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Ausgabe:

1907 Nr. 8

Spalte:

252

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ritschl, Otto

Titel/Untertitel:

System und systematische Methode in der Geschichte des wissenschaftlichen Sprachgebrauchs und der philosophischen Methodologie 1907

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 8.

252

eigene Lager werden wir den hohen Wert gefchichtlicher
Forfchung mehr fchätzen lernen und werden vorfichtiger,
unbefangener und gerechter urteilen.

Köhler beginnt fein Referat mit einer Überficht über
die Leiftungen zur Gefchichte des internen Katholizismus
zur Reformationszeit, und fchon diefe Überficht ift nicht
nur um ihres bibliographifchen Wertes willen zu begrüßen;
auch hier flehen neben recht wertlofen und unkritifchen
fehr treffliche Arbeiten, die von der von uns meift unter-
fchätzten ,Kraft und Machtfülle der katholifchen Kirche
auch angefichts des Sturmes der Reformation' uns ein
deutliches Zeugnis geben.

Wichtiger find aber die Publikationen, die im polemi-
fchen und apologetifchen Intereffe gefchrieben find, die
fich alfo mit der ,fogenannten' Reformation oder der
kirchlichen Revolution, die man Reformation genannt
hat', befchäftigen. Köhler verkennt nicht die Einfeitig-
keiten, die allen hierher gehörigen Erfcheinungen, die in
Janffen und Denifle ihre bedeutendften Vertreter haben,
eigen find. Denifles Buch zumal fcheut er fich nicht ,ein
Pamphlet fchmutzigfter Art' zu nennen. Um fo mehr
Gewicht wird dann aber dieAnerkennung finden, die Köhler
dennoch jenen Werken zollt. Wir haben uns zu fehr gewöhnt
, in Janffens Buch nur nach dem Falfchen zu fpüren
und auf die Widerlegung bedacht zu fein. Dabei geben
wir uns oft felbft nicht Rechenfchaft, wie viel wir doch
auch von Janffen gelernt haben. Mit Recht weift K.
darauf hin, daß infolge von Janffens Publikation vor
allem die Forfchung auf dem Gebiet der Flugfchriften-
und mittelalterlichen asketifchen Literatur erwacht ift —
er freilich ftand, was in Dankbarkeit gegen den viel zu
wenig genannten Kleinforfcher nicht vergehen werden darf,
vielfach wieder auf den Schultern von Joh. Geffcken —,
ja noch mehr, daß er mit feiner Periodifierung Schule
gemacht hat. Und in Janffens Nachfolge hat eine Schar
tüchtiger Männer fich herangebildet, deren Federn zur
Kenntnis der Reformationszeit Vortreffliches beigetragen
und über manche Verhältniffe uns Aufklärung gebracht
haben, die ein Katholik, der gewiffermaßen noch als
Gegenwart befitzt, was wir nur als Vergangenheit kennen,
mit ganz anderer Sicherheit beurteilen konnte, wie ein
Proteftant. Paftor und Paulus find da vor allem zu
nennen. So wird auch trotz allem der hohe Wert der
Deniflefchen Veröffentlichung anerkannt. K. prophezeit:
,Wir werden von Denifle ebenfo fehr lernen, wie wir von
Janffen gelernt haben'; er gibt dafür fchon untrügliche
Beweife (S. 68) und zeigt dann das Problem, auf das uns
der inzwifchen heimgerufene Forfcher mit zwingender
Notwendigkeit hier hingeführt hat. Es heißt: Lutherund
das Mittelalter.

Man lefe Köhlers Ausführungen und man wird vor
den katholifchen Leiftungen Refpekt bekommen; und,
was die Hauptfache ift, trotz fcharfer Ausfälle und po-
lemifcher Wendungen, die ja noch immer wieder lieh
finden, wird man doch im ganzen einen Zug zu objektiverer
Beurteilung wahrnehmen. Man kann wohl mit
Bedauern fagen hören, zur Zeit des Rationalismus hätten
die beiden Konfeffionen einander fchon fo nahe geftanden,
das vorige Jahrhundert habe die Gegenfätze wieder
verfchärft. Es fleht zu hoffen, daß durch die hiftorifche
Forfchung die Gegenfätze wieder gemildert werden, und
wenn es auf diefem Wege gelingt, einander näher zu
kommen und, wenn auch nicht einander ganz zu verliehen
, fo doch um gegenfeitiges Verftändnis fich redlich
zu bemühen, dann wird Tieferes und Bleibenderes
erzielt werden, als zur Zeit des Rationalismus erreicht
worden war. Damals war die gegenfeitige Annäherung
eine Folge der Nivellierung der konfelWieilen Anfchau-
ungen, jetzt wird fie im Gegenfatz dazcrNdurch tieferes
Eindringen in das Wefen der verfchiedenen Konfeffionen
eingeleitet.

