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Ausgabe:

1906 Nr. 4

Spalte:

118-119

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mumm, Reinhard

Titel/Untertitel:

Die Polemik des Martin Chemnitz gegen das Konzil von Trient. Eine Untersuchung. Erster Teil 1906

Rezensent:

Tschackert, Paul

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H7

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 4.

118

Wien lebenden fpanifchen Pater zur Beichte ging
(Nr. 116).

Je weniger der Nuntius am Hofe des Kaifers Fuß zu
faffen vermochte, defto enger fchloß er fich an den Herzog
Wilhelm von Bayern an. Seine und Malaspinas
Berichte beftätigen von neuem, daß die Kurie im Bewußtfein
von dem großen Vorteil, der ihr daraus erwachfen
mußte, alles tat, um das bayrifche Intereffe auf jede
Weife zu fördern. Vor diefen Erwägungen trat das Ärgernis
, das der fehr weltliche und fittlich anftößige Lebenswandel
des zum Erzbifchof von Köln beförderten Bruders
des Herzogs erregte, in den Hintergrund. Sega fuchte
zwar den Papft zu bewegen, dem Erzbifchof deswegen
ins Gewiffen zu reden, da feine eigenen Ermahnungen
nichts gefruchtet hatten; aber der Papft wagte dies nicht,
aus Furcht, der Erzbifchof werde das Beifpiel feines Vorgängers
nachahmen und heiraten (S. 348). Man verlieht
es, daß der Kaifer Bedenken trug, diefen Furften ohne
Rückficht auf den Frieden des Reiches, wie es die Nuntien
wünfchten, noch mehr als bisher zu fördern. War
man doch auch fonft am kaif. Hof ängftlich darauf bedacht
, die Proteftanten nicht unnötiger Weife zu reizen
und wenigftens äußerlich den Schein der Unparteilichkeit
zu wahren, wenn man fie auch tatfächlich und im geheimen
vielfach verletzte. So beeilte man fich nach jener
oben erwähnten Veröffentlichung der Bulle in cocna
domini, den proteftanlifchen Fürften die Mitteilung zugehen
zu laffen, daß man an der Veröffentlichung un-
fchuldig fei und fie aufs höchfte mißbillige (Nr. 127).
Als Kurbrandenburg fich wegen der Verfolgung der
Proteftanten durch den Bifchof von Würzburg befchwert,
fchreibt der Kaifer fofort an diefen, um feinen Eifer zu
zügeln. Im Geheimen aber geht ein anderes Schreiben
an ihn ab, worin man ihn auffordert, im Namen Gottes
munter fortzufahren (che tiri manti allegramcnte in nomine
Domini. Nr. 130). Der Nuntius fügt diefer Mitteilung
hinzu, man hoffe daß der Bifchof dies auch tun werde,
da er großes Verlangen zeige, feine ganze Diözefe von
jener Peft zu reinigen (si spera che sia per farlo mo-
strando grandissimo desiderio di liberar lutta la sua
diocese da questa peste). Das Stärkfte, was die Nuntien
von folcher Doppelzüngigkeit berichten, ift wohl Folgendes
: Der Herzog v. Parma hatte die Reichsgrenze über-
fchritten, um die von den Parteigängern des abgefetzten
Erzbifchofs Truchfeß befetzte Stadt Neuß zu erobern.
Sofort ging ihm eine in fcharfen Worten abgefaßte
fchriftliche Aufforderung des Kaifers zu, fich jeder Verletzung
des Reichsgebietes zu enthalten. Zugleich aber
ließ ihn der Kaifer durch den Mund feines Gefandten
auffordern, doch ja jenes Schurkenneft auszunehmen und
dann das ganze Land zu fäubern. Jene fchriftliche Aufforderung
war lediglich dazu beftimmt, den Proteftanten
gezeigt zu werden, wenn fie wegen diefes Vorfalles beim
Kaifer Lärm fchlagen würden (S. 304)! Vor allem war
der Kaifer darauf bedacht, dem Kurfürften Auguft v.
Sachfen, der beften Stutze der öfterreichifchen Politik im
Reich, keinen Grund zur Unzufriedenheit zu geben. Der
Nuntius Malaspina behauptet fogar, der Kaifer tue nichts
im Reich, ohne vorher die Billigung des Kurfürften eingeholt
zu haben. Wenn das auch übertrieben ift, fo
hat er doch nicht fo ganz Unrecht, wenn er den Kurfürften
wiederholt den eigentlichen Schiedsrichter im
Reich nennt. In völliger Verkennung der großen Vorteile
, die den Katholiken aus diefer Stellung des Kurfürften
erwuchfen, meint Malaspina in einer feiner Denk-
fchriften aus dem Januar 1586 es als eine der wichtigften
Ziele der päpftlichen Politik hinftellen zu follen, daß fie
diefe Autorität des Kurfürften zu vernichten fuche. Sein
Nachfolger Sega hat in diefem Punkte die Lage jedenfalls
richtiger erfaßt. Als Auguft ftarb, meinte er mit
Recht, daß die Ausfichten der Kurie fich hierdurch
wefentlich verfchlechtert hätten. Denn da nunmehr den
Proteftanten der Zügel des alten Kurfürften fehle (giache

