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Ausgabe:

1906

Spalte:

106-107

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kennedy, H. A. A.

Titel/Untertitel:

St. Paul‘s conceptions of the last things 1906

Rezensent:

Clemen, Carl

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 4. 106

Sie betreffen hauptfächlich die drei Eingangsverfe, die
allgemeine Schilderung 3, sff. mit anfchließender Jüngerberufung
, die Beelzebubrede, in dem Gleichniskap. den
Einfchub 4, io-m und die Parabeln vom Sauerteig und
Senfkorn, die Szene in Nazareth und die Ausfendung der
Jünger, den Abfchnitt 6,45—8,20, der bei Luc. keine
Parallele hat. Weiter kommen auf Rechnung des Redaktors
: Die Bearbeitung der Szene bei Cäfarea Philippi,
die meiden Logien in 8,34—9,1, das Gefpräch über Elias
9,9—13, die kleine Mufterpredigt, die er 9,28-50 hat geben
wollen, das Gefpräch über die Ehefcheidung in Kap. 10
fowie einige Zuiätze zu den übrigen Stücken desfelben
Kapitels, im 11. Kap. insbef. die Verfluchung des Feigenbaumes
, im 12. Kap. der Abfchnitt V. 38—44- fodann
der Hauptteil der Rede Kap. 13, der dem Evangeliften
vielleicht fchon in der Form einer gefchriebenen Apo-
kalypfe vorlag, und kleinere Zufätze in Kap. 14 und 15,
fo in letzterem die zweimalige Erwähnung des heid-
nifchen Hauptmannes.

In überfichtlicher Weife macht W. dem Lefer die
Refultate feiner Quellenfcheidung zugänglich, zunächft
durch zwei Tabellen S. 29fr. Die eine zeigt an, welcher
der drei Schichten des Evangeliums jeder Vers, refp.
Halbvers angehört, die zweite gibt eine kurze Inhaltsangabe
jedes diefer drei Beftandteile. Sodann erhalten
wir den Tifchendorf-Gebhardfchen Text — auf
eigene Textkritik hat der Verf. leider verzichtet, obwohl
er' Philologe ift —, zunächft M, und M2, jenen mit
größerem, diefen mit kleinerem Druck, und darauf die
Zufätze des Redaktors. Zu monieren wäre hier höchflens,
daß nicht 14,10.11 vor 14,3 gedruckt ift, da fleh in M,
jene beiden Verfe unmittelbar an 14,2 angefchloffen
haben follen und auf die Schilderung des Mahles in
Bethanien (14,3fr.) die Erzählung von der Einfetzung des
Abendmahles (14,22fr.) während derfelben Mahlzeit
gefolgt fein foll (S. 19).

W. glaubt durch feine perfpektivifche Betrachtung
des Marc-Evangeliums noch einen Einblick gewinnen zu
können in den hiftorifchen Prozeß, wie fleh die Auf-
faffung von der Perfon Jefu allmählich im Urchriftentume
umgeftaltet hat. M, zeichne uns das Bild eines geift-
gewaltigen Lehrers, feine Wundertätigkeit trete hier noch
ganz in den Hintergrund. Für den Verf. von M2 fei
Jefus bereits der Davids- und Gottesfohn, der nicht nur
alle menfehlichen Gebrechen zu heilen vermag, fondern
auch über die Naturkräfte und den Tod triumphiert.
Der Redaktor fehe in ihm den ,Menfchenfohn', den mit
dem Schleier des Geheimniffes umgebenen Meffias der
Apokalyptik, ohne daß damit freilich fein Jefusbild erhabener
werde als das feiner Vorlage. In Wirklichkeit
kann fleh aber, auch die Richtigkeit derW.'fchen Quellenfcheidung
vorausgefetzt, diefer hiftorifche Prozeß doch
nicht fo einfach vollzogen haben. Denn einmal ift Jefus
ichon in M, gelegentlich, r,s* in der Anrede .Heiliger
Gottes', als Meffias bezeichnet, auch tritt er hier in den
erften Kapiteln ebenfo als Wundertäter wie als Lehrer
hervor, während anderfeits die Szene in Gethfemane und
der Ruf der Verla'ffenheit am Kreuz auf M2 zurückgehen
foll, was man nicht gerade als eine Steigerung der
Chriftologie gegenüber M, bezeichnen kann.

