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Ausgabe:

1907 Nr. 1

Spalte:

26-28

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fuchs, Emil

Titel/Untertitel:

Gut und Böse. Wesen und Werden der Sittlichkeit 1907

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 1.

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wieder unterzugehen. Die Evolutionslehre zeigt, daß der
Tod ein unentbehrliches Mittel iß, das Leben der Gattung
zu erhalten; damit verträgt fich nicht gut die Meinung
, daß er das individuelle Leben dauernd zerßören
folle. Es iß bewiefen, daß Gott Liebe iß; er kann uns
alfo nicht der Vernichtung preisgeben wollen. Der

Gebiet und gibt feine Meinung klar und gut begründet.
Jeder der erßen fchwierigen Vorträge iß zum leichteren
Verßändnis in einer kurzen Überficht zufammengefaßt.

Im erßen Vortrag wirft D. einen Blick über die gegenwärtigen
Hauptprobleme der Ethik und bezeichnet
das Problem des Buches als eins der wichtigßen. Nach-

Geifl iß außerzeitlich, eins, mithin ewig. Die moralifche j dem der zweite eine vorzügliche Befchreibung des pfy
Ordnung, das inßinktive Verlangen nach Fortexißenz chifchen Bodens gegeben hat, auf dem fich das fittliche

über den Tod hinaus, das Zeugnis Chrifli werden ins
Feld geführt. Iß demgemäß der Glaube an die Unflerb-
lichkeit nicht willkürlich entßanden, fo iß er auch mit
der wiffenfchaftlichen Erkenntnis durchaus vereinbar:
Die neuere Pfychologie (man denke etwa an James) hat
die Realität eines unterbewußten feelifchen Lebens erhärtet
; warum follte nicht ein überbewußtes möglich fein?
Der Geiß iß nicht einfeitig abhängig vom Körper, er
erzeugt fich vielmehr diefen als fein Organ. Wendet
man ein, daß ihm nach dem Verfall des Leibes das
Werkzeug für feine Betätigung fehle, fo wird verwegenß
darauf hingewiefen, daß ein folches im Äther gefunden

Leben vollziehen foll, befpricht Verf. im dritten die fittliche
Intelligenz, die ihr Soll dem empirifchen Ich gegenüber
Bellt. Sie gibt dem Willen ein Ideal, das mit feinem
Anfpruch auf allgemeine Giltigkeit über das Ein-
zelwefen hinausragt. Das iß eine Schwierigkeit, die nicht
fo gelöß werden darf, daß man von fozialer ethifcher
Intelligenz fpricht, denn das fittliche Moment und auch
die foziale Betätigung kann nur Sache des Einzel-Ich
fein. Der fünfte Vortrag Bellt nun das Ideal feß: es
beßeht weder in der Ausbildung der eigenen Perfönlich-
keit, noch in der der andern allein; auch liegt es nicht
in den Inßitutionen noch Organifationen der Gemeinwerden
könnte: der letztere dient ja bisweilen fchon 1 fchaft; fondern es beßeht in dem Wechfelverkehr von

während der diesfeitigen Exißenz als befonderes Organ
des Geißes, wie durch die Erfcheinungen der Telepathie
dargetan wird oder werden foll. Aber auch auf eine
beßimmte Form der Seelenwanderungslehre wird reflektiert
und fchließlich noch daran erinnert, daß doch Gott,

Perfönlichkeiten, die mit dem, was ihr Eigen geworden
iß, mit und aufeinander wirken. So iß die Frage des
Buches gelöß, indem der Schwerpunkt auf das Individuum
gelegt und die Beziehung zu den andern und der
Gemeinfchaft zu einem Moment des individuellen Lebens

in dem die abgefchiedenen Geißer ihren Beßand haben ' gemacht wird. Diefe ganze Erörterung über das Ideal
können, an fich unabhängig fei von Welt und Materie. ' iß ebenfo wie die folgenden Vorträge über die fittliche

So geißreich einzelnes in dem Buch fich ausnehmen
mag, ein Fehler fpringt fofort in die Augen: es will viel
zu viel beweifen. Wer fich anfchickt, vom Standpunkt
des ,wiffenfchaftlichen Monismus' aus, wie der Autor fich
ausdrückt, die Trinitätslehre zu begründen, der legt min