manca loro ilfreno del veccliio elettorc di Sassonia, che per
hereticofu ben intentionato sempre alla conservatione della
paciftcaiione. S. 370), fo flehe zu fürchten, daß es Johann
Cafimir v. der Pfalz gelingen werde, die Reichsftände für
die fo lange vergebens erftrebte Gewiffensfreiheit zu gewinnen
. Diefe aber werde, meint der Nuntius, den voll-
ftändigen Ruin des Katholizismus in Deutfchland herbeiführen
(articolo dal quäle dependeria la totale perdita del
catholicismo in Germania, quando gl'advessarii ottenessero
lo intento. Nr. 157. Vgl. unter andern auch Nr. 172: l'articolo
della sodetta servitii del demonio, battezata da essi libertä
di consaenzd). Um feine Ziele beffer zur erreichen will
Joh. Cafimir vor allem die Jefuiten und Nuntien aus dem
Reich vertrieben wiffen, die nach ihm nichts als Haß und
Zwietracht unter den Deutfchen anftiften (Nr. 114). Und
fchon find der junge Kurfürft v. Sachfen und der Kurfürft
v. Brandenburg hierfür gewonnen. Denn eine Gefandt-
fchaft beider hat dem Kaifer im Juli 1586 erklärt, es
werde niemals Ruhe in Deutfchland eintreten, wenn man
nicht die Jefuiten und Nuntien aus Deutfchland vertreibe
(Nr. 130: che mai sara quiete in queste provincic, finche
non se ne scaccino tanti nuntii et Giesuiti, autori di tutte
le seditioni et novitä). — Es find nur wenige Punkte, die
Referent aus den Berichten hervorgehoben hat, aber fie
dürften genügen, um eine Vorftellung von ihrem reichen
und intereffanten Inhalt zu geben. — Zur Einfuhrung in
die Berichte hat der Herausgeber eine vortreffliche orientierende
Einleitung gefchrieben. Reichliche Anmerkungen
unter dem Text tragen dazu bei, das Verftändnis
wefentlich zu erleichtern. Manchmal allerdings vermißt
man eine Erläuterung, wie z. B. S. 314 bei den Namen
der im Arabifchen Meerbufen liegenden Ortfchaften, die
auch im Regifter nicht aufgeführt find. Aber das ift
eine Kleinigkeit, die gegenüber dem vielen Vortrefflichen,
das uns der Herausgeber bietet, nicht in Betracht kommt.
— Der Anhang behandelt die Grazer Nuntiatur unter
Giovanni Andrea Caligari 1584—87. Da deffen Berichte
im allgemeinen wenig bedeutend find, fo hat fich der
Herausgeber damit begnügt, eine Auswahl davon zu
geben und das Wichtigfte aus ihnen zu einer zufammen-
faffenden Darfteilung zu verarbeiten, ein Verfahren, das
durchaus des Referenten Beifall hat. Der Raum geftattet
es nicht, auf diefe Berichte näher einzugehen. Es fei
daher nur auf einen S. 442 in Anm. 4 abgedruckten
Brief des Cardinais Madrucci hingewiefen, in dem fich
eine intereffante Formulierung der Unfehlbarkeit des
Pap des findet. Es handelt fich in dem Brief um die Be-
feitigung der von Pius IV. dem Kaifer Ferdinand für die
öfterreichifchen Erbländer gemachten Konzeffion des
Laienkelches, der fich der Bifchof von Gurk widerfetzte.
Aus diefem Anlaß fchreibt ihm Madrucci: V. S. non deve
ne tergiversare ne subtrahere la debita obedienza, sapendo
che ne le cose gravissime et che toccano il beneficio publica
de la religione catholica, S. Santita guidata da l'assi-
stenza de la gratia di Dio non pub errare et che pereib
e conveniente supponere il giuditio particolare d'ogni uno
a qucllo. Gewiß ein bemerkenswerter Ausfpruch fo viele
Jahre vor dem Vaticdnuml

Weimar. H. Virck.

Mumm, Lic. theol. Reinhard, Die Polemik des Martin
Chemnitz gegen das Konzil von Trient. Eine Unterfu-
chung. Erfter Teil. Mit einem Verzeichnis der gegen
das Konzil von Trient gerichteten Schriften. Leipzig,
A. Deichen Nachf. 1905. (VIII, 104 S.) gr. 8U M. 2 —

Das vorliegende Schriftchen nennt fich ,eine Unter-
fuchung', enthält aber nur einen ,erften Teil', welcher
zunächft unter der Überfchrift ,Vorgefchichte' eine Einleitung
zu dem in Rede flehenden Thema bringt, dann eine
,Uberficht' bietet, in welcher Chemnitz als ,Schriftfteller
und Gelehrter', als .Polemiker' und zuletzt als .Dogma-