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Ausgabe:

1907 Nr. 14

Spalte:

419-420

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lippert, Julius

Titel/Untertitel:

Bibelstunden eines modernen Laien 1907

Rezensent:

Zillessen, Alfred

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419

Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 14.

420

phyfik Kants, nach welcher die intelligible Welt der Freiheit
, die den Tod überdauernde Seele, der göttliche
Schöpfer der fittlichen Ordnung nicht metaphyfifche Realitäten
, fondern nur eine Welt der Ideale bezeichnen follen.
An dem Beifpiel des Freiheitsbegriffes wird gezeigt, daß
diefe Deutung dem Wortlaut der Kantifchen Lehre nicht
gerecht wird. Die Darftellung der Freiheitslehre fowohl
in der Kritik der reinen wie der der praktifchen Vernunft
ift durchaus beherrfcht von der Auffaffung des in-
telligiblen Charakters als eines objektiven, der Erfcheinung
zugrunde liegenden Seins, das uns nur wegen des Mangels
einer intellektuellen Anfchauung unbekannt bleibt
(S. 55 f.). Von den fonftigen Ausführungen der Schrift
fei nur noch auf den Abfchnitt über Kant und den
Pantheismus hingewiefen. Der Verf. fetzt fich hier haupt-
lächlich mit den in letzter Zeit mehrfach wiederholten
Verfuchen auseinander, pantheiftifche Tendenzen innerhalb
der Kantifchen Lehre aufzuwcifen. Paulfen, der
diefen Standpunkt am eindrucksvollften vertritt, ohne
jedoch Kant als Pantheiften bezeichnen zu wollen, gelangt
aber zu feinem Refultat nur, indem er die aus den
erften Kantifchen Schriften geläufige Welt ewiger, dem
göttlichen Verbände immanenter Ideen mit der intelligiblen
Welt Kants identifiziert, während doch auch in den
kritifchen Schriften Kants fich Stellen genug finden, die
beide ftreng von einander beneiden, und auch die von
Kant energifch betonte fubftanzielle Verfchiedenheit der
Dinge von Gott mit diefer Auffaffung unvereinbar ift
(S. 89 f.). Scheinbare Anfätze zu pantheiftifcher Denkweife
, wie die Identifikation Gottes mit dem intelligiblen
Urgrund der Erfcheinungswelt oder die in der Kritik der
Urteilskraft vorgetragene Meinung, daß die Urfache der
phyfifchen wie moralifchen Zweckmäßigkeit der Welt in
dem überfinnlichen Realgrund der Erfcheinungswelt vielleicht
gefunden werden könne, finden fich allerdings bei
Kant, aber der Grundzug feiner Lehre bleibt ein theifti-
fcher (S. 91 ff.).

Die fcharffinnige und auf gründlicher Kenntnis der
Kantifchen Philofophie beruhende Unterfuchung darf als
ein wertvoller Beitrag zum Verftändnis und zur Kritik der
Kantifchen Religionsphilofophie bezeichnet werden.

Heidelberg. Th. Elfenhans.

Lippert Julius, Bibelltunden eines modernen Laien. Mit einem
Kärtchen. Stuttgart, F. Enke 1906. (V, 187 S.) 8°

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,Bibelftudien' wäre eine zutreffendere Benennung für
diefe Karikatur der Wellhaufenfchen Prolegomena. Der
Verf. ift uns Theologen fo wenig gewogen, daß er gar nicht
verrät, wieweit und bis zu welchem Jahre er fich mit der
Fachliteratur vertraut gemacht hat; nur zweimal werden
Namen zitiert: Schwalb (69) und Strauß (186)! Unter dem
Mantel des kulturgefchichtlichen Intereffes blitzen je und
dann die grämlichen Augen des gefchichtsphilofophifch
etwas rückftändigen Aufklärers hervor. Religiöfes Verftändnis
liegt fern. Das Buch tritt mit unleugbaren wiffen-
fchaftlichen Prätenfionen auf. Doch hindert das den Verf.
nicht, von einer weniger glücklichen Art Laientum reichlich
Gebrauch zu machen. So ift es nicht gerade modern,
zu behaupten, Joel halte man für den älteften Propheten
(S. 168). Die Juden follen aus Babylonien das Chaldäifche
mitgebracht haben; ,von Norden her wurde das Syrifche
herrfchend'(S. 19). Petrus, der Galiläer, fällt im chaldäifch
fprechenden Jerufalem durch feine fyrifche Sprache
auf (S. 178)! Die Zöllner, weil von den Juden als unrein
bezeichnet, find .fremder Nationalität und Kultgemein-
fchaft'. Der Verf. nennt ,das Urim und Thummim', und
der Erbauer des 2. Tempels wird, wohl unter Jerubbaals
Einfluß, zu Jerubabel (S. 170, wiederholt S. 171)! Das
unter Jofia entdeckte Gefetzbuch enthält Lev'iticus
und Numeri (Kult- und Tempelordnung), ,denn gerade
um diefe Dinge handelte es fich in jenem Kampf (S. 121);

die ,kritifchen Exegeten', die hier das Dtn. finden, bedenken
ja nicht, daß dann ,die 2 erften B. M. fchon da-
gewefen fein müßten'! und .inhaltlich weift Dtn. ganz
deutlich in die nachexilifche Zeit Esras, deffen Werk
es ift; es bietet einen Fortfehritt im Volksrecht, und im
Kultrecht eine wefentliche Erleichterung' (S. 120. 127).

