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1907 Nr. 17

Spalte:

484-486

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Iso‘dadh‘s Kommentar zum Buche Hiob. I. Teil 1907

Rezensent:

Frankenberg, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 17.

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amtliche Stellung des frühmittelalterlichen Rom zur
Frage nach der Autorität der ökumenifchen Konzilien zu
fprechen gekommen. Wiefo eine abendländifcheDeutung
des Chalcedonenfe durch die Anathemen am Schluß des
Henotikons — fein Verfaffer Acacius wird gar nicht genannt
und von deffen ungemein wichtiger Vermittlertätigkeit
nichts berichtet! — profkribiert war, wird der Lefer
nicht begreifen, der vorher nur gehört hat, daß das Bekenntnis
des Henotikon der Formel von Chalcedon nicht
widerfprach.

Der umgekehrte Fall, daß L. zu viel bietet, liegt nach
meinem Gefühl in § 5 vor. Diefer Grundriß der gefamten
griechifchen Philofophie (S. 13—36) ift mit zu viel Liebe
behandelt, wenn der der Perfon Jefu gewidmete § 10
nur eine Seite füllt. Hier bringt L. allerdings für feine
Zurückhaltung Gründe bei, die ich jedoch mir nicht aneignen
kann. Daß die äußere Kritik bei den Evangelien
nur Zeugniffe von zweiter Hand befitzt und unfähig ift,
das Zuverläffige einwandfrei und vollftändig auszufchei-
den, trifft ähnlich z. B. auf Photinus von Sirmium zu,
und doch fchreckt L. vor der Aufgabe, ihn in die Entwicklung
einzugliedern, nicht zurück. Der Satz, mit dem L.
am Schluß von § 10 fein Schweigen rechtfertigen möchte,
es fei der für die Entftehung der Kirche grundlegende
Glaube der erften Jünger an Jefu Auferftehung ,für die
mit der Analogie des fonftigen Gefchehens rechnende
gefchichtliche Arbeit nicht ableitbar', ift ein für Loofs
ehrenvolles Zeugnis feiner Wahrhaftigkeit. Aber er
hätte die Konfequenz ziehen und feine Gefchichte
erft mit dem Tage der Entftehung der chriftusgläubigen
Gemeinde in Jerufalem beginnen follen, die Vorgefchichte
aber insgefamt anderen Disziplinen überlaffen; fo begün-
ftigt er mit feinem Verfahren den Verdacht, daß die
chriftliche Dogmengefchichte, da fie von der Perfon oder
Lehre Jefu ganz abfehen kann, aber nicht von der des
Heraklit oder des Philo, in Wahrheit die Gefchichte der
Vernichtung des Evangeliums Jefu ift.

Indem ich natürlich darauf verzichte, hier in Aus-
einanderfetzung mit Loofs über einzelne feiner Thefen
einzutreten, etwa die bei ihm fehr weit hinabreichendem
Einflüffe kleinafiatifcher, alt-abendländifcher Theologie,
uralten Traditionsgutes u. dgl., glaube ich gerade in feinem
Sinne zu handeln, wenn ich zum Schluß den Wunfeh aus-
fpreche, daß die Dogmengefchichte nun einmal wieder, im
gleichen Geifte wie von Loofs und Harnack aber nach anderem
Plan bearbeitet werden möchte, nicht um Jene zu verdrängen
, fondern zu ergänzen. Daß es kein Dogma über Be-
griffund Zweck der Dogmengefchichte geben darf, darüber
find die beiden Freunde einig; Loofs beftimmt den Endpunkt
ja nicht unwefentlich anders als Harnack. Aber er teilt
mit ihm die Befchränkung auf die innerhalb der großen
Kirchen normativ fixierten Glaubensvorftellungen, und
da folche Fixierung immer nur infolge von Kämpfen
ftattgefunden hat, nähert fich die Dogmengefchichte einer
Gefchichte der Lehrftreitigkeiten. Die Glaubensvorftellungen
, über die man nicht geftritten hat, entweder
weil alle Welt darüber gleich dachte oder weil man die
Unterfchiede nicht wahrnahm oder vorfichtig genug war
fie nicht zu berühren, brauchen keineswegs nur peri-
pherifche gewefen zu fein;, religiöfe Lehre und bekenntnismäßiges
Dogma find nie ganz zufammengefallen, und
es ift ein Glück für die chriftliche Kirche, daß dem fo
ift, daß ihr Leben auch in Hinficht auf die in ihr waltenden
Glaubensvorftellungen reicher war, als es nach
den Dogmen erfcheint. Gott ift doch niemals ganz
hinter der Trinität verfchwunden, der Heiland Jefus nie
ganz hinter dem Träger der zwei Naturen, und hat es
über Sünde und Gnade bloß Gedanken gegeben, die aus
der auguftinifch-pelagianifchen Frageftellung fich ableiten
laffen? Die Auslegung der Schrift, namentlich vieler einzelnen
biblifchen Sätze, fpielt felbft in der Entwicklung
des eigentlichen Dogmas eine größere Rolle, als man
nach Loofs vermuten würde, und manche Unftimmigkeit

