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Ausgabe:

1907 Nr. 15

Spalte:

437-439

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weinstein, Max B.

Titel/Untertitel:

Die philosophischen Grundlagen der Wissenschaften. Vorlesungen 1907

Rezensent:

Elsenhans, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 15.

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vetius (432 fr.) und der Ideen Condorcets (481fr.) in ihrer
Beziehung zur Neuzeit hingewiefen.

Alles in allem ift es eine Freude, an fo kundiger
Hand die ethifchen Anfchauungen der Jahrhunderte zu
durchwandern und man darf mit Spannung die neue
Auflage des zweiten Bandes erwarten, die in Kürze nachfolgen
foll. Bringt derfelbe, wie wir hoffen, auch ein
ausführliches Namenregifter, fo wird das ganze Werk auch
als Handbuch für Gefchichte der Ethik wohl aufs Neue
für längere Zeit den erden Rang behaupten.
Heidelberg. Th. Elfenhans.

Weinftein, Prof. Dr. B., Die philofophilchen Grundlagen der
Wiffenfchaften. Vorlefungen, gehalten an der Univerfität
Berlin. Leipzig, B. G. Teubner 1906. (XIV, 543 S.)
8« Geb. M. 9 —

Wenn die Selbftbefinnung über Methoden und Grundlagen
und die Betonung der allgemeinften Zufammen-
hänge des Seins und Werdens einen der Charakterzüge
der neueften Wiffenfchaft bildet, fo kann man eine Be-
ftätigung dafür auch in der neuen Blüte der Naturphilo-
fophie fehen, die fich unter der Führung Wilhelm Oftwalds
auch ein eigenes Organ in den ,Annalen der Natur-
philofophie' gefchaffen hat. Die für folche Grenzgebiete
beftehende Schwierigkeit, daß der Forfcher eigentlich
zwei große Zweige des Wiffens zugleich beherrfchen
follte, tritt allerdings hier, im Gebiete der Probleme,
die fowohl der Naturwiffenfchaft als der Philofophie angehören
, ganz befonders hervor.

Dem Kreis diefer Beftrebungen gehört auch das vorliegende
Werk an. Dasfelbe ift aus einer Reihe von
Vorlefungen entftanden, die der Verf. an der Berliner
Univerfität gehalten hat. Er hatte dabei die Abficht,
,die Studierenden über Gegenftände, die in den Fach-
vorlefungen keine hinreichende Behandlung finden können,
und die gleichwohl von größter Bedeutung für eine
tiefere Einficht in das Wefen der Dinge und den Wert
der Wiffenfchaften find, aufzuklären'. Eine erfte Vor-
lefung verbreitet fich fehr ausführlich über Zweck und
Art der Vorlefungen. Dabei ift der Verf. in der Begründung
diefes formalen Programmes nicht immer glücklich,
fo wenn er für die Notwendigkeit, die Wortbedeutungen
zu erklären, anführt: ,denn manche Worte haben mehr
als eine Bedeutung — fo ,kindifch' wie ein Kind, oder
als Kind und ähnliche —, mitunter fogar zwei entgegengefetzte
Bedeutungen — fo ,unverbefferlich' als etwas,
was fo gut ift, daß es nicht mehr verbeffert werden
kann, oder als etwas, das folche Mängel befitzt, daß man
es nicht mehr zu verbeffern vermag' (S. 8) oder wenn
er gegen fchlechten Stil in wiffenfchaftlichen Werken
eifert/und in demfelben Zufammenhang lagt: ,Ich werde
mich bemühen, neben der Klarheit auch die Ausdrucksvollheit
zu pflegen' (S. 11). Die beiden nächften Vorlefungen
befchäftigen fich mit der Frage, was unter
philofophifchen Grundlagen zu verftehen ift. Sämtliche
Grundlagen überhaupt werden in drei Hauptklaffen geteilt
: erftens unmittelbare Grundlagen' d. h. ,das ein
für allemal Gegebene, felbft ohne weitere Begründung
Stehende', nämlich: Definitionen, Ausfagen, Regeln und
Wahrnehmungen; zweitens abgeleitete Grundlagen, die
aus anderen hervorgegangen und ,oft das Ergebnis einer
befonderen umfangreichen Wiffenfchaft' find, ,fo daß wir
auch fagen können, es find Wiffenfchaften, auf denen
fich andere Wiffenfchaften aufbauen' (S. 25). Hierher
gehören: Lehren, Gefetze, Erklärungen. Drittens Entwicklungsgrundlagen
, bei denen es fich um die Methoden
handelt, ,die bei Bearbeitung, Entwicklung der
Wiffenfchaften zugrunde gelegt werden, und um die
Mittel zur Ausführung der Bearbeitung'. (Gewöhnlich
wird man allerdings unter Entwicklungsgrundlagen etwas
anderes verftehen.) Als folche werden dann genannt:

