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Ausgabe:

1907 Nr. 16

Spalte:

456-457

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Durell, J. C. V.

Titel/Untertitel:

The historic Church. An Essay 1907

Rezensent:

Knopf, Rudolf

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 16.

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es gefährlich nennen. Eine ähnliche Gefahr würde bei
der nahen Beziehung zur Vetus latina eine lateinifche
Überfetzuug gehabt haben. Im Unterfchied von der
greulich unpraktifchen Pesittaausgabe Gwilliams, wo
man oft lange fuchen muß, bis man Kapitel und Vers
glücklich hat, ift hier alles auf das klarfte eingerichtet,
mit Recht auch die okzidentale Anordnung von vorn
nach hinten befolgt.

Die Prolegomena füllen einen 2. ftattlichen Band.
Sie bieten zunächft eine erfchöpfende Befchreibung der
beiden Handfchriften, geziert mit einem Bilde Curetons
und mehreren Fakfimilia. Ein zweites Kapitel gibt eine
lexikalifch-grammatifche Würdigung diefer altfyrifchen
Verfion. Der Schwerpunkt liegt in den 3 letzten Kapiteln, die
eine forgfältige Analyfe alles des Materials bieten, welches
wir jetzt zur Gefchichte der fyrifchen Bibel (Evangelien)
befitzen. Rückwärts gehend weift Burkitt, feine Ausführungen
von 1901 (vgl. Jahrg. 1902 Nr. i Sp. 19) wiederaufnehmend
und teilweife erweiternd, der Pesitta ihren
Platz am Anfang des 5. Jahrh. zu: fie bedeutet eine
Revifion der altfyrifchen Evangelienüberfetzung an der
Hand des damals üblichen griechifchen Textes, veran-
ftaltet von Bifchof Rabbula im Gegenfatz zu dem Dia-
teffaron, das bislang das Evangelienbuch der fyrifchen
Kirche gebildet hatte. Benutzung des ,Evangelium der
Getrennten' läßt fich mit Sicherheit nur in den Thomasakten
, mit großer Wahrfcheinlichkeit in der fyr. Über-
fetzung der Kirchengefchichte des Eufebius nachweifen;
Kenntnis desfelben verraten auch Aphraat und Elphraem,
die als Bibel das Diateffaron benutzten. Die beiden
erhaltenen Handfchriften verraten keine Spuren liturgifch-
kirchlichen Gebrauchs. Einen Mifchtext von Pesitta und
Altfyrifch wie bei der lateinifchen Vulgata gibt es nicht.
Im 4. Kap. weift Burkitt gegen Zahn nach, daß das
Diateffaron urfprünglich im Abendland, alfo griechifch
verfaßt war: es folgt einem von den altfyrifchen Evangelien
charakteriftifch unterfchiedenen weltlichen Text.
Freilich ift es wohl noch unter Tatians Leitung im Orient
ins Syrifche übertragen worden. Als folches hat es bereits
dem Überfetzer der Getrennten vorgelegen und ihn
gelegentlich in der Ausdrucksweife beeinflußt, obwohl
feine Wiedergabe des Griechifchen meift felbltändig ift,
während pes. fich wieder mehr an Diat. hält. Gegen
Hjelt, der umgekehrt das Diat. auf Grund des Evangeliums
der Getrennten' gearbeitet fein läßt, macht Burkitt
mit Recht geltend, daß die Einbürgerung des Diat. unerklärlich
wird, wenn die Syrer bereits den mit der übrigen
Kirche übereinftimmenden Vier-Evangelien-Kanon be-
faßen. Nur als erftes und längere Zeit einziges Evangelienbuch
kann das von der übrigen Kirche als verdächtig
abgelehnte Diateffaron zu folcher Bedeutung gelangt fein,
daß es bis um 420 in kirchlichem Gebrauch blieb; nur als
Verfuch der Anpaffung an den Ufus der andern Kirchen
ift das Unternehmen der Überfetzung der getrennten
Evangelien zu begreifen. Hjelts Beobachtungen über
Überfetzungsunterfchiede zwifchen den einzelnen Evangelien
erledigen fich durch die Gegenbeobachtung, daß
die gleichen Schwankungen innerhalb ein und desfelben
Evangeliums vorkommen: fie find teils auf Unachtfamkeit
desÜberfetzers, teils auf fremde Einflüffe zurückzuführen.
Ift diefe Überfetzung von vornherein durch das Diateffaron
beeinflußt, fo nimmt diefer Einfluß mit der Zeit immer
mehr zu: S gibt das Evangelion da Mepharrese reiner,
C ftärker mit Diat.-Motiven durchfetzt. An den atlichen
Zitaten, an den Namen der Genealogien, aber auch z.B. an
Beelzebub zeigt fich, daß der Überfetzer mit dem fyr. AT
bereits vertraut war. Soweit find Burkitts Beobachtungen
ficher, auch wenn feine darauf erbaute Hypothefe nicht
ftandhalten follte, daß das Unternehmen, die getrennten
Evangelien ins Syrifche zu überfetzen, mit den Beziehungen
in Zufammenhang flehe, in welche die nationalfyrifche
Kirche Edeffas um 200 zu Antiochien trat: Bifchof Palut
wurde (angeblich) von Serapion von Antiochia geweiht,

