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Ausgabe:

1907 Nr. 15

Spalte:

431-433

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Burkitt, F. Crawford

Titel/Untertitel:

Urchristentum im Orient 1907

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 15.

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Guignebert, Charles, Manuel d'Histoire ancienne du Chri-
stianisme. Les Origines. Paris, A. Picard et Fils 1906.
(XX III, 549 p.) 8»

Der Verfaffer von Tertullien, etude sur ses seu-
timents a Pegard de tempire et de la societe civile, welches
Buch in Deutfchland wenig bekannt geworden ift, legt
uns hier den erften Band einer groß angelegten Gefchichte
der alten Kirche vor und behandelt nach einer kurzen
Einleitung in 13 Kapiteln 1. Les sources de l'histoire ancienne
du christianisme, 2. Le judaisme palestinien au
temps de Jesus, 3. Le judaisme de la diaspora, 4. Etat
moral et religieux du monde greco-romain, 5. Les faits
de la vie de Jesus, 6. L'enseignement de Jesus, 7. L'eglise
jtidaique de Jerusalem, 8. La vie et les missions de Faid,
9. La doctrine et les eglises de Faid, 10. L'influence de
la Spekulation jidve, Ii. Les eglises judeo-chretiennes, 12.
L'eglise de Rome, 13. L'eglise a la fin du ir siede. Ab-
gefehen von einer gewiffen Breite der Darfteilung hat
man von der Lektüre einen großen Genuß, zumal man
auf Schritt und Tritt merkt, daß Guignebert ein fachkundiger
Führer auch durch das Labyrinth der kritifchen Fragen
ift. Außerordentlich erfreulich ift befonders in dem Ab-
fchnitt über das Leben Jefu die felbftverftändliche Sicherheit
, mit der der Verfaffer alle einfchlagenden, auch die
fchwierigften Fragen in feine gefchichtliche Betrachtung
einreiht. Mir ift in den Abfchnitten, die ich kritifch
beurteilen darf, nichts Falfches, kaum etwas Zweifelhaftes
aufgefallen, ein Beweis, wie viel fich doch trotz aller
Behauptungen vom Gegenteil auch auf diefem heiß um-
ftrittenen Boden als gefchichtlich ficher feftlegen läßt,
wenn man nur die allgemeinen Gefetze gefchichtlicher
Wirklichkeit, wozu ich auch die Anerkennung folider
Tradition rechne, auch hier zur Geltung kommen laffen will.

Gießen. G. Krüger.

RauTchen, Prof. DD. Gerhard, Grundriß der Patrologie

mit befondererBerückfichtigung derDogmengefchichte.
2., verbefferte und vermehrte Auflage. Freiburg i/B.,
Herder 1906. (XVI, 253 S.) 8° M. 2.40; geb. M. 2.90

Das Intereffe für patrologifche Studien ift auf katho-
lifcher Seite doch erheblich ftärker als auf proteftantifcher.
Auch Raufchens Patrologie hat rafch eine neue Auflage
erlebt. Der Verf. hat dafür die ihm gelegentlich der
erften Auflage (1903) von mehreren Kritikern, darunter
auch vom Referenten (f. diefe Zeitung 1904, Sp. 535 ff.),
gegebenen Winke fehr forgfältig benutzt. Wo er meine
Ausheilungen nicht berückfichtigt, hat er wohl feine
Gründe. Allerdings kann ich diefe nicht immer erkennen.
Warum z. B. der Abfchnitt über Mofes von Chorene
trotz Conybeares gegen Carriere fiegreicher Nachweife
in der Byzant. Zeitfchrift (1901, 489 fr.) nicht neugefchrie-
ben worden ift, weiß ich nicht. Auch Andreas von Kreta
genügt mir noch nicht als erfler Zeuge für Pfeudo-Dio-
nyfius (vgl. darüber kurz Bonwetfchs Artikel in der Real-
Enzyklopädie). Wenn ich ich Luzifer von Calaris erwähnt
fehen wollte, fo gefchah es nicht weil ich einmal
eine Differtation über ihn gefchrieben habe. Und fo
wäre vielleicht noch anderes herauszuheben. Sicher
aber ift diefe Auflage vom Verfaffer mit vollem Recht
als vermehrt und verbeffert bezeichnet worden.

Gießen. G. Kruger.

