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Ausgabe:

1907 Nr. 13

Spalte:

381-384

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Niederhuber, Joh. Ev.

Titel/Untertitel:

Die Eschatologie des heiligen Ambrosius. Eine patristische Studie 1907

Rezensent:

Dräseke, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 13.

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da nicht gefehen wird, wo es die Überlieferung erblickt
hat, im Meffianifchen, d. h. natürlich nicht im bloßen
Meffiastitel, fondern in der Tatfache, daß Jefus, mit
feinem Glauben, feiner Liebeskraft, feiner fittlichen
Majeftät fich in den Meffiasanfpruch finden konnte,
finden mußte.

Auffallend ift, daß Kolbing fo gut wie ganz darauf
verzichtet, das Jefusgemäße an Paulus von den Jüngern
Jefu, ihrem Eindruck und ihrer Erzählung herzuleiten.
So fehr feine Skepfis gegenüber Refch am Platz ift,
ganz auszufchalten wird diefer Faktor fchwerlich fein,
wenn man nicht felbft wieder Wunder einführen will;
denn eine totale Abgefchloffenheit des Paulus von dem
Jefusbild der Urgemeinde erfchiene mir als ein Wunder.
Daß aber das Problem des Jefusgemäßen an Paulus
noch nicht befriedigend gelöft ift, darin möchte ich
gerade Kolbing beiftimmen.

Seine Schrift hat überhaupt Eigenfchaften, die fie
mufterhaft machen. Es ift etwas Erquickendes, gegenwärtig
in der Leben - Jefuforfchung einer fo jedem For-
fcher gerechten, vornehmen und wahrhaft freien fclrör-
terung von Problemen zu folgen, in der es fonft ohne
Karikaturen und Ketzergerichte nicht abzugehen pflegt.

Bafel. Paul Wer nie.

Niederhuber, Sem.-Reg. Dr. Joh. Ev., Die Eschatologie
des heiligen Ambrolius. Eine patriftifche Studie. (For-
fchungen zur Chriftlichen Literatur- und Dpgmenge-
fchichte. Herausgegeben von A. Ehrhard und J. P. Kirfch.
Sechfter Band. Drittes Heft.) Paderborn, F. Schöningh
1907. (XII, 274 S.) gr. 8° M. 6.80

Wenn A. Harnack in feiner weitblickenden Rede
(27. L 1907) über ,Proteftantismus und Katholizismus in
Deutfchland' dem allgemeinen Bewußtfein die hocherfreuliche
Tatfache näher zu rücken Veranlaffung genommen
hat, daß über wichtige PVagen dergroßen Vergangenheit !
der chriftlichen Kirche gerade von katholifchen Forfchern
jetzt mehrfach wiffenfehaftliche Leiftungen veröffentlicht
worden find, an denen im allgemeinen kein proteftantifcher
Gelehrter Ausftellungen machen könne, ja ,vielmehr wün-
fchen' müffe, ,felbft das Werk verfaßt zu haben' (S. 14):
fo werden, um zu den von Harnack felbft angeführten
oder angedeuteten Schriften (S. 14, 19 nebft Anm. auf
S. 28) noch einige hinzuzufügen, auch Brewers von mir
in diefer Lit.-Ztg. (1907, Nr. 3, Sp. 80—82) zur Anzeige
gebrachtes Werk über Kommodian von Gaza und die obengenannte
patriftifche Studie über die Eschatologie des
Ambrofius von Niederhuber dahin gerechnet werden dürfen.
Freilich ift zwifchen beiden ein wichtiger Unterfchied
vorhanden. Brewer führt feine zwingenden Beweife
mittels fprachlichcr Beobachtungen und fchwerwiegender
fachlicher Gründe, durch welche eine feit langer Zeit
dunkle und fehr verfchieden beantwortete Frage endlich
endgültig gelöft worden ift. Niederhuber, der in feiner
Schrift ,Die Lehre des hl. Ambrofius vom Reiche Gottes
auf Erden' (Forfchgn. z. chriftl. Lit.- u. Dogmengefch. IV,
3/4. Paderborn 1904) die Lehre von der religiös-fittlichen
Vervollkommnung des Menfchen in der diesfeitigen Heilsordnung
der jetzt von ihm vorgelegten endgefchichtlichen
Vollendungslehre des Ambrofius als Einleitung voraus-
gefchickt hat, bewegt fich in diefem Werke, den Schriften
des Mailänder Bifchofs folgend, auf einem Gebiete, das
ganz anders geartet ift als das Brewers. Die Bearbeitung
desfelben ift mit den größten Schwierigkeiten verbunden,
infofern, als unfre Furcht und unfer Hoffen mit ihm verknüpft
find, und die Andeutungen der hl. Schrift darüber,
der Natur der Sache entfprechend, meift dunkel gehalten, I
mannigfaltiger Deutung fähig und nicht von zwingender j
Überzeugungskraft find. Das Sichtbare können wir wohl i
erkennen, das Unfichtbare aber entzieht fich unferer unmittelbaren
Wahrnehmung und unferm Verftändnis. Des- I