der alten Theologie wird einem bloß durch das Studium
der exegetifchen Überlieferung verftändlich. Aber auch
die Bibelauslegung ift nur eins neben vielem: damit nicht
einmal das Entfetzen vor dem Dogma der jetzt herr-
fchenden Dogmengefchichte die Freunde und die Lefer
entziehe, muß ihr eine Gefchichte der Theologie, meinetwegen
der chriftlichen Wiffenfchaft zur Seite gehen —
gleichviel unter welchem Namen —, die den Zufammen-
hang aufrecht erhält zwifchen den religiöfen Grundelementen
des Chriftentums und feiner kirchlichen Kampfes-
j philofophie. Man darf dem Dogma um feiner felbft willen
I die Ehre nicht gönnen, daß es als die einzige Form des
Urteils der Chriftenheit über ihre Religion erfcheint.

Marburg. Ad. Jülicher.

Iso'dadh's Kommentar zum Buche Hiob. I. Teil. Text und
Überfetzung von Dr. Johannes Schliebitz. (Beihefte
zur Zeitfchrift für die altteftamentliche Wiffenfchaft XI.)
Gießen, A.Töpelmann 1907. (V, 88 S.) gr. 8° M. 4 —

Die vorliegende Arbeit beruht nach dem Vorwort
i auf Materialien, die Herr Lic. Dr. Diettrich-Berlin ge-
fammelt und dem Herrn Verf. felbftlos zur Verfügung
geftellt hat. Es ift mit Freuden zu begrüßen, daß man
| anfängt, die reiche fyrifche Auslegungsliteratur weiteren
1 Kreifen zugänglich zu machen; ift doch diefe Literatur
! nicht nur intereffant in der Gefchichte der Auslegung,
fondern auch reich an Funden für Lexikon und Archäologie
. Das Unternehmen des jungen Gelehrten, dem
wir diefe Arbeit verdanken, ift gewiß lobenswert; aber
leider kann man nicht fügen, daß der Stoff durch ihn
| eine glückliche oder nur genügende Bearbeitung gefunden
habe. Ich will hier nur die derbften Über-
; fetzungsfehler, die mir beim erften Lefen aufftießen,
vorbringen.

S. 4 e Xpiom '-iirm »SÜD XriXI ,und es kam
I auch d. S. ufw.; das ift ein Aphorismus'. Was wohl das
heißen foll? Es ift natürlich zu überfetzen: und es kam
d. S. ufw. das Kapitel bis zu Ende. S. 611 im An-
j fchluß an lob in und 29: ,dasfelbe (nämlich das
Fluchen an d. Stellen) nennt der Grieche in frommer
Art: er wird dich fegnen etc.; — was dem Satan und
jener Frechheit nicht ähnlich fieht'. Richtig: der Grieche
nennt es fo, um nicht dem Satan und jenem frechen
Weibe (sc. Hiobs) ähnlich zu werden. S. 10: ,aus lauter
Schwären nur noch beftehend quälft du dich ab in deiner
F"äulnis'— richtig: indem du die Erdfcholle mit deinem
Fäulnisftoff (t^cop) benetzeft. Auf derfelben Seite ift die
ganze Periode von ,Wann er fich aber außerhalb etc.'
— an mißverftanden. Die Notiz zu 213 (S. 10) lautet
bei ihm: 7 Tage und Nächte ift zu viel gefügt; ,denn
wie follen fie 7 Tage dagefeffen haben in bloßem
Schweigen oder fogar die Nächte hungernd zubringend!?
und wer wird glauben, daß fie alle diefe Tage ohne
Nahrung blieben —', diefe törichte Tautologie ift nicht
von Ifodadh; er fagt: denn wie hätten fie nur 3 Tage
fchweigend oder hungrig nächtigend ausgehalten? und
wer möchte glauben, daß fie fogar alle diefe (7) Tage
und Nächte etc. Der Herausgeber verwandelte flugs das
3 der Überlieferung in 7, weil er den Gegenfatz nicht
verftand! S. 14 ,Gott überfchattet ihn, d. h. er errettet
ihn aus den Elendszuftänden, wie jene Überfchattung
Gottes eine Quelle des Heils wurde!' Das fei eine An-
1 fpielung an Lk. 135. Richtig: Gott deckt (f. Schild, pti)
über ihn, d. h. errettet ihn aus dem Elend, weil ja folche
göttliche Bedeckung helfend ift. S. 16 is ift der ganze
Abfchnitt total mißverftanden. S. 18, 5,5 ,was fie ge-
fammelt haben, werden Hungrige effen, d. h. den Gewinn
haben die, die es wert find' — ftatt richtig —■ die Guten
(== KirPtt), die es wert find. Ganz finnlos S. 22 ig: ,die,
welche fich in Acht nahmen vor dem Eife, die mit fich
viel Schnee führen; lies folgendermaßen: die, w. fich vor