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Ausgabe:

1906

Spalte:

149-152

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spranger, Eduard

Titel/Untertitel:

Die Grundlagen der Geschichtswissenschaft 1906

Rezensent:

Ritschl, Otto

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149

kens, der Gegenfatz des individualiftifchen Relativismus
und des rationaliftifchen Evolutionismus. Es ift fchließ-
lich derfelbe Gegenfatz wie der zwifchen Herder und
Kant, Schleiermacher und Hegel, das große Hauptpro- (
blem des modernen Hiftorismus. Semler ftellt einen i
dauernden und wefentlichen Typus hiftorifcher Begriffs- j
bildung dar, der neben Leffings rationalem Evolutionismus i
fein gutes Recht hat, wie Galtrow richtig urteilt. Semler
hat ihn nur mit viel weniger Glanz, Klarheit und Kon- ,
fequenz vertreten als Leffing den feinen und geriet
dadurch gegen Leffing in Nachteil. Überdies war den
Zeitgenoffen diefer tieffte Grund des Unterfchiedes nicht j
deutlich; fie hatten Semler ftets nach dem Schema des
Naturalismus verflanden und waren dann über feinen
Konflikt mit Leffing ratlos. Freilich haben fie auch
Leffings Gefchichtsphilofophie nicht verflanden. Von
beiden wirkte auf die Zeitgenoffen im Grunde nur die
Kritik, die Auflöfung des Bibeldogmas und des kirchlichen
Supranaturalismus, die Unterfcheidung des Chriften-
tums Chrifti und des Chriftentums der Kirche, wodurch
der Anknüpfungspunkt für ein neues modernes Chriften-
tum frei wurde. In diefem Sinne haben fie dann beide
— gegen ihren Willen — dem populären Rationalismus
der Eklektiker und dem nachkantifchen eigentlichen
.Rationalismus' vorgearbeitet, der nun feine religiöfen
Vernunfterkenntniffe an die kritifch gereinigte urfprüng-
liche Lehre Jefu anknüpfen konnte.

Am wenigflen fällt bei den vier Büchern für Reima-
rus ab, der doch in diefem Zufammenhang ebenfalls eine
Unterfuchung verdient hätte und einen bedeutenden Typus
des 18. Jahrhunderts darftellt. Er ift Naturalift im dei-
ftifchen Sinne, hat aber die natürliche Religion mit den
Mitteln Leibnizens und Wolfis rationaliftifch begründet
und von diefer feiten Pofition die chriftliche Überlieferung
einer pragmatifch-kritifchen Unterfuchung im Sinne der
menfchlich-gefchichtlichen Kaufalität unterzogen, die vielfach
an Voltaires Ingrimm gegen den chrifllichen Mythus
erinnert. Über feine englifch-deiftifchen Lehrmeifter geht
er wie Voltaire dadurch hinaus, daß er die .natürliche
Religion' völlig von jeder apologetifchen Beziehung auf
das Chriftentum ablöft und die Offenbarungsgefchichte
des letzteren einem möglichft profanen Pragmatismus
preisgibt. Von dem fchließlich fehr fkeptifchen Voltaire
unterfcheidet er fich aber durch feinen unerfchütter-
lichen metaphyfifchen Rationalismus und Optimismus. Er
zeigt die Schärfe und Kühnheit, aber auch die Schranken
der auf einer fehr oberflächlichen Pfychologie beruhenden
hiftorifchen Kritik der Aufklärung. Hier find Leffing
und Semler, wenn auch jeder in anderer Art, bereits
über ihn hinausgefchritten.

Aus diefen Andeutungen möge man die Bedeutung
folcher Forfchungen entnehmen. Hoffentlich folgen ihnen
weitere nach. Wenn ich mir einen Wunfeh zu äußern
erlauben darf, fo möchte ich auf die Notwendigkeit
hinweifen, einmal Bayle in feinem Zufammenhang mit
der vorausgehenden und nachfolgenden Theologie dar-
zuflellen. Ein gleiches wäre ein dringendes Bedürfnis bei
Grotius und vor allem bei Locke.

Heidelberg. Troeltfch.

Spranger, Eduard, Die Grundlagen der Gefchichtswiflen-

fchaft. Eine erkenntnistheoretifch-pfychologifcheünter-
fuchung. Berlin, Reuther & Reichard 1905. (XI,
147 S.) gr. 8° M. 3 —