Bildung der einzelnen Vermögen von einer Fülle von
guten ethifch-pädagogifchen Bemerkungen durchzogen.
Das Ergebnis der erßen Hälfte des Buches wird S. 127 zufammengefaßt
: Aufgabe der Selbßerziehung und der
Erziehung iß die vollßändige und doch individuell ge-

deßens einen ungewöhnlichen Wagemut im Demonßrie- i färbte Selbßbildung der Perfönlichkeit. Diefe weiß aber

ren an den Tag. Gewiß wäre eine Befchränkung auf
die fundamentalen Partien beffer gewefen. Aber felbß
wenn man nur diefe in Betracht zieht, erfcheint das Buch
nicht einwandfrei. Den philofophifch Gebildeten wird
es mit feinem Elektizismus, mit dem Mangel an präcifen
und eindeutigen Beflimmungen, der fich bisweilen, kei-

mit Notwendigkeit auf die Gemeinfchaft hin. Darum
behandelt die zweite Hälfte des Buches in fechs Vorträgen
zuerß das Verhältnis der Perfönlichkeit zu anderen
Perfonen, dann zu den Gemeinfchaften und Organifationen
des fozialen Lebens. Auch fie enthalten eine auffallend
große Fülle von Beobachtungen, Meinungen über

neswegs immer, bemerkbar macht, kaum befriedigen, j dies und das, Forderungen und Ratfchlägen, wie man

Für ,ilie piain man' gefchrieben, geht es gefliffentlich
allen erkenntnistheoretifchen Erörterungen aus dem
Wege; es Bellt fich einfach, wie das der vulgäre Monismus
tut, auf den Standpunkt des gefunden Menfchen-
verßands, und neigt, gleich jenem, zur Überfchätzung der

fie nicht oft beifammen findet. Dabei werden alle modernen
ethifch-fozialen Fragen eingehend behandelt, immer
im Sinn des Grundgedankens, der Ausgeßaltung
der fittlichen Perfönlichkeit. Sehr gefchickt wird immer
die Gefahr des Individualismus durch die Forderung

Naturwiffenfchaften. Dennoch oder eben deshalb iß es j der Organifation abgewehrt. Freie Genoffenfchaften follen
nicht bedeutungslos. Es zeigt wenigßens, daß man felbß | fo z. B. auch die Kunß und die Schule in ihre Pflege

von folchen Vorausfetzungen aus nicht notwendig im
Materialismus und Atheismus auszumünden braucht. Auf
alle Fälle bleibt es intereffant, zu beobachten, wie weit
der Autor Haeckel. dem er übrigens als Philofophen eine
für kontinentales Gefühl überrachende Autorität beimißt,
entgegenkommt, um dann doch zu ganz andern Refultaten
zu gelangen, indem er lediglich der ,Subßanz' ßatt eines
materialißifchen Vorzeichens ein fpiritualißifches gibt, oder
wie er die Weltanfchauung Spencers in Baufch und Bogen
annimmt und fie fchließlich doch allein durch eine keineswegs
rein willkürliche genauere Beßimmung über das
Wefen des Abfoluten überwindet. Auch die zahlreichen
eingeßreuten naturwiffenfchaftlichen Details werden manchem
immerhin eine Anregung bieten können.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Dorner, D. Dr. A., Individuelle und soziale Ethik. Vierzehn
Vorträge. Berlin, C. A. Schwetfchke & Sohn 1906.

nehmen. Eine gute Zufammenfaffung des Ganzen macht
wieder den Schluß.

Kann man auch über manche Einzelpunkte auf Grund
der realen Verhältniffe wie z.B. über die Konfeflionsfchule
anders denken, fo muß man der Löfung der Hauptfrage
felbß vollßändig zußimmen. Wie das Buch aus Vorträgen
erwachfen iß, fo iß es ohne Zweifel um feiner gründlichen
und lehrmäßigen Art willen imßande, weitere Kreife in
die Fragen der Ethik einzuführen.

Heidelberg. Niebergall.

Fuchs, Pfarrer Lic. Emil, Gut und Böfe. Wefen und Werden
der Sittlichkeit. (Lebensfragen. Schriften und
Reden, hrsg. v. Heinrich Weinel. Bd. 12.) Tübingen,
J. C. B. Mohr 1906. (VIII, 308 S.) 8" M. 3 -; gcD.

M. 4 —

Alles Denken und Sinnen über Welt und Leben
iv, 240 &.J gr. 8 M. 4.50 | ift jn fejner Ausdehnung durch gewiffe feßßehende Kate-

Diefes Buch gibt mehr als fein Titel verfpricht, näm- j gorien, in feinem Inhalt aber durch das fittliche Ideal
lieh eine kleine Ethik in gedrängter und verßändlicher j beßimmt, das dem Denker perfönlich aufgegangen iß.
V orm. Dabei fleht der im Titel angegebene Gefichts- Das bewährt fich auch an dem Buch von F., das mir
punkt immer im Mittelpunkt. Mit Ausnahme einiger I eins der bedeutendflen der Weinelfchen Sammlung zu
prinzipieller Fragen orientiert D. über das ganze ethifche | fein fcheint. Sein Ideal iß gemäß feinem großen Inter-