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Ausgabe:

1907 Nr. 8

Spalte:

237-239

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lindsay, Thomas

Titel/Untertitel:

A History of the Reformation. In two volumes 1907

Rezensent:

Benrath, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 8.

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Philologie des Mittelalters, einmal den Schickfalen der
römifchen Literatur und damit im Zufammenhange dem
Portleben der Antike überhaupt nachzugehen, und dann
die neu in den chriftlichen Reichen des Abendlandes
entflehende Literatur zu durchforfchen. ,Aber während
fie andern Wiffenfchaften dient und fich auf dem merkwürdigen
Grenzgebiet bewegt, wo die alten und neuen
Kulturen fich begegnen und kreuzen, entftehen ihr felbft
auf allen Seiten eigne weitgcfteckte fchöne Ziele. So in
der Gefchichte der Literatur und der literarifchen Arten,
der metrifchen, rhythmifchen und rhetorifchen Formen;
in der Gefchichte der Philologie und im befonderen der
Uberlieferung; fchließlich nicht zum wenigften in der
Gefchichte der Schrift'. Größere Unterfuchungen und
kritifche Ausgaben foll das neue Unternehmen aufnehmen.
Wünfchen wir ihm einen gedeihlichen Fortgang und
hoffen wir, daß es immer von wahrhaft hiftorifchem Geifte
erfüllt fein möge.

Der vorliegende erfte Band befchäftigt fich mit
Sedulius Scottus. Er bringt zuerft eine neue, auf Grund
aller erreichbaren Handfchriften gearbeitete Ausgabe des
Liber de rectoribus Christianis mit einer lehrreichen
Einleitung, in der über die Handfchriften und über die
Literatur der Fürftenfpiegel der karolingifchen Zeit gehandelt
wird. Der 2. Teil befchäftigt fich mit dem in
einer Kuefer Handfchrift erhaltenen Collectaneum des
Sedulius, gibt feinen Inhalt wieder und weift die Quellen
nach, aus denen es gefchöpft ift. Von befonderem In-
tereffe ift die Darlegung, wieviel von dem geiftigen Gute
des Sedulius irifcher Herkunft ift, und wieviel er den
Einwirkungen feiner zweiten, feftländifchen Heimat verdankte
. Während in diefem Teile auch vieles den klaf-
fifchen Philologen Intereffierende fich findet, geht der
dritte Teil mehr den Theologen an. Sedulius hat in
feinem Kommentar zu den paulinifchen Briefen den
Kommentar des Pelagius ausgefchrieben. Diefer Tat-
beftand veranlaßt Hellmann zu einer allgemeinen Unter-
fuchung des Pelagiuskommentars, in der nicht nur das
in Betracht kommende Material erweitert (Hinweis auf
die Benutzung des Pelagius durch Ifidor), fondern auch
die bisher erzielten Refultate modifiziert werden.

Mit diefen kurzen Bemerkungen ift der Inhalt des
vorliegenden Buches keineswegs erfchöpft; vielmehr findet
fich darin noch eine Fülle von Fünzelbeobachtungen,
die hier nicht aufgeführt werden können. Der Verfaffer
darf fich des Dankes der Theologen für feine lehrreichen
Unterfuchungen verfichert halten.

Kiel. G. Ficker.

Lindsay, Thomas M., M. A., D. D., A History of the
Reformation. In two volumes. Volume L The Reformation
in Germany from its beginning to the religious
peace of Augsburg. Edinburgh, T. & Clark 1906.
(XVI, 528 p.) gr. 80

Die international Theological Library', welche
Bri ggs und Salmond herausgeben, und welche fich zum
Ziel fetzt, über alle Zweige der theologifchen Wiffenfchaften
compendiöfe, aber auf felbftändiger Forfchung
beruhende und deren aktualen Stand aufweifende, für
einen weiteren Kreis geeignete Darftellungen zu geben,
hat bereits unter ihren bisherigen Bänden ausgezeichnete
Leiftungen dargeboten. So die ,Einleitung in die Literatur
des Alten Teftaments' von Driver und die ,Apologetik'
von Bruce. Diefen reiht fich Lindfays .Gefchichte der
Reformation' I. Band — Die Reformation in Deutfchland
von Beginn bis zum Augsburger Religionsfrieden —
würdig an. Einem Ausfchnitte — oder war es eine
Vorarbeit? — des hier Gebotenen begegnete man fchon
lrn 2. Bde. der ,Catnbridge Modem History', des ausgezeichneten
Sammelwerkes, welches dem Lord Acton
feine Entltehung verdankt. Die dort gegebene Darfteilung

