Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1907

Spalte:

16-18

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Uphues, Goswin

Titel/Untertitel:

Kant und seine Vorgänger 1907

Rezensent:

Elsenhans, Theodor

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

15

Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 1.

Erbfünde. 5. Der erneute Menfch. ad i: werden drei
verfchiedene Anfchauungen aufgewiefen. ,Zw. denkt einmal
fcharf dualiftifch über das Verhältnis von Leib und
Seele'. Hiernach ift das Fleifch nicht erfl nach und durch
den Fall, fondern feiner urfprünglichen eigenen Natur
nach ungöttlich, der Menfch ift mit fündigem Fleifch ge-
fchaffen, der Fall alfo ganz naturgemäß. Dem Fleifche
fleht die Seele gegenüber, die den Menfchen allein von
allen Kreaturen befähigt zur Verwandtfehaft und Ge-
meinfehaft mit Gott und den Geifteswefen. Von einer
Sündenfchuld kann bei diefer Anfchauung zunächft
keine Rede fein, der Menfch muß fündigen, Unfchuld
kann man fo wenig von ihm verlangen wie von einem
im Schlammpfuhl Sitzenden ein fauber glänzendes Byffus-
werk. Ein phyfifches Gebrechen ift keine Schuld.
Am deutlichlten ift diefer Dualismus in de Providentia
dei ausgefprochen. Quelle für ihn wäre nach O. zunächft
de gangbare kerkelijke leer en praktijk (S. 35). ,Die
römifche Kirche fah von alters her im Fleifch den Feind
vom geiftlichen Menfchen, und die Asketen aller Zeiten
betätigten diefe Anfchauung durch Züchtigung des böfen
Fleifches'. Streng genommen aber handelt es fich um
das Fleifch vor dem Fall, doch hat O. auch dann
recht (f. Belegftellen bei Loofs: Symbolik S. 264 f. und
Müller: Symbolik S. 124 f.). Doch ftärker als die Kirchenlehre
ift der Humanismus gewefen, der ihn Seneca
kennen lehrte en andere klassieke leermeesters, die van
dit dualisme uitgaan bij hunne wijsbegeerte en moraal,
und die paulinifche Terminologie — fo betont O. S. 38
mit Recht, obwohl über die Deutung diefer Terminologie
noch keine volle Einheit herrfcht — ftärkte die dua-
liftifche Auffaffung. Überfehen aber hat O. den Einfluß
der Myftik. Der ift ganz deutlich, wenn es z. B. (S. 18

Anm. 2) heißt: ,Des Menfchen Gemüt......begert zu

kummen zu finen urfprung wie alle andere ding' (f. auch
S. 20 Anm. 2; Wernle a. a. O. betont gleichfalls den
Einfluß der Myftik auf Zw.). Hier erfcheint die Seele,
ebenfalls dualiftifch, in den Kerker des Leibes gebannt.
Neben dem dualiflifchen Gedanken finden fleh mehr
biblifch orientierte Vorftellungen. Zw. faßt den ganzen
Menfchen ins Auge, fleht ihn ohne befondere Reflexion
auf das Fleifch als Gottes Schöpfung und darum gut
an, ja, wenn er auf das Fleifch reflektiert, kann er es
als .Ebenbild Gottes' fchön und unbefleckt nennen. Er
kann aber auch die Schöpfung als Kreatur dem allmächtigen
und unerreichbaren Gott gegenüberftellen und
dann den ganzen Menfchen als unfähig zur Vollbringung
des göttlichen Willens bezeichnen; erft der von oben
gefchenkte Geilt gibt die Fähigkeit, und Adam hat vor
dem Fall diefen Geilt befeffen — unfehwer eine Nachwirkung
der fcholaltifchen Lehre vom donum superad-
ditum (S. 51).

Die Folgerungen von diefem Grundgedanken aus ergeben
fich leicht: ad 2: die Lehre vom Fall wird an
Genefis 3 angefchloffen, da die dualiflifchen Vorftellungen
einen Fall ausfchließen. Die Wurzel der erften Sünde
ift die (piXavria; das Problem, wie denn das .Ebenbild
Gottes' diefe (piXavria hegen könne, drückt Zw. um fo
weniger, als von feinem Dualismus aus hier kein
Problem vorliegt, und als die Rückführung des Falles
auf die göttliche Prädeftination ein Nachgrübeln unter-
fagt. Allerdings führt dann doch wieder der Begriff von
Gott als der Quelle alles Seins Zw. zu der Erklärung:
nec Uli turpe est quod nobis; quae enim nobis turpia sunt,
ex eo provenit, quod lex nobis imposita est; lex autem
hac causa est posita, quod adfectus nostri modum excede-
bant, Gott aber ift ex-lex — ein außerordentlich fruchtbarer
Gedanke, der auch in der Gegenwart für die
Frage: Sünde und Entwicklung feine Bedeutung behält.
Für Zw. mildert er die Herbheit des Supralapfarismus,
a specie dei dient der Fall zur Verkündigung der glo-
ria det.

