe als auf die intellektuellen Kämpfe,
auf die wiffenfchaftlichen Verwickelungen und Verlegenheiten
gerichtet, unter denen der geistig ftrebfame Priester
leiden und kämpfen muß, — darin fpiegelt fich wohl die
eigene Individualität des kritifch angelegten, hiftorifch ge-
fchulten Verfaffers, — aber er hat auch ein Verständnis
für die nicht theologifch orientierten und intereffierten

I Glieder des Klerus. Man lefe z. B. die instruktive Parallele
zwifchen dem polnifchen und dem franzöfifchen Klerus, die

| charakteriftifchen Erklärungen Lutoslawskis (68 — 69).
,Für Euch, Lateiner, ift die Religion in erfter Linie ein Kom-

; plex von Dogmen. Für uns, im Gegenteil, ift das Dogma
nichts; die Kirche ift die Gefamtheit der auf Erden zerstreuten
Wohlgesinnten, l'unite des gens de bonne volonte
dans toutrunivers. InWarfchau fagtemireinmalein Priester,
der meine Schriften gelefen hatte: „Du weißt, du bift ein
Ketzer", und er wollte mich nicht abfolvieren; ich antwortete
ihm: „Mein Vater, im Namen Christi, bitte ich
um die Abfolution, denn ich bereue meine Sünden." Und
er gab mir die Abfolution. Das hat mich davon überzeugt
, daß die katholifche Kirche fehr tolerant ift. Man
braucht es nur recht anzufaffen'. — Die Ergebniffe, die
H. aus der Gefchichte gewinnt, und die Schickfalsfragen,
die er im Lichte der bisherigen Entwickelung, wenn auch
nur andeutend, aufwirft, lauten religiös wenig ermutigend.
Zwar fcheint er die Trennung von Staat und Kirche als eine
heilfame Sichtung zu begrüßen, allein das Fazit, das er
gibt, bleibt ein dürftiges. Liegt es vielleicht daran, daß
ihm felbft das Heil vorzüglich in der intellektuellen Sphäre
befchloffen ift, und daß er fich eine Löfung der Krifis
denkt, die, im Gegenfatz gegen die Feinde von links
und rechts, en depit des demolisseurs radicaux et des
dogmatistes petrifies, in der Wiederherftellung der idees
morales und der croyances spiritualistes (288) bestehen
wird? — Zum Schluß fei noch auf die beiden Appendices
289 bis 334) hingewiefen. Der erste Anhang ,la foi des

pretres' ift ein höchst wichtiger Beitrag zur religiöfen
Pfychologie; der zweite, Notes chronologiques, umfaßt eine

• Menge auf die Periode von 1884—1906 bezüglicher hi-
ftorifcher, theologifcher und gefchichtlicher Angaben,
welche von der umfaffenden und gründlichen Gelehrfam-
keit des Historikers ein glänzendes Zeugnis ablegen.

Straßburg i. E. P. Lobftein.