Lindfays über Luther hatte bezüglich der Behandlung
des Ablaßftreites Einfprache von feiten katholifcher
Beurteiler erfahren — unfer Verfaffer hat fich nicht davon
überzeugen können, daß feine Darlegung der mittelalterlichen
Ablaßtheorie und -Praxis eine falfche gewefen fei,
und bleibt bei derfelben. Wie fehr er übrigens geneigt
ift, dem kirchlichen Leben auch vor Luthers Auftreten
echt religiöfen Befitz zuzugeftehen, ja gerade als Hauptmoment
eine auf Chrifti Verdienft allein fich nützende
Hoffnung des Heiles in dem frommen Laientum der
Zeit anzuerkennen, das zeigt z. B. im 5. Kapitel § 4 ,Vom
religiöfen Leben in den Familien' und § 7 ,Von den
Brüdern' und den evangelifchen [Diffenters der vor-
lutherifchen Zeit.

Folgen wir der Einrichtung des Werkes, fo treten
uns im Bereich des ,Erften Buches' (S. 1 —188), welches
die Vorzeit der Reformation behandelt, fchon in den
Überfchriften der Kapitel die konftituierenden Hauptfaktoren
entgegen. Es i(t dafür bedeutfam, daß neben
.Papfttum' (Kap. 1) allgemeine politifche Lage' (Kap. 2)
und .,Renaiffance' (Kap. 3) die ,foziale Frage' (Kap. 4)
und die ,populäre Frömmigkeit' (Kap. 5) den Boden
bereiten bezw. auf den Boden hinführen, auf dem wir
dann in dem .Zweiten Buch' (S. 189—488) an die Ge-
famtdarftellung herantreten. Doch nein — da ift noch
Kap. 6 eingefchoben: ,Humanismus und Reformation'.
Hier liegt m. E. eine Unebenheit in der Anlage vor. Es
ift nicht einzufehen, warum das Material des 6. Kap.
(italienifcher, englifcher und erasmifcher Humanismus)
nicht in Kap. 3 (Renaiffance) mit behandelt werden
konnte. Oder vielmehr — der Grund davon, daß dies
unterblieb, liegt darin, daß der Perfon Savonarolas ihre
Stelle noch angewiefen werden foll in ihrer Beziehung
auf die Reformation. Der Verf. beftreitet mit Entfchieden-
heit, daß Savonarola, der Theolog, irgendwelche vorbereitende
direkte Linie auf diele zu bezeichne — und
darin hat er recht. Aber wenn er nun die doch tat-
fächlich vorhandene, von einem Luther felbft fehr
ftark empfundene, Beziehung des italienifchen Propheten
zur Reformation fixieren will, fo fchiebt er einen Einfluß
desfelben auf den Humanismus eines Marfiglio Ficino,
eines Pico della Mirandola und Angelo Poliziano, ja im
weiteren eines Colet und Erasmus unter, der nicht vorhanden
war, wenn fchon diefe Männer die ehrwürdige
Geftalt des Märtyrers teils leidenfchaftlich verehrten,
teils wenigftens hochfchätzten. Vielmehr beruht die
Bedeutung Savonarolas für diejenige antihierarchifche
Bewegung, welche auch in der Reformation ihren erfolg-
reichften Ausdruck gefunden hat, darin, daß Savonarola,
ganz innerhalb des katholifchen Kirchentums flehend,
für den religiöfen Katholizismus gegen den politifchen
Katholizismus der Hierarchen feiner Zeit und ihrer Helfershelfer
in den Tod gegangen ift.

Wenn Kap. 4 des erften Buches die ,foziale Lage'
{Social Conditions) gefondert als eins der großen vorbereitenden
Momente betont, fo wird man vielleicht vorausfetzen
, daß die Gravamina, wie fie auf dem Boden
der Gefeilfchaftszuftände hervortraten, nach bekannten
Muftern fo behandelt wären, als ob fie den eigentlichen
Nährboden der reformatorifchen Bewegung abgegeben
hätten. Das ift aber nicht der Fall — fchon die Tatfache,
daß Lindfay die Reformation als in Luther gewiffermaßen
perfönlich geworden vorführt, daß er infolge davon
den Ausgangspunkt nicht auf einem andern als dem
religiöfen Gebiete in ftrikter perfönlicher Faffung nehmen
kann, weift jene Art der Betrachtung ab. Und fo folgen
wir in der Tat im II. Buch zunächft der religiöfen Ent-
wickelung Luthers, partiell auch der theologifchen, in
Erfurt, dann in Wittenberg. Die Ablaßaffäre bildet da
den entfcheidenden Wendepunkt für fein öffentliches
Auftreten; doch hat die oben berührte Kontroverfe
den Verf. hier (im 2. Kapitel) nicht zu Weiterungen
veranlaßt. Gut über die deutfchen Arbeiten orientiert,