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Ausgabe:

1907 Nr. 16

Spalte:

454-456

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Evangelion Da-Mepharreshe. The Curetonian Version of the Four Gospels with the readings of the Sinai Palimpsest 1907

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 16.

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far (8), Darius des Meders (9), des Kyrus (10). Wie
hilft fich Wright aus diefer Schwierigkeit? Er nimmt
den Vorfchlag von Pinches an, daß Darius mit dem
Guburu der Infchriften, dem Gobryas der Kyropädie
gleichzufetzen fei, den Kyros zum Statthalter von Babel
machte. Er war nach Xenophon von Haus aus ein vornehmer
Affyrer in höherem Alter, ging aber zu Kyros
über, weil der babylonifche König feinen Sohn hatte
ermorden laffen. Die Infchriften nennen ihn vordem als
Statthalter in Gutium in Kurdiftan. Er kann alfo gut als
Medier angefehen werden. Nach der Eroberung von
Babel, an der er felbft nach Xenophon hervorragend Anteil
hatte, wäre er von Kyrus zum Vafallenkönig (=
Statthalter) der Stadt Babel ernannt worden. Wie nun
Kambyfes unter feines Vaters Oberherrfchaft fchon auf
Keilfchrifttafeln als König von Babel erfcheint (fo daß
z. B. Winckler Darius mit Kambyfes gleichfetzt), fo ift das
auch gut mit Guburu möglich. Die Redensart: Darius |
empfing die Herrfchaft (Kap. 6,1), ward zum König gemacht
(Kap. 9,1), deutet auch darauf hin, daß er von
jemand anders eingefetzt wurde. —

Wer es hört, dem möchts wohl Rheinen! Aber bei I
genauerem Zufehen fällt doch diefe ganze Möglichkeit
dahin. Darius der Meder ift eben nicht fo einfach Guburu |
Statthalter von Kutium, der vielleicht Meder war. Es
geht nicht an, wie man das in früheren unkritifchen Zeiten
gern tat, mit den Namen im A.T. fo Fangball zu fpielen.
Statthalter von Babel ift doch noch etwas anderes als
König, als ein König gar, nach deffen Jahren gezählt wird.
Wenn'Kyrus der Hauptkönig, Darius fein Vafallenkönig
war, fo läßt fich eine folche Zählung kaum verftehen.
Aber Kap. 6,29 (,es ging Daniel gut unter der Herrfchaft
des Darius und unter der Herrfchaft des Perfers Kyrus')
führt auf eine felbftändige Regierung des Darius, an die
fich dann die felbftändige Herrfchaft des Kyrus anfchließt.
Es bleibt alfo nichts übrig als hier Irrtümer anzuerkennen.
Es handelt fich hier um Sagen des fpäteren Judentums,
darauf führt ja auch der Inhalt der Gefchichten, die ganz [
im Gefchmack von Judith, Tobit ufw. gehalten find. Da
kann folch Durcheinanderwerfen der gefchichtlichen
Ereigniffe und Perfonen nicht wundernehmen. Die Eroberung
Babels durch Kyrus haftete im Gedächtnis,
die eigenen heiligen Schriften erzählten dem Juden davon. |
Anderfeits hatte Darius, Hyftafpis Sohn, Babel genommen.
Die Erinnerung daran war nicht verloren gegangen.
Sonft wußte man von ihm nichts mehr. Beide Ereigniffe
wurden zufammengeworfen. So kommt es zu einer Eroberung
Babels. Meder und Perfer find die Hauptvölker
des Perfifchen Reiches, wie die Meder auch nach ihrer
Unterwerfung noch eine verhältnismäßig große Selb- |
ftändigkeit bewahrt haben. Alfo ward Babel von Darius
dem Mederführer, und von Kyrus, dem Perferführer, genommen
. Darius als der ältere — wie das Medervolk
ja auch das ältere war — übernahm die Herrfchaft in
Babel, ihn löfte dann fpäter Kyros ab. Unfere Erzählungen
bringen dem Lefer, der nichts anderes über diefe
Zeiten wußte — und das war bei dem jüdifchen Lefer 1
der Fall —, die Vorftellung bei, daß auf Nebucadnefar
fein Sohn Belfafar, auf diefen, der mit dem Reich Babel
fein eigenes Ende fand, der Meder Darius folgte, deffen j
Erbe dann Kyrus der Perfer ward. Es würde niemandem
auch der modernen Lefer einfallen, daß die Sache anders
verlief, wenn nicht die profanen Quellen ihn hierüber
anders berichteten.

Diefe Proben mögen genügen. So felbftgewiß Wright
auch auftritt, fo beherzigenswert auch hie und da feine 1
Bemerkungen fein mögen, an dem ficheren Refultat der
kritifchen Forfchung, daß das Buch Daniel als Ganzes
Hn Erzeugnis der makkabäifchen Periode fei, mag auch
Einzelnes der Sagengefchichten fchon etwas früher ent- |
Banden fein, vermag auch er nichts zu ändern.

