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Ausgabe:

1906 Nr. 3

Spalte:

73

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fritzsche, Volkmar

Titel/Untertitel:

Das Berufsbewußtsein Jesu mit Berücksichtigung geschichtlicher Analogien untersucht 1906

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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73

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 3.

74

Fritz (che, Realgymrj.-Oberl. Lic. theol. Volkmar, Das
Berufsbewußtrein Jefu mit Berückfichtigung gefchicht-
licher Analogien unterfucht. Leipzig, Dürrfche Buchh.
1905. (56 S.) gr. 8° M. 1.20

Im Literaturverzeichnis werden Heinricis Vorlefungen
über Neuteftamentliche Theologie vom Jahr 1895 angeführt
, womit Ausgangspunkt und Charakter der fleißig
und forgfältig zubereiteten Leiflung, mit welcher der
Verf. in Leipzig den Lizentiatengrad erlangt hat, hinlänglich
angedeutet find. Andererfeits begegne ich in der
Abhandlung gern auch mehrfachen Spuren von Bekannt-
fchaft mit der Darfteilung in meiner ,Neuteftamentlichen
Theologie' (S. 13 = I, S. 235 f. S. 29 = I.S.267), womit ja
fchon meine Zuflimmung zu vielen und nicht gerade nebenfächlichen
unter den hier gewonnenen Ergebniffen gegeben
ift. Denn ich flehe" noch immer zu der altherkömmlichen
, vom Verf. in neuer Begründung vorgetragenen
Meinung, daß die fynoptifche Darftellung Jefu als des
Meffias dem wirklichen Hergang, namentlich auch die
Selbftbezeichnung als Menfchenfohn feinem Berufsbe-
wußtfein entfpricht und ihn als gottgefandten Träger und
Bringer des Himmelreiches erkennbar machen will (S. 13
bis 28). Richtig orientiert durch mancherlei neuere Literatur
erweift fich der Verf. bezüglich der charakteriftifchen
Züge in der Verkündigung Jefu: jede einzelne Seele hat
ihren unvergleichlichen Wert, wird zu ihrem Gott geführt,
daß fie fich geborgen wiffe in der perfönlichen Gemein-
fchaft mit ihm (S. 39), fowie für Jefus felbft diefes Bewußtfein
, in fteter, ungetrübter Gemeinfchaft mit Gott zu
flehen, Quelle einer fonnigen Lebensftimmung, dankbarer
Lebensbejahung und froher Tapferkeit geworden war
(S. 48 f. I.

Die auf dem Titel verheißene ,Berückfichtigung ge-
fchichtlicher Analogien' befchränkt fich auf meid bekannte
jüdifche und heidnifche Anklänge an den chrift-
lichen Vatergott (S. 36 k, wobei übrigens die altjüdifchen
Gebete zu rafch abgefertigt werden S. 38) und an die
Jungfraugeburt (S. 41). Die Paflionspfalmen und Jef. 53
follen zeigen, daß die Idee eines leidenden Meffias im
Alten Teftament wenigftens vereinzelt' vorkommt (S. 16).
Alle Verfuche, einen Entwicklungsgang Jefu felbft, fpeziell
etwa in feiner Stellung zum Gefetz nachzuweifen, werden
abgewiefen (S. 45f.), auch nur ,fcheinbar national be-
fchränkte Sprüche' im Munde Jefu geduldet (S. 39). Dagegen
ift Matth. 28, 19 ,nicht eigentliches Herrn wort'
(S. 34). Andere freiere Urteile find noch vorfichtiger
mit ,auch wenn' (S. 7), .felbft wenn' (S. 27), .felbft bei'
S. 17), ,kann' (S. 10), ,mag' und .mögen' (S. 8. 22), .fcheint'
S. 23), ,wohl' (S. 31) und .vielleicht' (S. 28. 53) gegen
böswillige Ausbeutung gefiebert. Auch daraus, daß der
Verf. nur mit fynoptifchem Material operiert, darf an-
gefichts der ,zwei oder drei Jahre des öffentlichen Wirkens
Jefu' (S. 47) nicht zu viel gefolgert werden. Jedenfalls
beginnt für ihn das Leben jefu mit wunderbarer Geburt
(S. 41 in den Evangelien ,kaum mehr als von keufcher
Gefinnung getragene zarte Andeutung') und endet mit
leibhafter Auferftehung aus dem Grab (S. 53 ,mathe-
matlfch nicht zu beweifen'). Der Verf., nicht ich, kennt
bei den Synoptikern die Formel ,um meines Evangeliums
willen' (S. Ii). Wie in Vorahnung eines folchen Mißgriffes
hat das fchon Wellhaufen zurückgewiefen (Evangelium
Marci S. 73). Seite 9, Z. 12 und 10 v. u. muß ge-
iefen werden 21 ftatt 30 und Mt ftatt Mr; Seite 38, Z. 12
v. u. 103 ftatt 113, IO ftatt 14, 3 ftatt 2 und Sir. 23,5 ift
zu ftreichen.

Straßburg i. E. H. Holtzmann.

