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Ausgabe:

1907 Nr. 12

Spalte:

363-364

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gwatkin, Henry M.

Titel/Untertitel:

The Knowledge of God and its historical Development 1907

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Seite 1

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363 Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 12. 364

Gwatkin, Henry Melvill, M. A., The Knowledge of God
and its historical Development. (In two volumes.) Edinburgh
, T. & T. Clark 1906. (XI, 308 u. III, 334 p.)
gr. 8° M. 12 —

Das Werk enthält eine Serie von Giffordvorlefungen,
die 1904—05 in Edinburgh gehalten worden find. Was
es darbieten will, ift ein Bild der menfchlichen Gotteserkenntnis
und ihrer gefchichtlichen Entwicklung. Der
Geifi, von dem die Darfteilung beherrfcht ift, und die
Richtung, in der fie fich bewegt, erhellt wohl am deut-
lichften aus der eigentümlichen Konftruktion, die den
ganzen erften Teil ausfüllt.

feits fie in der Perfon Jefu genauer zu beftimmen, handeln
die beiden folgenden, das 15. und 16. Kapitel. Vom
heidnifchen Rom unter befonderer Berückfichtigung der
Mithrasreligion das 17. Vom chriftlichen Rom, fpeziell
von Cyprian, Auguftin, der vulgärchriftlichen Auffaffung
im Mittelalter, dem Mönchtum, dem Tridentinum, das eine
relativ harte Beurteilung erfährt, die Kapitel 18—20. Das
21. ift der Reformation gewidmet, als deren Aufgabe
und Leiftung die Erledigung der Frage erfcheint: ,gibt
es in diefem Leben eine unmittelbare und perfönliche
Erkenntnis Gottes oder können wir nur aus zweiter
Hand von ihm wiffen, fo daß die Offenbarung lediglich
eine Tradition der Kirche ift?' In den nächften vier

Nachdem da in einem einleitenden Kapitel die Frage, S Kapiteln wird das moderne Geiftesleben beleuchtet:

ob eine Offenbarung überhaupt möglich fei, kurz erörtert
und bejaht worden ift, wird in ausführlicherer Befprechung,
gleichfam apriori, das Problem verhandelt: wie müßte eine

Nachdem die Grundgedanken der Reformation in einer
toten Othodoxie erftarrt waren, treten vier oder, einfacher
, drei Strömungen auf. Zwei von ihnen zeichnen

folche Kundgebung Gottes, falls fie wirklich wäre, be- | fich durch Indifferenz oder Antagonismus gegen die
fchaffen fein? Die Antwort hierauf wird in etwa folgenden 1 Vernunft aus: die pietiftifch-enthufiaftifche einerfeits, die
Betrachtungen erleilt: Die Natur deutet, insbefondere I rekatholifierende anderfeits, die namentlich durch den
durch ihre Ordnung und Zweckmäßigkeit, auf eine ewige [ Tractarianismus veranfchaulicht wird. Eine andere da-
Perfon von unermeßlichem Können und unermeßlichem j gegen, innerhalb deren fich wiederum zwei Nuancen
Verftand als ihren Grund hin. Auf eine folche Macht j unterfcheiden laffen, ift vernunftfreundlich und gefleht
und zugleich auf deren Gerechtigkeit und Güte weift des | der Weltweisheit und Kultur als Medien der Offenbarung
weiteren auch der Menfch hin als Individuum und in j ihren berechtigten Einfluß auf die Fortbildung der Gottesfeiner
Gefchichte. Allerdings kann die auf diefe Weife erkenntnis zu. Im Zufammenhang damit werden einzelne
begründete Gewißheit von Dafein und Wefen Gottes | Erfcheinungen der Philofophie, wefentlich der deutfchen,
und namentlich von feiner Güte keine abfolut fichere 1 die Politik, die Wiffenfchaft, die Kultur und Kunft erfein
. Deshalb eben ift eine befondere Offenbarung not- ! örtert. Ein Schlußkapitel ftellt eine Prognofe für die

wendig. Diefelbe muß gewiffermaßen die natürliche fortfetzen
und vollenden. Sie muß, an die ganze Perfon, an
Intellekt, Willen und Gefühl fich wendend, moralifch,

Zukunft: was diefe bringen mag, ift, abgefehen von einer
erneuten Vertiefung in die nicänifche Trinitätslehre, eine
gewaltige Synthefe fämtlicher Erfahrungen, welche die

vernünftig und hilfreich fein. Sie muß vorwärts fchauend, | Menfchheit je gemacht hat oder machen wird, ftärkere
allmählich fortfchreitend und den menfchlichen An- j Berückfichtigung der Vernunft und des Sittlichen und
lagen angemeffen fein, wodurch übrigens unterbewußte j dazu — ein Salzkörnchen Myftik.

