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Ausgabe:

1907 Nr. 6

Spalte:

179-181

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jüngst, Johannes

Titel/Untertitel:

Der Methodismus in Deutschland. Ein Beitrag zur neuesten Kirchengeschichte. 3. Aufl 1907

Rezensent:

Mirbt, Carl

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 6.

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gebiet der Propaganda unterftand, während über den
kleineren der Bifchof von Konftanz die Jurisdiktion ausübte
. Für alle diefe Beftrebungen war der Tod des
Herzogs Karl Eugen 1793 überaus günftig, denn Herzog
Ludwig machte fofort die Neuerungen in der Hofkapelle
rückgängig, das Hofpredigerkollegium wurde aufgehoben
und durch Hofkapläne erfetzt, Werkmeifter und Mayr
wurden penfioniert. Der Verfuch der Ausdehnung der
Jurisdiktion des Bifchofs von Konftanz auf die Hofkapelle

— die Verhandlungen darüber bieten manches Intereflante

— fcheiterte allerdings an dem Religionsfrieden und den
Religionsreverfalien. Unter Herzog Friedrich Eugen, der
1795 zur Regierung kam, gelangte freilich die fortfchritt-
liche Richtung nochmals ans Ruder. Werkmeifter kehrte
zurück, auch das Gefangbuch wurde wieder eingeführt, doch
unterblieb die Wiederherftellung der deutfchen Melle. Schon
1797 aber (tarb diefer letzte katholifche Herzog, und unter
Pierzog Friedrich II wurde die katholifche Hofkapelle
aufgelöst. — Am Schluß fragt der Verf. nach den ,Gründen
für das Mißlingen der kirchlichen Aufklärung am Hofe
des Herzogs Karl Eugen von Württemberg' und findet
den ,tiefften Grund ihres Scheiterns' darin, daß die Reform
,ohne Papft und Bifchof unternommen wurde, denn, fagt
er an einer fpäteren Stelle, jede Reform ohne die kirchliche
Obrigkeit oder vollends gegen fie verfucht ift und
bleibt vergebens'. Diefe Erklärung befriedigt nicht.
Wenn die Stuttgarter Reformverfuche eine ifolierte
Erfcheinung des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts
wären, dann könnte vielleicht diefes Argument unter
gewiffen Kautelen anerkannt werden. Aber fie ftellen
doch nur einen Ausfchnitt der großen mit Febronius
bezw. der Emfer Punktation einfetzenden Reformbewegung
dar, die erft mit der Lahmlegung Weffenbergs vorläufig
zur Ruhe kam. Für das Scheitern diefer Bewegung aber
kann, wie eben der Name Weffenberg und die Namen
der Punktatoren beweifen, nicht geltend gemacht werden,
daß fie fich unabhängig von der Hierarchie durchfetzen
wollte. Es wäre daher nur möglich, die Übergehung
oder Beifeitefchiebung des Papffes als die wefentliche
Urfache ihres Mißerfolges anzufehen. Aber diefem
Verfahren fleht die Tatfache im Wege, daß dem Papft
jener Zeit die von ihm beanspruchten und fpäter auch
durchgefetzten Rechte de facto noch nicht zustanden,
denn noch rangen Kurialismus und Epifkopalismus miteinander
. Der Grund des Scheiterns diefer großen Reformbewegung
des achtzehnten Jahrhunderts lag vielmehr
vor allem darin, daß die in ihr wirkfamen pofitiven
religiöfen Kräfte zu fchwach waren, um das Übergewicht
andersgearteter nichtreligiöfer Faktoren zu paralyfieren.

Marburg i. Heffen. Carl Mirbt.

Jüngft, em. Pfr. Johannes, Der Methodismus in Deutfchland.

Ein Beitrag zur neuesten Kirchengefchichte. Dritte
Auflage. Gießen, A. Töpelmann 1906. (IV, 119 S.)
gr. 8° M. 2.4O; geb. M. 3.20

Als diefe Schrift zum erften Mal erfchien, im Jahre
1875 (2. Aufl. 1877), konnte es vielleicht noch fraglich
fein, ob der Methodismus für das kirchliche Leben Deutfch-
lanrls dauernd größere Bedeutung erlangen werde. Heutzutage
ift diefe Frage längft zu feinen Gunften entfchie-
den. Auch darüber befleht jetzt kein Zweifel, daß er
alle anderen in Deutfchland fich ausbreitenden .Sekten'
weit überflügelt hat und als die größte und einflußreichste
aller außerhalb der Landeskirchen flehenden evangelifchen
Kiichengemeinfchaften den Anfpruch erheben darf, ernsthaft
studiert zu werden. Der Verf. hat fich alfo eine
Aufgabe geftellt, die zurzeit befonderes Intereffe erregt
und vorausfichtlich auch in der nächsten Zeit nicht einbüßen
wird. — Mit einer Überficht über ,Das Arbeitsfeld
des Methodismus in Deutfchland' beginnt die Schrift. Es
handelt fich um zwei Organifationen. Die bifchöfliche

