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Ausgabe:

1907 Nr. 1

Spalte:

24-25

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Walker, W. L.

Titel/Untertitel:

Christian Theism and a Spiritual Monism. God, Freedom, and Immortality in View of Monistic Evolution 1907

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 1.

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niert werden. Diefe dogmatifche Betrachtung der Taufe
ift von ihrer fozialen Seite genau zu unterfcheiden: in
letzterer Beziehung bezeichnet fie den Akt der Aufnahme
in die Gemeinde des Heils. Die Unwiederholbarkeit der
Taufe ift nur mit ihrem Gemeinfchaft bildenden Wert,
nicht mit ihrem dogmatifchen Wert zu begründen. Die
nahe liegende Einwendung, es könnte die baptiftifche
Praxis die notwendige Folge diefer Ausführuugen fein,
weift Sch. mit Entfchiedenheit zurück. ,Dogmatifche
Erörterungen können die Kindertaufe nicht ins Unrecht
fetzen. Denn die Dogmatik entwickelt nur die Bedingungen
des Begriffs, kann aber nicht unterfuchen, wann
in der Empirie diefe Bedingungen vorhanden find . . .
Wann das Wort den Glauben wirkt, wiffen wir nicht,
braucht die Dogmatik nicht zu wiffen. Ihr genügt es zu
konftatieren, daß das Wort Glauben zeugende und wiedergebärende
Kraft befitzt. Dann ift die Kirche als verantwortliche
Repräfentantin der Heilsgemeinde verpflichtet,
nicht zu zögern mit der Verkündigung des Wortes, und
dies Verantwortlichkeitsgefühl auch den einzelnen Gliedern
einzuprägen. Den Erfolg erwartet fie nicht von
ihrem Handeln, fondern von der Kraft Gottes, dem fie
die Entfcheidung über Zeit und Stunde überlaffen darf.
Gilt aber dies für die Wortverkündigung im allgemeinen,
fo gilt es auch für die Taufe, die ja nichts anderes als
Verkündigung des Wortes ift. Aus dogmatifchen Erwägungen
kann man demnach nicht Gründe herleiten,
die die Kindertaufe unmöglich machen' (256). Auf diefe
Weife wird die unbequeme, auch dem Verf., der Kindertaufe
und Erwachfenentaufe nicht fondert, entgegentretende
Frage nach dem Kinderglauben einfach von der
Tagesordnung abgefetzt.

Aus diefem einzelnen Beifpiel erhellt, welche Anwendung
Sch. von der Forderung des ,normativen Charakters
' der Dogmatik macht. Indem er darnach ftrebt,
die religionspfychologifche und empirifche Betrachtung
von der dogmatifchen reinlich zu trennen, läuft er
die Gefahr, einen neuen Dogmatismus einzuführen, deffen
Eigentümlichkeit fich auch daran bewährt, daß er von
jeglichem Schriftgebrauch abfieht. Muß man ihm nun allerdings
darin völlig beipflichten, daß der Schriftbeweis ,nicht
mehr im alten Sinne geführt werden kann' (V), fo folgt
doch daraus nicht, daß fich der Dogmatiker völlig um
diefe Frage drücken darf. Diefer Mangel zeigt fich bei-
fpielsweife bei unferm Verf. darin, daß er in feiner
dogmatifchen Definition ohne weiteres von einem Begriff
ausgeht, der biblifch-theologifch mindeftens von fraglichem
Werte fein dürfte (Titus 35). Es lag vielmehr
dem Dogmatiker ob, das rein atomiftifche Verfahren
unferer alten Theologen durch eine organifche Verwertung
der neuteftamentlichen Urkunden zu erfetzen, —
eine Methode, die Sch. gewiß mit Erfolg angewandt hätte,
wenn man nach der glücklichen Stellungnahme urteilen
darf, die er inbezug auf die Frage nach der Einfetzung
der Taufe durch Chriftus bekundet (251—252). — Schließlich
muß hervorgehoben werden, daß die Behandlung
des Problems, welche Sch. veranlaßte, nur auf die luthe-
rifche Auffaffung von der Taufe einzugehen, ihn fragelos
zu einer mindeftens einfeitigen, ja geradezu ungerechten
Würdigung der reformierten Lehre geführt hat. ,An der
vulgär reformierten Taufanfchauung ift gerade dies zu
beanftanden, daß fie die Taufe bloß als einen äußerlichen
Brauch, als ein äußeres Zeichen anfieht, eine Würdigung
der Taufe als eines Gnadenmittels überhaupt nicht zu
finden vermag. Das heißt aber: die reformierte An-
fchauung ignoriert gerade das Moment, das wir als
wefentliches Moment meinen herausftellen zu muffen, die
Beurteilung der Taufe als eines verbum promissionis' (236).
Der erfte Satz erfchöpft die Bedeutung keineswegs, die
Zwingli der Taufe zuweift; mit dem zweiten fteht Calvins
Auffaffung in direktem Widerfpruch. — Trotz diefer
Ausheilungen verdient der Scharfünn und die Gründlichkeit
, mit welcher Sch. den vielverfchlungenen Gängen

