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Ausgabe:

1906

Spalte:

114-115

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Niemann, Gottfried

Titel/Untertitel:

Die Dialogliteratur der Reformationszeit nach ihrer Entstehung und Entwicklung 1906

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 4.

114

kommen, wie Knoke will, und ob die Babft'fche Ausgabe
1543 gegenüber den Drucken von Nik. Schirlenz
den Vorzug in fo hervorragender Weife verdient, wie
Knoke annimmt. Albrecht nennt jene Thefe eine harte
Rede und zeigt an den Beigaben, vor allem an dem
Stück von der Beichte, die Unhaltbarkeit diefer Thefe,
die Luther auch eine wenig begreifliche Rolle, vollends
angefichts feiner Vermahnung an die Drucker 1525, zu-
fchreibt.

Tfchackert faßt den heutigen Stand der Augu-
ftanaforfchung dahin zufammen, daß von den 39 Augu-
ftana-Handfchriften (27 deutfehe, 10 lateinifche, 2 Uberfetzungen
) zur Feftftellung der am 25. Juni 1530 verlefenen
Textes nur Reutlingen, Nürnberg, Ansbach 2, Marburg und
Zerbft in Betracht kommen, für den lateinifchen Text
aber Dresden, Hannover, Nürnberg und Marburg. Er
weift dann nach, daß die von Berbig in Z.K.G. 1903, 425—
474 veröffentlichte Koburger Handfchrift nur eine Kopte
von Dresden 2 ift. Beachtung verdient die Thefe Tfcha-
kerts, daß derartige Kopien einen wortgetreuen Abdruck
nicht verdienen, zumal wenn es fich um eine fo wenig
korrekte Kopie handelt, wie die Koburger, die wie
Dresden 2 einen nicht autoritativen Text bietet. Wertvoll
find auch die Ausführungen über die Hannoverana 1
und 2 und ihr Verhältnis zu Ansbach 2.

Wendel fucht wahrfcheinlich zu machen, daß die
Flugfchrift /Beelzebub an die Heilige Bepftliche Kirche'
1537, die in einem Greifswalder Exemplar von alter Hand
und von Rotermud im 4. Band der Fortfetzung von Jöchers
Gelehrtenlexikon Luther zugefchrieben wird, wirklich
eine anonyme Schrift Luthers fei. Aber feine Gründe
reichen keineswegs zu. Sicher hätte fich in den Briefen
jener Zeit irgend eine Andeutung davon gefunden. Auch
müßten die eigenartigften Gedanken und Ausdrücke jener
Flugfchrift ficher in Luthers Predigten, Schriften, Tifch-
reden und Briefen aus jener Zeit wiederkehren, wie Ref.
folches an der Wartburgpoftille Schritt für Schritt gezeigt
hat. Aber die Probe, die Ref. mit den ,neuen Galiläern'
gemacht, ftimmte nicht. Der Ausdruck ift wohl von
Luther geprägt, aber fchon 1530—32 in den Predigten
überjoh.öff, E. A.48, 246 fr. Vielleicht glückt es Wendel,
andere Gedanken und Begriffe der Flugfchrift bei Luther
1537 nachzuweifen.

F. Roth fährt fort, Reichstagsberichte zu veröffentlichen
und zwar diefesmal den Anfang der Reichstagsberichte
von Regensburg X 541, die aber bis jetzt verhältnismäßig
mager find, was Roth fehr gut mit dem
Charakter des einen Gefandten, Rehlinger, erklärt, der
gerne den Allwiffenden fpielen und dem Rat nicht alles
anheim geben wollte. Intereffant ift der Bericht über
Contarinis Einzug am 12. März (S. 293) und die vom
Kaifer klug gefpielte Rolle des eifrigen Vermittlers, der
den Evangelifchen im Art. von der Rechtfertigung keine
Befchwerung zumuten will, aber auch die furchtbare
Erbitterung des Herzogs Heinrich v. Braunfchweig und des
Landgrafen Philipp von Heften, von denen man bei per-
fönlichem Zufammenkommen ein Handgemeinwerden
(,Zufammenwachfen') befürchtete.

An den Vorabend des Schmalkaldifchen Krieges
führen die von Wehrmann mitgeteilten Berichte von
Moritz von Damitz an Herzog Philipp I. von Pommern aus
Wittenberg und Arnftadt am 11/18. Juli 1546, in denen
er über die Kriegsrüftungen des Schmalkaldifchen Bundes
berichtet und den Herzog zur kräftigen Teilnahme an dem
Krieg zu bewegen fucht. Die neulich aufgefundene
Weiffagung, die Damitz in Wittenberg bekam, ift nicht
das Praesagium CR. 6, 184, das in das Jahr 1552 gehört,
fondern das Vaticinium Autoris S. Aegidii Abbatis in
Braunfchweig. Vgl. Vogt, Briefwechfel Dr. Joh. Bugen-
hagens S. 368.

