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Ausgabe:

1907

Spalte:

225-227

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meyer, Konrad

Titel/Untertitel:

Der Zeugniszweck des Evangelisten Johannes 1907

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologische Literaturzeitung.

Herauso-eo-eben von D. Ad. Harnack, Prof. in Berlin, und D. E. Schürer, Prof. in Göttingen.

Jährlich 26 Nrn. Verlag: J. C. HinrichsVche Buchhandlung, Leipzig. Jährlich 18 Mark.

Nr. 8. i3- April 1907. 32. Jahrgang.

Meyer, Konr., Der Zeugniszweck des Evangeliften
Johannes (Jülicher).

Weinel, Jefus im neunzehnten Jahrhundert, neue
Bearb. (H. Holtzmann).

Kouffet, Die Offenbarung Johannis 6. Aufl.
[Kritifch-exeget. Kommentar über das N. T.
von Meyer XVI. Abt.] (H. Holtzmann).

Ziegler, Der Kampf zwifchen Judentum und
Chriftentum in den erften drei Jahrhunderten
(Schürer).

Bigg, Wayside Sketches in Ecclesiastical History
(G. Ficker).

Reitzenftein, Helleniftifche Wundererzählungen
(Dräfeke).

Gottheil, A Selection from the Syriac Julian
Romance (Diettrich).

St. John Chrysostom ueqI isQ(aavvr]g ed. by
Nairn (Jülicher).

S. Ennodius, Oeuvres completes, t. I, Texte
latin et traduction (G. Ficker).

Hell mann, Sedulius Scottus (G. Ficker).

Lindsay, A History of the Reformation vol. I
(Benrath).

Luthers Sermo de poenitentia 1518, herausg.
von Fifcher (Köhler).

Die Appellation und Proteftation der evangelifchen
Stände zu Speier'1529, hrsg. von Ney (Köhler).

Hunzinger, Lutherfludien I u. II, 1 (Derf.).

Kroker, Katharina von Bora (Köhler).

Briefe an Desiderius Erasmus von Rotterdam,
herausg. von Enthoven (Boflert).

Flugfchrifteu aus den erften Jahren der Reformation
I. Bd., 1.—8. Heft (Boffert).

Köhler, Katholizismus und Reformation (Cohrs).

Ritfehl, Syftem und fyftematifche Methode in
der Gefchichte des wiffenfehaftlichen Sprachgebrauchs
und der philofophifchen Methodologie
(Lobftein).

Meyer, Lic. Konrad, Der Zeugniszweck des Evangeliften

Johannes. Nach feinen eigenen Angaben dargeftellt.
Gütersloh, C. Bertelsmann 1906. (VI, 110 S.) 8°

M. 2 —; geb. M. 2.80

Der Verfaffer, der fich bereits in einer älteren Schrift
(f. diefe Zeitung 1903, 379f.) mit dem Johannesevangelium
befchäftigt hat, glaubt nunmehr durch Feftftellung von Tat-
fächlichem und durch klugen Verzicht auf abfchließende
Folgerungen der Entwirrung des johanneifchen Problems
nahe gekommen zu fein. Ich rate jedem, der es mit K.
Meyer gut meint, das Vorwort zu überfchlagen; denn
wenn man dort lieft, daß ,die Selbftändigkeit des Joh.-
Evgl. den ihm und feinen Lefern (!) bekannten Synoptikern
gegenüber mit Recht für dasfelbe geltend gemacht
wird', und daß einem gefchichtlichen Bericht ,feine apo-
logetifche oder polemifche Verwendung unter Umftänden,
die eine Kontrolle durch Freund und Feind auf Grund
anderweitiger guter Kunde möglich erfcheinen laffen',
ein günftiges Vorurteil befchaffe, fo wird mancher auf
das Weiteriefen verzichten. Ift es denn bloß die Selbftändigkeit
gegenüber den Synoptikern, die beim Joh.-
Evgl. auffällt, und nicht vielmehr die Tatfache, daß in
ihm gerade immer die Linien fortgeführt erfcheinen, die
wir in den jüngften und unglaubwürdigllen Beftandteilen
der Synoptiker wahrnehmen? Und hat Meyer noch keine
Reichstagswahlpolemik erlebt, und fich fonft nicht nach der
Verwendung gefchichtlicher Stoffe im apologetifchen
oderpolemifchenlntereffeumgefehen? Davonzu fchweigen,
daß der Gedanke an die drohende .Kontrolle durch
Freund und Feind' für die Zeit, in der Marcion, Bafilides,
Tatian ihre Evangelien ausarbeiteten, für die Zeit, wo
die Apoftelgefchichte verfaßt wurde, eine unglaubliche
Naivität bedeutet.

