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Ausgabe:

1907 Nr. 9

Spalte:

275-277

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Leclercq, Dom Henri

Titel/Untertitel:

L‘Espagne chrétienne 1907

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 9.

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Commentare angeht (S. XXVI—XXIX), fo hat Br. für den 1 fchichte Spaniens gemacht (Die Kirchengefchichte von
zweiten das Jahr 509 (bezw. fchon 508) ermittelt, die Ab- | Spanien, 3 Bde. 1862—1879). Und doch wäre eine neue

Löfung der fchwierigen, aber dankbaren Aufgabe ein
wiffenfchaftliches Bedürfnis. Freilich liegt die lokale
Forfchung in Spanien noch fehr im argen; die Schätze
der Bibliotheken und Archive find noch nicht genügend
gehoben; namentlich ift die Gefchichte der fpanifchen
Chriften im Mittelalter, foviel ich weiß, bisher über Gebühr
vernachläffigt worden. Soweit ich mich in Spanien,
in Archiven, Bibliotheken ufw., umgefehen habe, glaube
ich urteilen zu dürfen, daß auf diefem Gebiete noch
ordentlichen Schwankens der Hff. in der Wiedergabe ! außerordentlich viel zu finden und zu arbeiten ift.
der Überfchriften beider Werke (III. De titulo utriusque j Anders fleht es mit dem Zeitraum, den das vorliegende
commentarü, S. XXIX—XXXV) fleckenden Schwierigkeit j Buch behandelt: von den Anfängen des Chriftentums in
verweift Br. auf eine fpätere Zeit, in der nach forgfältiger 1 Spanien bis zur arabifchcn Invafion (711). Hier ift fchon
Prüfung aller älteren Hff. hoffentlich eine klare Einficht ! foviel gearbeitet worden, daß man zweifeln kann, ob
in die Gefchichte und die Einteilung der Werke des [ noch viel neues Material (abgefehen vielleicht von dem
Boethius gewonnen werden wird. Wie wir es bei den j archäologifchen) zu finden ift. Darum ift es ficherlicli

faffung des erfteren fcheint einige Jahre nach 50x3, aber
nicht fehr viel früher als die des zweiten erfolgt zu fein:
ein Zeitanfatz, betreffs deffen Brandt fich mit E. K. Rand
und feiner in den Jahrb. f. klaff. Phil. Supplbd. XXVI
(1901) S. 407—461 veröffentlichten, von mir in Hilgenfelds
ZfwTh. XLV, S. 586—588 befprochenen Schrift ,Der dem
Boethius zugefchriebene Tractat de fide catholica' in
einem II. Excursus (S. LXXIX—LXXXII) eingehender
auseinanderfetzt. Für die Löfung der infolge des außer-

Wiener Kirchenväter-Ausgaben gewohnt find, find diefe
auf einer breiten, nach jeder Richtung hin forgfaltig
geprüften und gerichteten handfchriftlichen Grundlage
aufgebaut. Auch diefer erfte Band der neuen Boethius-

fchon an der Zeit, eine zufammenfaffende Darfteilung zu
liefern. Leclercq hat mit guter Benutzung der Quellen
und auch der einfchlägigen Literatur ein im ganzen
anfprechendes Buch geliefert, das für die Zwecke der wohl

Ausgabe bietet in diefer Hinficht eine Mufterleiftung. ' für ein breiteres Publikum berechneten Sammlung ge-
Die Rechenfchaft, die der Herausgeber (IV.) ,De codici- , nügend zu fein fcheint. Auch in der Anwendung einer
bus rationibusque criticis~ (S. XXXV—LXIV), und zwar j gefunden Kritik zeichnet es fich wenigftens vor denen

1. über die ^Codices commentarü prioris' (S. XXXII—XLII), fpanifcher Autoren, älterer fowohl wie jüngerer, vorteilhaft

2. die ^Codices commentarü posterioris1 (S. XLII—XLVI), j aus. Das macht fich fofort in den Ausführungen über die

3. die ^Codices Isagogae separatae1 (S. XLVI—XLVIII) | Anfänge des Chriftentums in Spanien bemerkbar. Über
und endlich 4. über fein kritifches Verfahren [De ratio- die fpanifche Reife des Apoftels Paulus bringt L. nur das,
nibus criticis S. XLVIII—LXIV) gibt, — d. h. alfo der ! was die Quellen fagen; zu den Legenden über S. Jago de
Teil feiner Arbeit, auf deffen Einzelheiten hier näher Compoftella verhält er fich fchlechthin ablehnend. Auch
einzugehen nicht der Ort ift — ift eine fo erfchöpfende, | fonft finden fich für einen Benediktiner höchft beachtens-

