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Ausgabe:

1907 Nr. 10

Spalte:

313-314

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schlatter, Adolf

Titel/Untertitel:

Die philosophische Arbeit seit Cartesius nach ihrem ethischen und religiösen Ertrag 1907

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 10.

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mitgeteilt, daß die reine Presbyterial- und Synodalver- j etwas ausführlicher erörtert wird; der jüngfte Monismus

faffung fich am längften am Niederrhein erhalten hat;
ift denn dem Verfaffer die niederfächfifche Konföderation
unbekannt, in der fie heute noch befteht? S. 200 heißt
es, über den ßezirksfynoden flehen ,die Provinzial- oder
Landesfynoden, und über diefen (welchen?) eventuell die
Generalfynode'; das fieht fo aus, als ob diefe drei Synodal-

und der Agnofticismus.

Bei der Beurteilung tritt befonders deutlich hervor
die ftarke Abneigung gegen den Intellektualismus und
Rationalismus, etwas weniger die gegen den Individualismus
in der Moral; auf der andern Seite die Wertfehätzung
der Empirie, der gefchichtlichen Tatfachen, der Sozial-

flufen über einander häufiger vorkommen, fie finden fich j ethik. Es wird Gewicht darauf gelegt, daß eine Philo-
aber nur in Altpreußen und Öfterreich. S. 206 fagt Ver- | fophie fich als fähig erweife, den Willen zu beftimmen;
faffer, es gibt 37 evangelifche Kirchen im Deutfchen j doch wird der Voluntarismus ausdrücklich abgelehnt.
Reich, wenn die Militärkirchenverfaffung befonders ge- j Unter den in Betracht gezogenen Denkern haben wohl

zählt wird, find's 38'. Das ift aber falfch, denn es gibt
gar keine einheitliche Militärkirchenverfaffung im deutfchen
Reich, vielmehr erfcheint die Militärkirche meift-
hin als befonders organifierter Beftandteil der Landeskirche
. Damit mag es genug fein. Die angeführten
Beifpiele rechtfertigen das Urteil, daß das Buch in feinen
pofitiv rechtlichen Partieen noch forgfältiger Uber-
arbeitung bedarf, um von Unrichtigkeiten und Üngenauig-
keiten befreit zu werden, wodurch die Werfchätzung des
Ganzen jedoch nicht wefentlich beeinträchtigt wird. Der
Schwerpuukt des Buches liegt meines Erachtens in der
Darftellung der Sekten und religiöfen Gefellfchaften —
über die großen Kirchen kann man fich leicht und zu-
verläffig anderswo orientieren — und gerade in diefen

die liebevollfte Behandlung erfahren Malebranche, Baader
und — Herbart. Dagegen erfcheint Kant in wenig
günftigem Licht. Man darf fragen, ob die Befprechung
feiner Erkenntnistheorie und Gotteslehre dem Sachverhalt
ganz gerecht wird; und Referent kann fich des Eindrucks
nicht erwehren, daß der Verf., fo fehr er fich's angelegen
fein läßt, ftets nach Billigkeit fein Votum abzugeben
, hier durch einfeitige moderne Kantinterpretationen
beftimmt wird oder wenigftens durch eine folche, die zu
einer Verfchleierung der möglichen apologetifchen Bedeutung
des betreffenden Syftems inkliniert. Auch die
religiöfen oder fpezififch chriftlichen Elemente in Leibniz'
Gedankenwelt und in der Popularphilofophie des Aufklärungszeitalters
dürften nach Anficht des Unterzeich-

Partien wird zum Teil treffliches geboten. neten einigermaßen unterfchätzt worden fein. Über-

p.. Schoen haupt iff vielleicht ftellenweife der Unterfchied zwi-

t gen. ' fchen Form und Inhalt nicht hinreichend berückfichtigt

und dadurch die Beurteilung irregeführt. Warum follte
Schlatter, D. A., Die philofophifche Arbeit feit Cartefius j beifpielsweife eine Ethik, die in der Geftalt einer

Tugendlehre vorgetragen wird, mit dem Prinzip der
chriftlichen Sittlichkeit der Sa che nach fo fchwer vereinbar
fein? und ift es wirklich an dem, daß Herbart, lediglich
weil er eine feiner moralifchen Ideen formell als .Wohlwollen
' bezeichnet, derjenige Philofoph ift, der dem
Grundgedanken der chriftlichen Ethik mit am nächften
gekommen ift?