Her Verf., der nach S.97, Anm.2; 139 Anm.3 bereits
mit einigen kleineren Arbeiten in die literarifche Öffentlichkeit
eingetreten ift, hat nach S. 146 das vorliegende !
Buch der Berliner philofophifchen Fakultät als Differtation
eingereicht. Als erfte größere wiffenfehaftliche Leißling
feines Autors ift es in hohem Grade ausgezeichnet durch
ausgedehnte Literaturkenntnis, umfaffenden Blick und felb-

ftändige Sicherheit des Urteils. Andererfeits kann nicht
wohl verkannt werden, daß es für einen Anfänger nicht
ohne Bedenken ift, in einer neuerdings fo viel erörterten
Streitfrage, wie der nach der richtigen Theorie oder nach
der Logik der Gefchichte, das Wort zu nehmen. So ver-
ftändlich es ift, daß fich bei manchen das wiffenfehaftliche
Intereffe zunächft vor allem auf methodologifche
Fragen richtet, mit denen man gleich von vornherein
ins reine kommen möchte, fo ift deren befriedigende
Löfung doch nicht allein davon zu erwarten, daß man
fich rezeptiv umfangreiche Kenntniffe aus dem Arbeitsgebiet
angeeignet hat, für deffen Betrieb man die richtigen
Regeln zu ermitteln vorhat. Sondern, um jenen
Fragen völlig gewachfen zu fein, muß man vor allem
auch durch eigne Mitarbeit auf demfelben Arbeitsgebiet
heimifch geworden und fich in die dort möglichen und
üblichen Methoden praktifch eingelebt haben. Aus diefem
Grunde ift es denn auch vielmehr die Sache der Hiftoriker,
als die der Philofophen, falls diefe nicht auch Hiftoriker
der Philofophie find, in der Frage nach der Theorie der
Gefchichte das letzte Wort zu fprechen.

Wenn dennoch der Verf., wie vor ihm fchon manche
andere Philofophen, die auch nicht durch eigne Mitarbeit
an der gefchichtswiffenfchaftlichen Produktion teilgenommen
haben, gewagt hat, fich mit jenem Problem eingehend
zu befaffen, fo hat er im einzelnen zwar nicht wenige
treffende, gedankenreiche und geiftvolle Ausführungen
geboten. Im ganzen jedoch find ihm, wie anderen Philofophen
und Theologen, an die er fich anfchließt, die
Fragen der Weltanfchauung für das Problem der Ge-
fehichtswiffenfehaft weit wichtiger, als die nach der Ermittlung
der gefchichtlichen Wirklichkeit. Das tritt
gleich vom Anfange feiner Darlegungen an deutlich
hervor. Der Verf. kritifiert zunächft die Erkenntnistheorie
der Neukantianer, um felbft vielmehr für den Pfycholo-
I gismus als die Richtung einzutreten, die der Behandlung
j der Gefchichte die rechten Wege zu weifen habe. Dann
erörtert er in mehreren Kapiteln das Verhältnis von Gefchichte
und Pfychologie, indem er die Notwendigkeit
einer .Pfychologie des Verftehens' für die hiftorifche Arbeit
I begründet. Nun ift allerdings auch für die Gefchichts-
I forfchung eine Pfychologie des Verftehens zugleich mit der
Kunft der Anempfindung unentbehrlich, und der Verf. hebt
auch mit Recht den künftlerifchen Faktor in jener Pfycho-
| logie und in der von ihr geleiteten Interpretation hervor,
j Im Verhältnis jedoch zu der eigentlichen Aufgabe, die die
I Gefchichtswiffenfchaft als folche zu leiften hat, find jene
Pfychologie und Interpretation ftets nur Mittel zum Zweck,
j Aber freilich, der Verf. fieht den Erkenntniszweck der Gefchichte
gar nicht darin, daß es in ihr vor allem gelte, die
gcfchichtliche Wirklichkeit mit allen verfügbaren Mitteln
möglichft getreu zu ermitteln, fondern er will die hiftorifch
erkannte Vergangenheit vielmehr teleologifch in Beziehung
zu unferen gegenwärtigen Zweckfetzungen und Wertungen
| gebracht wiffen. Mit diefer Auffaffung vollzieht erden ,Über-
| gang zur Gefchichtsphilofophie', von dem fchließlich feine
beiden letzten Kapitel genauer handeln. ,Wir finden', fagt
er(S. 138), ,die gefchichtsphilofophifchen Anfchauungen in
uns eng verknotet mit dem Syftem unferer Werte und

Zwecke......So alfo bemächtigen wirunsder Vergangenheit

und Zukunft in einem. Der Fülle des Hiftorifchen vermöchten
wir ohne diefe vom Normativen beeinflußte Wertauslefe
nicht Herr zu werden, aber auch das Normative könnte

ohne diefen Boden keine Wurzeln fchlagen...... Der

Sozialismus, der Konfervatismus, der Ultramontanismus —
fie alle haben ihre eigene Gefchichte, die für fie gleich-
fam den Boden bedeutet, in dem fie ihre Wurzeln ausbreiten
(S. 139)____Eigentlich ift fchon jede neue Frage-

ftellung mit einer neuen Gefchichtsphilofophie identifch'
(S. 139 Anm. 5). ,Als Richtpunkt, als regulative Idee
bleibt aber die Aufgabe der Fachphilofophie — die
natürlich dem einzelnen Hiftoriker nur abgeleitet zuteil
werden kann — beftehen: Auf der Balis der breiteften