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Ausgabe:

1907 Nr. 1

Spalte:

14-16

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oorthuys, Gerardus

Titel/Untertitel:

De Anthropologie van Zwingli 1907

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. I.

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fich nicht ficher machen: das behauptet der fehr kurze,
nur wenige Zeilen umfaffende § 5, deffen urfprüngliche
Ausführlichkeit bei der Drucklegung ganz reduziert
werden mußte.

In § 6, der Verfaffer und fein Werk, ftellt B. feft,
daß die Überlieferung des Gennadius nicht anzufechten
ift, ein gewiffer Euagrius habe die Altercatio und zwar
wohl, wie aus dem Gennadiuszeugnis zu fchließen ift,
in der 1. Hälfte des 5. Jahrh. gefchrieben. Ein Südgallier
ift der Verfaffer ficher, das beweift fchon die Lifte der
von ihm benutzten Schriftfteller, und er lebte in theolo-
gifch reger Umgebung, vielleicht in Lerinum oder
Maflilia.

Marburg a. H. Rudolf K n o p f.

Brochet, Prof. Dr. J., Saint Jeröme et ses ennemis. Etüde
sur la querelle de Saint Jerome avec Rufin d'Aquilee
et sur l'ensemble de son oeuvre poldmique. Paris, A.
Fontemoing 1905. (XVI, 494 p.) gr. 8°
Das vorliegende Buch behandelt die Kämpfe des
Hieronymus mit feinen verfchiedenen Gegnern. Es zerfallt
in drei Teile: der erfte ift den Streitigkeiten des
Hieronymus bis zum Ausbruch des Origeniftifchen Streites,
vor allen mit Helvidius, Jovinian und den Gegnern feines
Überfetzungswerkes aus dem Hebräifchen, der zweite, um-
fangreichfte dem Origeniftifchen Streit mit Johannes von
Jerufalem und Rufin, der dritte Teil feinem Streite mit
Vigilantius und feiner Beteiligung am Pelagianifchen Streit
gewidmet. Das Buch ift nicht ganz gleichmäßig gearbeitet:
der erfte und dritteTeil find kürzer gefaßt und bringen nichts
wefentlich Neues; auf dem zweite Teil, der mit großer
Gründlichkeit behandelt ift, beruht der Wert des Buches.
Hier hat Brochet mit Umficht alle zur Verfügung flehenden
Quellen für die Darfteilung des Origeniftifchen
Streites benutzt und vor allem die chronologifchen Ver-
hältniffe durch eingehende Unterfuchung, wie mir fcheint,
abfchließend aufgehellt. Darnach ift Rufin 397 aus dem
Orient nach Rom zurückgekehrt und hat fich von dort
399 nach Aquileja begeben. Im Jahre 400 hat er feine
Apologie an Papft Anaftafius und feine Invektiven gegen
Hieronymus gefchrieben, während die unvollendete Schrift
des Hieronymus gegen Johannes von Jerufalem in den
Herbft des Jahres 398 und feine Apologien gegen Rufin
in das Jahr 401 gehören. Was die Beurteilung des Rufin
und Hieronymus in dem Streit betrifft, fo gelangt Brochet
zu einem von dem landläufigen vielfach abweichenden
Refultat. Rufin erfcheint ihm als der eigentlich Schuldige,
der den Streit provoziert, aber fpäter, als ihm die Verketzerung
von dem Papft Anaftafius drohte, feige feinen
Origenismus abgefchworen hat. Der Charakter Rufins
zeigt nach Brochet eine eigentümliche Mifchung von
Borniertheit, Unklarheit, Ehrgeiz und Feigheit, dagegen
hat Hieronymus nach Brochet in dem Streite mit Rufin
fich nicht nur als der ihm weit Überlegenere, fondern
auch gegenüber den perfiden Verdächtigungen feines
alten Freundes trotz aller Leidenfchaftlichkeit als der fitt-
lich höher Stehende erwiefen. Ich hatte, als ich das Buch
von Brochet in die Hand bekam, bereits für den dritten
Band meiner Hieronymusbiographie den Origeniftifchen
Streit fertig geftellt und freue mich der weitgehenden
Übereinftimmung in der Beurteilung der einzelnen Stadien
des komplizierten Streites. Da ich mich dort mit Brochet
über Einzelheiten ausführlich auseinanderfetzen kann, fo
möchte ich hier nur hervorheben, daß ich feiner Beurteilung
Rufins durchaus zuftimme. Wenn man Hieronymus
feinen Abfall vom Origenismus zum Vorwurf macht,
obwohl er nach meiner Meinung nie ein eigentlicher Ori-
genift, d. h. ein Vertreter der dogmatifchen Pofition des
Origenes, war, fo hat Rufin, deffen Treue gegen Ongenes
man immer rühmt, noch weit fchmählicher, wenn auch
fpäter als Hieronymus umgefattelt, nämlich als ihm feine

