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Ausgabe:

1907 Nr. 17

Spalte:

478-479

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Frey, Johannes

Titel/Untertitel:

Die Probleme der Leidensgeschichte Jesu 1907

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 17.

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Menfchenfohn und Gottesfohn, befriedigend zu löfen. Es
ift zuletzt keine Auffaffung der evangelifchen Gefchichte
der pfychologifchen Nötigungen enthoben, felbft nicht die
Theorien der Antipfychologen wie die von der Einführung
des Meffianismus in die Lebensgefchichte Jefu durch
Markus oder die ,konfequente Eschatologie'.

Der pfychologifchen Analyfe und Intuition fteht der
weitefte Spielraum offen in der Frage vom Menfchenfohn

dinalfrage der Theologie hinterlaffen hat. Allerdings entgeht
dem aufmerkfamen Lefer nicht, daß auch diefer tiefeindringende
Meifter manche Probleme ungelöft laffen
muß, daß er es fürs gewöhnliche über gefchichtliche
Wahrfcheinlichkeiten nicht hinausbringt, ja daß er neben
der vorgetragenen Auffaffung fich für feine Perfon auch
fchon auf eine andere Möglichkeit eingerichtet hat. An-
gefichts diefer unausgefetzten inneren Pein läßt fich fein

welcher H. einen Hauptteil feiner Abhandlung widmet. ' Wunfeh, in ein theologifches Nirwana flüchten zu können,
Daß Jefus diefen Terminus nur gegenftändlich in An- [ wohl begreifen. Wem aber das unverdroffene Mitarbeiten

lehnung an Daniel gebraucht haben könnte, wird ab
gewiefen. Gegen die von der Philologie auf Grund einer
Rücküberfetzung ins Aramäifche verfuchte negative Lö-
fung werden nicht bloß unfere unzulänglichen aramäifchen
Sprachkenntniffe ins Feld geführt, fondern auch der
Umftand, daß Jefu höchft wahrfcheinlich Mittel zu Gebote
ftanden, den prägnanten Sinn des Ausdrucks bemerklich
zu machen, ßefchränkt man die Unterfuchung auf die
fynoptifchen Texte, fo macht es einen wefentlichen Un-
terfchied, ob man vorn oder hinten, d. h. mit den Men-
fchenfohnftellen vor oder nach dem Petrusbekenntnis
beginnt. Im erften Fall ift die Interpretation fo mannigfaltig
wie unficher. Setzt man erft bei dem Petrusbe-
kenntnis ein, fo ift der Menfchenfohn in recht konftan-
ter Weife Objekt der Leidensausfagen und der Parufie-
ausfprüche. Zugleich begegnet man hier einer fo ftatt-
lichen Stellenreihe, daß fich ein entfehiedenes Ubergewicht
zu Gunften der Deutung auf eine meffianifche Selbftbe-
zeichnung ergibt. Demgemäß rechnet H. mit der
Möglichkeit, die Parufieverheißung in das Gefchichts-
bild Jefu einzubeziehen. Das bedingt einen fcharfen
Gegenfatz gegen die moderne Theologie und vielleicht
wird man in erfter Linie darin das Rückläufige des
Buches finden.

Ift es ein ficheres Ergebnis, daß Jefus wenigftens in
der Spätzeit feines Wirkens zum Danielfchen Meffias-
ideal gegriffen hat, fo laffen fich weitergehende Prägen,
[z. B. ob der apokalyptifchen eine prophetifch ethifche
Meffiasidee voraufgegangen, ob Jefus mit dem Menfchenfohn
feine Meffianität verhüllen wollte und aus welchen
Motiven und anderes mehr] nicht mit derfelben Beftimmt-
heit beantworten. Befonderes Intereffe erregt die Frage,
wie die Entwickelung von der prophetifchen zur apokalyptifchen
Meffiasanfchauung bei Jefus vorgeftellt werden
foll. Diefer Übergang erfcheint in der H.fchen Darftellung
etwas fprunghaft, wenn wir uns nicht täufchen, eine Folge
davon, daß die erfte Phafe zu ausfchließlich auf das
Ethifche hinausgefpielt wird. Gewiß hat Jefus von Anfang
an das Nationale und Politifche abgeftreift. Aber
davon ift zu unterfcheiden, was das allgemeine, unablös-
liche, reale Subftrat aller meffianifchen Hoffnung war,
nämlich die in wunderbarer Weife von Gott febft zu bewirkende
Neuordnung der materiellen Welt,eineErwartung,
die auch Jefus nicht verleugnete. Auf diefe feine Hoffnung,
die latent aber unausgefetzt der Verwirklichung harrte,
die als unerfüllte Hoffnung ein meffianifches Defizit re-
präfentierte und die andauernde Zurückhaltung Jefu
mitverfchuldete, pfropfte fich feit dem Petrusbekenntnis
der in äußerem Glanz wiederkommende Menfchenfohn
auf. Dadurch wird der Gegenfatz der beiden Perioden
gemildert und eine gewiffe Kontinuität von der einen zur
anderen gewahrt. Uberhaupt wird das Aufkommen der
Menfchenfohnidee erft recht glaubhaft, wenn von vornherein
im Gemüt Jefu ein ftillwirkendes Element wohnt,
das in der letzten Phafe in eigener Weife zum Durchbruch
gelangt. Diefer fülle Glaube aber an das übernatürliche
Eingreifen Gottes war das Teilchen jüdifchen
Sauerteigs, allerdings ein fehr verdünntes Teilchen, das
auch bei einem Jefus noch zurückgeblieben war.

