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Ausgabe:

1907 Nr. 8

Spalte:

244-245

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kroker, Ernst

Titel/Untertitel:

Katharina von Bora, Martin Luthers Frau. Ein Lebens- und Charakterbild 1907

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 8.

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überfpannt den Unterfchied. Zunächft rücken doch beide
Furchtarten als Furcht vor der Strafe an einander (vgl.
S. 24), und fodann war der Glaube an das Jenfeits für
das damalige Allgemeinbewußtfein doch fchlechthin felbft-
verftändlich, nicht die religiös-fittliche Tat, die er heute
ift. Die Überfpannung bei H. erklärt fich daraus, daß
nun Auguftin von der Tatfache aus, daß der timor ge-
hennae eine direkte Angft vor dem göttlichen Zorngerichte
ift, in der Höllenfurcht einen Glauben an Gott
mitgefetzt fein läßt, der ihn zu dem Ausrufe veranlaffen
kann: est quidem in te fides, quia credis futurum dei esse
iudicium; gaudeofidei tuae, sed adhuc timeo malitiae
tuae. Der fo Fürchtende ift ein nondum laudandus d. h.
,auf dem Wege ein laudandus zu werden' (S. 27). Damit
ift der timor gehennae notwendigesÜbergangsftadium
zum timor castus geworden. Aber man wird doch fagen
müffen, daß prinzipiell diefe Gedankenreihe fich auch
an den timorpocnarum corporalium anknüpfen läßt. Denn
der timor poenarum corporalium fetzt auch ein, wenn auch
noch fo fchwaches, ethifches Senforium voraus; erft in
dem fich vor nichts Fürchtenden ift es ausgelöfcht. Wenn
Auguftin die Anknüpfung hier unterläßt, fo gefchieht es,
weil ihm hier Gott ausgefchaltet erfcheint, der doch von
Auguftins Gnadenlehre aus allein ,es tun' muß (f. S. 34f).
Eingehend erläutert Auguftin (und nach ihm H.), inwiefern
der timor gehennae als ein paedagogus, ein zügelnder
custos oder auch Gewiffenswecker, ,allmählich eingewöhnt'
(S. 33) in das fittlich Gute, bis fchließlich die Furcht
ganz der Liebe gewichen ift: quantum Charitas intrat,
tantum timor exit. Das Gefetz aber dient dazu, den timor
poenae zu wecken.

Diefe Auguftinfche Furchtlehre wird nun von den
Späteren femipelagianifch weitergebildet. Natürlich fetzt
die Weiterbildung an bei dem Übergangscharakter des
timor gehennae; es bildet fich ein ftufenförmiger Fort-
fchritt aus, bei dem Menfch und Gnade zufammenwirken.
Gregor d. Gr. z. B. möchte noch die Gnade magifch
allein wirken laffen, aber trotzdem ,tritt das Semipelagi-
anifche darin hervor, daß die Gnade zunächft mit den
natürlichen Fähigkeiten des Menfchen paktiert und aus
ihnen etwas macht'(S. 49). War bei Auguftin, fo formuliert
H. (S. 56) gut, die Gerichtsfurcht ein Übergangsftadium
,negativ dispofitorifch' fo ift fie es für Gregor ,poütiv-
qualifikatorifch'. Anfelm führt in die Bußlehre eine Vierteilung
ein, wenn er unterfcheidet 1. timor poenarum
temporalium, 2. timor servilis, 3. timor dei propter ge-
hennam, 4. timor sanctus. Von den beiden erften heißt
es: nihil faciunt ad salutem, sed nocent, von der dritten
Art: est imperfectorum et tarnen salvandorum, quamvis
non habeat peifectam caritatem; er nennt fie auch timor
initialis, fie damit pofitiv-qualinkatorifch wertend. Abä-
lard kehrt wieder zur Zweiteilung zurück und betont, zu
Auguftin zurücklenkend, daß die heilfame und fruchtbringende
Reue aus dem amor dei refp. amor iustitiae
hervorgehen müffe. (Merkwürdig, daß er hier ftellen-
weife ganz mit Luther übereinftimmt, der ihn aber kaum
gekannt hat.) Freilich fehlen daneben nicht Stellen, in
denen er auch dem timor servilis eine Rolle zuweift
im Bekehrungsprozeß; es fchiebt fich dann zwifchen den
timor poenae und amor iustitiae die iustiftcatio ein. Bernhard
v. Clairvaux hat, wie kein anderer vor ihm ,den
Grundfatz, daß die Bekehrung des Sünders in einer ftu-
fenweifen Veredlung der natürlich-fleifchlichen Ziele des
Menfchen beftehe' ausgefprochen; der timor wird zur
materia spei. Der Lombarde legt für die fpätere Scho-
laftik die Furchtlehre feft; es kann in Anlehnung an
Auguftin vom timor initialis gefagt werden, daß durch
ihn fit consnetudo iustitiae; oder auch er ift timor tam-
quam medius, hängend zwifchen Gut und Böfe. Auch
hat der Lombarde den von der fpäteren Scholaftik viel
kommentierten Satz formuliert: poemtentia virtus timore
concipitur. Jene bemüht fich, dem timor servilis nicht
nur eine qualifikatorifche Bedeutung für den Anfang der

