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Ausgabe:

1906 Nr. 4

Spalte:

111-114

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Friedensburg, Walter (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Archiv für Reformationsgeschichte. Texte und Untersuchungen. Nr. 5 - 8, 2. Jahrg 1906

Rezensent:

Bossert, Gustav

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III

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 4.

112

Archiv für Reformationsgefchichte. Texte undUnterfuchungen.
In Verbindung mit dem Verein für Reformationsgefchichte
herausgegeben von Walter Friedensburg.
Nr. 5—8. (2. Jahrgang.) Berlin, C. A. Schwetfchke &
Sohn. (408 S.) gr. 8°

Inhalt: Nr. 5. Schäfer, Ernft, Die ältefte Inftruktionen-
Sammlung der fpanifchen Inquifition I. — Tfchackert, Paul, Neue
Unterfuchungen über Auguftana-Handfchriflen. — Clemen, Otto,
Die Luterifche Strebkatz. 1904. M. 4.40; Subskr.-Pr. M. 2.80. —
Nr. 6. Schäfer, Ernft, Die ältefte Inftruktionen - Sammlung
der fpanifchen Inquifition II. (Schluß). — Clemen, Otto, Zur
Einführung der Reformation in Weimar. — Wehrmann, M.,
Vom Vorabend des Schmalkaldischen Krieges. — Ulm an n, H.,
Analekten zur Gefchichte Leos X. und Clemens VII. — Wendel,
Karl, Eine vergeflene Schrift Luthers? M. 4.40; Subskr.-Preis
M. 2.80. — Nr. 7. Albrecht, O., Zur Bibliographie und Textkritik
des Kleinen Lutherifchen Katechismus II. — Roth, F., Zur Gefchichte
des Reichstages zu Regensburg im Jahre 1541. I. M. 5.10; Subskr.-Pr.
M. 3.30. — Nr. 8. Schultze, V., Waldeckifche Vifitationsberichte
1556, 1558, 1563, 1565. — Knoke, K., Ein Bild vom kirchlichen
Leben Göttingens aus dem Jahre 1565. — Clemen, O.,
Invictas Martini laudes intonent Christian!. — Berbig, G., Ein
Brief des Ritters Hans Lantfchad zu Steinach an Kurfürft Friedrich
den Weifen 1520. — Friedensburg, W., Zwei Briefe des Petrus
Canisius, 1546 und 1547. M. 3.75; Subskr.-Pr. M. 2.40.

Der Löwenanteil des 408 S. umfaffenden Bandes ifl
mit 133 S. der ,alterten Inftruktionen-Sammlung der
fpanifchen Inquifition' (S. I—55 u. ICO—177) von Profeffor
Ernft Schäfer in Roftock zugefallen, der als Verfaffer
der ,Beiträge zur Gefchichte des fpanifchen Proteftantis-
mus und der Inquifition' zu diefer Arbeit berufen war
und das Bedürfnis für diefen Neudruck klar erkannt hat.
Er gibt in der Einleitung einen kurzen Überblick über
die allmählige Entftehung diefer Inftruktionen von 1484
an und die Sammlung derfelben durch den fünften Gene-
ralinquifitor Alonfo Manrique 1525—38, welche aber erft
1576 gedruckt wurde, die Inftruktionen des fiebenten
Generalinquifitors Fernando de Valdes 1561, gedruckt
1612, und die beide zufammenfaffende Sammlung von
Arguello von 1627, neugedruckt 1630 und 1667, von der
nur 2 Exemplare in Deutfchland zu exiftieren fcheinen.
Hinfchius hat in der Deutfchen Zeitfchrift für Kirchenrecht
1897 nur die Valdes-Inftruktionen mit einer deutfchen
Überfetzung gegeben. Schäfer gibt die Manrique-
fche Sammlung mit den älteften Inftruktionen nach dem
Druck Arguellos von 1630 und dazu eine deutfche Überfetzung
, um die mangelhafte Überfetzung von Reuß zu
erfetzen. Der Druck ift fehr gefchickt eingerichtet, in
dem auf j'eder Seite oben der fpanifche, unten der
deutfche Text gegeben wird, der fich im Ganzen gut
lieft. Doch hätte Schäfer uns Ausdrücke der Friedri-
cianifchen Zopfzeit, wie z. B. S. 42 und öfters ,Rendant'
ftatt des gut deutfchen Einnehmers oder Rechners, und
S. 45 ,fich vernotwendigen' ftatt notwendig werden er-
fparen können. Die Inftruktionen laffen mit erfchrecken-
der Deutlichkeit erkennen, wie die Inquifition einen Staat
im Staate bildete, wie Kompetenz-Conflikte gar nicht
ausbleiben konnten, wie der Staat durch Verbot von
vielen Berufs- und Erwerbsarten und Vermögensentziehungen
gefchädigt werden mußte und das uneinge-
fchränkte Vifitationsrecht der Inquifitoren, wie es die In-
ftruktion von 1500S. 115 fr. ausfpricht, eine ftete Gefahr
für jeden Spanier bildete.