Friedensburg fteuert zwei Briefe von Peter Canifius
vom 14. Febr. 1546 aus Nimwegen und etwa von Anfang
Febr. 1547 aus Ulm bei, die uns Canifius am Hof des

Kaifers damit befchäftigt zeigen, den Kaifergegen Hermann
von Wied fcharf zu machen und die Sache feines Gegners
zu fördern. Beachtenswert ift der Vorwurf, den der
Bifchof von Arras dem Klerus in Köln machte, er ver-
laffe fich auf den Kaifer und fei in der Förderung der
Sache der Kirche nicht fo eifrig, wie die Ketzer (S. 401).

Vikt. Schultze teilt Waldeckifche Vifitationsberichte
von 1556, 1558, 1563 und 1565 mit, welche einen Blick
in die geiftigen und fittlichen Zuftände und die Nachwirkungen
mittelalterlichen Aberglaubens tun laffen, z. B.
das graufige Wiederausgraben und Verftümmeln von
Leichen. Schwer lebt fich die Katechefe ein, Predigten
werden ftatt ftudiert abgelefen und Huberinus, Corvinus
und Weller dazu gebraucht. Das Taufwaffer wird 3 bis
4 mal jährlich erneuert. Der Kelch wird von einem Laien
am Taufftein gefpendet. Anfchaulich ift die Schilderung
einer Gemeinde, die wie ein Bienenfchwarm vor den
Fragen der Vifitatoren auseinanderftob (S. 337), deren
einer freilich ,fissidacion' zu fchreiben im Stand ift.
S. 333 Z. 24 /. rudis ftatt cutis, S. 338 Z. 7 v. u. sess ftatt
soss vgl. S. 317 Z. 17, S. 341, Z. 11 pauperiem, S. 352
Z. 12 Jona, Z. 2 v. u. Chrilti. S. 334 Z. 18 ift entweder
zu lefen vc/oten (5010) oder ift vcht die Nachtweide, das
Recht, die Weide bei Nacht für des Pfarrers Vieh zu
benützen.

Zu beachten ift der heftige Streit, in welchen
der Prediger zu St. Nikolai in Göttingen, Hartmann
Hanremann, — ift das wirklich die richtige Form? —
mit dem halbgebildeten Wollweber und Kaftenherrn
Stephan Ramme 1565 geraten war. Knoke teilt des
Prädikanten Bericht an den Rat mit. Auch hier findet
fich die Sitte, die bis Sonntag vor Michaelis 1564 in
Göttingen beftand, daß den Kelch nicht der Pfarrer,
fondern die Kaftenherrn oder Diakone dem Volk
reichten. Großes Bedenken erregt die nicht konfekrierte
Hoftie, die Hanremann Rammes Gattin verabreichte, und
die er in feinem Herzen geweiht haben wollte (ohne
Worte), und der übergebliebene konfekrierte Wein, der
nicht wieder in die Kanne kommen follte, fondern von
den Kommunikanten oder vom Prediger ganz getrunken
werden follte. Die Freunde des Einzelkelchs werden
die draftifche Befchreibung S. 379 eifrig benützen.

Reichen Dank gebührt J. Luther und W. Friedensburg
für die Zeitfchriftenfchau und literarifchen Mitteilungen
. Der ganze Band aber bietet der Forfchung
wertvolle Förderung.

Nabern. G. Boffert.

Niemann, Gottfried, Die Dialogliteratur der Reformationszeit
nach ihrer Entftehung und Entwicklung. Eine
literarhiftorifche Studie. (Probefahrten. Erftlingsar-
beiten aus dem Deutfchen Seminar in Leipzig. Herausgegeben
von A. Köfter. Fünfter Band.) Leipzig.
R. Voigtländer 1905. (III, 92 S.) gr. 8n M. 3.60

Die fehr fleißige Studie, welche Niemann der Dialog-
literatur der Reformationszeit gewidmet hat, ift literar-
gefchichtlicher Natur und bietet dem Theologen und Re-
formationshiftoriker keine große Ausbeute, da fie nur die
formale, technifche Seite des reformatorifchen Dialogs
in ihrer Entwicklung verfolgt, die materielle Seite aber
weniger berückfichtigt, während es von Wert gewefen
wäre, in einem Kapitel eine klare Überficht über die
in der reformatorifchen Dialogliteratur behandelten Fragen
zu bekommen, um zu fehen, wie weit fich die Zeitge-
fchichte darin fpiegelt. Ebenfo wäre es von Wert gewefen
, wenn Niemann, der die einfehlägige Literatur in
weitem Umfang durchgearbeitet hat, den Anteil der
Vertreter der alten Kirche an dem neuen Kampfmittel
genauer beflimmt hätte. Es wird fich vielleicht bei dem
| einen oder andern Dialog nicht ganz ficher beftimmen
| laffen, welchem Lager der Verfaffer angehört, aber das