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Ausgabe:

1906 Nr. 5

Spalte:

136-137

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zenner, Johann Konrad

Titel/Untertitel:

Beiträge zur Erklärung der Klagelieder 1906

Rezensent:

Löhr, Max

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr, 5.

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K. v. Hafe gibt in feiner Einleitung eine Überficht
über die Buddhismus und Chriftentum behandelnde Literatur
; er führt dann, wefentlich im Anfchluß an das durch
Van den Bergh (Forfchungen zur Religion und Literatur
des Alten und Neuen Teftaments. Herausgg. von Bouffet
u. Gunkel, Heft 4) gefammelte Material, die wichtigften
Parallelen nach der Chronologie des Lebens Jefu vor,
im Urteil oft geleitet durch die Befprechung von Olden-
berg (Theol. Lit.-Zeitung 1905 Nr. 3) und kommt zu dem
Ergebnis, daß eine Abhängigkeit des N.T. von buddhifti-
fchen Quellen nirgends erwiefen ifl. Ich fehe keinen
Grund, diefem Urteil zu widerfprechen.

Reinhold Seeberg verbucht zuerft zu zeigen, daß
Jefu letztes Abendmahl in den rituellen Formen eines
Paffamahles verlaufen fei: aber von den vielen z. T. aus
Joh. geholten Beweifen ift nicht einer irgendwie durch-
fchlagend, zumal S. geneigt ift, mit Joh. (deffen Datierung
auf jeden Fall richtig fein foll, nötigenfalls mit Hilfe der
Zahnfchen verallgemeinernden Deutung des Ausdrucks
Paffah - effen) das Abendmahl auf den 13. Nifan zu
legen. Abfchnitt 2 vergleicht die Texte. Von den Lc-
Formen bevorzugt S., mit Recht, die kurze Faffung des
abendländifchen Textes.

Zu dritt wagt S. eine anfchauliche ausgeführte Be-
fchreibung des Abendmahls, wobei freilich die eigene
johanneifch geftimmte Phantafie bedenklich viel hinzutun
muß. Auf die vierte Frage: was follte die Feier bedeuten?
antwortet S., das Brot bedeutet nicht Fleifch, fondern
Leib, alfo nach dem Sprachgebrauch der Zeit: Perfon;
das Brotbrechen bedeutet alfo, als in fich abgefchloffene
Handlung (wie ja auch nach S. zwifchen Brot und Kelch
das Lamm trat), die Zuficherung der ferneren peifönlichen
Gegenwart Chrifti bei den Jüngern. Durch den nachfolgenden
Hinweis auf den Kelch (Blut) wird diefe An-
wefenheit näher beftimmt als die des Herrn, der durch
feinen Opfertod die neue Gemeinde geftiftet hat. Diefe
Anfchauung: Anwefenheit Chrifti, foll genützt werden
durch Didache X6; aber diefe Stelle ift fehr unficher
und dunkel. Das maranatha ift vermutlich nicht im
Sinne der geiftigen Anwefenheit Chrifti, fondern eschato-
logifch aufzufaffen (1 Kor. 1126C.). Die Schrift ift ausgezeichnet
durch gefchickte Form und höchft fympathifche
Auffaffung der Sache. Aber wefentliche fchwerwiegende
Probleme bleiben unberührt; und es bleibt ungefagt,
daß diefe fympathifche, ftellenweife freilich zwifchen
fymbolifch und myftifch, geiftig und finnlich unklar
fchwankende Deutung, nicht die genuin-lutherifche ift,
was die Lefer doch fcheinbar glauben follen.

Während ich trotz diefer Bedenken Reinhold Seebergs
Schrift den intereffierten Laien, auch den Religionslehrern
, gern empfehle, muß ich vor dem Heft von Alfred
Seeberg über die Taufe im Neuen Teftament dringend
warnen. Verf. bietet hier im wefentlichen dasfelhe wie in
feinem ,Kathechismus der Urchriltenheit' (vgl. RThLZ 1903
Nr. 25). Das überrafchende Refultat lautet: Der urchrift-
lichen Taufe ift vorangegangen ein Unterricht in den fünf
Hauptftücken, nachgefolgt das Abendmahl. So ftimmt
unfere heutige kirchliche Tauf- und Konfirmationspraxis
nach Hergang und Bedeutung in allen Hauptpunkten
mit der urchriftlichen Praxis. Ich kann mich nicht erinnern
, jemals eine folche Sammlung von — gelinde getagt
— unbewiefenen Hypothefen bei einander gelefen
zu haben. Z. B.: urfprünglich war die chriftliche Taufe
wie die johanneifche nur Bußtaufe. Erft beim Übergang
des Cbriftentums vom jüdifchen ins heidnifche Gebiet
trat die an Ölfalbung und Handauflegung gebundene
Geiftesmitteilung als Erfatz der jüdifchen Befchneidung
auf und wurde dann mit der Taufe eng verbunden. Auf
wie fchwachen Füßen die biblifchen Beweife flehen, zeigt
folgendes Beifpiel: Weil Paulus zweimal die Gebetsanrede:
Abba Vater hat, die fich auch Mk 1436 findet, fchließt
S. nicht nur, daß hiermit das Vater-Unfer gemeint fei,
fondern auch (weil ,an beiden paulin. Stellen die mit

