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Ausgabe:

1907 Nr. 14

Spalte:

396-401

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Blaß, Friedrich

Titel/Untertitel:

Professor Harnack und die Schriften des Lukas. - Papias bei Eusebius 1907

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 14.

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ihre Wirkungen und ihre Vergebung). Überall kommt
er zu der Erkenntnis, daß feft ausgeprägte Lehren nicht
vorhanden find, daß vielmehr Vorftellungen von fehr
verfchiedener Höhenlage neben einander flehen, im Durch-
fchnitt aber doch fittliche Erkenntniffe von einer folchen
Art vorliegen, daß die Propheten fie in der Hauptfache
nur gegen Entartungen hervorzuheben brauchten.

Sonderlich neue Ergebniffe wird man ja auf einem
fo vielfach behandelten Gebiet nicht erwarten können.
Die Arbeit des Verfaffers ift trotzdem nicht wertlos, da
fie manche Erfcheinungen, die in einem Teil der neueren
kritifchen Literatur zu fehr in den Hintergrund getreten
find, gebührend in den Vordergrund rückt (z. B. die
relative Selbfländigkeit des Individuums, das fittliche
Element in den Sphären des Rechts, der Sitte und der
kultifchen Reinheitsvorfchriften), und da fie zugleich den
Zweck verfolgt, ,zu zeigen, daß der moderne Betrieb alt-
teftamentlicher Wiffenfchaft keineswegs das Alte Tefta-
ment entwertet, fondern auch dem praktifchen Amt
Handreichung tun kann'. Bei der Fülle der Einzelfragen
und der Möglichkeiten ihrer Beantwortung verfleht es
fich von felbft, daß ich dem Verfaffer nicht in jeder
Einzelheit zuftimmen kann; doch verzichte ich darauf,
folche Fälle hier aufzuzählen. Nur zwei Defiderien feien
erwähnt: in formeller Beziehung hätte ich dem Buche
eine nochmalige gründliche Durcharbeitung vor der Drucklegung
gewünfcht, und in inhaltlicher Beziehung bedauere
ich, daß der Verfaffer auf die Frage nicht ex professo
eingegangen ift, welche Gebiete des Denkens und Handelns
in den Bereich des fittlichen Urteils gezogen find; Einzelbemerkungen
dazu finden fich freilich in Menge, befonders
betreffs des Verhaltens zu kultifchen Vorfchriften, aber
es fehlt an der fyftematifchen Unterfuchung diefes ganzen

Abfchnittvon der kirchlichen Entwicklung vereinigt waren.
Ein weiterer, neu hervortretender Gedanke ift der des
Gerichts, wie er aus dem volkstümlichen Zukunftsglauben
erwachfen ift und hier im vierten Abfchnitt ungefähr an
denjenigen Stoffen zur Entwickelung kommt, die zuvor
unter der Überfchrift ,die nationale Bedingtheit der jüdi-
fchen Religion' zufammengefaßt waren. So ift an die
Stelle der früheren Haupteinteilung nach den Gefichts-
punkten der Kirche, der nationalen und der individuellen
Religiofität eine vielgliedrigere getreten, deren innere Begründung
im Vofwort und in der Einleitung vorliegt.
Hier genügt es, als die Themata des 5. bis 8. Abfchnittes
den Monotheismus, das Verhältnis von Gott und Menfch,
die Nebenformen der jüdifchen Frömmigkeit namhaft zu
machen und etwa noch zu bemerken, daß das zu Anfang
des früheren 4. Abfchnittes erfchienene Kapitel
über den Individualismus jetzt den Schluß des Abfchnittes
vom Gerichtsgedanken bildet, deffen felbftän-
dige Konftituierung der von der Kritik gegen die erfte
Auflage geltend gemachten Inftanz begegnen foll, daß
fich die gefamte jüdifche Efchatologie nicht einfach unter
die Rubrik ,nationale Frömmigkeit' bringen läßt. Verloren
gegangen ift bei diefen Umordnungen nichts. Wohl
aber hat der Verf. fichtlich von allem Gewinn gezogen,
was über, bezw. auch gegen die frühere Geftalt feines
Werkes bemerkt worden ift. Den einzigen feindlichen
Angriff hatte er fchon in einer früheren Veröffentlichung
abgewehrt (vgl. Jahrg. 1904, Sp. 43—46), erwähnt ihn
daher nicht mehr. Aber S. 401 beweift fchon die Kleinigkeit
des Zufatzes eines Zitates (Pf. Sah 1737), daß
ihm Rechnung getragen ift. Aus ähnlichen Anläffen ift
es gefchehen, wenn der Idee des Vatergottes im Spätjudentum
ein größeres Gewicht beigelegt ift (S. 432 f.),