der modern-lutherifchen Tauflehre gefolgt ift, alle Anerkennung
: das Buch ift der Namen (Baumgarten, von
Schubert, Titius) würdig, die das Widmungsblatt fchmücken.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Walker, Rev. W. L., Christian Theism and a Spiritual Mo-
nism. God, Freedom, and Immortality in View of
Monistic Evolution. Edinburgh, T. & T. Clark 1906.
(VIII, 484 P-) gr- 80 s. 9 —

Ein Werk apologetifchen Inhalts, dem man einen
größeren Zug nicht abfprechen wird, felbft wenn man
fonft nicht viel Gefchmack daran zu finden vermöchte.
In methodologifcher Hinficht zeichnet es fich durch Marken
Widerwillen aus gegen alles, was irgendwie an die
Lehre von einer doppelten Wahrheit erinnert. Es fträubt
fich entfchieden dagegen, daß ein Satz theoretifch unhaltbar
und darum doch praktifch gültig fein könne.
Was von der Religion als wahr behauptet wird, muß
auch dem Forfcher als folchem richtig erfcheinen. Da
nun aber für den Verf. der Monismus etwa in der Form,
wie er von Spencer vertreten wurde, der Inbegriff aller
modernen wiffenfchaftlichen Erkenntnis ift, läßt er es
fich ernftlichft angelegen fein, zu zeigen, daß diefe Theorie
, wenn fie nur korrekt fortgebildet wird, nicht bloß
mit den chriftlichen Dogmen fich verträgt, fondern geradezu
darauf hindrängt.

Das Ganze zerfällt in drei ungleiche Teile. Der erfte,
bei weitem der wichtigfte und umfangreichfte, handelt
von Gott. Als unbeftreitbar, als allgemein, als auch
von Spencer und Haeckel zugeftanden wird darin vorausgefetzt
, daß die Welt und die Verkettung der einzelnen
Urfachen in ihr einen letzten Grund haben müffe.
Es fragt fich bloß, wie diefer befchaffen fei. Er muß
als Vernunft gedacht werden, da ja nicht nur die
menfchliche Vernunft durch die Einwirkung der Welt
gebildet und entwickelt wird, fondern auch umgekehrt
die Welt für die menfchliche Vernunft verftändlich und
erklärbar ift. Er muß als Geift gedacht werden, da er
fich als folcher im Innern des Menfchen darfteilt. Er
muß als Liebe gedacht werden: dafür fpricht einerfeits
die Rolle, welche die Liebe in der Welt fpielt, ander-
feits das Axiom, daß ,vollkommene Vernunft und vollkommene
Liebe eins' find. Dies Refultat wird durch
die Evolutionslehre nicht entkräftet, eher noch verftärkt,
wie wiederum in längerer Auseinanderfetzung mit Spencer
und Haeckel dargetan wird.

So ift alfo der Weltgrund vernünftiger Geift, der fich
zunächft im Reich der anorganifchen Wefen und fchließ-
lich im endlichen Geift als feiner höchften Manifeftation
kundgibt. Wenn nun aber der Verfaffer meint, daß
eine derartige Anfchauung fich mit der Hegelfchen berühre
, fo ift er doch auch wieder beftrebt, möglichft weit
von dem deutfchen Philofophen abzurücken. Er unter-
fcheidet nämlich nachträglich zwifchen Gott an und für
fich, der tranfcendent ift, und dem ,Logos', dem göttlichen
Offenbarungsprinzip, das immanent ift und in der
Welt fich felbft entfaltet. Von hier aus verfucht er dann
noch die Lehre einer befondern Darfteilung, einer Inkarnation
' Gottes in Chrifto und das Trinitätsdogma zu
rechtfertigen.

Der zweite Teil hat es mit der Willensfreiheit zu
tun und verteidigt diefe gegen pfychologifche, phyfio-
logifche und theologifche Einwände.

Der letzte Teil enthält eine Apologie der Unfterb-
lichkeitslehre. Von dem Gang der Argumentation und
von dem Geift, der diefe beherrfcht, mögen einzelne
Beifpiele Zeugnis ablegen. Verf. will zunächft die Gründe
unferes Glaubens an ein ewiges Leben zufammenftellen;
die wichtigften find folgende: Es wäre unvernünftig, anzunehmen
, daß geiftiges Leben unter ungeheurem Kraftaufwand
in der Welt hergeftellt worden ift, um alsbald