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Ausgabe:

1907 Nr. 8

Spalte:

231-233

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Reitzenstein, Richard

Titel/Untertitel:

Hellenistische Wundererzählungen 1907

Rezensent:

Dräseke, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 8.

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Nola wird uns als Vertreter der Volksfrömmigkeit ge-
fchildert; wir erfreuen uns an der Gefchicklichkeit, mit
der Bigg uns Blicke in die Kinderfeele des Paulinus tun
läßt. Auch bei den anderen Perfönlichkeiten hat es Bigg
verfucht und verftanden, den Kern ihres Wefens heraus-
zufchälen. Einen etwas anderen Charakter tragen die
letzten 3 Vorlefungen über die englifche Reformation
als. den Beginn modernen Chriftentums. ,Unity' und
,Continuity' find die beiden großen Worte, die er ge-
wiffermaßen als Motto für feine Ausführungen gebraucht.
Er will, wenn ich ihn recht verflehe, in bezug auf die
englifchen Verhältniffe — aber feine Worte können auch
für die anderen Kirchen gelten — durch feine hiftorifchen
Ausführungen den Wert refp. Unwert bloßer kirchlicher
Formen nachweifen und — gut proteftantifch und evan-
gelifch — zeigen, wie an ihnen nichts gelegen ift, fo
konfervativ er fich felber zu ihnen ftellen möchte.

Im einzelnen könnten manche Ausftellungen gemacht
werden. Das Urteil, S. 139, daß kein vernünftiger Grund
vorhanden wäre, Thomas a Kempis die 4 Bücher de
imitatione Christi abzufprechen, kann ich nicht unter-
fchreiben. Ein feltfamer lapsus ift S. 138 untergelaufen,
wo Luther Auguftinerchorherr (Augustmian canon) genannt
wird.

Kiel. G. Ficker.

Reitzenstein, R., Hellenistische Wundererzählungen. Leipzig
, B. G. Teubner 1906. (VI, 172 S.) gr. 8° M. 5 —

Ein hervorragendes, für die Bewertung der gefamten
Wundererzählungen des chrifllichen Altertums höchft
beachtenswertes Buch, aus deffen reichem, auf breiter,
auch die Theorie helleniftifcher Gefchichtfchreibung, wie
fie Cicero (Epist. V, 12 ad Lucceiunt) entwickelt, Salluft
und Tacitus geübt haben, befaffender Grundlage fich
aufbauendem Inhalt nur das unmittelbar theologifcher
Beachtung zu Empfehlende, befonders aus dem 1. Teile
(S. 1—99), hervorgehoben werden foll. Ausgehend von
der den Alten geläufigen Bezeichnung und dem Begriff
der Wundererzählung, wie er zuerft in dem Philopfeudes
des Lukianos uns entgegentritt, erörtert der Verf. an
Beifpielen aus dem Altertum, und zwar des heidnifchen
wie des chrifllichen, die Bedeutung der Aretalogie, mit
Verweifung auf die einzige aus dem Altertum, in einem
Scholion des Juvenal-Palimpfeft von Bobbio uns überkommene
, bisher überfehene Erklärung des Wortes —
(S. 8): arithologi sunt, ut quidam volunt, qui miras res, id
estdeorum virtutes loquuntur, mihi autem videtur arithologos
Mos dici, qui ea quac ficta non sunt, in vulgus proferunt: —■,
aus der fich ergibt, daß der Sache eine religiöfe und
eine weltliche Seite anhaftet. Zahlreiche Beifpiele im
urchrifHichen Schrifttum zeigen die unterfchiedslofe Verwendung
der Wundererzählung mit Benutzung altklaffi-
fcher Vorlagen. So haben z. B. die um die Perfon des
einem ägyptifchen Magier gegenübergeftellten Pythagoras
gewobenen Wundererzählungen, von denen fogar Por-
phyrios einzelnes als gefchichtliche Quelle verwertet, an
dem chrifllichen, an die Taten des ebenfalls einem
Zauberer gegenübergeftellten Petrus geknüpften Clemens-
Roman eine durchaus ernft zu nehmende Parallele. Eine
befondere Rolle hat ferner auf diefem Gebiet, wofür
Lukianos Zeuge ift, die auf den Kyniker Menippos (270
v. Chr.) zurückgehende fchriftftellerilche Form der Hadeswanderung
geübt. Über eine Reihe mit umfaffender
Gelehrfamkeit und feinfinniger Sorgfalt ausgelegter klaffi-
fcher Stücke (Hör. Sat. I, 3. 8; luv. Sat. 15.; Sen.; Petron.,
Luc. Patr.) führt R. zur religiöfen Aretalogie, in deren
Bereich als die ältefte, außerhalb Ägyptens fich findende
Aretalogie, das altteftamentliche Buch Jona, mit demfelben
Motiv wie Lukianos' 'A/Lrj&r/g ioxoQia. fowie die apokryphen
Apoftelgefchichten, als einzige vollftändig erhaltene Proben
volkstümlicher religiöfer Aretalogie, hervorragenden Wert
haben, weil gerade fiebeionders geeignet find, die Zufammen-

