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Ausgabe:

1907 Nr. 8

Spalte:

230

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ziegler, Ignaz

Titel/Untertitel:

Der Kampf zwischen Judentum und Christentum in den ersten drei christlichen Jahrhunderten 1907

Rezensent:

Schürer, Emil

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Seite 1

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229

Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 8.

230

207—m, ja ganze Stücke wie 111—18 1414—20 199. 10. 219—229
und namentlich die aus Vefpafians Zeit flammende Weis-
fagung Kap. 17 und 18 aufgenommen, und wenigftens
in Kap. 12 (als das Sonnenweib ift bald Israel, bald die
Chriftenheit gedacht) taucht er den Pinfel fogar tiefer in
die Farben alter heidnifcher Mythologie. Doch ift die
erftaunliche Sicherheit, womit die Kritiker des vorigen
Jahrhunderts nicht feiten ihre Sezierarbeit vollzogen,
hier einer wohltätig wirkenden Vorficht gewichen, die
mehr als einmal zur Anerkennung ungelöfter und vielleicht
unlösbarer Rätfei führt. Der Verf. korrigiert in
diefer Richtung zuweilen fich felbft (S. 392). wie er bei"
fpielsweife jetzt 152 die Beziehung auf das rote Meer
anerkennt, die Stimme 913 vom Altar felbft ausgehen läßt,
den löyoq 1913 noch verdächtiger findet als früher ufw.
Gleich geblieben ift die Faffung des Themas. Der große
Gegner der apokalyptifchen Chriftenheit ift das römifche
Imperium (S. 130f.). ,Es naht eine Zeit des allgemeinen
Martyriums aber nur auf eine kurze Weile, denn das
Ende ift nähe' (S. 273). Damit find wir in die letzten
Zeiten Domitians gewiefen (S. I32f. 135E 274}

Dankbar bekenne ich mich zu mannigfacher Belehrung
, die ich dem Werk auch in diefer feiner neuen
Geftalt verdanke. Mindeftens Anlaß zu wiederholter
Prüfung erwächft mir aus feiner Polemik gegen meine
Deutung der ,Menfchenzahl' (S. 370), meine Erklärung
von 39 aus Jef. 4511 (S. 227), bezw. auch von 12 ie aus
Num. 1630. 31 (S. 345) und meine zu ausfchließliche Beziehung
der ,alten Schlange' auf Gen. 315 (S. 341). Im
übrigen befinde ich mich auch diefem Werke gegenüber
in jener refignierten Stimmung, mit der ich in diefer
Zeitfchrift (Jahrgang 1904, Sp. 165 f.) die bedeutende
Leiftung von Joh. Weiß begrüßt habe. Am ratlofeften
flehe ich vor dem Auftreten der 144000 Verfiegelten 73-8
in ihrem Verhältnis zu der ungezählten Schar 79 (Hei-
denchriften nach 59? Märtyrer nach 611 713. 14?) auf der
einen, zu den 144OOO von der Welt erkauften Jungfräulichen
141—.-) (identifch mit jenen frühern? Asketen? Märtyrer?)
auf der andern Seite. Löfung könnte das Rätfei wohl
nur erhoffen von einer die Arbeitsmethode des Apo-
kalyptikers auch an andern Orten verftändlich machenden
Hypothefe. Aber hier laufen die von fo verfchie-
denen Ausgangspunkten aus gefponnenen Fäden der Quellenkritik
am wirrften durcheinander. Einige Wahrfchein-
lichkeit wird man der Annahme einer urfprünglichen, aber
vom Redaktor verwifchten Identität der als .traditionelles
Material' (S. 289) übernommenen, wohlabgezählten Menge
hier und dort zuerkennen müffen (S. 383). Nur dürften
fie 144 fchwerlich zugleich als Märtyrer vorgeftellt fein
(S. 381 f.), wenn doch folche gerade in der ungezählten
Schar 7 9 gefunden werden follen (S. 286). Daß es jemals
144CXX) Judenchriften gegeben habe, wollte fchon Origenes
{in loh. I, I) ganz unglaublich finden. Aber als Reprä-
fentanten des AcoöexäyvXov bilden fie doch wohl den
gleichfam kanonifchen, darum zählbaren Kern des Gottesvolkes
, welchem die ungezählten Gläubigen aus der
Heidenwelt als eine Art Sekundogenitur zur Seite treten.
In diefer Beziehung neige ich mehr zur Auffaffung von Joh.
Weiß, als zu der hier vertretenen künftlicheren (S. 290).
Daß die Chriftenheit zur angegebenen Zeit über 144 OOO
jungfräuliche Asketen verfügt hätte (S. 381), fieht doch
wie eine faft ebenfo ftarke Leiftung der Phantafie aus,
wie daß fie eine felbft darüber noch ins Unbeftimmte
hinausgehende Zahl von Märtyrern aufzuweifen gehabt
hätte. Man muß alfo die Eigenfchaft der Zählbarkeit fym-
bolifch faffen, wie in. 2 diejenige der Meßbarkeit (S. 317).
Baden. H. Holtzmann.

