Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1907

Spalte:

458-460

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bonwetsch, G. Nathanael

Titel/Untertitel:

Die unter Hippolyts Namen überlieferte Schrift Über den Glauben 1907

Rezensent:

Leipoldt, Johannes

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

457

Ineologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 16

458

ftolifchen Zeit find gewiffe große Grundfätze überall
ausdrücklich oder fchweigend anerkannt: die Kirche ift
eine göttliche Gemeinfchaft, die in unmittelbarer Beziehung
zu Gott fleht. Sie ift eine Sphäre der Gnade,
durch die die Menfchen in die Berührung mit den Gaben
Gottes treten, fie ift der Weg zur Rettung; das Ziel, das
fie ihren Gliedern fteckt, ift die Erreichung des ,Reiches
Gottes', in dem fich vollkommene Übereinftimmung mit
dem Willen Gottes und vollkommenes Glück verbinden.
Ununterbrochener Zufammenhang (continuity) und Einheit
(der gefamten Kirche wie der Einzelgemeinde)
find charakteriftifche Merkmale der Kirche. In der Ge-
meindeverfaffung iftWechfel und Wachfen zu beobachten.
Aber durch allen Wechfel hindurch erfcheinen als wefen-
hafte und bleibende Grundfätze: das Gemeindeamt hat
Autorität, weil es die Ortsgemeinde darfteilt; die Ortsgemeinde
ift eine, alfo muß auch das Amt einheitlich
fein; diefe Einheitlichkeit findet den beften und paffendften
Ausdruck im monarchifchen Epifkopat. Die Entwicklung
der Kirche ift durch die großen Bewegungen des
Montanismus und der Gnofis beeinflußt worden. Aber
bei diefer Entwicklung ift nichts abfolut Neues in Er-
fcheinung getreten, fondern es find nur Grundideen, die
von Anfang an vorhanden waren, zu Geftalt und Form
gelangt. Und ausdrücklich will D. in diefem Zufammenhang
anerkannt wiffen, daß die Kirche von Anfang an
nicht eine Gemeinfchaft der Heiligen, Geretteten war,
fondern die göttliche Heilsanftalt, in der die Rettung
möglich war.

Das Buch ift fehr fleißig und forgfältig, ftellenweife
freilich etwas breit, gefchneben, die Auffaffung und Auslegung
der in Betracht kommenden Stellen ift im allgemeinen
verftändig und zu billigen, wenn fchon im Einzelnen
manch größerer und kleinerer Einwand zu erheben ift.
Ich notiere hier nur die Darlegung über den monarchifchen
Epifkopat in Rom (S. 308 f.) und, als von untergeordneterer
Bedeutung, die Zurückfuhrung der Bezeichnung Ovvayooyrj
für die chriftliche Verfammlung auf rein jüdifchen Einfluß
(S. 36 f.). Die Hauptbedenken, die ich gegen D. aus-
zufprechen habe, gehen auf Allgemeineres und Grund-
fätzliches.

Es ift methodifch unzuläffig, die Quellen des nach-
apoftolifchen Zeitalters in der Weife abzugrenzen, daß
man unter ihnen die urchriftlichen Schriften bis zum
Jahre 200 (oder einem andern Termin) mit Ausfchluß
der im Kanon des N.T. gefammelten Literatur begreift.
Wenn D. auch die Paft. und die katholifchen Briefe
apoftolifcben Verfaffern zufchreibt, fo find doch die 5
johanneifchen Schriften, die z. T. für die Frage nach
Kirche und Kirchenorganifation fehr wichtig find, auch
nach der altkirchlichen Tradition gleichaltrig oder felbft
jünger als einige der von D. verwerteten Quellenfchriften.
In der ganzen Frage kann nicht nach ,kanonifch oder
nichtkanonifch' gruppiert werden, fondern nur nach geo-
graphifchen und chronologifchen Gefichtspunkten. Die
Entfchuldigung für D. liegt darin, daß er an Hort: The
Christian Ecclesia(%97) anknüpft, worin die Vorftellungen
der neuteftamentlichen Schriften über die Kirche unter-
fucht wurden.

Ein weiterer grundfätzlicher Einwand ift der, daß
das Wefen der Kirche nicht in der Weife, wie es D.
verfucht, aus den Schriften des 2. Jhrh. erkannt werden
kann. Es fehlt den Darlegungen die kritifche Schärfe,
die rechte Beleuchtung von vornher, vonjefus und Paulus,
auch von den johanneifchen Schriften aus. Aber D.
fchreibt inmitten der churck of England, für die das j
2- Jhrh. noch heiliges Land ift. Wie die altkatholifche
Kirche entftand, und wie aus der Gemeinfchaft der Heiligen
das Inftitut mit Buße, Sakrament und Prieftern wurde,
wird aus den Ausführungen von D. nicht klar.