hänge zwifchen heidnifchem und chriftlichem Schrifttum
in das rechte Licht zu ftellen. Aus der eingehenden Behandlung
von Lukianos'Peregrinos und Alexandros ergeben fich
dem Verf. zahlreiche Parallelen, oder beffer verwandte,
mit dem durch Überlieferung gefertigten Gepräge jener
Schrifttums-Gattung zufammenftimmende Züge, wie das
Wandern der djtöötoXoi, das Prophetentum, die aJtopvrj-
fiovev/xara (wie ja auch Jurtin die Evangelien nennt), endlich
die nachträgliche Hinzufügung einer Jugend- und
Kindheitsgefchichte, wie wir fie auch in den Evangelien
finden. Mehr noch ift jenes der Fall bei Philoltratos
Apollonios, deffen wunderbares Sterben und Leben R.
zu der an Berufenere zur Erwägung geftellten Frage
veranlaßt (S. 50), ,ob es danach recht ift, z. B. die Ent-
rückungswunder des Johannes-Evangeliums lediglich als
Spuren des ,Doketismus' zu bezeichnen oder mit diefem
Begriff allein bei der Betrachtung apokrypher Evangelienfragmente
zu operieren, ja ob wir überhaupt den fpäteren
Streit um die ffeta rpvöig in Chriftus ganz von ihrer
hellenirtifchen Vorgefchichte ifolieren dürfen'. Durch Zu-
fammenflellung diefes hellenifch-fophiftifchen Schrifttums
mit den Apoftelgefchichten, kanonifchen fowohl wie
apokryphifchen, gewinnt der Verf. eine Reihe von Ge-
fichtspunkten, die z. B. für Apoft. 16, 7 (vgl. Philoftr. IV, 34),
Apoft. 14, 11 (vgl. Philoftr. IV, 31) u. a. beachtenswert
find. Dahin gehören auch die Wir-Berichte, ,wie fie jetzt
in der Apoftelgefchichte fälfchlich als ftiliftifch unerklärbar
betrachtet und daher befonders behandelt werden, wiewohl
fie doch in den Johannes-Akten wiederkehren und
in einer Literatur, die lieh als vxopvrmaxa oder Auszüge
aus vjtofivrjfiaxa gibt, notwendig zur charakteriftifchen
Eigenfchaft werden mußten' (S. 54); dahin befonders die
wunderbaren, in den apokryphen Apoftelgefchichten erzählten
Vorgänge: Beobachtungen, die des Verfaffers
Ergebnis durchaus begreiflich und verftändlich erfcheinen
laffen (S. 55), daß Propheten- und Philofophen-Aretalogien
das literarifche Vorbild für die chriftlichen Apoftelakten
gegeben haben. Es ift ja bekannt, wie im konftantinifchen
Zeitalter, als es keine Märtyrer mehr gab, die Teilnahme
der Gemeinde von dem Idealbilde des Miffionars und dem
Lebensbilde des Märtyrers hinweg fich den fremdartigen
Gehalten der Emfiedler und Mönche zuwandte. Daß hier
als Nachbilder und Nachahmungen jener hellenirtifchen
fchriftftellerifchen Erzeugniffe in erfter Linie Athanafios'
Leben des Antonios und die beiden großen Sammlungen
der Historia Monachorum und der Historia Lausiaca, in
zweiter erft die von Hieronymus in der eiferfüchtigen
Abficht, Athanafios zu überbieten, gefchriebenen Vitae
des Paulus und des Hilarion in Frage kommen, das hat
R., alle Einzelzüge, Beweggründe, Gang der Handlung
ufw. herausarbeitend und an den klaffifchen Vorbildern
meffend, mit glänzendem Scharffinn nachgewiefen. Wenn
R. bei der Aufzählung der für die Echtheit der Vita Antonii
zeugenden Umftände fich durch E.Schwartz, der immerhin
ein ,trefflicher Kenner des Athanafios' (S. 56, A. 1) fein
mag, in jener Uberzeugung beftärkt fieht, fo hätte er
viel wirkungsvoller auf die den jüngeren Gelehrten, wie
es fcheint, gar nicht mehr bekannt gewordenen Verhandlungen
des Jahres 1880 verweifen können, in welchen
kein Geringerer als der alte Hafe die Abfaffung der
Schrift durch Athanafios gegen Weingarten fo eingehend
und überzeugend erwies (Jahrb. f. prot. Theol. VI,
S. 418—448), daß weitere Bedenken dagegen tatfächlich
nicht mehr aufkommen können. Im befonderen aber
freut es mich, daß R. das Werk als in einem Schlechten
Griechifch' gefchrieben bezeichnet, mit dem Hinzufügen:
,Athanafios war alles andere als ein Meifter der Form': —
eine mir fehr wertvolle Beftätigung der von mir im Streit
um die fogenannten beiden Jugendfchriften des Athanafios
befonders nachdrücklich zu dem Zwecke geltend gemachte
Tatfache, daß diefe Schriften auch um ihrer glänzenden
fchriftftellerifchen Außenfeite willen nicht von Athanafios
herrühren, fondern einem anderen Verfaffer, und zwar,