Einwirkungen eben fo wenig ausgefchloffen find wie ! Am eifrigften kämpft der Verf. wohl gegen Skepti-
Infpiration und Wunder, falls letztere nur richtig ver- 1 zismus, Agnoftizismus und Spekulationsfcheu, gegen
ftanden werden. Endlich bedarf es angefichts der Sünde j einen fupranaturaliftifchen Dualismus, der auf blinden

und ihres Fluchs irgendwie einer Vermittlung zwifchen
Gott und Menfch, vielleicht eines prophetifchen, fich
opfernden, göttlichen oder, mit anderen Worten, eines
gekreuzigten und auferftandenen Mittlers; doch nicht in
dem Sinne, als ob eine ftellvertretende Genugtuung
desfelben erforderlich wäre. Sie ift nicht einmal möglich.

Autoritätsglauben dringt, und, man darf fagen, gegen den
römifchen Katholizismus. Den deutfchen Lefer wird die
abfällige Beurteilung des neu-anglikanifchen Ritualismus
nicht zum wenigften intereffieren. Vieles freilich wird er
anders fchätzen, als es hier gefchieht. Exempels halber
nur zwei Zitate! Schleiermacher ,ift kein klarer Denker

Nachdem der Verf. fo gleichfam ein Ideal der Offen- j mit einem klaren Syftem, fondern ein Eklektiker, dem

barung, deren Korrelat ja die menfchliche Gotteserkenntnis
ift, gezeichnet hat, fchickt er fich an, in einem zweiten
gefchichtlichen Teil zu fchildern, wie im Lauf der Zeiten
jene angeeignet worden, oder, vielmehr, diefe geartet
gewefen ift. Dabei wird allerdings der Begriff der Gotteserkenntnis
im weiteften Sinne gefaßt und auf die verfchie-
denften, damit mehr oder weniger zufammenhängenden
Anfchauungen und Beftrebungen eingegangen. So wird
zunächft unter der Vorausfetzung, daß Religion überall
da als vorhanden anerkannt werden müffe, wo fich ein
Gefühl des Vertrauens zu einer unfichtbaren aber verwandten
Macht bemerkbar macht, zunächft als deren
ältefte Form der Totemismus und nach diefem der Polytheismus
im allgemeinen befprochen. Dann ift fpeziell
von der griechifchen Religion und Philofophie die Rede.
Nunmehr wendet fich die Darfteilung, indem fie zwifchen
der kritifchen und der traditionellen Auffaffung zu vermitteln
fucht, dem Alten Teftament zu. Weiterhin wird
inbezug auf das Neue die Gleichwertigkeit der Synoptiker
und des Johannesevangeliums behauptet und die
Thefe vertreten, daß Jefus dort wie hier gleiche An-
fprüche auf Göttlichkeit erhebe; die in der erften Gemeinde
maßgebende Anfchauung aber von der Offenbarung
fei gewefen, daß alle bisherige göttliche Kundgebung in
Chrifto zufammengefaßt fei. Von der altkatholifchen
Kirche und dem nicänifchen Zeitalter, fowie von deren
Verfuchen, einerfeits die Offenbarung gegenüber den
Gnoftikern als eine hiftorifche ficher zu ftellen, anderes
ftärker anliegt, fich die guten Seiten fremder Syfteme
anzueignen, als fein eignes folgerichtig durchzuführen;
und das Ergebnis ift ein Flickwerk von Ungereimtheiten
' (II, 266). ,Das deutfche Denken ift in Anbetracht
der Verwandtfchaft der beiden Nationen merkwürdig
vom englifchen verfchieden. Was mir aber am meiften
auffällt — es mag das an der Richtung meiner eigenen
Studien liegen — ift, daß fie (die Deutfchen) von Leffing
bis auf Harnack feiten der Gefchichte in ihrem Verhältnis
zur Religion volle Rechnung getragen haben' (II, 256).
Man verlieht wohl am Ende, was gemeint ift, und doch!!

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Bibliographie

von Lic. theol. Paul Pape in Berlin.
jDeutfcbe (Literatur.

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Lindl, E., Die Bedeutung der Affyriologie f. das Alte Tetlament u. unfere
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Jeremias, A., Die Panbabyloniften. Der alte Orient u. die ägyptifche
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Winckler, H., Die jüngften Kämpfer wider den Panbabylonismus. (Im
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