Marburg i H. Rudolf Knopf.

j Workman, Herb., M. A., Persecusion in the early Church.

A chapter in the history of renunciation. London,
Ch. H. Kelly 1906. (XX, 382 p.) 8°. 3 sh. 6 d.

Chriftenverfolgungen und kein Ende, ift man geneigt
auszurufen angefichts der nicht kleinen Literatur, die feit
der Epoche Mommfen über diefen Gegenftand von deutfchen
franzöfifchen, englifchen und italienifchen Gelehrten produziert
worden ift. Es ift viel Mittelgut darunter. Auch
die mir zur Befprechung vorliegende englifche Darfteilung
fagt uns Deutfchen nicht eigentlich Neues, aber es wäre
doch nicht zu wünfchen, daß fie von uns unbeachtet
bliebe. Der Verfaffer zeigt einen erfreulichen gcfchicht-
lichen Blick, der fich befonders darin kundgibt, daß
er das Hauptgewicht auf die Betrachtung der grundfätz-
lichen Fragen richtet und das, was man gewöhnlich Ver-
I folgungsgefchichte nennt, zurücktreten läßt. Es fcheint
mir, daß er in diefer Richtung tiefer gegraben hat als z.
B. der letzte deutfche Darfteller Linfenmeyer. Sein Buch
zerfällt in fünf Abfchnitte: 1. The Master and Efts Dis-
j ciples; 2. Caesar or Christ; 3. 'Ihe Canses of Hatred;

4. The Great Persecutions; 5. The Exgeriences of the Per-
sccuted. Befonders das letzte Kapitel bringt hübfche
Beobachtungen, die man in den meinen Darftellungen
nicht findet. Workman berührt fich hier nicht feiten
mit Weineis Wirkungen des Geiftes und der Geifter.

I welches Buch ihm übrigens unbekannt geblieben ift.
Wenn ich den Verf. ausdrücklich darauf verweife, fo ge-
fchieht es, weil feine Literaturangaben im allgemeinen
j zeigen, daß er der deutfchen Arbeit gerne und mit
i Nutzen nachgegangen ift. Bei Weinel wird er noch man-
j ches finden, was für die pfychologifche Betrachtung, die
er im letzten Kapitel übt, von Wert ift. Bei der Erör-
I terung der Gründe des Verfalls des römifchen Reiches
hätte die Heranziehung von Seecks Untergang der antiken
Welt manchen Fingerzeig geboten. In der Kontro-
verfe über die rechtlichen Grundlagen des gegen die
. Chriften angewendeten Verfahrens fpricht fich W. für
I Mommfens Thefe aus; Callewaerts Einwendungen find
I ihm bekannt. In neun Appendices werden einzelne
wichtigere Fragen abgehandelt, in der erften die Abfaf-
fungsverhältniffe einiger apoftolifchen und nachapofto-
lifchen Schriften. Der Verf. ift hier fehr konfervativ,
wenn auch nicht unkritifch. Die Bemerkung auf S. 358-
,Hamack rejects the Ignatian authorshif, muß wohl auf
j Mißverftändnis beruhen. Wann W. den 1. Klemensbrief
I an fetzt, ift mir aus den Bemerkungen auf S. 206 und

5. 361 nicht klar geworden. Sonderbar berührt die Aufführung
des modernen Namens von hlphefus (Ayafaluk,
von ayioq {heoZoyoq) unter den Zeugniffen für den klein-
afiatifchen Aufenthalt des Johannes (S. 360).

Gießen. G. Krüger.

Bonwetsch, G. Nathanael, Die unter Hippolyts Namen überlieferte
Schrift Über den Glauben nach einer Überfetzung
der georgifchen Verfion herausgegeben.

Koch, Hugo, Vincenz von Lerin und Gennadius.

— Virgines Christi.

(= Texte und Unterfuchungen zur Gefchichte der
altchriftlichen Literatur. Herausgegeben von Adolf
Harnack und Carl Schmidt. 31. Band Heft 2.) Leipzig,
J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung 1907. (112 S.) gr. 8°

M. 3.50

In dem erften Teile der vorliegenden Schrift fetzt
Bonwetfch feinen Bericht über die georgifche Hippo-
lyt-Handfchrift des Klofters Schatberd fort, die uns fchon
aus zwei feiner früheren Veröffentlichungen bekannt ift:
es ift diefelbe Handfchrift, der Bonwetfch bereits die
Erklärung des Hohen Liedes (TU 23,2), die Erklärung des
Segens Jakobs und des Segens Mofes und die Schrift über