In Meyers Buch fleht doch auch Befferes. Man kann
ihm häufig zuftimmen in feinen Auseinanderfetzungen
mit anderen Forfchern, z. B. mit Baldenfperger oder
Wendt; er hat die neuere Literatur fleißig ftudiert, feine
Angaben find faft immer zuverläffig, und die Haltung
feiner Polemik verdient uneingefchränktes Lob. Aber
eine leichte Lektüre ift feine Abhandlung nicht. Sein
Stil ift monoton und nicht ohne Unklarheiten, die Gedankenfolge
alles andere eher als einfach — aus der
Gefahr, den Faden zu verlieren, kommt man nicht heraus
—, und von überzeugender Kraft habe ich bei den wohlgemeinten
Erörterungen des Verf. fo wenig wahrgenommen
wie von einem Fortfehritt über den bisherigen
Stand der Frage hinaus. Johannes habe nicht in erfter
Linie Judentum und Doketismus bekämpfen wollen, fon-

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dern im Evangelium wie nachher im Brief vor allem eine
.Proklamation ans eigene Lager' richten, griechifchen
Chriften das Evangelium erneut darbieten, um die Erkenntnis
durchzufetzen, daß ,der Menfch Jefus mit dem
Chriftus bezw. Sohn Gottes in eins zu fetzen, beide die-
felbe Perfon find'. So verlieht M. ,den Zeugniszweck'
des Evangeliften, er wollte die Lefer für den Glauben
gewinnen (alfo doch?) und zur vollen Höhe desfelben
erziehen. Nun, diefe Definition ift faft fo inhaltlos, wie
das Wort ,Zeugnis' vieldeutig ift: nach S. 68 darf man
im Sinne Meyers den Zweck des Johannes dahin be-
ftimmen, daß er als Zeuge Glauben an die Verläßlichkeit
feiner Chriftologie verlangt und begründen möchte.
Von Selbftverftändlichkeiten diefer Gattung wimmelt das
Buch; M. merkt nicht, daß folche Formeln (vgl. noch
S. 87: ,er wollte mit feiner Darfteilung Glauben fchaffen';
,er deckt — durch Worte Jefu, eigene Bemerkungen und
die Art der Darftellung — die Wurzel des Unglaubens
auf in der Sünde und Gottlofigkeit der Menfchen') nur
für den einen Wert befitzen, der den Eindruck, daß dies
Evangelium einen genauen, aus umfaffender Kenntnis
heraus gegebenen . . Bericht der Ereigniffe darfteilt (S. 90)
gern als .wiffenfehaftlich' unbefangen behaupten möchte,
ohne auf die Hauptfrage einzugehen, wie es kommt, daß
diefer ,Zeuge' fich von den anderen älteren Zeugen fo
gewaltig unterfcheidet, trotzdem fie wahrhaftig doch den
,Zeugniszweck' mit ihm teilen.

S. 47 bringt M. fertig, die Idee eines vorläufig noch
verborgenen und machtlofen Meffias (Jüdin Dial. 8) Juden-
chriften zuzutrauen — natürlich vertritt fie bloß der
ungläubige Jude Tryphon; S. 71 belehrt er uns, daß dem
Subordinatianismus, der Lehre von der Unterordnung Jefu
unter Gott, das monarchianifche Intereffe zugrunde liege:
ich hielt bisher Monarchianismus und Subordinatianismus
für die fchrofflten Gegenlätze! Trotz Zahns Affiftenz
bleibt die Exegefe von Joh. 1935 xcCt ixslvoq olösv oti
aXTjfrf) Xiyei = und der erhöhte Chriftus weiß, daß hier
Johannes die Wahrheit fagt, monftrös; die Thefe, daß
txelvoq ein johanneifcher t. t. für Chriftus fei, wird mit
naivem Vorübergehen an den zahlreichen ektZvoc-Stellen,
die das ganz ausfchließen, für ausgemacht genommen; aber
fchon in I Joh. 417 erlaubt der Zufammenhang für hxflvoq
nur die Beziehung auf Gott, genau fo wie v. 19 das
avroq auf Gott weift. Der einzige Verfuch eines felb-
ftändigen textkritifchen Urteils bei M., die Bevorzugung
von Xvst tov 'irjöovv vor ßrj o/ioZoyel (S. 291. A. 3)
zeigt keine glückliche Hand, denn das Motiv zur Korrektur
von (irj 6fioX. liegt offen zutage, — die Noch-nicht-
Gläubigen follen gefchont werden.