Die Stellung der Kurie unter Leo X. und Clemens
VII. zu Karl V., Franz I. und Heinrich VIII. beleuchten
die Briefe und Regelten, welche Ulmann mitteilt. Es
find 12 Nummern von 1516—1527. Die Art, wie Wolfey
für feinen König fpricht gegenüber Leo X., flicht ftark
ab von dem, was fich Leo X. gegenüber dem jungen
Karl V. für eine Sprache erlaubte, wenn auch der grobe
Satz S. 182: Noverit rex catholicus honesta postulare,

natu nos quidem et novimus et audemus non honesta negare,
im Konzept geftrichen ift. Wie zahm lautet doch die
Sprache Clemens VII. im Juli 1527 nach dem saccol

Den tiefen Eindruck von Luthers Schrift an den
Adel fpiegelt der Brief von Hans Landfchad von Steinach
an den Kurfürften Friedrich den Weifen vom 25. Okt.
1520, den Berbig mitteilt, hubfch wieder.

In die Hochflut der Flugfchriften und die Macht der
Begeifterung für Luther, wie den Spott der Gegner läßt
O. Clemen einen Blick tun, indem er ein deutfches Lied
mitteilt, das nach Petrus Sylvius (t 526) in Nürnberg entftand
und offenbar ein lateinifches Kommerslied war und nach
der Weife von ,Chrift ift erftanden' gefungen wurde. Eben
diefer Sylvius (1529) empört fich über eine 1524 entftan-
dene Parodie der Ofterfequenz Vtctimae paschali laudes
itnmolant Christiani; fie lautete: Invictas Martini laudes
intonent Christiani, und rückte Luther auf eine Linie
mit Chriftus, wie das zur Zeit des Wormfer Reichstages
mün Jlich, bildlich und fchriftlich gefchah und unter einem
mit dem Uber conformitatum des h. Franziscus bekannten
Volk nicht überrafchen konnte.

Dankenswert find die Ausführungen Clemens über
den Dialogus von Luther und der Botfchaft aus der
Hölle 1523, den er wohl mit Recht gegen A. Goetze
E. Alber abfpricht, und über die Gedichte von Ulrich Pirck-
buchius gegen Emfer nebft den 10 Geboten der Papillen,
denen diefe IO Gebote, fieben Todfunden und acht Seligkeiten
der Lutherifchen gegenüberftellten. Die Heimat
Pirckbuchs kann nicht Rodenbach, fondern nur Oberreidenbach
Kreis St. Wendel oder Raitbach bei Schopfheim
, II 13 Raitenbuch, 1421 Reitbach fein.

Lehrreich ift auch eine zweite Arbeit von Clemen
über die Flugfchrift ,die Luterifch Strebkatz', deren Titel
und Inhalt er fein erläutert. Zu Euch. Henner fei noch
auf Knods Jak.-Spiegel, ferner auf die Amoenitates Fri-
burgenses 183, 213, Böcking, Supplement 2, 366 verwiefen.
Zu dem Exkurs über Jakob Lemp ift noch zu beachten,
daß man 1525 feine Gelehrfamkeit veraltet fand, denn
bei der Reformation der Univerfität Tübingen, die Spiegel
im Auftrag Ferdinands leitete, wurde Lemp nicht beigezogen
, fondern Planfch. Das harte Urteil, das die
Ordinatio über die bisherige Theologie ausfprach (pro
sohda et luculenta veritatis doctrina fragiles nutan-
tesque argutias, pro caelestis eloquii mysteriis perplexa
philosophorum placita tradita cognovimus) galt in
erfter Linie Lemp und beftätigt vollauf die Klagen
feiner neugläubigen Gegner (Roth, Urkunden der Univ.
Tüb. S. 141, 142). Einen Dr. Kon. Lemp S. 83
hat es nie gegeben, in Zürich war Planfch. Enders hat
fchon das Richtige (4,74 Anm. 5) angegeben.

Clemen hat auch auf das von Arper in der Jubiläums-
fchrift.Aus Weimars kirchlicher Vergangenheit'1900 wieder
abgedruckteSendfchreiben des Erfurter Pfarrers Kißwetter
an den Pfarrer Heinrich in Elxleben aufmerkfam gemacht,
wonach die Verhandlungen mit der Priefterfchaft des
Amts Weimar wegen der Reformation am 17. Aug. 1525
ftattfanden. Köftlin, Mart. Luther II5,27 hat den 16. Auguft.
Das Sendfehreiben gibt genau die Forderungen des Kurfürften
und den Erfolg bei der Priefterfchaft.

Eine wertvolle Ergänzung zu Knokes fchönem Werk
über den kleinen Katechismus Luthers bietet Albrecht in
der Fortfetzung der Bibliographie und Textkritik (Vgl.
Jahrg. 1,247—278). Es ift ihm gelungen, eine Anzahl Drucke
und Überfetzungen wieder aufzufinden und zu befchrei-
ben, darunter drei dänifche, zu deren einer, nämlich der
von Petrus Palladius, Bugenhagen 1528 eine Vorrede
fchrieb, welche Albrecht 246 ff. mit Recht wieder gegeben
hat. Denn fie ift ein klares Zeugnis für die damalige
Anficht über die Kommunionfähigkeit von Kindern von
8 Jahren und darunter. Trefflich ift Albrechts Ausein-
anderfetzung mit Knoke über die Frage, ob fämtliche
Drucke des Katechismus aus den erften Zeiten nur auf
das Konto von buchhändlerifchem Unternehmungsgeift