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Ausgabe:

1907 Nr. 9

Spalte:

281-284

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Elsenhans, Theodor

Titel/Untertitel:

Fries und Kant. Ein Beitrag zur Geschichte und zur systematischen Grundlegung der Erkenntnistheorie 1907

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 9.

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Polemik zu trennen und den Unterfchied der Zeiten zu
würdigen weiß, und in feinem Intereffe an Zufammen-
hängen, das über den hiftorifchen Atomismus hinausdrängte
und das Verftändnis für hiftorifche Idee und den
Entwicklungsgedanken vorbereitete (S. 215 fr.). Mosheims
epochemachende Bedeutung für die kirchengefchichtliche

oriftifchen Grundfätze nur durch pfychologifch-anthropo-
logifche Unterfuchungen aufgezeigt werden können. So
bildet das Eingangstor zur Philofophie die Disziplin der
,philofophifchen Anthropologie', die ein Teil der empiri-
fchen Pfychologie ift. Sie vermag die aprioriflifchen
Erkenntnisprinzipien weder zu fchaffen noch zu begrün-

Disziplin erkennt daher auch Heuffi an; auch feine j den, wohl aber fie nachzuweifen und zu Bewußtfein zu
Gründlichkeit, die fchon im 18. Jahrh. mehrfach an- | bringen. Kap. II erörtert die .pfychologifchen Grund-
gefochten wurde. Richtig hebt auch Heuffi Mosheims j begriffe der Friefifchen Philofophie'. Es laffen fich drei
Vorliebe für die Mittelftraße hervor, die ihn vor fchroffer i ,Vermögen' unterfcheiden: Erkenntnis, Gemüt und Tat-
Orthodoxie und Pietismus bewahrte und gegen Schwärmer- | kraft; innerhalb jedes Vermögens drei ,Bildungsftufen'
tum und radikale Aufklärung eine ftarke Abneigung j und auf jeder der letzteren wieder zwei zufammenwirkende
empfinden ließ. Den Atheismus hat er durch das | Faktoren, Spontaneität einerfeits und Rezeptivität ander-
Systema intellectule universitatis, eine mit Anmerkungen feits. Kap. III befpricht die Sinnesanfchauungen, die
und Abhandlungen verfehene Überfetzung des Werkes ; äußeren und inneren, und zeigt, auf welche Weife bei

von Ralph Cudworths, bekämpft. Bezeichnend ift auch
Mosheims Antrittsrede als Göttinger Kanzler De odio
theologico, die den Vorurteilen gegen einen theologifchen

denfelben Spontaneität und Rezeptivität beteiligt find. In
diefen Zufammenhang gliedert fich ein Vergleich des
Friefifchen und Kantifchen Apperzeptionsbegriffs ein.

Kanzler begegnen follte. Heftige Angriffe pflegte er Kap. IV befchäftigt fich mit der Einbildungskraft und
gar nicht oder nur durch andere zu beantworten. Alles mit deren Bedeutung für die fynthetifche Einheit in Raum
Derbe war feinem Wefen fremd (S. 147). — Das Bild, und Zeit, die Herftellung des .Schemas' und die Ent

das Heuffi von ihm gezeichnet, wird man als richtig anzuerkennen
haben. — Eine ,Poetifche Befchreibung der
Mosheimifchen Verdienfte, da er nach Göttingen als
Kanzler der Akademie abgegangen war', von G. J. Märk
(Wismar 1749) möge noch zu erwähnen bei diefer Gelegenheit
geftattet fein.

Göttingen. N. Bonwetfch.

Elfenhans, Priv.-Doz. Dr. Theodor, Fries und Kant. Ein

Beitrag zur Gefchichte und zur fyftematifchen Grundlegung
der Erkenntnistheorie. 2 Teile. (I. Hiftorifcher

ftehung des Irrtums. Sehr umfangreich ift Kap. V ausgefallen
, das ja auch ein innerhalb des Friefifchen Syftems
äußerft wichtiges Thema behandelt: die ,Reflexion'. Diefe
wird abgegrenzt gegenüber der Anfchauung, der Einbildungskraft
, dem Verftand, der Vernunft und als eine
Art des willkürlichen Vorftellens fowie als .mittelbare',
mit der unmittelbaren nicht zu verwechfelnde, Erkenntnis
beftimmt. Ihre wefentlichen Hilfsmittel (Vergleichung
und Abftraktion) und ihre .Formen'(Begriff, Urteil, Schluß,
Syftem) werden dargelegt und im Anfchluß daran der
bedeutfame Unterfchied zwifchen der ,anthropologifchen
Logik' (eben der ,Befchreibung der Formen des Denkens')
und der ,analytifchen Erkenntnis' als eines Teils der