Burkitt, F. Crawford, Urchriitentutn im Orient. Deutfch
von Erwin Preufchen. Rechtmäßige Überfetzung.
Tübingen, J. C. B. Mohr 1907. (VIII. 160 S.) gr. 8°

M. 3—; geb. M. 4 —

Das Chrifientum von Edeffa, um das es fich in dem
vorliegenden Buche handelt, nimmt unfer befonderes
Intereffe in Anfpruch, weil Edeffa eine fyrifch redende

Stadt war und die Kirche hier darum einen nationalen
Charakter annahm. Aus diefer Situation ergeben fich die
Fragen, auf deren Beantwortung es bei der Darfleilung
der Gefchichte des edeffenifchen Chriftentums ankommt,
von felbft. Man erfieht aus Burkitts Buch, daß er fie fich
fcharf geftellt und fie in gefchmackvoller, zuweilen etwas
breiter Form unter umfichtiger Benutzung der Quellen
I beantwortet hat. Man wird es verliehen, daß er mehr
eine Folge von Einzelunterfuchungen, als eine fortlaufende
gefchichtliche Unterfuchung gegeben hat; aber immer werden
wir auf die Grundfragen zurückgeführt: wie verhält fich
das fyrifche Chriftentum zu dem griechifchen und welche
Ereigniffe find die Folge der Einwirkung des einen auf
das andere. Da auch die politifche Gefchichte für die
Geftaltung der kirchlichen Verhältniffe nicht ohne Wichtigkeit
ift, fo kommt B. auch auf fie am Anfange kurz zu
fprechen. Eine kritifche Unterfuchung der Legenden
über die Anfänge des Chriftentums in Edeffa (1. Vorlefung)
ergibt als Refultat, daß fie erft in die Mitte des 2. Jahrhunderts
fallen können. Die chriftliche Gemeinde hatte
noch ein ftarkes jüdifches Element; aber fie war doch fo
bedeutend, daß fie Bardefanes, den bedeutendften Philo-
fophen fyrifcher Sprache, gewann. Um 200 aber machten
fich gegen den nationalen Charakter die Einflüffe des
| Weftens bemerkbar: Palüt wird von Serapion von Anti-
j ochien zum Bifchof von Edeffa geweiht, und während die
! Katholiken zuerft nur mehr eine Sekte waren, gelingt es
1 ihnen doch bald, das Ubergewicht zu erlangen. Damit
find die Gegenfätze gegeben. Der vollkommene Bruch
trat ein, als die nationalen Elemente fich im Neftorianis-
mus zufammenfchloffen

Von höchftem Intereffe ift die 2. Vorlefung über die
fyrifche Bibel; ihre Gefchichte weiß B. fehr gefchickt mit
der Kirchengefchichte Edeffas in Zufammenhang zu
bringen. Sehr einleuchtend wird ausgeführt, daß die alt-
teftamentliche Pt sitta ein Werk von Juden für die Juden
war. Tatian brachte der Chriftengemeinde die fyrifche
1 Überfetzung feiner Evangelienharmonie, die fich in kirchlichem
Gebrauch erhielt, trotzdem Palüt eine Überfetzung
des Evangeliums der Getrennten einführte (uns noch
vorliegend in dem Curetonfchen Syrer und dem Sinai-
palimpfeft). Erft Rabbüla hat das Diateffaron unterdrückt
und an feine Stelle eine Revifion der altfyrifchen
Überfetzung der vier Evangelien gefetzt (die Pesitta der
Evangelien).

Aphraates, Ephräm, Rabbüla find (3. Vorlefung) die
Vertreter der altfyrifchen Theologie; die Selbftändigkeit
der Gedanken zeigt Aphraates, Ephräm bedeutet den
Übergang und Rabbüla ift der Typus der fcharfgeprägten,
ordnungsmäßigen Kirchlichkeit. Diefer hat die Uniformität
der fyrifchen Theologie mit der griechifchen durchzu-

| führen verflicht, ein Ünternehmen, das für feine Kirche
fehr fchlimm ausgelaufen ift.

Von befonderer Wichtigkeit ift, was Burkitt über die
Ehe und die Sakramente in der 4. Vorlefung ausführt.
In der älteften fyrifchen Kirche war chriftliches Leben
identifch mit dem afketifchen. Aus Aphraates' Schriften
und anderen Quellen geht deutlich hervor, daß nur
Ehelofen die Taufe gegeben wurde; die Gemeinde be-
fteht aus getauften Ehelofen; einen Anhang zu ihr bilden
die verheirateten ,Büßer'; aber fie flehen außerhalb der
Gemeinde. Die Ehe ift keineswegs ein Sakrament. Den
Umfchwung bezeichnet wohl wieder Rabbüla. Die
,Söhne des Bundes' (bnai Qjämä) find nicht mehr die
Gemeinde felbft, fondern find zu einem Mönchsorden
herabgefunken. Auch hier macht fich offenbar der Einfluß
der griechifchen Kirche bemerkbar. Von großer
Bedeutung ift die Parallele zwifchen der älteren fyrifchen

I Anfchauung und der der Marcioniten und Manichäer;

| aber auch der Kampf zwifchen wahrer und falfcher
Afkefe, wie er in der Reichskirche ausgefochten worden
ilt, rückt in helles Licht. Und wie mir icheint, kann auch
für die Würdigung der pfeudoclementinifchen Briefe