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Ausgabe:

1907 Nr. 6

Spalte:

177-179

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sägmüller, Johannes Baptist

Titel/Untertitel:

Die kirchliche Auklärung am Hofe des Herzogs Karl Eugen von Württemberg (1744-1793) 1907

Rezensent:

Mirbt, Carl

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Theologifche Literaturzeitung 1907 Nr. 6.

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Betracht kommenden zehn Handfchriften (darunter eine
Handfchrift, die die franzöfifche Überfetzung enthält),
genau befchrieben. Die wichtigfle ift die Original-
Handfchrift des Autors, vom Autor felbft oder feinem
Sekretär gefchrieben. Sie befindet fich jetzt in der Uni-
verfitätsbibliothek von Gent, wohin fie aus St. Bavo gekommen
ift. Sie hat viele Lücken, die durch Entfernung
von Blättern entftanden find; aber lie laffen fich meift
mit abfoluter Sicherheit durch die anderen Manufkripte
ausfüllen. Befondere Beachtung verdient, daß diefe
Handfchrift (wie auch die anderen Handfchriften) reich
illuftriert ift. Von vier Handfchriften hat Delisle die
Miniaturen katalogifiert, leider aber nicht genau angegeben
, in welchem Verhältnis fie zu einander ftehen. Es
fcheint der Mühe wert zu fein, diefen Zyklus von Miniaturen
genauer zu erforfchen, zumal fich darin eine Folge
von Bildern zur Apokalypfe befindet (vgl. p. 621 ff.).

Nach der Befchreibung der Handfchriften verzeichnet
Delisle den Inhalt des Liber floridus; er hat ihn zerteilt
in 327 Paragraphen. So erhalten wir ein genaues Bild der
Sammlung. Man kann wohl fagen, daß den Autor bei feiner
Arbeit kein anderer Gefichtspunkt geleitet hat, als der oben
angegebene. Planlos hat er aus den ihm zur Verfügung
flehenden Büchern exzerpiert, was er als Wundertaten
Gottes in Natur und Gefchichte, in Kirche und Staat
anfah. Die Bibel und der Phyfiologus treten als Quellen
hervor. Darum ift auch diefe Kompilation fehr charak-
teriftifch für das Mittelalter und feinen ,wiffenfchaftlichen'
Betrieb. — Die Quellen, aus denen der Autor gefchöpft
hat, hat Delisle nicht verifiziert; aber die Löfung der
Aufgabe, wenn fie nötig und möglich fein follte, vorbereitet
.

Die alten Kopien haben Zufätze zu dem urfprüng-
lichen Beftand des Liber floridus gemacht; Delisle zählt
auch diefe einzeln auf (unter §§ 328—372).

Zum Schluß werden zwölf Stücke des Liber floridus
wörtlich abgedruckt oder analyfiert: der Prolog Lamberts;
die gesta Romanorum pontificum; Folceri Carnotensis
gesta Fremeorum Jerusalem expugnantium ; Nomina regum
/rancorum; Francorum regum genealogia (zwei Stücke);
Lenealogia comitum Normannorum; Morinorum episcopictc.
— Über die Lebensumftände Lamberts ift fo gut wie
nichts bekannt; Delisle macht darauf aufmerkfam. daß
er nicht mit dem gleichzeitigen Abt von St. Bertin Lambert
verwechfelt, auch nicht mit einem Lambert des
14. Jahrhunderts zufammengeworfen werden dürfe (p. 579.
790 Anm. 1).

Theologifch bietet der Liber floridus gewiß wenig
Intereffe; wer aber das Mittelalter in feiner Befchränkt-
heit und Befangenheit kennen lernen will, wird durch
ihn auf feine Rechnung kommen.

Kiel. Gerhard Ficker.

Sägmüller, Prof. Dr. Joh. Bapt., Die kirchliche Aufklärung
am Hofe des Herzogs Karl Eugen von Württemberg (1744—
1793). Ein Beitrag zur Gefchichte der kirchlichen Aufklärung
. Freiburg i. B., Herder 1906. (VIII, 228 S.)
gr. 8° M. 5 —

Diefes auf archivalifchen Forfchungen ruhende Werk
erfchließt eine intereffante Phafe der Gefchichte der Aufklärung
in der katholifchen Kirche Deutfchlands und
bietet für die Gefchichte des Unterrichtswefens, der gelehrten
Literatur, des Gottesdienftes, auch des Kirchenrechtes
, mancherlei Ausbeute. Herzog Karl Eugen von
Württemberg zeigte erft am Ende feiner Regierung Intereffe
an kirchlichen Fragen, dann aber nahm es unter
dem Einfluß der Aufklärung eine energifche Richtung
auf die Reform des katholifchen Kirchenwefens. Da er
fich bei der Verwirklichung feiner Pläne in erfter Linie
feiner Hofkapläne, feiner .Hofprediger', wie fie feit 1784
genannt wurden, bedient hat, fleht die Wirkfamkeit diefer