Teil. Jakob Friedrich Fries als Erkenntniskri-

J ,philofophifchen Logik'klargeftellt. Unter dem Titel ,das

tiker und fein Verhältnis zu Kant. — 11. Kntiich- , iogifche Ideal der Reflexion' wird des weiteren auf die
Syftematifcher Teil. Grundlegung der Erkennt- j Begriffe .Beweis', .Demonftration' und .Deduktion' und
n i s th eorie als Ergebnis einer Auseinanderfetzung mit i das Verhältnis des letzteren zu Kants metaphynTcher,

fubjektiver und tranfzendentaler Deduktion eingegangen;
ebenfo unter dem Titel ,der Fortfehritt der Reflexionserkenntnis
' auf Spekulation und Induktion. Sehr beachtenswert
ift endlich Kap. VI, das es mit der unmittel-

Kant vom Standpunkte der Friefifchen Problemftellung.)
Gießen, A. Töpelmann 1906. (XXVIII, 347 u. XV, 223
S.) gr. 8° M. 13 —

Der Kampf zwifchen .Tranfzendentalismus' und ,Pfy- baren Erkenntnis der Vernunft, insbefondere mit dem
chologismus' fängt nachgerade an unerquickliche Formen j Wahrheitsgefühl als deren Merkmal, mit der fyftematifchen
anzunehmen. Nicht nur, daß unter denfelben Flaggen | Uberficht der in ihr vorhandenen Formen und mit der
oft recht verfchiedene Gegenfätze ausgefochten werden, .Deduktion' diefer Formen zu tun hat. Hier werden die
weshalb denn fortwährend über Mißverftändniffe und j höchften Gipfel der Friefifchen Philofophie erftiegen; hier
Verwechflungen geklagt wird, und beifpielsweife eifrige tritt die .durchaus fubjektive Wendung' derfelben wohl
Verteidiger der tranfzendentalen Methode es fich gefallen ; am deutlichften zutage; und es bieten fich wiederum
laffen müffen, post actum des vulgären Pfychologismus zahlreiche Gelegenheiten zu Rückblicken auf die Aufbezichtigt
zu werden; auch die Tonart, in der die Dis- faffung Kants.

kuffion geführt wird, ift neuerdings ftellenweife eine auf- Das Ganze bildet einen intereffanten Beitrag zur

fallend gereizte und fachlicher Auseinanderfetzung weder Gefchichte der Erkenntnistheorie und rechtfertigt den
förderlich noch angemeffen. Angefichts deffen empfiehlt 1 Jenenfer Denker gegen mehr als eine vorfchnelle Anklage,
fich das vorliegende Werk, dem präludierend eine Differ- j ohne jedoch einer kritiklofen Bewunderung feines Syftems
tation über das ,Kant-Friefifche Problem' (Heidelberg, zu verfallen. Im erften Augenblick könnte man vielleicht
ICX)2) voraufgegangen war, von vornherein mindeftens j verflicht fein zu beklagen, daß der Verf. fich dem Sche-
durch die begonnene Ruhe und maßvolle Haltung, mit j matismus Fries', der faft noch läftiger wirkt als der
der es, an berühmte gefchichtliche Paradigmen anknü- | Kantifche, fo ftark anbequemt hat. Darunter leidet nicht
Pfend, in die Debatte eingreift. bloß bisweilen die Klarheit und Überfichtlichkeit der

Der Verf. bezeichnet felbft feine Aufgabe als eine j Darftellung; es Hellen fich auch hier und dort Wiederdreifache
: eine .eingehende Darfteilung' der Friesfchen j holungen ein. Auf der andern Seite ift aber nicht zu
Erkenntnistheorie zu geben; .Beiträge zum Verftändnis ; vergeffen, daß Fries, indem er dasfelbe Thema an ver-
der Philofophie Kants zu liefern'; endlich, von dem Ver- < fchiedenen Stellen behandelt, lieh gelegentlich widerlich
der beiden Denker ausgehend, die wichtigften fpricht, fo daß die Rückfichtnahme auf die einzelnen
'Eragen der Methode', diejenigen der Erkenntnistheorie, Fächer und Rubriken für eine gewiffenhafte Berichter-
.einen oder den andern Schritt weiter zu führen'. j ftattung unumgänglich war.

Der Erledigung der beiden erften Aufgaben ift der J Kürzer und einfacher als der erfte Band ift der
ein-e Band gewidmet. Der Inhalt kann hier nur durch zweite, der als .kritifch-fyftematifcher Teil' eine .Gründete
fummarifche Andeutung der Hauptbeftandteile ge- ; legung der Erkenntnistheorie' darbietet. Er zerfallt in
kennzeichnet werden. Kap. I charakterifiert das Verfahren drei Kapitel. Im erften ftellt fich der Verf., anknüpfend
Pnes' im allgemeinen. Dasfelbe fußt bekanntlich auf an Fries' Lehre einer .unmittelbaren Erkenntnis', die Auf-
der gegen Kant gerichteten Vorausfetzung, daß die apri- j gäbe, die Vorausfetzungen der Erkenntnistheorie feftzu-