daß es fchwer fein dürfte, an die Stelle diefes klaren
Bildes der Überlieferung und diefer mit fo überzeugender
Sicherheit entwickelten Grundfätze der Textgeftaltung
etwa irgend welche andre fetzen zu wollen. Dem Herausgeber
und feinem wackeren Vorgänger Schepß, in deffen
Fußtapfen er getreten, gebührt hierfür befonderer Dank.
In dem V. Abfchnitt ,De Isagogae commentariis posteri-
oribus glossisqud (S. LXV— LXX) fcheint mir die durch
Br. von neuem zur Erwägung geftellte Frage von Wichtigkeit
, inwieweit an den Glossae des Codex Sangerm. und
einem damit nahe verwandten Commentar der Ifagoge
im Codex Monac. 14779 etwa Abälard, denen Namen die
erfteren tragen, beteiligt ift. ,Sed utrum Abaelardus,
fagt Brandt S. LXVII, prior fuerit et a commentatore co-
dicis Monacensis nonnullis locis mutatis uel omissis uel
additis pro duce atque auctore habitus an contra ipse eo
commentario usus sit, cuius exemplum postea, sed multo
breuius confectum in codice Monacensi extet, neque
Schepssius diiudicat neque ego, praesertim cum luepai-tes
tantum codicis exscripsei-it, diiudicabo.' Ich verweife u. a.
auch auf Deutfehs ,Peter Abälard, ein kritifcher Theologe
des zwölften Jahrhunderts* (Berlin 1883), S. 80/81 u. a.a.O.
Ein VI. Abfchnitt ,De editionibus' (S. LXX-LXXVII)
befchließt Brandts Prolegomena. Und darauf folgt der

werte Urteile, fo wenn er über das 4. Jahrhundert mit
feinen dogmatifchen Kämpfen urteilt (p. m): II n'est
pas facile de rencontrer dans toute Vhistoire de tEglise
une periode plus mortellement ennuyeuse que celle-ci,
remplie de chicanes theologiques, d'intrigues de cour, de
disputes d'interets sordides. (Ich darf bemerken, daß mir
das vierte Jahrhundert, je mehr ich es kennen lerne mit
feinen konkurrierenden und einander bekämpfenden Kräften
, je mehr ich es vor allen Dingen kennen lerne als Grundlage
für die mittelalterlichen Bildungen, als eine der
intereffanteften Perioden der Gefchichte der Kirche er-
fcheint.) Auch ift L. freimütig genug zu bekennen, daß
die Kirchengefchichte Spaniens im Grunde des großen,
umfaffenden Intereffes entbehrt. (Ich weiß nicht, ob das
richtig ift. L. hat felber darauf hingewiefen, daß trotz
Invafionen von Barbaren und Arabern der Nationalcharakter
der Spanier erhalten geblieben wäre; und die
frühefte Kirchengefchichte des Landes, das den Geift des
Jefuitismus hervorgebracht hat, follte des allgemeinen
Intereffes entbehren?) L.s Buch ift fehr flüffig und
gewandt gefchrieben. Er fpricht in dem einleitenden
Kapitel von den Quellen; die bibliographifchen Angaben
find mitunter ungenügend; dankenswert ift es, daß auch
die monumentalen Reite berückfichtigt find. Die gefchicht-

Text, und zwar I. Anicii Manlii Severini Boetliii in Isa- liehe Darfteilung ift in 6 Kapitel geteilt: I. Les origines
gogen Porphyrii commentorum editioprima in zwei Büchern, a la paix de l'ltglise. 2. Osius de Cordoue. Prudence.
S. 1—132, und II. die editio secunda in 5 Büchern, S. 133— : 3. Priscillien et le Priscillianisme. 4. Les invasions. 5. Con-
348. Reichhaltige Indices, L Loci scriptorum (S. 349/350), Version de PEspagne visigotläque. 6. Les dernieres annies.

II. Index nominum et verum memorabilium (S. 350—354), ; L'invasion bar bare. Man lieht fchon aus diefen Kapitelüber-

III, Index verborum rerumque grammaticarum notabüium ; fchriften, daß wir es mehr mit einzelnen Bildern, als mit
(S. 354—423), IV. Indexgraecus (S. 423), befchließen den einer unter einem einheitlichen Gefichtspunkte gefchrie-
ftattlichen Band. benen Darftellung zu tun haben. Der Grund dafür liegt in

Wandsbeck. Johannes Dräfeke. der Befchaffenheit unferer Quellen; aber vielleicht wäre es

doch möglich gewefen, eine größere Einheitlichkeit zu erzie-

Leclercq, Dom H., L'Espagne chretienne. (Bibliotheque len, wenn der politifchen Gefchichte ein geringerer Raum

de l'enseignement de l'histoire ecclesiastique.) Paris, j gegeben worden wäre. Der Arianismus ift fehr wenig

V. Lecoffre 1906. (XXXV, 388 p. av. 1 Charte.) 8° au feiner Rechnung gekommen; der Gegenfatz zwifchen

7 , einheimilcnen Spaniern und Germanen, Arianismus und

r- 3-5° Katholizismus, und die daraus fich ergebenden Konflikte

Seit dem Benediktiner P. B. Garns hat fich niemand find nur berührt; die Frage, warum der Katholizismus

an eine zufammenfaffende Darftellung der Kirchenge- • dem Arianismus überlegen war, kaum geftreift. Ausführ-