Und nun die Quellenfcheidungen felbft. W. hat m. E.
richtig gefehen, daß unfer Marc-Text in der Form,
wie er uns vorliegt, zahlreiche Bearbeitungen älterer
Textgeftalt aufweht, er hat auch, glaube ich, richtig gefehen
, daß man fleh an diefer älteren Textgeftaltung noch
zwei verfchiedene Hände tätig wird vorftellen müffen.
Aber die Hilfe, die die fynoptifchen Parallelen bei dem
Verfluche den Urmarkus wiederherzuftellen leiden, hat
W. doch ganz erheblich unterfchätzt. Nur gelegentlich
zieht er Matth, und Luc. herbei, faft nur, um zu zeigen,
daß diefe die Logien in urfprünglicherer Geflalt als Marc,
überliefert haben. Indem er fleh bei feinen Rekonftruk-
tionsverfuchen im wefentlichen auf den Text des zweiten

Evangeliums befchränkt, bekommt feine genaue Scheidung
der drei Hauptbeftandteile des Werkes etwas viel
Subjektiveres als er felbft glaubt, und ich fürchte, die
eingehendere Begründung, die er für feine Thefen noch
in Ausfleht ftellt, wird an diefem Eindruck nicht viel
ändern. Vor allem fcheint er mir die Tätigkeit des
Verf. von M2 fowie die des Redaktors viel zu einfeitig
als Erweiterung des Stoffgebietes, ftatt als Bearbeitung
und Übermalung der bereits vorhandenen
Erzählungsftücke zu faffen. Nur gelegentlich, wie z. B. in
dem Abfchnitte 6,32-34 rechnet er mit der Möglichkeit
einer älteren Grundlage für die jetzt vorliegende Form
der Darftellung. In fehr reinlicher Weife weiß er den
Gefamttext des Evangeliums an die drei Hände zu verteilen
, die an ihm gearbeitet haben. Seine drei Quellen-
fchichten liegen nicht über, fondern neben einander.
Das muß fchon a priori ftarke Zweifel an der Richtigkeit
feiner Konftruktion erwecken. In Wirklichkeit wird
fchon M, den größten Teil des Stoffgebietes enthalten
haben, das W. auf Rechnung von M2 fetzt, wenn auch
in kürzerer, älterer Form, und entfprechendes wird für
das Verhältnis von M2 zum letzten Redaktor gelten.
Freilich, die ältere Geflalt eines marcinifchen Erzählungs-
ftückes in feiner jetzigen Bearbeitung zu erkennen wird
man trotz W.'s Sträuben gegen diefe Tatfache, wenn
überhaupt, doch nur durch Vergleichung mit den fynoptifchen
Parallelen hoffen dürfen, in denen folche älteren
Formen eventuell noch vorliegen. Mit Recht hebt W.
hervor, daß in gewiffem Sinne fchon von 4, 35 ab, vor
allem aber im 5. Kap. die Darfteilung des Evangeliften
mehr in die Breite geht, im Vergleich zu den Schilderungen
der vorangehenden Kapitel, und wir deshalb hier
nicht mehr die ältefte Form der Berichterftattung vor
uns haben. Sollte da nicht fchon Mt einen, allerdings
nicht unwefentlich kürzeren Bericht geboten haben, und
follte diefer nicht noch teilweife aus der Darftellung des
Luc, vor allem aber der des Matth, zu erkennen fein?
Und follte es Zufall fein, daß einzelne Ausdrücke, wie
[läanS, oder xb evayytlov ohne Näherbeftimmung, fowie
die Vorliebe für die Umfchreibung mit övvaoOai, die
W. auf Rechnung von M2 oder des Redaktors fetzt, bei
Matth, und Luc. fehlen? Sollte es nicht auch mit der
Benutzung eines Urmarkus zufammenhängen, daß immerhin
eine ganze Reihe einzelner Verfe und Versftücke,
die W. als Zufügungen zu älterer Textgeftalt betrachtet,
bei Matth, bezw. auch bei Luc. entweder ganz fehlen
oder in meift erheblich kürzerer Form erfcheinen, fo die
fchematifch wiederkehrende Bemerkung, daß Jefus in
ein Haus geht, um fleh der Öffentlichkeit zu entziehen,
oder Stellen wie 2,i5b, ioa, m», i»b, 20; 3-6-"; 4,10.13; 5,43»;
6,15,ig, 31; 9,35; 10,24; 14,57-59; I5,44f.? Hier wie auch fonft
zeigt fleh meines Erachtens, daß die Seitenreferenten den
Urmarkus benutzt haben, und zwar, wenn ich recht fehe,
Matth, die ältere, Luk. die jüngere Form, die auch
unferm zweiten Evangeliften vorgelegen hat.

Königsberg i. Pr. R. A. Hoff mann.

Kennedy, Rev. H. A. A., M. A., D. Sc, St. Paul's con-
ceptions of the last things. London, Hodder & Stough-
ton 1904. (XX, 370 p.) gr. 8° s. 7.6

Daß ich dies Buch erft jetzt zur Anzeige bringe,
liegt an feinem Umfang. Ich konnte mich, an anderer
Lektüre gerade keinen Mangel leidend, lange nicht ent-
fchließen, allein über die Efchatologie des Paulus 351 S.
(der Reft find Regifter) durchzulefen. Und auch jetzt muß
ich fagen: es ift unnötig breit. Allerdings zieht der Verf.
eine ganze Reihe von Fragen heran, die fleh nicht direkt
auf die letzten Dinge beziehen — und ift nun hier wieder
nicht genügend gründlich. Doch ich folge dem Gang
feines Buches und bemerke zu jedem einzelnen Punkt,
was mir daran anzuerkennen oder zu beftreiten zu fein
fcheint.