Bekehrung, fondern einen bleibenden Wert für das ge-
famte Chriftenleben zu vindizieren, indem fie ihn an den
timor castus möglichft annähert, ja, ihn als Wirkung der
gratia gratis data mit diefem als Wirkung der gratia
gratum faciens organifch verknüpft. Von da aus verfteht
man die Faffung der attritio als poenitentia informis,
die Unterfcheidung zwifchen habitus (der eingegoffen
wird) und actus (die vom Menfchen gewirkten Akte)
ermöglicht dabei ein menfchliches Tun neben der göttlichen
Gnade. Wann nun aber die Umwandlung des
timor servilis in den von der gratia gratum faciens geleiteten
timor castus fich vollzieht, bleibt dunkel. Zum
Schluß handelt H. noch von der deutfchen und nieder-
ländifchen Myftik. —

Es ift hoch erfreulich, daß auch von diefer Seite her
ein Verftändnis Luthers vom Mittelalter her verfucht wird.
Ob aber H. nicht über das Ziel hinausfchießt, wenn er
im Vorwort zu Heft 1. fagt: .Denifles ,Luther' hat darin
Recht, daß Luther in den erften Jahren feiner fchrift-
ftellerifchen Tätigkeit durchaus auf katholifchem Boden
ftand. Es ift auch keineswegs der Fall, daß von vornherein
, etwa keimartig, ein reformatorifches Element in
Luthers Theologie gelegen fei'? M. E. liegt die Aus-
fchaltung der Verdienftlehre fchon in der Pfalmenvorlefung
deutlich vor (daß Luther das Wort meritum noch gebraucht
, weiß ich). H. wird die Darftellung und Beurteilung
der Lutherfchen Bußlehre in einem weiteren Hefte
bringen. Vermutlich wird er eine Rücklenkung zu Auguftin
, los vom Semipelagianismus, konftatieren. Ob er
uns wohl fagen wird, daß Luther nun in das Extrem
fällt, die Selbfttätigkeit des Menfchen ganz auszufchalten?
Nach den Urteilen H.s über den Semipelagianismus glaube
ich kaum, daß er hier ein Extrem fehen wird, gebe aber
fchon jetzt zu bedenken, daß der Semipelagianismus fein
Verhängnisvolles nicht in dem Nebeneinander von Gnade
und Werk hat, fondern in der Einführung des Verdien-
ftes in den Heilsprozeß.

Gießen. Köhler.

Kroker, Ernft, Katharina von Bora, Martin Luthers Frau.
Ein Lebens- und Charakterbild. (Biographien bedeutender
Frauen. In Verbindung mit anderen herausgegeben
von Ernft Haberland. VI.) Leipzig-R.,
E. Haberland (1906). (III, 287 S. mit 2 Porträttafeln.)
gr. 8° M. 5 —; geb. M. 7 —

Kroker felbft hat fich gefragt (f. Vorwort), ob neben
der eingehenden Käthe-Biogrophie von Thoma (1900)
noch eine weitere monographifche Darfteilung am Platze
fei. Er hat die Frage bejaht, und wir find ihm dafür
dankbar, denn er hat uns ein wohl abgerundetes, warm
empfundenes Lebensbild gefchenkt, das vor der in
fchwererer Rüftung einhergehenden Thomafchen Arbeit
fich durch fchlichte, einfache Erzählung auszeichnet.
Auf eine ftreng chronologifche Darftellung, die Thoma
immer wieder erftrebte, ift dabei kein Gewicht gelegt.
Kroker gruppiert: Lippendorf, Brehna, Nimbfchen, Von
Nimbfchen nach Wittenberg, In Magifter Reichenbachs
Haus, Käthes Einzug ins fchwarze Klofter, Der Morgen-
ftern von Wittenberg, Kinder und Pflegekinder, Hausge-
noffen, Freunde und Gaftfreunde, Luthers Tod, Im Elend,
Von Wittenberg nach Torgau, Stimmen der Zeitgenoffen
und Urteile der Nachwelt. Seine Quellen hat K. nicht
angegeben. Referent hat infolgedeffen nicht nachgeprüft,
hat aber den Eindruck folider tüchtiger Arbeit gewonnen
(vgl. ähnlich Kawerau in der Deutfchen Literaturzeitung
1906, wofelbft nur kleine Berichtigungen.) Daß K. feine neu
entdeckte Tifchredenquelle befonders häufig benutzt,
verfteht man. Das Urteil über den Kanzler Brück nach
Luthers Tode finde ich noch immer etwas zu hart (vgl.
meine Ausführungen ZKG. 21, 527 ff.). Daß über Käthes
Geburtsort und Jugenderziehung K. in einem Auffatze des