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Ausgabe:

1907

Spalte:

262

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Löhr, Max

Titel/Untertitel:

Sozialismus und Individualismus im Alten Testament 1907

Rezensent:

Giesebrecht, Friedrich

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 9.

262

Tempels, als die Erinnerung an die Tat Edoms noch
frifch war, und als diefes noch beftand, was zur Zeit
Maleachis nicht mehr der Fall war.

Wenn nun auch an der Exegefe W.s Vieles auszu-
fetzen ift, fo muß doch zugeflanden werden, daß er ein
feines Sprachgefühl befitzt, vgl. z. B. feine Beobachtung
zu Hof. XI, 3, daß von Gott nie ^riWlT in der Mehrzahl
gebraucht wird; daß man mit Marti nicht Dxlpifi Ipiffiri
Joel IV, 13 ftreichen darf, weil dann die Symmetrie (drei
Teile zu je 5 Wörter) zerftört wird; daß ttfiOb Ob. 21
nicht die Bedeutung ,richten', fondern ,verdammen' hat
(vgl. I Sam. III, 13) ufw. Auch manche gute gramma-
tifche und fyntaktifche Bemerkungen find hier enthalten
(fo über ans» Hof. II, 7; über Ott) ib. 17; über TTO ib.
III, 2; über bam ib. XI, 3 ufw.), fo daß das Studium
feines Kommentars jedenfalls von vielem Nutzen ift.
Hervorgehoben fei auch fein fchöner, fchlichter hebräifcher
Stil und das Heranziehen nicht nur der talmudifchen
Literatur, fondern auch der mittelalterlichen hebräifchen
Poefie, wie z. B. der Gedichte Jehuda Hailewis.

Einen Gegenfatz zu W. bildet Chajes mit feinem
Kommentar zu Arnos, von dem die ausführliche Einleitung
und die erften vier Kapitel fchon früher anderweitig
erfchienen waren (f. Zeitfchr. f. hebr. Bibliogr. X, 66). Er
ftützt fich meiftens auf Wellhaufen und, was die poetifche
Form anbelangt, auf D. H. Müller, und nimmt auch mit
den meiften modernen Exegeten Zufätze an (wie z. B.

I, 9—12; II, 4—5; IX, Ii —15 ufw.), von denen er glaubt,
daß fie zum größten Teil von Jeremia, oder von einem
feiner Zeitgenoffen hinzugefügt worden find. Die Emendationen
überwuchern hier nicht in dem Maffe, wie in
dem Pfalmenkommentar, doch begegnet man ihnen oft.
Viele davon find aber unnötig oder unannehmbar. So
die von atrP I, 5. 8 in DBIÜ, nach Analogie von II, 3,
da hier DB5D eine Parallele zu irn© bildet (vgl. Micha
VII, 3: mb»n DBiCrYl bxil» non). — IV, 12 a kann nicht
TO in TtO emendiert werden, da diefes Verbum in dem
hier gebrauchten Sinne nirgends mit b, fondern mit dem
Akkuf. konftruiert wird (f. Jer. V, 18. XXX, II; Ez. XI,
13. XX, 17); außerdem fcheint ttttjyst TO ohne nähere
Ausführung eine gebräuchliche Redensart gewefen zu
fein, vgl. I Sam. XXV, 22: TTI OR^i Q-|b» TO'. —
Ebenfowenig ift es nötig S^DDH V, 9 in TOM»! zu ver-
beffern, da 533 allein die Bedeutung von ,ftark fein, fich
ftärken' (fo Pf. XXXIX, 14; Hi. IX, 27. X, 20; dann
^rwbrha Jer. VIII, 18 .meine Stärkung, Kräftigung') oder
Ttark machen, fiegen laffen' (fo hier in Arnos) hat, wie
dies fchon Targum und die alten jüdifchen Kommentare
erklären. Es ift daher auch nicht mit fondern

vielleicht, durch Metathefis, mit ^Xs. zufammenzuftellen
(über die Entfprechung von 5 und £ f. das Zitat aus ibn
Barüns Kitäb al-muwäzana, der 510 mit £k. zufammen-

geftellt, bei Eppenftein, re] 52, 195) ufw. Dagegen ift
die Emendation von HB10 OYO I, 14 in -|B5S5 DTO (vgl.
Zeph. I, 16) und von VH»a IX, 10 in VHjB} (mit Berufung
auf Jef. XXXIX, 8) wohl zuläffig. Von anderen
Erklärungen Ch.s fei hervorgehoben die von *P5am I, II
als Plural von Dm .Schoß' (fo daß 5i»m nn©5 f. v. a.
TrYTifi 2>p2 bedeuten würde), die Ausführungen über die
vielleicht von Arnos felbft herrührenden Dubletten in

II, 14—16 und über die tendenziöfe Änderung feitens
des Hohepriefters von DSm^ rra VII, 9 in D53T1 ib. II.