Verketzerung drohte. Dagegen fcheint mir Brochet in der
Beurteilung des Hieronymus unbewußt einer ftarken Ver-
eingenommenheit zu feinen Gunften nachgegeben zu
haben. Wenn Brochet in der Vorrede fagt, daß er fein
Buch im Geifte wiffenfchaftlicher Unparteilichkeit und
ehrfurchtvoller Bewunderung für die Vergangenheit gefchrieben
habe, fo glauben wir ihm gern, daß er die
Abficht hatte, beiden gleichmäßig gerecht zu werden.
Wenn er aber behauptet, daß er zu dem Refultat gekommen
fei, daß die Heiligen nichts verlieren, wenn man
ihre Menfchlichkeit aufdeckt, ihre Größe an unferem Maß
gemeffen nur noch mehr hervortrete, fo kann ich diefem
Satz für Hieronymus und befonders in feiner Polemik
mit feinen Gegnern nicht zuftimmen. Jedenfalls ift aber
das Buch Brochets ein wertvollen Beitrag zur patriftifchen
Forfchung, wenn es auch, etwas breit gefchrieben, Wiederholungen
nicht ganz vermeidet und nicht frei von Druckfehlern
ift. Wir hoffen dem tüchtigen Forfcher, der vor
kurzem auch ein Buch über die Korrefpondenz des Paulin
von Nola mit Sulpicius Severus veröffentlichte, noch öfter
auf diefem Forfchungsgebiete zu begegnen.

Heidelberg. Grützmacher.

Oorthuys, Gerardus, De Anthropologie van Zwingli. Aca-
demisch Proefschrift (Leiden). Leiden, E. J. Brill 1905.
(XII, 212 S.) gr. 8°

In feinem lichtvollen Effai über Zwingli im Schweizer
reformierten Kirchenblatt 1905 Nr. 38 ff. fagt Wernle nach
Anführung der regen Editionstätigkeit des Zwinglivereins
nicht mit Unrecht: ,Aber was wir bis jetzt im ganzen
mit all diefen Schätzen angefangen haben, ift nicht gerade
viel.' In der Tat ift die Forfchung zur Theologie Zwing-
lis nicht gerade rege, A. Baurs Werk galt als abfchließend
; von neueren Unterfuchungen hat wohl nur
Nagels Arbeit über Zw.s Stellung zur h. Schrift weitergeführt
, da v. Kügelgens ,Ethik Zw.s' nicht tief genug
ging. Um fo freudiger begrüßen wir die vorliegende
Arbeit, die, richtig angefaßt und durchgeführt, unter
forgfältiger Benutzung der Literatur, deutfcher, wie außer-
deutfcher, vor allem der Zwinglifchriften felbft, dieZwing-
liforfchuug weiterbringt.

Verf. beginnt mit einer Skizzierung der Entwicklung
des Reformators. Sein Ergebnis vorwegnehmend, ,daß
Zw.s Anthropologie fehr deutlich Spuren von den verfchiedenen
Geiftesrichtungen und Lehranfchauungen an
fich trägt, die Einfluß auf ihn hatten', zeigt Verf. die-
felben auf. Zunächft den Humanismus, vor allem Erasmus
, nicht fowohl (gegen Sigwart) Picus von Mirandola —
,mag er Picus in vielen Punkten mit Zuftimmung gelefen,
hie und da eine Vorftellung von ihm übernommen haben,
Picus ift doch fein Lehrmeifter nicht' — dann Seneca
und Plato. Weiter die kirchliche Theologie; ihr Einfluß
ift weniger groß, ,Zw. hat fich hier nie zu Haus gefühlt'.
Endlich die Bibel; fie hat ihn zum Bruch mit der Kirche
getrieben. Und wo bleibt Luther? fragen wir ergänzend,
ü. begnügt fich mit der ganz fubjektiv Zwinglifchen
Auffaffung: dien invloed van Luther ontkent hij besäst.
Weit richtiger fagt Wernle (a. a. 0.): ,Eine Revolution
in Zwingiis Denken bringt dann der von Luther neu
entdeckte Paulinismus — bisher hatte Zw. den Apoftel
„erasmifch" verftanden. Der durch die Berührung mit
Luther aufgenommene Paulinismus ift die ftärkfte religio
fe Kraft in Zw.s Theologie'. Wenn nun aber, wie
wir fehen werden, die Zwinglifche Anthropologie z. T.
ganz auf dem Paulinismus ruht, fo war für ihr Verftänd-
nis ein Rückblick auf den diefen an Zw. vermittelnden
Wittenberger Reformator doch unerläßlich. Schade, daß
O. ihn unterließ! Nicht zwar an der Darftellung der
Anthropologie, wohl aber an ihrem genetifchen Ver-
ftändniffe rächt fich die Unterlaffungsfünde.

O. disponiert gefchickt: 1. der Menfch vor dem Fall
2. Der Fall. 3. Der Menfch nach dem Fall. 4. Die