Wir wollen uns von dem Buche nicht trennen, ohne
dem Veteranen der neuteft. Wiffenfchaft den bleiben

an den höchften Problemen fo fehr zum Lebensodem
geworden ift, daß er noch zu einer Stunde, da andere
längft der Ruhe pflegen, wacker auf der Brefche fteht,
der wird auch nur mit dem letzten Atemzug die Waffe
aus der Hand finken laffen.

Gießen. Baldenfperger.

Frey, Priv.-Doz. Mag. theol. Johannes, Die Probleme der
Leidensgefchichte Jefu. Beiträge zur Kritik der Evangelien
. Teil I. Leipzig, A. Deichert, Nachf. 1907.
(VII, 160 S.) gr. 8° M. 3.50

Der auf verfchiedenen Gebieten gleich fruchtbare
Autor will in diefen Problemen der Leidensgefchichte
Jefu Klarheit darüber gewinnen, welcher gefchichtliche
Quellenwert unfern Evangelien hinfichtlich der von ihnen
berichteten Ereigniffe zukomme. Er tut das mit einer
Umftändlichkeit, daß in diefem 1. Teil auf 160 Seiten
nur die 11 erften Verfe von Mk 14 famt den Parallelen
zur Befprechung kommen. Soll die ganze Leidensgefchichte
in diefer Art behandelt werden, fo gibt das ein
Werk von weit über IOOO Seiten, und das nennt der
Verfaffer ,nicht eine vollftändige, gleichmäßig fortfehrei-
tende Auslegung der Leidensgefchichte nach allen Seiten,
fondern nur „Beiträge zur Kritik der Evangelien'". Es
ift nicht leicht, fich durch diefe langatmigen, oft recht
gewundenen Ausführungen hindurchzuarbeiten. Dabei
tragen fie ein merkwürdiges Doppelgeficht: mit Erlanger
Spitzfindigkeiten wie z. B. der Behandlung des änrjl&tv
Mk 1410 (S. 50) wechfeln feine Erörterungen, die es verdienen
gelefen zu werden, z. B. über die Stellung des
Evangeliften zu dem Sacharjazitat Mt 279. Am auffallendften
aber ift der Widerfpruch zwifchen der methodifch korrekten
Behandlung der fynoptifchen Überlieferung und der ge-
waltfamen Rettung der johanneifchen: betreffs Mt und
Lk erkennt der Verf. durchaus an, daß fie auf Grund von
Mk arbeiten, und fieht die Aufgabe der Kritik darin, nach-
zuweifen, wie fie zu ihren Abweichungen kamen: meift find
es rein literarifche Motive; bei Johannes aber erkennt er eine
von den Synoptikern unabhängige, überlegene Tradition,
deren Spuren fich gelegentlich auch bei Lk zeigen (S. 18).
Der Sanhedrinsbefchluß Mt 263fr. ift falfche Umbildung
der Schilderung der Sanhedrinsftimmung in Mk 141 f. (fehr
richtig!), aber — eine Sanhedrinsfitzung ift gefchichtlich;
Joh. 1147 ff. erzählt fie richtig an ihrem Platz. Sind
wirklich mehrere offizielle Sanhedrinsfitzungen in diefer
Sache fo ,felbftverftändlich'? (S. 13). Der (vermeintliche)
Widerfpruch zwifchen ovvrjyayov ovveÖQcov 1147 (alfo
offizielle Sitzung) und slg de eg avrmvisi (alfo der Hohe-
priefter nicht Vorfitzender!) wird gehoben durch die Annahme
nicht etwa einer Interpolation, fondern einer
Quelle für v. 49!, die dann in 51 vom Evangeliften
kommentiert wird. Ein Zufammenhang zwifchen der Sal-
bungsgefchichte und dem Verrat wird feftgehalten, aber
nicht Habfucht, fondern Gekränktfein ift das Motiv. Joh. 12 6
ift .Entfchuldigung'! Die 30 Silberlinge und die ganze
Epifode von Judas' Ende werden als Legende preisgegeben,
aber — als Ümbildung der in dem flavifchen Jofephus-
text bezeugten Beftechung des Pilatus angefprochen! Nun
mag man über die von Berendts publizierten ,Zeugniffe
vom Chriftentum im flavifchen „de hello Judaico" des
den Dank feiner zahlreichen Schüler dafür zu zollen, daß | Jofephus' fehr viel günftiger urteilen, als der Herr Herauser
ihnen mit diefen Zeilen fein Teftament über die Kar- | geber diefer Zeitung in Jahrg. 1906 Nr. 9 Sp. 262—6 ge-

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