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Ausgabe:

1907 Nr. 9

Spalte:

279-281

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heussi, Karl

Titel/Untertitel:

Johann Lorenz Mosheim. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte des achtzehnten Jahrhunderts 1907

Rezensent:

Bonwetsch, Gottlieb Nathanael

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279

Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 9.

280

Nunmehr liegt die zweite Auflage vor. Sie ift Ad. Haus- j Heuffi entdeckte in der Wolfenbütteler Bibliothek einen

rath gewidmet und darf fleh mit Recht eine verbefferte
und vermehrte Auflage nennen. Aus 563 Seiten find 619
geworden. Die Vermehrung ift dem forgfältig ausgearbeiteten
Kommentar zugute gekommen, wo überall
auf den neueften Stand der Forfchung und die neuefte
Literatur, wie Benrath, Luther im Klofier, Schulte, die
Fugger in Rom, Barge, Andr. Bodenftein, Preuß, die
Vorftellungen vom Antichrift, Bezug genommen ift.
Manche Erläuterung wurde genauer gefaßt, wie z. B.

Band mit 45 bisher völlig unbekannten deutfehen Briefen
Mosheims und hat auch (neben den fchon von anderen
herangezogenen) den bisher nicht benutzten Briefwechfel
mit Heumann in Göttingen, Wolf in Hamburg und de la
Croze in Berlin und die Korrefpondenz Mosheims mit
Gottfched verwertet. Diefe Briefe zeigen uns die wiffen-
fchaftlichen Neigungen jener Tage, die Freude am fprach-
lichen Ausdruck in den Kreifen der Gelehrten, aber auch
die Eigenart Mosheims. Wir nehmen hier feine Form-

Bulle S. 475, Anm. 32, manches neu erklärt, wie S. 468 | gewandtheit und die Züge feiner Urbanität und feiner
Anm. 20 eyd. Zu den bisherigen Bildern ift ein weiteres | ftets betätigten Befcheidenheit und Friedensliebe wahr,
von Mathefius gekommen. Hält auch Loefche daran aber auch, wie Heuffi S. 145 mit Recht bemerkt, daß er
fett, daß es mit diefer Lutherhiftorie als Volksbuch längft ,eine komplizierte Natur' war und ,die Worte abzuwägen
und für immer vorüber fei, im Kreife der Gebildeten 1 und ihre mögliche Wirkung zu berechnen' verftand, da-
greift man doch gern, wie das Bedürfnis einer zweiten I her er auch felbft gegen die Freunde ftets eine gewiffe
Auflage zeigt, zu der treuherzigen Erzählung des be- ! Zurückhaltung bewahrte. Für feinen Charakter gibt doch
geifterten Lutherfchülers, deren Genuß und Verftändnis j den beften Beweis, daß er den Widerftand, auf den er
in der fchönen Ausgabe Loefches ungemein erleichtert zunächft überall fließ, in Sympathie und Verehrung zu
ift. Gewiß wird fie dankbar von allen denen benützt, i wandeln verftand. Eigentümlich ift Mosheim ebenfo eine

welche Lutherpredigten für ein Bedürfnis unferer Zeit
erachten. Man wird auch darauf rechnen dürfen., daß

außerordentliche Vielfeitigkeit feiner Studien und Be-
ftrebungen, wie eine befondere Beanlagung für kirchen-

Loefches Hoffnung nicht trügt, daß feine Ausgabe fleh ' hiftorifche Forfchung. Nur einen Teil der wiffenfehaft-
für Seminarübungen mit Theologen und Germaniften liehen Aufgaben, die er fich geftellt, hat er auch wirklich
dienlich erweifen werde. Mit befonderer Freude aber I zu löfen vermocht, aber Heuffi bewundert doch S. 172

ift es zu begrüßen, daß die Gefellfchaft zur Förderung
deutfeher Wiffenfchaft, Kunft und Literatur in Böhmen,
dem vielumftrittenen Land, die Herausgabe von Mathefius
' ausgewählten Werken und vor allem der Lutherpredigten
veranlaßt hat.