Methodiftenkirche von Amerika und die Evangelifche
Gemeinfchaft. Erftere befteht aus zwei Konferenzen, einer
norddeutfchen, die den Berliner, Bremer und Leipziger
Distrikt umfaßt, und einer füddeutfchen, zu der der Frankfurter
, Heilbronner, Karlsruher, Stuttgarter Distrikt gehört;
in ihrem Dienst standen 1905 162 Prediger. Daneben
befteht noch für die Schweiz eine Konferenz (Berner,
Winterthurer, Züricher Distrikt) mit 54 Predigern. In
diefe bifchöfliche Methodiftenkirche ift 1898 die von
den Wesleyanern feit 1831 betriebene Miffion aufgegangen
, deren Mitgliederzahl damals 2300 betrug, und
1905 das Werk des deutfchen Zweiges der .Vereinigten
Brüder in Christo', die früher nach ihrem Stifter Otter-
beinianer genannt wurden. Ihre 982 vollberechtigten Mitglieder
in Deutfchland wurden zu diefem Schritt von
ihrer eigenen Mutterkirche in Amerika gedrängt, da diefe
im Begriff fteht, fich als befondere Kirchengemeinfchaft
aufzulöfen. An ,Größe, materiellen Mitteln und Geisteskraft
' fteht hinter diefer bifchof liehen Kirche die Evangelifche
Gemeinfchaft zurück, die ebenfalls eine nord-
deutfehe (Düffeldorfer, Berliner, Danziger Distrikt) und
eine füddeutfehe (Stuttgarter, Reutlingener Distrikt) Konferenz
befitzt und 93 Prediger angestellt hat. Auch ihr
ift eine Schweizer Konferenz angegliedert (Bafel-Züricher,
und Berner Distrikt) mit 44 Predigern. Daß diefe beiden
Kirchen in 20 deutfchen Städten nebeneinander miffio-
nieren, ift natürlich nicht ohne Nachteile für die metho-
diftifche Propaganda, aber der Gedanke einer Union, die
nach Lage der Dinge wohl nur in der Form der Auf-
faugung der Evang. Gemeinfchaft durch die bifchöfliche
Kirche fich vollziehen würde, fcheint noch fern zu liegen.
Für die Werbearbeit diefes amerikanifchen Methodismus
ift es von großer Bedeutung, daß hinter ihr die größte
aller methodiftifchen Kirchen fteht: die bifchöfliche Kirche,
und zwar unter den verfchiedenen Gruppen der bifchöf-
lich organifierten Methodisten der weitaus bedeutendste
Zweig: die bifchöfliche Methodiftenkirche des Nordens,
die im J. 1905 28 Bifchöfe und 18618 Prediger zählte
und über ein Kirchenvermögen von 630 Millionen Mark
verfügte. Hinter der Methodiftifchen Miffion fteht alfo
eine fehr potente Kirchengemeinfchaft. — Diefen ftati-
ftifchen Nachweifungen fchließt der Verf. forgfältige Mitteilungen
über Lehre und Kultus des Methodismus an
auf Grund der von der Generalkonferenz zu los Angeles
von 1904 neu entworfenen ,Lehre und Kirchenordnung'
und kann auf Zustimmung rechnen, wenn er fagt, daß
die auf diefem Boden flehenden Prediger nicht zu vergleichen
find mit den Sendboten einer kleinen Sekte.
Aber der Methodismus war zu keiner Zeit durch die von
ihm anerkannten ,Dogmen' zu charakterifieren, auch in
der Gegenwart ift für ihn von noch größerer Bedeutung
die kirchliche Praxis, und vor allem feine Predigtweife.
Dabei ift es von befonderem Intereffe zu hören, wie
heutzutage über Buße, Heilsgewißheit und christliche
Vollkommenheit in feiner Mitte geredet wird. Auffallend
ift, daß die Privilegierung des Klerus — eines der katho-
lifchen Elemente im bifchöflichen Methodismus — fich
bis in die neueste Zeit erhalten hat. Erft feit 1872 nehmen
die Laien in gleicher Anzahl wie die Geistlichen an der
Generalkonferenz teil, und noch heute gilt das Gefetz,
daß die Jahreskonferenzen in den einzelnen Ländern von
| einem Bifchof geleitet werden müffen. Es ift wohl nur
I noch eine Frage der Zeit, wann das Verlangen der deut-
j fchen Methodisten noch einem eigenen Bifchof erfüllt
werden wird. Nicht geringe Freiheit fcheint der Methodismus
feinen Predigern nach der theologifchen Seite zu
gewähren. Die Mitteilungen des Verf. aus einer Arbeit
des Profeffors der Dogmatik an der Univerfität zu Boston
Sheldon beweifen, daß alle Schattierungen der neuesten
deutfchen Theologie auch in dem amerikanifchen Methodismus
Eingang gefunden haben. In einem befonderen
Kapitel wird die .Einwirkung des Methodismus auf reli-
J giöfe Erfcheinungen und Unternehmungen in Deutfchland,