wegen bedarf es gerade hier vorfichtiger Zurückhaltung.
Dem Zuge der Zeit und feinem eigenen chriftlichen Bildungsgänge
entfprechend hat Ambrofius diefe Zurückhaltung
nicht geübt. Aber es ift ein großes Verdienft
Niedernubers, daß er uns jene auf alt- und neuteftament-
liche Schriftftellen fowie auf hervorragende griechifche
Gewährsmänner gegründete Gedankenwelt des Ambrofius
in feinem Werke mit bewundernswerter Sorgfalt und
eindringendem Verftändnis entwickelt hat. In zwei großen
Hauptabfchnitten fucht er feiner Aufgabe gerecht zu
werden. In dem erften, auf,Die aktuelle und habituelle
Endvollendung des Einzelmenfchen' bezüglichen Abfchnitt
erörtert er 1. des Ambrofius ,eschatologifche Lehre vom
leiblichen Tode' (S. I—23), 2. ,Dieauf den Tod unmittelbar
folgenden Gefchehniffe' (S. 24—46), 3. ,Topographifche
Beltimmungen der jenfeitigen Orte und Reiche' (S. 46—64),

4. ,Die Lehre von der himmlifchen Seligkeit' (S. 64—99),

5. ,Das unfelige Ende der Unerlöften' (S. 99—126). Der
,Die Endvollendung des Menfchengefchlechtes und des
Univerfums überhaupt' befaffende zweite Abfchnitt behandelt
1. ,Die Lehre von der Wiederkunft Chrifti' (S.
127 — 156), 2. ,üie Lehre von der Auferftehung des Fleifches'
(S. 156—210), 3. ,üie Lehre vom künftigen Weltgerichte'
(S. 210—254), 4. ,Die Lehre von der Weltvollendung'
(S. 254—274). Die innerhalb diefer Sonderabfchnitte zu
beobachtende reiche Gliederung des Stoffes wird allen
hierbei aufftoßenden Fragen, foweit Ambrofius auf fie geführt
wurde und zu ihnen Stellung nahm, erfchöpfend
gerecht. Nur wenige Bemerkungen mögen darum diefer
Inhaltsüberficht hinzugefügt werden. Sie follen felbft-
verftändlich an den vom Verf. mit großer Zuverläffigkeit
wiedergegebenen Tatfachen aus dem Gedankenkreife des
Ambrofius nicht rütteln, fondern diefelben nur, fofern
fie mit erfichtlich katholifchen Anflehten, wie fie heute
find, fich decken, erneuter Prüfung angelegentlichft empfehlen
. Nach Niederhuber (S. 41, Anm. 2) ,läßt fich
mit ftichhaltigem Grunde bei Ambrofius die Exiftenz
eines befonderen Gerichtes und Reinigungsfeuers unmittelbar
nach dem Tode des Menfchen (alfo im Sinne des
katholifchen Lehrbegriffes) nicht leugnen'. Befinden wir
uns hier wirklich noch auf dem Grunde der h. Schrift?
Es fcheint mir angefichts diefer Frage völlig unerheblich,
ob ein folcher Leugnungsverfuch einen ,mehrfachen, offenkundigen
Widerfpruch mit anderweitigen, unbeftrittenen
Lehranfchauungen der ambrofianifchen Eschatologie' zur
Folge haben follte. Auch die proteftantifchen Forfchern,
wie Förfter und Nitzfeh, gegenüber gezogenen Folgerungen,
die unter allen Umftänden zu höchft anfechtbaren Er-
gebniffen führen würden, mögen durchaus auf fich beruhen.
Ich mache auf Folgendes aufmerkfam. In Jefu Toten-
erweckungen liegt offenbar ein Hinweis darauf, daß nach
allgemeinem Gefetz mit dem Abfchluß des Lebens die
Gnadenfrift für den Menfchen noch nicht abgelaufen ift.
So erhielt der Jüngling zu Nain (Luk. 7, 11 ff.) tatfächlich
eine Verlängerung der ihm bemeffenen Gnadenfrift.
Auch dürfte in Jefu Worten Matth. 12, 32, daß ein Reden
wider den h. Geift weder in diefem, noch in jenem Leben
Vergebung finde, die Andeutung befchloffen fein, daß
andere Sünden als diefe im Jenfeits noch Vergebung
finden können. Sollte der Ort für fich darüber entfeheiden
können? Wenn die alten Dogmatiker aus Hebr. 9, 27
gefolgert haben, daß nach dem Tode das Gericht folge,
fo befagt die Stelle das doch gar nicht (djtoxeirai xolq
avüQcoJcoiq ajtag djtofravtip, fiexci de xovxo XQiOiq). Eine
xgiöig tritt im Laufe der Gefchichte des Ganzen wie des
Einzelnen wohl mehr als einmal ein; auch enthält die
Stelle keine Andeutung darüber, wie lange nach dem
Tode das Gericht eintrete. Wenn es von den gläubig
Geftorbenen heißt, daß fie an einen guten Ort kommen
(Luk. 16, 22: 2. Kor.^5, 8; Offb. 14, 13) und mit Chrifto
in einem feiigen Zuflände vereint find (Phil. 1, 23), fo ift
ein Wachstum an Vollkommenheit dadurch neuerlich
nicht ausgefchloffen, wohl aber der fchriftwidrige, wenn