dem Geift der Kindfchaft erfüllten Chriften jene Anrede
fprechen'), daß dies V.-U. von dem Täufling nach Empfang
des Geiftes gefprochen fei. Durch folche phantaftifche
Willkür der Beweismethode wird auch noch der Wahrheitskern
: Daß es nämlich fchon zu Neuteftamentlicher
Zeit Anfätze formelhafter Wendungen, vielleicht
in Verbindung mit der Taufe gegeben habe, für kundige
Lefer verdächtigt. Unfere Laien aber flehen diefer frommen
Willkür, die viel fchlimmer ift als alles, was die ,grund-
ftürzende' kritifche Theologie leidet, hilflos gegenüber.
Daß übrigens die vorgetragene Tauflehre nicht die
Lutherfche ift, kann Verf. aus dem kleinen Katechismus
lernen, wo die FTage nicht heißt: was verfinnbildet
die Taufe, fondern: was gibt die Taufe?

Ich fchließe mit der erfreulichen Schrift von Juncker
über das Gebet bei Paulus. Sie gehört unter die Über-
fchrift Streitfragejn nur, weil fie auch vom Gebet zu
Chriftus redet, das Verf. mit Recht behauptet, während
er mit Unrecht die Subordinierung Chrifti unter Gott
leugnet (für jene Zeit, die auch Engel anruft und an fo
viele Gattungen halbgöttlicher Mittelwefen glaubt, bedeutet
gelegentliche Gebetsanrufung noch nicht den Glauben
an Homoufie). Auch fonft finden fich Entgleifungen,
wie z. B. die (durch A. Seeberg überbotene) Kühnheit,
aus der Abba-Vater-Anrede auf die Benutzung des V.-U.-
Gebets und fomit auf ein paulinifches ftändiges Gebet
um Sündenvergebung zu fchließen. Im ganzen aber zeigt
Verf. gefunde Kritik (Paftoralbriefe nicht benutzt, Ephe-
ferbrief mit? verfehen), eine fichere und unbefangene
Benutzung von Quellen und Literatur.

Welchen Gefamteindruck hinterläßt die Lektüre diefer
Schriften? Es find unter den Verf. folche, wie Sellin, Kö-
berle, Juncker, die der kritifchen Theologie fehr nahe
flehen; aber auch die andern arbeiten im ganzen mit
denfelben kritifchen Methoden, die Unterfchiede find
graduell, nicht prinzipiell, — ausgenommen die Stellung
zum Joh.-Evangelium, an dem in der Neuteftamentlichen
Kritik die Geifter fich fcheiden. Wie in der literar-
kritifchen Methode, fo ift auch in der dogmatifchen
Auffaffung diefe Erweichung der alten Rechtgläubigkeit
feftzuftellen. Die genuine Sakramentslehre ift durch
Modernifierungen verdrängt, nur die Gottheit Chrifti hat
den Stürmen der Zeit getrotzt.

Frankfurt a. M. Schuft er.

Zenner. Johann Konrad, S. ]., Beiträge zur Erklärung der

Klagelieder. Freiburg i. B., Herder 1905. (III, 42 S.) 8°

M. 1.50

Der Verf. geht von der Tatfache aus, daß z. B. im
erften Kap. der Klagelieder der erfte Teil, der in der
3. Perf. das Los des unglücklichen Zion fchildert, von
einem Ausruf, den Zion felbft in der 1. Perf. tut, v. 9,
unterbrochen wird; desgleichen der zweite Teil, wo die
Stadt von fich in der 1. Perf. redet, durch v. 17, in welchem
von Zion in der 3. Perf. gefprochen wird.

Diefe Erfcheinung ift wohl beobachtet, hat aber bisher
keine Erklärung gefunden. Jiine einfache und ganz
ausreichende Erklärung für diefe Erfcheinung bietet die
Annahme der dramatifchen Anlage, zwei Perfonen fprechen
abwechfelnd,' S. 15.

Z. beruft fich dabei vor allem auf die noch heute
im Orient übliche Leichenklage, bei der ein Wechfel
zwifchen dem Gefang einer oder mehrerer berufsmäßiger
oder wenigftens mit der Materie vertrauter Klagefrauen
und dem Chor der Verwandten oder Dorfbewohner ftatt-
findet.

Es wäre als weiteres Analogon noch die dialogifche
Form babylonifcher Klagelieder zu nennen gewefen, wie
fie Zimmern kürzlich in ,der alte Orient', Jhrg. 7 Heft 3
jetzt auch einem weiteren Leferkreis zugänglich gemacht
hat.