ad 3: Der gefallene Menfch ift nach Zw. tot, fündig,

Fleifch, ohne Kenntnis von fich felbft und von Gott. Je
mehr dabei der Dualismus in den Vordergrund tritt, wird
folgerichtig (f. o.) die Korruption wefentlich als Seelenkorruption
gefaßt. Allerdings fchiebt fleh hier der Gedanke
ein, daß die Seele vor dem Fall fo vortrefflich
war, daß fie kaum fallen konnte, andrerfeits das Fleifch
fündig (f. o.), fodaß ein Kampf zwifchen beiden von vornherein
vorlag, von dem Zw. den Streit zwifchen beiden
im Gläubigen nicht abhebt. Von hier aus auch kann
er betonen, daß die Seele eine ,natürliche Gotteserkenntnis
' befltzt (f. S. 104 ff. die Ausführungen über die lex
naturae), um andrerfeits zu betonen, daß Gott in dem
Menfchen diefes Naturgefetz wirke (S. 107, doch find die
Ausführungen O.s hier nicht ganz klar, fofern er den
Offenbarungsbegriff einfehiebt, der dem Naturrecht
gegenüberfteht, nicht feinen Urfprung kundtut). Das.
Bindeglied zwifchen beiden Gedanken ift Gott als die
Quelle alles Seins.

ad 4: Die uns von Adams Fall her anhaftende Verdorbenheit
rechnet Zw. bekanntlich nicht als Schuld, wie
überhaupt ,aus Zw.s Schriften mehr Gefühl für die Macht
und das Elend der Sünde als für die Schuld fpricht'
(S. 129). Unfchuldige Kinder werden, wenn fie fterben,
als unfchuldige feiig. Dennoch fpricht Zw. von allgemeiner
Verdammnis aller Menfchen, weil fie als Sünder
geboren werden. Und wenn diefe Verdammnis aufgehoben
wird durch den Verföhnungstod Chrifti, fo ift die
Kraft diefes die Urfache für die Seligkeit auch jener
unfchuldigen Kinder, ja auch der Heiden, foweit fie feiig.
werden. Deutlich gehen hier rationale und fupranaturale
Gedanken durcheinander.

ad 5: Die fubjektive Aneignung der objektiv vollbrachten
Erlöfung vollzieht fich durch den Glauben, der
aber ftreng als Gottes Werk gefaßt wird. Daher wirkt
auch nicht das Wort an fich, fondern allein der h. Geift
den Glauben. Und ,wenn jemand glaubt, ift er nicht um
feines Glaubens willen auserkoren, fondern er glaubt,
weil er auserkoren ift'. Der Kampf gegen die Wiedertäufer
läßt aber Zw. der drohenden Gefahr des Subjektivismus
und der Enthufiafterei gegenüber die Schrift
und das Urteil der Kirche als Prüffteine des Glaubens
betonen. Der Geift Gottes im Menfchen garantiert die
Werke der Liebe. Er ift das ,Neue' im ,neuen Menfchen',
das ihm wiedergefchenkt wird, nachdem es durch den
Fall verloren war (f. o.); als ,Inftrument Gottes' wirkt fo
der geiftgeleitete Menfch, in ftändigem Überwindungskampfe
gegen das Fleifch. Ift das alles ganz fupranatu-
ral gedacht, fo beginnt eine pfychologifche Betrachtung
, wenn Zw. die Erneuerung als neue Seel enrichtung
hin zu Gott faßt. Von hier aus deutet Zw. Rom. 826
den Geift als die gottesfürchtige Seele (S. 199). Die Seele
kehrt fich ihrem Urfprung zu. Müßte nun die Kehrfeite
lauten: das Fleifch aber wird vernichtet, fo fchiebt fich
ftatt deffen die traditionelle Lehre von der Auferftehung
des Fleifches ein.

Die Grundgedanken O.s dürften richtig fein, zahlreiche
Belegftellen aus Zw.s Schriften, in chronologifcher
Folge, find eingeftreut. Daß fie ad 1 m. E. nicht immer
beweiskräftig find, wiegt nicht allzu fchwer. Gewonnen
jedoch hätte die Beurteilung, wenn O. den richtig
empfundenen Gegenfatz nicht formuliert hätte: Dualismus
— Biblizismus, fondern: Rationalismus — Supra-
naturalismus. Denn darum handelt es fich.

Gießen. Köhler.

Uphues, Prof. Goswin, Kant und leine Vorgänger. Was

wir von ihnen lernen können. Berlin, C. A. Schwetfch-
ke & Sohn 1906. (XII, 336 S.) gr. 8° M. 6.50

Der Verfaffer, der fich durch feine in der ,Pfycho-
logie des Erkennens vom empirifchen Standpunkte'
(I Leipzig 1903) und zahlreiche Abhandlungen vertretene
Theorie des .Gegenftandsbewußtfeins' eine eigenartige