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Ausgabe:

1907 Nr. 18

Spalte:

503-507

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Smith, W.B.

Titel/Untertitel:

Der vorchristliche Jesus nebst weiteren Vorstudien zur Entstehungsgeschichte des Urchristentums 1907

Rezensent:

Wernle, Paul

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503 Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 18. 504

müßiger Zufatz, fondern eine zweite Überfetzung des
Textwortes nyilln (.unter Pofaunenfchall'), das in der
erften Überfetzung auf Grund aramaifierender Etymologie
im Sinne von "p£"i verbanden ift. — Zu 29, Z. 18.
Ich weiß nicht, warum iVDIJt als Überfetzung von
bi>B (Pf. 917) gegenüber iTF das .echte alte

Targum' fein foll. — S. 35, Z. 4. fcsn'üb'a iDID paßt beffer

zu asiiob, als Knisba iotd (zu Pf. 45 5). — S. 36, Z. 2 ff.

Die verfuchte Kombinierung der Lesarten zu Pf. 73,10
ift als mißlungen zu bezeichnen. Das nur in v flehende
IlMFrübttb (was Buxtorf in feiner rabbinifchen Bibel zu
prtfVPpbitb verfchlimmbeffert hat), ift zweite Überfetzung
zu übri, nach der im Talmud (Zebachim 102 a) auf Exod.3 5
und I Sam. 7 ia angewendeten Thefe: Ffttba txbx Oibri "pK.
In der erften Überfetzung ift das Textwort Qbri nach
Richter 526 erklärt. — S. 38, Z. 2. In vn wird der
mittlere Stichos von Pf. 1811 nach der Lefung des parallelen
Verfes in II Sam. 22 überfetzt: ,du behüteft
mich, [wenn ich gerüftet einherziehe] an der Spitze der
Völker'. Umgekehrt gibt das Targum zu II Samuel die
Lesart von Pf. 18 (aBiOtl) wieder. — S. 40, Z. 10.
Die qualvolle Erklärung des Targums zu Pf. 562 hätte
T. erfpart, wenn er in "Ottp den philiftäifchen Helden
von II Sam. 2116 erkannte, 'deffen Kampf mit David im
Talmud (Sanhedrin 95 a) legendenhaft ausgefchmückt ift.
In der Variante von r ift "OtT Druckfehler, TMAtM, (der
aus Gath) ein finngemäßer Zufatz, da Jifchbi der Bruder
Goljatha war.

Lehrreich ift der letzte Abfcnnitt (S. 44—59: ,eine
alphabetifch geordnete Überficht der — in den Varianten
■— fynonym gebrauchten Subftantiven nebft Adjektiven
und der Verben'. Diefe Überficht zeigt auf befonders anschauliche
Weife, wie fehr der Targumtext in lexikali-
fcher Hinficht fortwährenden Veränderungen ausgefezt
war, befonders folchen, die Akkommodation an das he-
bräifche Bibelwort bezweckten. Die dritte Nummer der
erften Lifte (S. 44, Z. 18) ift zu ftreichen, da StTHIi* in r
(Pf. 71) offenbar nur Druckfehler für ift. — Bei

Techen felbft finden fich nur vereinzelte Druckfehler in
Zahlen und hebräifchen Buchftaben. S. 23, Z. 20, ft. 1O2
1. 1012; S. 24, Z. 3, ft. 4812 1. 4813; S. 25, Z. 9 v. u., ft.
1030 1. 1029; S. 26, Z. 4, ft. 1224 l. 12 26-, S. 28, Z. 3, 1.
rV»B3; S. 32, Z. 16, 1. i-ipaS; S. 41, Z. 18, 1. bni3. — Für
die hingebungsvolle Arbeit, mit der hier eine folide Unterlage
für die weitere Erforschung des Pfalmentargum ge-
fchaffen wurde, verdient der Verfaffer den vollen Dank
der Fachgenoffen.

Budapeft. W. Bacher.

Smith, William Benjamin, Der vorchriftliche Jefus nebft
weiteren Vorftudien zur Entftehungsgefchichte des
Urchriftentums. Mit einem Vorworte von Paul Wilhelm
Schmiedel. Gießen, A. Töpelmann 1906.
(XIX, 243 S.) gr. 8" M. 4-; geb. M. 5-

Die Grundgedanken der fünf Auffätze diefes Buchs
kann ich nicht beffer zufammenfaffen, als es P.W.Schmiedel
in feinem Vorwort getan hat: ,Die Lehre von dem Jefus
war vorchriftlich, ein Kultus, der an den Grenzen der
Jahrhunderte (100 vor Chr. bis 100 nach Chr.) unter den
Juden und befonders den Helleniften, mehr oder weniger
geheim und in Myfterien gehüllt, weit verbreitet war; das

Chriftentum ging urfprünglich von vielen Brennpunkten, I haupt irgend etwas Rätfelhaftes an fich hätte! Aber der

ter der Lebenden und der Toten)' und wurde erft durch
den nachträglichen Zufatz ,aus den Toten' zur Aufer-
weckung umgedeutet; die beiden großen Ideen, die z. B.
von Johannes dem Täufer verkündete ftrengere, ernftere
des Einen, der da kommen foll (des Chrifius) und die
mildere, freundlichere des Jefus waren urfprünglich ver-
fchieden, wurden aber fchließlich zu dem einen, den die
Welt erobernden Begriff des Jefus Chriftus vereinigt (c. III
Anaftafis). Das Gleichnis vom Säemann handelte urfprünglich
vom Ausfäen der aus dem Logos beftehenden,
die Welt erzeugenden Samenkörner durch Gott, ganz wie
in der Geftalt, in der es die vermeintlich chriftlich-gnofti-
fchen, in Wirklichkeit vorchriftlichen Naaffener befaßen
(c. IV Der Säemann fäet den Logos). Vom Römerbrief
des Paulus hat bis zum Jahr 160 niemand etwas
gewußt (c. V Saeculi silentium).