Ziegler, Rabb. Dr. Ignaz, Der Kampf zwifchen Judentum und

Chriltentum in den erften drei chriftlichen Jahrhunderten.
Berlin, M. Poppelauer 1907. (94 S.) gr. 8°

M. 2 —; geb. M. 2.50

In der erften Hälfte feiner Arbeit behandelt der
Verf. die Frage, weshalb Jefus felbft bei Lebzeiten von
j den Juden bekämpft worden ift, und fpricht S. 40f. ,als
feftftehendes Ergebnis' feiner Forfchung aus, ,daß das
Judentum und feine religiöfen Vertreter, Pharifäer und
Sadduzäer, keinerlei Urfache hatten, den frommen und
gefetzestreuen Jefus, der fich als Meffias kundgab, zu
bekämpfen und ihn auch tat fächlich nicht bekämpft
hatten. Jefus war ein Opfer der politifchen Unficher-
heit der Herodianer, die vereint mit den ihnen unterordneten
Hohenprieftern und Adeligen und vielleicht
mit einigen gefärbten Pharifäern feine Kreuzigung bei
Pilatus erzwangen'.

Anders aber wurde die Sache nach dem Tode Jefu
und zwar wefentlich durch das Auftreten des Paulus.
,In dem Augenblicke, in welchem Paulus die Befreiung
vom Gefetze, von der Befchneidung und den Speifegefetzen
ausfprach, entbrannte fofort der Kampf, um
iichterloh aufzuflammen, fobalddie chriftliche Propaganda
Paläftina betrat, die Juden im eigenen Lande bekehren
wollte und die Gottesfohnfchaft Jefu mit der Trinität auf
ihre Fahne fchrieb' (S. 73 f.).

Das echte Chriltentum, das Chriftentum Jefu, fleht
demnach in keinem Gegenfatz zum Judentum, ift vielmehr
mit diefem identifch. ,Es gibt keine chriftliche
Moral. Die Ethik des Chriftentums ift vom Anfang bis
zum Ende jüdifch' (S. 76). Es ift darum verkehrt, wenn
moderne Juden mit dem Chriftentum fympathifieren.
Vielmehr ,muß die Kirche fich zum Monotheismus bekehren
; die Kirche mit den Staatsoberhäuptern an der
! Spitze müffen vorbehaltlos alles von fich werfen, was
| von dem Heidentume übernommen, den Glauben an den
einzigen Gott trübt. Dann darf die jüdifche Minorität
fprechen: ich habe vollbracht, wozu ich gefchaffen bin.
Dann wird die ganze Menfchheit ein Israel fein, das
dankbar gedenken wird jener kleinen fchwachen Raffe,
die mit bewundernswertem Opfermut das Leid der Jahrtaufende
auf fich genommen hat, um das Menfchenge-
fchlecht zur höchften Stufe des ethifchen und religiöfen
M onotheismus zu geleiten' (S. 93).
[ Von dem, was der Titel als Thema nennt, von dem
| Kampf zwifchen Judentum und Chriftentum in den
j erften drei chriftlichen Jahrhunderten, ift herzlich
wenig die Rede; gelehrtes Material wird faft gar nicht
I beigebracht. Die Schrift ift nur intereffant als Zeugnis
für die eigene Befcheidenheit des Verfaffers, der es für
feine Aufgabe hält, ,das Dunkel, das über alle diefe
Fragen in den meiften Köpfen herrfcht, zu lichten und
an die Stelle der Finfternis Klarheit zu bringen' (S. 4).

Göttingen. E. Schürer.

Bigg, Charles, D.D., Wayside Sketches in Ecclesiastical

History. Nine lectures with notes and preface. London,
Longmans, Green, and Co. 1906. (XII, 230 p.) gr. 8°

s. 7.6

Diefe feinfinnigen 9 Skizzen führen uns in die Zeit
der alten Kirche, des Mittelalters und der Reformation.
Prudentius, Paulinus von Nola, Sidonius Apollinaris
zeigen uns die Grundlegung mittelalterlicher Verhältniffe
in der alten Kirche; Groffetefte, Wycliffe, Thomas a Kem-
pis den Verfall des mittelalterlichen Syftems. Jedem
diefer Männer ift eine Vorlefung gewidmet; fie werden
uns als charakteriftifche Typen für ihre Zeit gefchildert:
die Gedichte des Prudentius zeigen uns, wie man die
Welt der Realitäten verläßt, wie das Vertrauen des
Menfchen auf die eigenen Augen nachläßt. Paulinus von