Männer im Mittelpunkt der ganzen Darfteilung. Am
eingehendften wird Werkmeifter gefchildert, der als Pub-
lizift fpäter auch auf die Frankfurter Konferenzen gewirkt
hat. Da feine großenteils anonym veröffentlichten Schriften
fehr feiten geworden find, find die genauen Mitteilungen
aus ihnen, foweit fie feiner Stuttgarter Zeit angehören,
willkommen. Von Werkmeifter flammt u. a. das für die
katholifche Hofkapelle zufammengeftellte Gefangbuch
(1784), in dem der evangelifche Liederfchatz reichliche
Verwendung fand. Die Einführung der deutfchen Liturgie
auch bei der Spendung der Kommunion und bei der
Darbringung des Meßopfers veranlaßte Angriffe in der
Preffe, die Werkmeifter zur Verteidigung der von ihm
empfohlenen Änderungen zwangen. Seine dogmatifche
Emanzipation kam in der Schrift .Thomas Freykirch, oder
freimütige Unterfuchungen über die Unfehlbarkeit der
katholifchen Kirche' (1792) zum Ausdruck. Auch drei
Bände Predigten hat er veröffentlicht und vor allem, durch
mehrere Schriften, in die damalige Katechismusbewegung
eingegriffen. Kürzere Zeit hat Eulogius Schneider dem
Hofpredigerkolleg angehört (1786—1789), der nach mancherlei
Irrfahrten fchließlich in Paris auf dem Schafott
geendet hat. Auch er entfaltete eine reiche literarifche
Tätigkeit im Intereffe feiner praktifchen Reformpläne,
aber er fand doch auch Zeit zu Studien über Chryfofto-
mus, deffen Reden über das Matthäus- und Johannes-
Evangelium er überfetzte und mit Anmerkungen herausgab
. Hinter Werkmeifter und Schneider ftanden die
übrigen Hofprediger (Martin Schluß, Auguftin Bader,
Ulrich Mayr, Firmus Bleibimhaus, Bernhard Menninger,
Karl Nack, Wilhelm Mercy, G. Frey, I. Bernhard, Bruno
Neeb, I. L. Albrecht, Beda Pracher) an Bedeutung weit
zurück. Wer über die Perfonalien aller diefer Aufklärer
informiert fein will, findet bei Sägmüller viel Material.
Nach feiten der tatfächlichen Berichterftattung wird alfo
das Buch gegebenenfalls gute Dienfte leiften. Dagegen
erregt feine gefchichtliche Würdigung diefer Aufklärung
am württembergifchen Hof nicht geringe Bedenken. Daß
der Verf. fie vom Standpunkt der katholifchen Kirche aus
verurteilt, ifl begreiflich, und er hat m. PI. darin recht, wenn
er ihre gegenfätz.lichc Stellung zu Kirche und Dogma
fcharf hervorhebt. Aber mit diefer Feflftellung ift die
Aufgabe des Hiftorikers doch noch nicht gelöft, fondern
er hat des weiteren zu zeigen, wie es möglich gewefen
ift, daß eine fo geartete Bewegung Erfolg haben konnte.
Das konnte offenbar nur gefchehen, weil die damalige
katholifche Kirche das Vertrauen eines großen Teiles
ihrer Mitglieder verloren hatte und fie nicht mehr befriedigte
; wie dies nun aber gekommen, was von ihr
verfäumt und was verfehlt worden, wünfchten wir zu
erfahren, werden aber nicht darüber belehrt. Wir lefen
S. 159: ,Wie jedes Gefchwür rafch um fich greift, fo
auch die Aufklärung von Stuttgart aus infolge jener
Gefchäftigkeit, Gewandtheit und Skrupellofigkeit, welche
die Kinder diefer Welt ftets auszeichnen'. Aber die
kirchliche Aufklärung ift denn doch eine zu komplizierte
Erfcheinung, als daß ihr Erfolg fich lediglich durch
die Betriebfamkeit ihrer Vertreter — die übrigens nicht
beftritten werden foll — und die Anfteckungskraft des
Böfen erklären ließe. Hätte der Verf. fich die Aufgabe
geftellt, uns in die damaligen Zuftände der katholifchen
Kirche, foweit fie der Aufnahme der Aufklärung in
ihrer Mitte förderlich gewefen find, einzuführen, würden
wir wohl auch über die Haltung der katholifchen
Laienwelt, die S. 165 mit einem kurzen Wort erledigt
wird, Näheres erfahren haben. In dem Kampf
gegen die von dem Hofpredigerkollegium gepflegte
Aufklärung unterfcheidet Sägmüller die .kirchlich gefinnte
Oppofition' und ,die hierarchifche Oppofition'. In dem
der erfteren gewidmeten Paragraphen wird die antiauf-
klärerifche Literatur gebucht; die Gegenwirkung der
hierarchifchen Organe der Kirche erfcheint dadurch ab-
gefchwächt, daß der größere Teil des Landes als Miffions-