Das Buch Jona endlich ift von Kahana felbft erklärt,
aber fehr kurz. Gegen Böhme und Schmidt (ZATW
VII, 224 ff.; XXV, 285 ff.) verteidigt er die Einheit des Buches
(doch find ihm die Ausfuhrungen Halevys, Revue semi-
tique 1906, 23 ff. unbekannt geblieben), nur gibt auch er
z-u, daß der Pfalm II, 3 —10 nicht zum urfprünglichen

•) Einige nachträgliche Bemerkungen zu feinem Kommentar giebt
c.. 'n ^'"z'-r/a israelitica III, 1906, 211—212, wo er auch die hier angeführten
Emendationen nochmals verteidigt.

Beftandteil gehört. Auf die fpäte Abfaffungszeit weift u. a.

nrnn III, 3 hin; üto -muri o I, 10 und 'wy-ra 5b borö

IV, 6 find Randgloffen eines Lefers, die in den Text gedrungen
find (vgl. Wellhaufen und Nowack z. St.). Die
mythologifche Seite des Verfchlingens Jonas durch den
Fifch (vgl. jetzt das intereffante und auffchlußreiche Buch
von Hans Schmidt, Jona, Göttingen 1907) wird von K.
gar nicht berührt.

Man fieht nun, daß die Mitarbeiter nicht nach einem
einheitlichen Plan gearbeitet haben, aber trotz aller Aus-
ftellungen verdient das Unternehmen Kahanas als erfter
Verfuch diefer Art volle Anerkennung, umfomehr, als
viele hebräifche Lefer wohl aus diefem Kommentar zuerft
über die Ergebniffe und Ziele der modernen Bibel-
forfchung erfahren werden. An der zweiten Hälfte des
Dodekapropheton, die demnächft erfcheinen foll, werden
fich außer Wijnkoop (Micha) noch beteiligen: A. Sar-
fowsky-Wiborg (Nahum u. Haggai), D. Künftlinger-Krakau
(Habakuk), M. L. Margolis-Cincinnati (Zephanja u. Male-
achi) und Schreiber diefer Zeilen (Zacharja).

Warfchau. • Samuel Poznanski.

Löhr, Prof. D. Dr. Max, Sozialismus und Individualismus
im Alten Teftament. Ein Beitrag zur altteftamentlichen
Religionsgefchichte. (Beihefte zur Zeitfchrift für die
altteftamentliche Wiffenfchaft. X.) Gießen, Alfred
Töpelmann 1906. (36 S.) 8° M.— 80

Löhr geht in diefer kleinen Schrift zunächft von dem
Satze W. R. Smiths {Religion of the Semites) aus: ,Das
Subjekt einer Religion bei den Semiten war eine durch
wirkliche oder vermeintliche Blutsverwandtfchaft zu-
fammengehaltene Gemeinfchaft (Sozialismus)'. Die Ge-
meinfchaft ift den göttlichen Forderungen gegenüber
folidarifch haftbar in drei folidarifchen Kreifen: ,das
Volk, die Stadtgemeinde und die Familie'. So erklärt
Löhr auf p. 14. Auf derfelben Seite kommt er auf die
Rolle zu fprechen, welche der Einzelne innerhalb diefer
Kreife fpielt. Auf p. 14—19 fucht er den Nachweis zu
führen, daß ,der Einzelne, foweit er ein treuer Jahvever-
ehrerwar, in perfönlicher Beziehung zu diefem flehend, fich
doch sozial in nicht geringem Maße als Glied der Volks-
gemeinfchaft gefühlt habe. Und diefes Solidaritätsbe-
wußtfein wirkte, bald ftärker, bald fchwächer, auch auf
fein individuell religiöfes Leben ein'. — Dann entftand
in der Prophetenzeit die foziale Differenzierung des
Volkes, zur fozialen Differenzierung kam alsbald die reli-
giöfe hinzu; vor allem ins Leben gerufen durch die
Wirkfamkeit der fchriftftellernden Propheten. Das wird
dann in der üblichen, allgemein bekannten Weife an
Arnos bis Jeremia, Hefekiel, Deuteronomium u. a. m.
illuftriert. Es fteht alfo nichts wefentlich Neues in dem
Buche, wenn auch Löhr die Sache ein wenig aufzäumt
durch Polemik gegen Stade, Smend und mich, auch hier
und da Wellhaufen.

Das Problem ift durchaus nicht mit Heranziehung
aller Stellen gelöft, wie man doch verlangen follte in
einer Monographie, das Infchriftenmaterial der Parallelreligionen
ift gar nicht benutzt, manche Äußerungen,
gegen die polemifiert wird, z.B. meine auf p. 19, find
nicht recht verftanden. Die Stimmung des alten Israel
ift gar nicht erfaßt. Kurz L. hat keinen durchfchlagen-
den Beitrag zum Thema mit diefer Schrift geliefert.

Königsberg. Fr. Giefebrecht.

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