Bonn. Meinhold.

Evangelion Da-Mepharreshe. The Curetonian Version of the
Four Gospels with the readings of the Sinai Palimpsest
and the early Syriac Patristic evidence edited, collected
and arranged by F. Crawford Burkitt, M. A. 2 voll.
Cambridge, University Press 1904. 40 s. 42 —

I. Text. (XIX, 556 p.) s. 31.6. — Et Introduction and
Notes. (VII, 322 p. with plates.) s. 21 —

Durch Schuld des Ref. hat diefe Anzeige faft fo
lange auf fich warten laffen als das vortreffliche Werk,
dem fie gilt. Schon vor Entdeckung des Sinaifyrers
hatte Bensly eine Neuausgabe der altfyrifchen Evange-
lienüberfetzung nach dem Codex Curetonianus geplant.
Dann kam die Entdeckung der beiden Cambridger Damen,
die Reife in Begleitung der drei Gelehrten Bensly, Rendel
Harris und Burkitt mit der fchwierigen Arbeit der Entzifferung
des Palimpfeft.es, dann auf der Rückreife Benslys
Tod (1893). So überkam Burkitt, Benslys würdiger
Schüler, die Aufgabe der endgültigen wiffenfchaftlichen
Publikation des altfyrifchen Evangelientextes, nachdem
der Text von S (Sinaifyrer) durch jene beiden unermüdlichen
Damen in immer erneuten und verbefferten
Ausgaben der Welt bekannt gemacht worden war. Diefe
Entftehungsgefchichte erklärt und entfchuldigt auch das
bei dem heutigen Stand der Frage etwas auffallende,
von manchen Seiten, u. a. von Merx, heftig angegriffene
Verfahren, daß C (Curetonianus) zur Grundlage der Ausgabe
gemacht wurde. Den phantaftifchen Gedanken, aus
beiden Zeugen einen Idealtext zu rekonftruieren, weift
der Herausgeber mit Recht von fich; den wiffenfchaft-
lich näherliegenden, beide Texte ganz getrennt nebeneinander
zum Abdruck zu bringen, hat er aus prak-
tifchen (Raumerfparnis) wie fachlichen Gründen verworfen
: beide Handfchriften bieten doch eine Überfetzung,
wenn auch in zwei ftark abweichenden Rezenfionen. So
fleht nun C, überall wo er vorhanden ift, als Text oben,
die Abweichungen von S darunter im Apparat; wo C
fehlt, bildet S den Text. Das gibt freilich kein einheitliches
Textbild, aber da auch S nicht vollftändig erhalten
ift, war eine gewiffe Buntfeheckigkeit nicht zu vermeiden.
Und dieSuperiorität von S über C ift nicht fo durchgängig,
wie manche Kritiker meinen. Welche Genauigkeit bei
der Wiedergabe von C erftrebt ift, zeigen die erften
beiden Appendices, welche 2 befonders verdorbene Blätter
der Handfchrift nochmals in ganz diplomatifchem Abdruck
bringen. Für S lag ein folcher in den Ausgaben von
Mrs. Lewis (1894. 1896) vor. Auch hier aber hat Burkitt
nicht nur das Bekannte wiederholt, fondern mit fcharfem
Auge und eindringendem Geift noch über 250 neueLefun-
gen (mit Hilfe der in der Univerfitätsbibliothek zu Cambridge
deponierten Photographien) herausgebracht; eine
Zufammenftellung bietet App. III. Weiter dürfte — ohne
neue Funde — in der Entzifferung kaum zu kommen
fein. Burkitt hat fich aber nicht begnügt mit der genauen
Wiedergabe der beiden Handfchriften; er hat im Apparat
alles gefammelt, was bei älteren fyrifchen Schriftftellern,
befonders Aphraates und Ephraem, an Evangelienzitaten
zu finden ift. — Dem Syrifchen der linken Seite entfpricht
rechts eine fehr wohlüberlegte, fich möglichft eng an-
fchließende englifche Überfetzung fowohl des Textes als
der Noten. Durch diefe, die doch mehr bietet, als wir
an Merx haben, ift auch den des Syrifchen unkundigen
die Benutzung der Ausgabe ermöglicht. Doch follte nie
vergeffen werden, daß gründliche Ausnutzung einer
folchen Überfetzung zu textkritifchen Zwecken immer
einige Kenntnis der Originalfprache vorausfetzt. Daß
Burkitt die englifche Sprache dafür wählte, hat fein volles
Recht. Zu einer griechifchen Retroverfion wäre er bei
feiner hervorragenden Kenntnis der griechifchen Textüberlieferung
wie kein anderer befähigt gewefen; aber
Baethgens und Crowfoots Verfuche zeigen zur Genüge,
wie unficher ein folches Verfahren ift; ja man möchte