Niederfachswerfen. Ferdinand Cohrs.

Ritfchl, Otto, Syltem und lyrtematirche Methode in der Ge-
fchichte des wilfenfehaftlichen Sprachgebrauchs und der
philofophilchen Methodologie. (Programm.) Bonn, A.
Marcus & E.Weber 1906. (96 Sp. u. VII S.) 40 M. 1.40

,Nicht nur in der Terminologie der Wiffenfchaft ift
das Wort Syftem nebft feinen Derivaten fyftematifch und
Syftematik außerordentlich häufig. Auch im populären
Sprachgebrauch, fo wie er fich etwa in unfern Tageszeitungen
darfteilt, trifft man nicht feiten einen diefer
Ausdrücke an. Sie müffen unferm modernen Denken
und Sprechen alfo recht bequem fein. Bequem aber
pflegen vor allem folche Worte und Wendungen zu fein,
denen eine gewiffe Unbeftimmtheit, Vieldeutigkeit und
Vielfeitigkeit eigen ift' (6). Die Gefchichte, die diefer
Sprachgebrauch feit dem fechzehnten Jahrhundert durchgemacht
hat, entwirft der Verf. in rafchen Zügen, indem
er ein durch umfaffende und gründliche Gelehrfamkeit
zufammengetragenes Material mit bewunderungswürdiger
Selbftverleugnung in Bewegung fetzt. Unter folgende
Titel fubfumiert er den Inhalt leiner Unterfuchungen.
L Die Entwicklung des Sprachgebrauchs bis zum Anfang
des 17. Jahrhunderts (7—24). II. Die erften Theoretiker
des Begriffs Syftem: Keckermann, Timpler, Alfted
(25—40). III. Die Entwicklung des Sprachgebrauchs
in der Theologie vom Anfang des 17. bis in die Mitte
des 18. Jahrhunderts (40—54). IV. Der Begriff Syftem
in der Philofophie, von Malebranche bis Kant (54—74).
V. Die Theorie der Syftematik in der romantifchen
Philofophie: Reinhold, Fichte, Schelling, Schleiermacher
(74—90). VI. Der Begriff Syftem bei neueren Vertretern
der philofophifchen Methodologie (90—96). Ein biblio-
graphifcher Anhang gibt ein Verzeichnis von etwa 200
Werken, welche die fyftematifche Literatur bis zum Ende
des 17. Jahrhunderts, in der Theologie bis zum Ende des
18. Jahrhunderts zum Ausdruck bringen. — Daß eine
Darftellung, die fich vorwiegend in formaliftifchen Unterfuchungen
bewegt und mit einer Unmaffe von Namen
und Büchertiteln, die dem gegenwärtigen Gefchlecht
fremd erfcheinen müffen, belaftet ift, keine im gewöhnlichen
Sinne genußreiche Lektüre darzubieten geeignet
ift, verlieht fich von felbft. Wir find dem Verf. um fo
mehr dafür zu Dank verpflichtet, daß er fich einer Arbeit
unterzogen hat, von der man wird fagen dürfen, fie
mußte doch einmal unternommen werden, vor welcher
aber die meiften fich gefcheut hätten. Gehörte doch
zur Löfung einer folchen Aufgabe nicht nur der Fleiß
des Sammlers, fondern auch das Vermögen, den gewaltigen
Stoff zu beherrfchen und zu durchdringen. Welchen
Gewinn diefe weit angelegten und genau durchgeführten
Unterfuchungen für den Ausbau der Wiffenfchaft abwerfen
, muß man aus dem Gange der Einzelerörterungen
mittelbar in Erfahrung bringen; noch einleuchtender
würden die auf diefem Wege gewonnenen Ergebniffe
fich herausftellen, wenn der Verf. die am Ende feiner
Schrift aufgeworfene Frage in Angriff nehmen und ihrer
Löfung entgegenführen würde, nämlich eine Klärung des
Begriffs der Wiffenfchaft felber, auf Grund eingehender
begriffsgefchichtlicher Unterfuchungen. Doch angefichts
deffen, was R. uns geboten hat, klingt es fall wie eine
Unbefcheidenheit, wenn man weitere Anfprüche erheben
wollte: als Beitrag zur philofophifchen und theologifchen
Methodologie wird das vorliegende Programm, auch in
den Grenzen, die es fich gezogen hat, feinen Zweck erfüllen
und nicht unerhebliche Dienfte zu leiften imftande
fein. — Die als Univerfitätsprogramm erfchienene Schrift
ift auch im Buchhandel im Verlag von A. Marcus und
E. Weber (Bonn) zu beziehen.

Straßburg i. E. P. Lobftein.