Beller, Prof. Dr. Johannes Evangelift, Das Evangelium des
heiligen Johannes überfetzt und erklärt. Freiburg i. B.,
Herder 1905. (XIII, 576 S.) gr. 8« M. 8 —; geb. M. 10 -

Im Vorwort erfahren wir, daß die in Blättern wie ,üer
Katholik', .Theologifche Quartalfchrift', .Biblifche Zeit-
fchrift' niedergelegte .neuefte Eorfchung über das Johannesevangelium
' allerhand .Ergebniffe von höchfter
Wichtigkeit' zu Tage gefördert habe, die, um eine durch-
fchlagende Wirkung auszuüben, nur noch der zufammen-
faffenden Darftellung in einem fortlaufenden Kommentar
bedürfen. Eine folche legt der Verf. daher vor und
ftellt fich dabei unter die Protektion nicht bloß des Erz-
bifchofs von Freiburg, der die Approbation erteilt hat,
fondern ebenfo fehr auch des weftfälifchen Pfarrers
J. B. van Bebber, der das Manutkript einer forgfältigen
Durchficht unterzogen und die Anregung zu den IO
durchfchlagenden Pirkenntniffen gegeben hat, durch welche
,für die Erklärung des Evangeliums eine völlig neue
Grundlage gefchaffen ift'.

Erftlich nämlich foll der Prolog weder vom Aoyoc
aöciQxoc, noch bald von ihm, bald vom i vöuqxoc zu verliehen
fein, fondern .vielmehr den auf Erden wandelnden
Gottesfohn, alfo die gefchichtliche Perfon Jefu Chritti'
bezeichnen, wie aus den beiden ijv I, x hervorgehe, deren
eines durch Ausfprüche wie 5, 20, das andere durch 8,12
und ähnliche erläutert werde. Der Verf. hat demnach
kein Auge für die im Fortgang des Evangeliums vollzogene
Weiterführung von Grundbegriffen wie Licht und
Leben vom kosmifchen auf das religiös-ethifche Gebiet,
wodurch fie zum Rang von H einbegriffen erhoben werden.
Und doch befleht fo verftanden fein zweites .Ergebnis',
das freilich nichts weniger als eine neuefte Errungen-
fchaft bedeutet, zu Recht: ,Der Prolog erweift fich als
ein Programm, in welchem die Thefen aufgeftellt find,
für welche im Körper der Evangelienfchrift die Erläuterungen
, Belege und Begründungen folgen'. Drittens foll
1, 19—34 nicht von mehreren Zeugniffen des Täufers,
fondern nur von einem einzigen die Rede fein, welches
der Meffianität Jefu gelte; d. h. die .offizielle Deputation
aus Jerufalem' foll als auch noch ,am folgenden Tag'
1. sb anwefend vorausgefetzt fein. Was dafür Beachtenswertes
geltend gemacht wird, beweift auf dem Standpunkt
der Kritik nur, daß wie im Folgenden (vgl. Kap. 5
mit Kap. 7 und Kap. 10, I f. mit 22f.) für Jefus, fo auch
fchon für den Täufer ein permanentes Publikum exiftiert
und die wechfelnden Orts- und Zeitbeftimmungen nur
eine, nicht immer ftreng im Auge behaltene, Szenerie
bilden. Die Tragweite des gefchichtlichen Blickes des
Verf.s erhellt aus der Rechtfertigung der unglaublichen
Notiz 1,29 durch die Beobachtung, daß eine übernatürliche
Erleuchtung des Täufers immer dann eintrat, wenn
Jefus in feine Nähe kam; daher fchon Luk. 1, 41! Viertens
foll die 3, 22. 2g. 4, 1. 2 von Jefus und feinen Jüngern
gefpendete Taufe nicht eine der johanneifchen ähnliche
Vorbereitungstaufe, fondern die chriftliche Taufe fein, in
welcher 3, 3. 5 der heilige Geift auf das Waffer herabkommt
und fich mit diefem verbindet, alfo das richtige
Tauffakrament. Zugegeben, falls nämlich das Evangelium
fpätere Artikel des chriftlichen Glaubens in das Tun und
die Lehre Jefu zurückverfetzt; wogegen wer jene Notizen
für gcfchichtlich hält, in Jefus zunächft nur den Fortfetzer
des Täufers erblicken könnte. Unfer Verf. weiß freilich
dem Text auch die ungefchriebene Aufklärung über den
Inhalt der Predigt Jefu am vorhergehenden Ofterfeft zu
entlocken. Schon im 2,2:1 angegebenen Moment müffe
fich Jefus als Stifter des Tauffakraments geoffenbart haben,
worauf er 3, 3. 5 fich nur zurückbeziehe. Als ein fünftes
Novum wird behauptet, daß die Heilungen am Teich
Bethesda nicht natürlich erklärt werden dürfen, da die
große Autorität unteres Verf., J. B. van Bebber, er-
wiefen hat, daß in der Erfüllung einer Weisfagung des
Täufers jene Wunderkraft des Teiches genau vom Laub-

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