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Ausgabe:

1906 Nr. 5

Spalte:

141-143

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kühl, Ernst

Titel/Untertitel:

Über 2. Korinther 5, 1-10. Ein Beitrag zur Frage nach dem Hellenismus bei Paulus 1906

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 5.

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heit' lediglich das altteflamentliche gemeint fein, fofern
es für die durch Wiedergeburt 1, 18 von der eMiOvuta
1,13. 14, d. h. von der Rückfichtslofigkeit und Gehäffig-
keit Befreiten, alfo ,für die Chriften ein Gefetz der Freiheit
geworden ifiV (S. 13 f. 20. 25. 72). Den fchwierigen
Vers 5,12, der fich freilich mit der vollen Autorität des
altteftamentlichen Gefetzes fo wenig verträgt wie Mt. 5,
33—37, erklärt der Verf. für ein ftörendes Einfchiebfel
(S. 73 f.). Den ganz unverftändlichen Vers 2,18 — oder

Ihnen fchließt fich die vorliegende Abhandlung an. Hiernach
würde der Apoftel zwar V. 1 der Möglichkeit eines
Todes vor der Parufie, d. h. aber der Möglichkeit des
hxövoaodai und damit des yv/ivov slvai ins Auge fehen
(S. 7 .anders als früher'), fich aber mit dem Gedanken
trotten, daß auch für diefen Fall feiner eine höhere Leiblichkeit
im Himmel wartet, ja fchon gegenwärtig dafelbft
bereit liegt. Freilich fchließt diefe fichere Ausficht dann
nicht aus, daß zwifchen Tod und Bekleidung mit dem

wenigftens feine erfte Hälfte — will er zwar, wie viele tun, | neuen Leib eine Zwifchenzeit, alfo für ihn ein Zwifchen-

auch als einen Vermittelungsvorfchlag faffen (S. 30 f.), | zuftand der Leiblofigkeit eintritt. Seine V. 2—4 zum Aus-

aber in fo verkünftelter Weife, daß ,Ich' und ,üu' aus druck kommende Sehnfucht ift aber vielmehr darauf ge-

dem Bewußtfein des fich mit feinem 2, 19 auftretenden | richtet, die Parufie zu erleben, um alsdann überkleidet

Gegner auseinanderfetzenden Brietftelleis verbanden fein
follen, wogegen doch heute noch alles gilt, was einft
Beyfchlag von einem ähnlichen Unternehmen Huthers
geurteilt hat.

niffe des Briefes mit der Abhandlung von B. Weiß hält,
fo erklärt er dem ebenfalls 1904 erfchienenen Vortrag
von Gräfe den Krieg. Wenn diefer ein weitreichendes
Verwandtfchaftsverhältnis in der Gefamtauffaffung des
Chriftentums mit den Briefen des Clemens und Barnabas,
mit Hermas und Juftin konftatiert, fo bekennt unfer
Verf. nur fein Erftaunen ,über das Maß von Leichtgläubigkeit
und Urteilslofigkeit, das dem vertrauensvollen
Lefer zugemutet wird' (S. 69). Ebenfo machen
ihm die zahlreichen Anklänge an paulinifche Redeweife,
die der Unterzeichnete zufammengeftellt hat, ,wenig

zu werden, und derfelbe Geift, der ihm die V. 1 ausgedrückte
Gewißheit verbürgt, bürgt ihm auch dafür,
daß diefer Sehnfucht kein unerfüllbarer Wunfeh zugrunde
liegt. Gleichwohl trägt ihm die V. 6—9 angeflehte Ver-

Wie der Verf. es bezüglich der Entftehungsverhält- 1 gleichung der Vorteile und der Nachteile beider Even

tualitäten die Erkenntnis ein, daß die Zerftörung der irdi-
fchen Leiblichkeit immerhin die Möglichkeit, ja Sicherheit
einer fofortigen räumlichen Vereinigung mit dem Herrn,
fei es auch nur in einem Zwifchenzuftand zwifchen Tod
und Auferftehung, bringen würde, und vor einer fo herrlichen
Ausficht muß felbft der Widerwille gegen ein
ohnedies rafch vorübergehendes Nacktfein das Feld
räumen.

Diefer mit Sorgfalt und Gefchick durchgeführten Auslegung
kommt zuftatten, daß Paulus nicht an ein ,Gnaden-
privilegium' für fich und etwa noch für wenige Geiftes-

Sorge' (S. 65), und fpeziell das Abrahamsbeifpiel, von | und Schickfalsgenoffen denken würde (ein folches fchließen
dem die Vertreter der kritifchen Theologie faft aus- übrigens auch Cone, Pfleiderer und Sokolowski aus); daß

nahmslos urteilen, daß es völlig abfeits vom Gedankengang
des Jakobus liege und feine Exiftenz nur der
Nötigung einer Abwehr gegen die Argumentation
Rom. 4, 2. 3 verdanke, foll gerade umgekehrt im Zu-
fammenhang des Römerbriefes zur Forträumung eines

vielmehr den allgemein gehaltenen Ausfagen V. 3 und 5
auch der Schluß V. 10 ,Wir müffen alle offenbar werden'
entfprechen würde, und die Vorftellung vom allgemeinen
Endgericht fo wenig in Frage geftellt erfchiene (auch der
Unterzeichnete a. a. O. tut das nicht), wie die gerade vor-