demfelben, der das Petrusevangelium zugunften der vier
kanonifchen Evangelien befeitigte. Die Hypothefe ift
glänzend, und wäre von höchfter Bedeutung, nicht nur
für die Textgefchichte, wenn fie fich beftätigte; aber es
flehen ihr auch manche Bedenken entgegen: wenn die
Orthodoxen in Ephraems Tagen noch Palutianer hießen
(Burkitt, Early eastern christianity 28), fo follte man
meinen, müßte Paluts Bibel bei ihnen in Gebrauch ge-
wefen fein und nicht das ketzerifche Diateffaron. Das
letzte Kapitel ftellt in forgfamer Weife die Beziehungen
des altfyrifchen Textes zu den verfchiedenen fonftigen
Textgruppen, dem antiochenifchen, dem kB, dem weltlichen
Text und den Gruppen i &c, 13 &c, 565, 28,
700 feft. Das Wichtigfte daran ift, daß Burkitt keine be-
fondere Verwandtfchaft mit dem weftlichen Text findet:
fobald man die auf den Einfluß des aus dem Wellen
flammenden Diateffaron zurückgehenden Lesarten abzieht,
bleibt ein von dem weftlichen Text fcharf unterfchiedener
altantiochenifcher übrig, der fich felbftändig neben den
KB-Text ftellt. Die Rede von dem fyrolatinifchen
Text war alfo falfch; Edeffa und Rom, durch das Diateffaron
verbunden, zeugen nur für eine weltliche Textform
von 170; dagegen hat der Konfenfus von k und syrsin
die Bedeutung, daß um 200 fo in Karthago und Antiochia
gelefen wurde, und wenn Clemens, Örigenes oder
KB hinzutreten, fo ift auch Alexandria im Bunde. Mit
Recht hebt Burkitt hervor, daß wir merkwürdiger Weife
den kleinafiatifchen Text noch gar nicht kennen.

Aus den höchft inftruktiven Notes on select readings
fei hier nur noch die eingehende Erörterung der viel be-
fprochenen Stelle Mt iie—25 (258—266) hervorgehoben.
Wer fich erinnert, wieviel Staub die Entdeckung des
Sinaifyrers gerade in bezug auf diefe dogmatifch bedeut-
fame Stelle hervorrief, wird die Nüchternheit bewundern,
mit der Burkitt die ganze Frage behandelt, und ihm zu-
flammen, wenn er als Refultat aber feiner Unterfuchungen
feftftellt, daß Syrfin in iic nur eine Paraphrafe der Ferrar-
Gruppen-LA darftellt, und daß die Kombination 13 &c k
fyrfin in diefem Falle einen fchlechteren Text repräfentiert
als KB &c. Würden doch alle kritifchen Unterfuchungen
in diefem Geifte wirklich tendenzlofer Gefchichtlichkeit
geführt!

Straßburg. von Dobfchütz.

Durell, Rect. J. C. V., B. D., The historic Church. An

Essay on the Conception of the Christian Church and
its Ministry in the Sub-Apostolic Age. Cambridge,
University Press 1906. (XXIV, 328 p. w. 1 plate.) 8°

s. 5 —

Umfang und Inhalt der vorliegenden Arbeit wird
durch den Üntertitel angegeben, der den etwas rätfelhaft
klingenden Haupttitel einfchränkt und näher beftimmt.
Der Verf. trägt zufammen, was die Quellen des Nach-
apoftolifchen Zeitalters über den Begriff, das Wefen der
ecclesia und über ihre Organifation ausfagen. In 5 Kapiteln
wird die Abhörung der Quellen vorgenommen:
I Clem., Ign., Polyc. (Kap. I); Did., Barn., Herrn. (Kap. II);
Ariftides, Papias, II Clem., Juftin, Mart. Polyc, die Anti-
montaniften (Serapion, Apollonius, der Anonymus bei
Eufeb, die Grabfchrift des Avircius), Dionyfius von
Korinth, Melito, der Brief der Gemeinden von Lyon und
Vienne, die Dokumente des Ofterftreites, Theophilus von
Antiochien, Hegefippus (Kap. III); Irenäus (Kap. 4); Der
Diognetbrief und fein Appendix, das Muratorianum, die
Canones Hippolyti, die Ausfagen der Quellen über die
Gemeindeorganifation zu Alexandrien (Kap. V). D. hat
alle Quellen bis zum Jahre 200 mit Ausnahme der neu-
teftamentlichen Schriften zu Wort kommen laffen. Die
Ergebniffe, zu denen er gelangt und die er im letzten
Kapitel, dem 6., felber zufammenftellt, find kurz diefe:
In der Entwicklung des Kirchenbegriffes der nachapo-