Der letzte Auffatz fällt aus dem Rahmen des übrigen
heraus und ift ein Stück für fich. Die vier erften Kapitel
ftellen eine intereffante Kombination der alten gnoftifchen
Gefchichtsbetrachtung mit moderner hiftorifcher Kritik dar.
Es ift ein Valentinianer oder, wenn er lieber will Naaffener,
der die hiftorifchen Realitäten Jefus, Nazareth, Auferftehung
als Abfchattung göttlich-mythifcher Geftalten interpretiert,
aber mit ihm verbindet fich der moderne Kritiker, der für
die behauptete Vergefchichtlichung des Mythifchen den
exakten Quellenbeweis leiften will. Die Veröffentlichung
der Auffätze fällt gerade jetzt in eine günftige Zeit, da
diefe religionsmythifche Erklärung der neuteftamentlichen
Gefchichte auch gelehrte deutfche Vettreter zu finden
beginnt. Und ein Stück Wahrheit ift zweifellos auch
in diefem modernen Gnofticismus enthalten; die Erkenntnis
nämlich, daß an der Bildung des chriftologi-
fchen Dogmas zweifellos mythifche Faktoren beteiligt
find, daß der Gott Jefus in der Tat aus der Verbindung
gefchichtlicher Eindrücke mit zuvor beftehenden Götteroder
Heldengeftalten (Meffias u. a.) hervorging. Aber
das wußte man längft. Es fragt fich nur, ob wir von
Smith über die vorchriftlichen Anfätze diefes Glaubens
irgend etwas Wahrfcheinliches erfahren.

Ta jcsqi tov 'irjöov foll überall im NT. die Doktrin
von dem Gott Jefus bedeuten. Apollos hatte laut
Act. 1824fr. diefe Doktrin, obgleich er allein die Taufe
des Johannes wußte, alfo, wie Smith erläutert, von Jefus
als einem gefchichtlichen Charakterbild noch nichts gehört
hatte. Diefer Stelle kommt an Wichtigkeit keine
zweite im NT. gleich; hier haben wir greifbar den vorchriftlichen
Jefus. Jetzt öffnen fich erft unfere Augen:
alsbald erfcheinen die zwölf Jünger inEphefus (Act. 191—7),
der Magier Simon, Elymas-Bar Jefu, d. h. ein Verehrer
Jefu, ein Beförderer des Jefuskults, die Brüder Jefu,
die umherfchweifenden ,Wir' der Apoftelgefchichte, die
neben Hohenpriefterföhne als lauter Chriften vor Jefus,
als die vielen Brennpunkte, aus denen allmählich der
Chriftenglaube zufammengefloffen ift; derNaaffenerhymnus,
der ,allen Anzeichen nach der chriftlichen Ära vorangeht',
der .wunderkräftige Gebrauch des Namens Jefu, treten be-
ftätigend hinzu. Schade nur, daß Mt. 27 w die alte Lesart:
'irjOovv rov BaQQaßäv von Smith vergehen wird; auch Bar-
rabas eine Abfchattung des Jefusgottes, wie reizend! Es
wäre genau fo wiffenfchaftlich wohl fundiert, wie diefe
ganze Phantasmagorie. Hier ift ja alles verkehrt vom
erften Anfatz an; als wenn xa jceqI tov 'l?]6ov in einem
Buch, deffen ganzer erfter Teil von Jefus erzählt, über-

erft nach einer Ipätern Theorie von einem einzigen von Apollos mit der fonderbaren Charakteriftik 1825? Gerade
Jerufalem aus; Jefus war von Anfang an nichts anderes das ift bezeichnend für diefe wiffenfchaftliche Methode:
als eine Gottheit, nämlich als der Befreier, der Hüter, der nicht ein Verfuch, die Stelle im Zufammenhang der Acta
Heiland (c. I Der vorchriftliche Jefus). Der ,Nazarener' zu verftehen, ftatt deffen dem Autor die Meinung zuge-
hieß er nicht von einer damals gar nicht exiftierenden Stadt i fchoben, der Apollos wiffe von Jefus, wiffe aber nicht,
Nazareth, fondern gemäß dem hebräifchen Sinn diefes | daß ein Jefus überhaupt gelebt habe. Wie einfach wird
Wortftamms eben als der Hüter (c. II Die Bedeutung alles, fobald man die Abficht des Autors verfteht. Er
des Beinamens Nazoraeus). Seine Anaftafis bedeutete will die Entftehung der Gemeinde von Ephefus erzählen:
urfprünglich .Einfetzung (als Meffias, Weltherrfcher, Rieh- fie ift vorpaulinifcher Herkunft, Priscilla und Aquila,