Und doch hat fich der Verf. ordentlich mit dem AT.
herumgefchlagen. Die genealogifche und kultifche Sage
wird im Prinzip richtig gedeutet, die Befiedelungsgefchichte
im großen nicht unzutreffend beurteilt und die historiogra-
plaa sacra nach richtigen Analogien kritifiert. Eine Fülle
von Einzelheiten bezeugt eine eminente Vertrautheit mit
dem vorliegenden Stoff — an religions- und kulturgefchicht-
licher Gelehrfamkeit, die illuftrierende Parallelen oft recht
glücklich zieht, fehlt es nicht. Namentlich bei derßefpre-
| chung der einzelnen Rechts- und Kultusaltertümer fallen
neben fchiefen und falfchen auch richtige und fruchtbare
Erkenntniffe ab: vgl. die Parallele zwifchen der germanifchen
und hebräifchen Strafrechtspflege, die Darftellung der
Entwicklung der Orakeltechnik zur Weisfagung, die ficher
viel Zutreffendes enthält, u. a. m. Nur find andrerfeits
I viele richtige Erkenntniffe längft gefunden und hier noch
! mit allerlei Fehlfchlüffen und groben Irrtümern vermilcht.
Die Schrift zerfällt in die Abfchnitte: 1. Die Zeit-
alterfage in der Bibel. 2. Die Mofesfage. 3. Im Schatten
der Stiftshütte. 4. Mechanik und Entwicklung des Prophetismus
. 5. In Galiläa. Ich notiere noch das Charak-
teriftifche. Israel ift eine Volkskompofition, zu der aus-
fchwärmendeMidianiter(mit denen z.B. der kanaanitifche
Gideon kämpft) den Grund gelegt. Midianitifch find Mofe
] (der urfprüngliche) und ein Grundftock alter Organifation.
I Der jetzige ,Mofesmythus' ift erft langfam im Lauf der
' Gefchichte zurückprojiziert worden aus den gefchicht-
lich erwachfenen Idealen. Als Volkskompofition hat
Israel nun keine flamm väterliche Gottheit behalten, fondern
feinen unduldfamen Bundesgott angenommen. Der
Jahvismus wird das Prinzip, für das der Einheitsgedanke
der Juden kämpft. Die ganze Kultusgcfchichte ift ein
Ringen zwifchen dem zur Erhabenheit des Gottesbegriffs
aufftrebenden Jahvismus und dem ihn zur greifbaren Erdennähe
herabziehenden Levitismus, deffen pfäffifche
Muftertypen Samuel und Elia find. Das Levitentum
entwickelt fich vom Beruf zur Kalle, Jofia ift Begründer
des L.-Staates, Esra des L.-Stammes. Die Prophetie,
Vertreterin des Jahvismus, ift eine vom Orakelwefen ausgehende
Dichtungsart, beliebt zur Einkleidung von Politik
und Gefchichte, oft infektionsartig um fich greifend. Sie
biegt den natürlichen Kaufalnexus um in einen jahviftifchen
Strafprozeß. An den Prophetenfchriften hebt der Verf.
immer wieder die Fülle von Phrafen hervor. Die
Pr.-Schulen find urfprünglich Anftalten für formale Bil-
! dung im Sinn der Zeit (Mufik und Dichtung). Der Pro-
j phetismus erhebt den levitiftifchen Gott, der ein Gott neben
andern blieb, über alle andern. Aber über diefen Gott
j der großen Propheten fiegt mit Esra wieder der verjüngte
I levitiftifche Geift. Zu Jefu Zeit ift die jahviftifche Oppo-
I fition gegen die levitiftifche Tempelherrfchaft außerhalb
i Judäas, namentlich im — fyrifchen—Galiläa fiegreich. Indem
er, der wohl ebenfowenig wie der Täufer und Petrus ein
Jude ift, fie ins Zentrum der Gegnerfchaft zu tragen fucht,
führt er feinen Tod herbei. Seine Lehre bedeutet eine
Negation desKultus und des levitiftifchen Gottesgedankens;
pofitiv ift fie am reinften im Unfervater enthalten. An
feinen Tod knüpft ein neuer Levitismus an in der Aus-
geftaltung des Myfteriums feines Eilöfungsopfers.

Der Verf. fcheint ein vorurteilslofer Führer fein zu
wollen. Wir dürfen ihm ohne Anmaßung fagen, daß er
allerdings zu fpät kommt. Wer das Wefen der Bibel
enthüllen will und von Religion nur hiftorifch zu reden
weiß, der gehört heutzutage, Gott fei Dank, zu den Rückftändigen
.

Lobberich. Alfred Zilleffen.