Gebietes, und Fragen wie die nach der verfchiedenen • wenn als Verleiher des Afylrechts an eine jüdifche Prof-
Wertung des Verhaltens gegen den "TjJ, den Ausländer, euche im Corp. Inscr. lat. III Suppl. 1 6583 Euergetes I
den Feind, find kaum berührt; auch die Frage, wieweit wieder hergeftellt ift (S. 72. 198) u. a. Hier und allent-
das fittliche Urteil ftrengere Maßftäbe anlegt als das | halben find die neueften Forfchungen gewiffenhafteft be-
Recht und wieweit das Recht durch das fittliche Urteil | rückfichtigt und ift durch Vereinigung eines erftaunlichen
vertieft und fortgebildet ift, hätte wohl eine ausführliche | Wiffensmit einer auf Gruppierung des umfaffenden Stoffes

verwendeten, genauen Sorgfalt ein Meifterwerk gefchaffen
worden, das wohl noch auf lange Zeit eine der ergiebig-
ften Fundgruben der Forfchung auf dem bezüglichen Gebiete
bilden wird.

gefonderte Behandlung verdient (beachte z. B. die rechtliche
und die fittliche Stellung des Weibes).

Halle a. S. C. Steuernagel.

Bouffet, Prof. D.Wilhelm, Die Religion des Judentums im
neuteltamentlichen Zeitalter. Zweite Auflage. Berlin,
Reuther & Reichard 1906. (XV, 618 S.) gr. 8° M. 12 —

Der ausführlichen Anzeige, welche ich diefem Buche
bei feinem erften Erfcheinen in diefer Zeitfchrift (Jahrg.
1903, Sp. 369—373) gewidmet habe, wüßte ich nichts
Wefentliches hinzuzufügen. Die Vermehrung des Um-
fangs um 6—7 Bogen ift verurfacht durch tiefgreifende
Neubearbeitungen (Kap. III), größere Einfchübe (S. 417k
über das Gebetsleben) und erhebliche Erweiterungen einzelner
Artikel (S. 117 f. Opfergaben, S. 120 f. Laienfrömmigkeit
, S. 480 f. Prinzipien der Ethik); teilweife
auch dadurch, daß mehrere zuvor klein gedruckte Ab-
fchnitte nunmehr in den Haupttext aufgenommen find.
Am meiften fallen Änderungen der Disposition ins Auge,
wie fie z. T. fchon dadurch bedingt erfcheinen, daß der
früher an die Spitze geftellte Gedanke der Verkirch-
lichung der Frömmigkeit jetzt zwar keineswegs aufgegeben
ift (vgl. S. 4. 63. 82. 88. 197. 223. 227. 346 u. a.),
aber hinter dem damit eng zufammenhängenden Gedanken
des, freilich in feiner Entwickelung aufgehaltenen, Überganges
von einer nationalen, kultifchen Religion zu einer
univerfalen, geiftigen zurücktritt. Diefes Ringen der uni-
verfalen und der partikulariftifchen Tendenzen Hellt der
erfte Abfchnitt dar, während der zweite von der Ablöfung
der Kultusfrömmigkeit durch die Gefetzesfrömmigkeit, der
dritte von den neuen Formen der Frömmigkeit handelt,
als da find Kanon und Tradition, Auslegung, Theo-

Baden. H. Holtzmann.

Blaß, Prof. Dr. D., Profelfor Harnack und die Schriften des
Lukas. — Papias bei Eufebius. (Beiträge zur Förderung
chriftlicher Theologie. Herausgegeben von A. Schlatter
und W. Lütgert. XI. Jahrgang. 1907, 2. Heft.)
Gütersloh, C. Bertelsmann. (55 S.) 8° M. 1.20

Der verewigte Gelehrte, der fich o große Verdienfte
um die Erklärung der Apoftelgefchichte erworben hat,
hat bekanntlich mit befonderer Energie den Nachweis
zu führen verfucht, daß in der Überlieferung des Buchs
zwei Editionen zu unterfcheiden feien, die beide auf
Lukas felbft zurückgehen. In diefer letzten Arbeit hat
er es unternommen, von einer neuen Seite diefe Thefe
zu beweifen. Da die Unterfuchun g an meine Abhandlung
über Lukas anknüpft, fo habe ich doppelten Grund, fie
eingehend zu prüfen. Die Abhandlung ,Papias bei Eufebius
' (S. 45—55), die m. E. nichts Neues zur Löfung
des Problems beibringt, aber auch den Abfchnitt über
das Lukas-Evangelium (S. 32—44) laffe ich bei Seite.

Nach einer langen, allzulangen Einleitung (S. 5—13),
deren Lob mir peinlich und deren Tadel mir nicht lehrreich
ift, kommt Blaß zu feinem Thema. Er erkennt
an, daß mein lexikalifcher, grammatifcher und ftiliftifcher
Beweis für die Einheit der Wirberichte mit dem ganzen
Werk ftringent ift, und Hellt fich nun die Aufgabe, nach
eben diefer Methode zu zeigen, daß diefelbe fprach-
logie und andern Dingen, die zuvor alle in dem einen 1 liehe Einheit zwifchen dem ganzen Werk und den