Ordnung, Analogie, Induktion, Deduktion, Lehren, Erfahrung
(S. 46). Man wird dem Verf. kaum zuftimmen
können, wenn er meint, die gewählte Einteilung fei die
der Sache am heften entfprechende, ,wenngleich fie', wie
er felbft fagt, ,etwas formal ift und fehr differente Dinge
unter die gleiche Überfchrift bringt. Daß die Klaffen
ineinandergreifen, tut nichts zur Sache; wir wiffen fchon,
daß Einteilungen von Gegenftänden der hier betrachteten
Art fich nicht durch fcharfe Schnitte bewirken laffen'
(S. 47). Gewiß: die Grenzen können fließende fein und
die Gegenftände, welche fubfumiert werden, mehreren
Gliedern gemeinfam, aber der Einteilungsgrund und die
Koordination der Einteilungsglieder bei einer für das
ganze Werk fo wichtigen Einteilung muß logifch einwandfrei
fein. Die nähere Bezeichnung: ,philofophifche
Grundlagen' wird dann nur negativ beftimmt: ,Wir fehen
lediglich von denjenigen Grundlagen ab, die ein feftes
Gegebenes enthalten' (S. 49).

Nun entwachfen aber nach dem Verf. die philofophifchen
Grundlagen wefentlich der menfchlichen Denktätigkeit
; da jedoch die Denktätigkeit des Menfchen fehr
umfaffend ift, fo handelt es fich um eine beträchtliche
Zahl von Einzeltätigkeiten, von Tätigkeiten der Seele,
die der pfychologifchen Unterfuchung bedürfen (S. 51 f.).
Und fo gibt nun der Verf. ausführliche pfychologifche
Erörterungen, zunächft über die Seele im allgemeinen,
wobei fich der Verf. dem ,Spiritismus' und dem moni-
ftifchen Materialismus gegenüber auf den Standpunkt des
Dualismus ftellt; fodann über die Seelentätigkeiten, die
fyftematifch eingeteilt werden, zunächft in 3 Hauptklaffen:
Animalifche, Äußere und Innere Tätigkeiten, worauf die
beiden letzteren zufammen wieder in Erkennen, Wahrnehmen
, Verftehen und Auffaffen mit vielen Unterabteilungen
gegliedert werden (S. 90 ff.). Es folgt fodann
eine Erörterung des Erkennens, das als Aufmerken, Zerlegen
, Zufammenfetzen, Deuten, Merken und Eigenbe-
wußtfein charakterifiert wird. Daran fchließt fich eine
eingehende Pfychologie der Wahrnehmung mit Einfchluß
der Nervenphyfiologie, der Hirnlokalifation, der Irradiation
und anderer Sonderfragen. Mit der dreizehnten
Vorlefung beginnen die an Kants tranfzendentalen Idealismus
anknüpfenden (S. 208 ff.) erkenntnistheoretifchen
und naturphilofophifchen Unterfuchungen über .Allgemeine
Anfchauungsbegriffe', Zeitlichkeit und Räumlichkeit
, Subftanzialität, Subftanzen, Vorgänge und Kräfte,
Erhaltung der Welt. Die letzten Vorlefungen behandeln
1 die Dichtung, die fich nach dem Verf. zwanglos an
die Erklärung anfchließt, da wir mit Hilfe der Gnadengabe
der Phantafie ,alles, was die Welt uns Äußeres
und Inneres bietet, in unferer Seele verarbeiten und
deuten, wie wir jedem Wahrgenommenen ein Stück
| unferer Innigkeit hinzufügen, nicht aus müßiger Tändelei,
1 fondern aus den Bedürfniffen unferer Seele heraus' (S. 497);
und zuletzt die Grundlagen des Lebens d. h. die ,hohen
Grundfätze', für deren tieferen Inhalt der Verf. dichte-
rifchen Ausdruck fucht (S. 530f.), und als deren höchfler
gelten foll: ,die Menfchenliebe, das Mitfühlen mit dem
Lcbewefen allgemein' (Siel). Dabei fpricht der Verf.
manches kräftige und treffende Wort gegen moderne
Unnatur.

Die Herausarbeitung der ,philofophifchen Grundlagen'
aber ift in dem ganzen Werke durch einen gewiffen Mangel
an begrifflicher Schärfe ftark beeinträchtigt. Einige damit
zufammenhängende Ungenauigkeiten feien noch erwähnt.
Der Sprung aus der Betrachtung der philofophifchen Grund-
! lagen in die Pfychologie ift nur dadurch möglich, daß der
! Verf. die Denktätigkeit als folche und ,das Erkennen'nicht
fcharf unterfcheidet, was auch darin hervortritt, daß er die
letztere als ,rein feelifche Tätigkeit' bezeichnet (S. 97).
Die Raum- und Zeitvorftellung dürfen, wenn man fich an
; Kant anfchließen will, nicht als ,Stammbegriffe' (das find
i die Kategorien), auch nicht als .allgemeine Anfchauungs-
; begriffe'bezeichnetwerden, da eines feiner Hauptargumente