Mit derartigen Bedenken foll freilich keineswegs angedeutet
werden, daß das Buch als ganzes irgendwie an
der Oberfläche haften bleibe. Das ift durchaus nicht
der Fall. Ebenfo wenig ift die Anfchauungsweife, die
fich darin kundgibt, eine kleinliche; im Gegenteil! man
lefe nur einmal Exempels halber die von weitreichenden
Gefichtspunkten ausgehende, von großen Gedanken be-
herrfchte Erörterung des Darwinismus. Alles in allem
darf man wohl fagen: die Darfteilung und Beurteilung ift
manchmal fehr einfeitig, niemals engherzig, oft, auch wo
fie ftark zum Widerfpruch reizt, geiftvoll, immer eigenartig
und fcharffinnig. Die Schrift wird kaum von einem
ohne Anregung oder Belehrung gelefen werden,

Eine, allerdings auf völlig Nebenfächliches fich beziehende
, Frage zum Schluß. Als deutfehe Eigentümlichkeit
an Leibniz wird unter anderm angeführt ,die
harmlofe Vergnüglichkeit, mit der er fich an der Welt
freut'. Ift das wirklich, fagen wir einmal im Unterfchied
vom Romanifchen, Merkmal des germanifchen Wefens?
Straßburg i. E. E. W. Mayer.

nach ihrem ethifchen und religiöfen Ertrag. Vorlefungen
an der Univerfität Tübingen gehalten. (Beiträge zur
Förderung chriftlicher Theologie. Zehnter Jahrgang
1906. Viertes und fünftes Heft.) Gütersloh, C. Bertelsmann
1906. (255 S.) gr. 8° M. 4.50

Für manchen mag es eine Überrafchung bedeuten,
dem Verf. diefes Buchs auf dem Gebiet der Philofophie
zu begegnen. Aber auch an fich ift die Schrift nicht
alltäglich.

Als ihre Aufgabe bezeichnet fie felbft einmal die
Darftellung der /Wandlungen', die ,das Gottesbewußtfein
und die Art, wie es die Lebensführung geftaltet' unter
dem Einfluß der Philofophie erfahren hat. Allerdings
führt der Autor dies Programm in ziemlich freier Weife
durch. Er gibt keine ftreng methodifch fortfehreitende,
die einzelnen Stoffteile ftets nach gleichem Schema bearbeitende
Schilderung. Er wendet je nach Gefchmack
und Neigung bald diefer, bald jener Eigentümlichkeit
verftärkte Aufmerkfamkeit zu, unterbricht die Darftellung
durch Reflexionen und Exkurfe, greift vor oder zurück.
Und fo kann man den Inhalt des Buchs vielleicht am
heften ganz allgemein charakterifieren als kritifche Betrachtungen
über die wichtigften Syfteme der Philofophie
und ihre Bedeutung für das religiös-fittliche Leben von
Cartefius an bis auf die Gegenwart.

Zur Befprechung kommt folgendes: Der neue Anfang
des Denkens bei Cartefius; deffen als ,eine notwendige
Hilfskonftruktion zur Weltanfchauung' auftretende
Gotteslehre; die Mathematifierung der Natur durch ihn;
die .neuen religiöfen Anfätze' in der Theorie von der
Wahrheit und vom Sehen fowie in der Theodizee bei den
Okkaiionaliften; die Umgeftaltung des Cartefianismus
durch Spinoza und durch Leibniz; die Popularphilofophie
in Frankreich und Deutfchland; die Gegenwirkung gegen
die Aulklärungsethik; die englifche Kritik der Vernunft,
Hobbes, Locke, Berkeley, Hume; die Gedankenwelt Kants,
feine Erkenntnistheorie, feine Gotteslehre, fein Pflichtbegriff
; Fichte; Sendling; Franz Baader; Hegel; Schleier-

Troeltlch, Prof. D. Dr. Emft, Die Trennung von Staat und
Kirche, der ftaatliche Religionsunterricht und die theolo-
gifchen Fakultäten. Tübingen, J. C. B. Mohr 1907.
(79 S.) gr. 8» M. 1.60

Es ift das alte Thema über Kirche und Staat, das
der Verfaffer hier behandelt; da es ihm aber in diefem
Effay weniger auf die Theorien darüber ankommt als
auf die praktifchen Konfequenzen, die fich aus der neueren
Geftaltung diefes Verhältniffes ergeben oder ergeben
können, fo hat er im Titel gleich die drei akuten^The

macher; Herbart; Schopenhauer und Nietzfche; der Gegen- mata, auf die er hinaus will, neben einander geftellt So"
floß gegen den Spekulativen Kantianismus' in der zweiten fcheint mir der Titel allerdings nicht gerade glücklich
Hälfte des I9ten Jahrhunderts, wobei der Darwinismus gewählt; denn aus jedem der drei Unterteile könnte ein