Hinderniffes dienen, welches in der auch von Jakobus < her 4, 14 und gleich nachher Phil. 3, 11 und im Römer-
(ohne apologetifche oder polemifche Tendenzen) ver- i brief feftgehaltene populäre Vorftellung von der Aufer-
tretenen Auffaffung Abrahams als Mufters der Werk- [ ftehung; daß eine vollkommene Harmonie zwifchen Ixrtv-
gerechtigkeit im Wege lag (S. 66 f. auf der Spur von | övöacOac V. 2 und V. 4 und dem evövöaOd-ai I Kor.
Zahn, Einleitung2 I, S. 91). Sehr zu loben ift, daß die ! 15, 53 beliehen würde, da die Verfchiedenheit nur eine
Thefe des Briefes bezüglich des kontroverfen Punktes , formale wäre; daß endlich der zwifchen V. 2 und V. 4

klar und unmißverftändlich dahin formuliert wird: ,die
Werke rechtfertigen: der Glaube ift in diefer Beziehung,
wenn er für fich allein da ift, nichts, wenn er mit Werken
verbunden ift, Nebenfache' (S. 70); und nicht minder
auch, daß nach der durchgeführten Anficht des Verf.s
,die ganze Frageftellung' im Abfchnitt 2, 14—26 ,die
Kenntnis paulinifcher Predigt vorausfetzt' (S. 68).
Straßburg i. E. H. Holtzmann.

Kühl, Prof. D. Ernft, Über 2. Korinther 5,1—10. Ein Beitrag
zur Frage nach dem Hellenismus bei Paulus. Königsberg
i. Pr., W. Koch 1904. (46 S.) gr. 8° M. — 80
Die in Rede flehende Stelle ift befonders von Reuß, j als irgend ein anderer Exeget zu befeitigen vermocht

beliebende Parallelismus anerkannt und infolgedeffen lv
xovxcn auf oxtjvoq bezogen werden könnte, wozu der erfte
Eindruck immer einlüde. Aber gerade der Umftänd erregt
nun wieder Bedenken, daß in den beiden genannten
Verfen dann eine Zuftändlichkeit befchrieben fein müßte,
in welcher eigentlich ein öxeva&iv nicht zu erwarten
ift. In der Tat trägt der Verf. kein Bedenken, dem
Apoftel die Empfindung des Wohlfeins und der Beruhigung
zuzufchreiben, fo lange der irdifche Leib ihm
Behaufung und Sicherheit vor dem unerwünfehten Zuftand
der Leiblofigkeit gewährt (S. 10. 17. 22). Auch
fonft wird man ein Gefühl der Befremdung nicht los.
Die Undeutlichkeiten in V. 3 hat der Verf. doch fo wenig

A.Sabatier, Pfleiderer, Schmiedel, Teichmann, H.St. Cham- j Der in der Alternative V. 9 liegenden Schwierigkeit ent-
berlain, Weinel, Clemen, Goguel, Cone, Charles und dem [ geht er nur dadurch, daß er es_ für gleichgültig erklärt,
Unterzeichneten (Lehrbuch der neuteft. Theologie II, i ob bei hÖTjfiovvxsg und txÖTjfxovvxkg der Gedanke an das
S. 192 f.) als Dokument einer Wendung betrachtet worden, öw/xa oder an den xvgiog die Ergänzung liefere: dies im
die innerhalb der paulinifchen Efchatologie eingetreten fei j Gegenfatz auch zu der oben angeführten Abhandlung
und vom urchriftlichen, noch im Rahmen der jüdifchen Vor- | Haupts, welcher der Verf. überhaupt eine eingehende
ftellung gehaltenen Anfchauungskreis zu der wefentlich hei- j Behandlung, bezw. Widerlegung widmet (S. 4. 23 f. 29 f.).
leniftifch bedingten Auffaffung einer .pneumatifchen Efcha- ; Ein Hauptbedenken aber knüpft fich an das Schlußre-
tologie' herüberleite. Diefer am Schluß des vergangenen fultat: (Das Daheimfein beim Herrn ift noch nicht der
Jahrhunderts faft allgemeinen, hier als ,modern' bezeich- ! Zuftand des wahren, feiigen, vollendeten Lebens, weil es
neten Auslegung find neuerdings entgegengetreten A. Ti- fich mit dem verabfeheuungswürdigen und deshalb ficher
tius, Der Paulinismus unter dem Gefichtspunkte der Selig- nicht endgiltigen Zuftand des Nacktfeins verbindet, welcher
keit 1900, S. 61 f., El. Haupt, Deutfch-evangelifche Blätter | wahres Leben im Vollfinn des Worts ausfchließt' (S. 41).
1903, S. 107 f., P. Wernle, Die Anfänge unferer Religion, | Selbft die Vereinigung mit dem erhöhten Chriftus bringt
2. Aufl. 1904,' S. 207 und, abgefehen von diefen, dem 1 es nur zu ,einer durch die Leiblofigkeit gehemmten Mög-
Verf. bekannten Theologen, auch H. A. A. Kennedy, 1 lichkeit voller Lebensbetätigung' (S. 43). Im Zufammen-
St. Paulis coneeptions of the last things 1904, S. 162 f. | hang mit der oben notierten Wertung der irdifchen Leib-