mit Grund die Menge gelehrter Arbeit, die Mosheim bewältigt
hat. Es kommt dazu feine, wohl durch Über-
anftrengung in den früheren Jahren hervorgerufene, Kränklichkeit
und die mit den zahlreichen in Helmftedt von
ihm bekleideten Nebenämtern verbundene Tätigkeit
Nabern G Boffert I%0)- Mosheim muß eine gewiffe Freude an den Aufgaben
der Verwaltung und an der Organifation gehabt
haben. Seine Entwürfe für die Organifation des wiffen-
fchaftlichen Betriebs an der Göttinger Univerfität weifen
darauf hin. Auch liebt er es, fich über methodifche
Fragen auszufprechen (Heuffi S. 103); er hat auch eine
Umgeftaltung fpeziell der kirchenhiltorifchen Forfchung
wefentlich mit herbeigeführt. Am gefeiertften war er
zunächft als Prediger, obwohl er nur bei befonderen Gelegenheiten
Anlaß hatte, fich als folcher zu betätigen.
Schon feine Sprache, ausgezeichnet ,durch Fluß und
Ebenmaß, Lebendigkeit und Bilderreichtum' (S. 115), gewann
ihm den Beifall. Die Einfeitigkeiten der pietiftifchen
wie der Wolfffchen Predigtweife wußte er zu vermeiden;
dabei find ,die erden Predigten fchon fo vollendet wie
die fpäteren' (S. 116). Mosheims Sittenlehre veranlaßte
Geliert zu der Erklärung, man werde das Zeitalter des
guten Gefchmacks in der deutfehen Beredtfamkeit das
Mosheimifche nennen. Später hat man fcharf über fie
abgeurteilt. Heuffi macht doch mit Grund geltend, daß
fie eine fydematifche Leidung gar nicht fein wollte, und
daß fie fich, obwohl intellektualidifchen Gepräges, doch
frei halte von dem darren Formalismus der Wolffianer.
Schon die Art ihrer Entdehung (vgl. meinen Art. über
Mosheim Prot. Realenc.3 13, 505, 46ff.) fchloß eine be-

Heussi, Dr. Karl, Johann Lorenz Mosheim. Ein Beitrag
zur Kirchengefchichte des achtzehnten Jahrhunderts.
Tübingen, J. C. B. Mohr 1906. (VI, 237 S.) gr. 8°

M. 6 —

Der Zeit der Vorbereitung und der Anfänge der
Aufklärung hat fich die jüngde Forfchung zuzuwenden
begonnen. Da mußte auch die hervorragende und feiner
Zeit fo gefeierte Perfönlichkeit Mosheims daß lntereffe auf
fich lenken. Der Verfaffer der vorliegenden Biographie
hat feinen Beruf zu ihr fchon durch feine lehrreiche
Schrift ,Die Kirchengefchichtfchreibung Johann Lorenz
von Mosheims' 1904 und feinen Auffatz ,Zur Lebens-
gefchichte Johann Lorenz von Mosheims' (Zeitfchr. d. Gef.
für niederfächf. Kirchengefch., Bd. 10, 1905) erwiefen.
Ließ die letztere Abhandlung eine zu lehr ins Breite
gehende Darflellung befürchten, fo hat Heuffi doch diefe
Gefahr, die vielleicht bei dem 18. Jahrhundert geltenden
Schilderungen befonders nahe liegt, zu vermeiden ver-
danden. Auch Wiederholungen find nur feiten (z. B.
S. 165 und 192). Heuffi id bedrebt gewefen, ein allfeitiges
Bild der Perfönlichkeit, des Lebens und Wirkens Mosheims

zu geben. Er hat dazu nicht nur die zahlreichen eigenen < deutende fydematifche Leidung aus. An dem Exegeten
Schriften Mosheims durchforfcht, fondern id auch allem Mosheim dagegen rühmt Heuffi die gründlichen philolo-
nachgegangen, was aus gedruckten Berichten und Brief- I gifchen und hidorifchen KenntnifiV und den ,feinen exe-
fammlungen, wie aus den Archiven zur Kenntnis Mosheims j getifchen Takt, mit dem er das Wefentliche herausfielt
entnehmen ließ. Warmes lntereffe für diefen hat
die erforderliche Kritik nicht ausgefchloffen; die vielfache
Förderung der Wiffenfchaft durch Mosheim wird ebenfo
dargetan, wie die Grenzen, die ihm gezogen waren, erkannt
werden. Richtig wird (S. 224) betont, wie Mosheim
an der Wende zweier Zeiten deht: er id perfönlich überzeugter
Lutheraner und doch die Aufklärung vorbereitend
(S. 231 ff.), ein entfehiedener Gegner der Wolfffchen Philo-
fophie und gemahnt doch z. B. durch die Tendenz feiner
Predigten, .ordentlich und deutlich zu fein' und ,richtig
und gründlich zu beweifen/ und durch ihren eudämo-
nidifchen Zug an das Zeitalter Wolfis (S. 112 ff). Den
beden Einblick in Mosheims Leben gewährt, was von
feiner ausgedehnten Korrefpondenz noch erhalten id.

zufinden verdand (S. 188). Doch hat Mosheim Kommentare
nur zum X. Korintherbrief und zu den Briefen an
Timotheus veröffentlicht. Um fo umfangreicher war
feine fchriftdellerifche Tätigkeit auf kirchenhidorifchem
Gebiet. Befonders im letzten Jahrzehnt feines Lebens
folgen umfaffende Werke rafch aufeinander: feine Ketzer-
gefchichte, feine Commentariide rebus Christianorum ante
Const. M. und feine Institutiones der Kirchengefchichte.
Heuffi weid hin auf Mosheims Beobachtungen über den
Piatonismus der Kirchenväter und den Einfluß der ori-
entalifchen Philofophie und erblickt feine Bedeutung als
Kirchenhidoriker in feinem mit Kritik verbundenen Zurückgehen
auf die Quellen, in der pragmatifchen Methode,
in der wiffenfehaftlichen Objektivität, die Gefchichte und