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Ausgabe:

1906 Nr. 2

Spalte:

50-52

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fiebig, Paul

Titel/Untertitel:

Joma. Der Mischnatractat „Versöhnungstag“ ins Deutsche übersetzt und mit besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses zum Neuen Testament 1906

Rezensent:

Bischoff, Erich

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 2.

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wenigftens Gleichmäßig in denfelben Spuren der Myfterien- trotz alles prinzipiellen Diffenfus keineswegs unempfäng-
fprache Urchriftentum * II, S. 498 f.). Unfer Verfaffer ; lieh für manches gute Wort geblieben bin, das der Ver-
feinerfeits bringt fie auch zeitlich fo nahe als möglich ! faffer zu der johanneifchen Frage gefprochen hat. Aber
zufammen. fofern Ignatius die Briefe im Jahr 135, Menan- unmöglich ift und bleibt es mir, im erften Johannesbrief
der fein .Evangelium der Wahrheit' gleich in den beiden die Gegenlehre zum Johannesevangelium zu erkennen
folgenden Jahren abgefaßt haben foll (S. 454.474 Q-fo daß j (S. 136. 141. 213. 436. 633. 794) oder die Perikope 7*1
fchon um 140 Valentin es erftmalig benutzen konnte bis 8,11 für ein echtes, nur gleich 5,m (S. 5 f.) von ratio-
(S. 745 f.). Damit ift das in der breiten Mitte unferer nalifierenden und moralifierenden Lefern ausgenutztes
Theologie angenommene Datum fchon faft um ein Stück zu halten, deffen Tendenz auf einen Proteft gegen
Menfchenalteüherabgerückt. Aber faft ift zu befürchten, die Verurteilung des Heidentums, fpeziell der römifchen
man müffe eher noch weiter in der Bildungsgefchichte Staatsreligion (wegen der Apotheofe des Antinous) von
der katholifchen Kirche herabgehen, wenn jene dem feiten der Großkirche gerichtet fein foll (S. 162 f. 477 f.).
Evangeliflen und auch unferem Verfaffer felbft vor- Als wirkliche Zufätze von fpäterer, kirchlicher Hand be-
fchwebende, überall als jüdifch' dargeftellte (z. B. trachtet der Verf. dagegen die Hinweife auf die Aufer-
S. 673). vom eindringenden Weltgeift befiegte (S. 239) ftehung am jüngften Tag 6,39. w. m. 12,« (S. 52 f. 804 f.),
.Großairche' oder ,Amtskirche' mit inquifitorifchem Ketzer- die beiläufigen Bemerkungen über die Juden 4,9. m
gericht und Banngewalt (S. 186 f. 195 f.), mit ihren ,Spähern (S. 403. 411 f. 805), den Anfang von 20,20 (S. 688. 723).
und Denunzianten'(S. 682), mit ihrem extenfiven Gefchäfts- ; namentlich aber den ganzen Schluß 20,30—21,25 (S. 748 f.).
kreis (S. 309. 325) als ,dogmatifch-adminiftrative Mono- Auch foll 19,11 eveic, zu lefen (S. 578) und zwifchen 3,30
polifierung des Chriftentums' (S. 271), wenn die Exiftenz und n eine ganze Reihe von Sätzen, die auf gut Glück
von viel fpäter erft erwähnten gnoftifchen Erzeugniffen j rekonftruiert werden, unterdrückt worden fein (S. 383 f.).
wie das Baruchbuch eines Juftin (S. 398. 401 f.) oder die ; Immerhin werden dem Verfaffer derartige, im Intereffe
jcctQcupQaOic 2(S. 514), wenn in Antiochia eine Tauf- feiner Gefamtanfchauung vorgenommene textkritifche
kirche mit Säulenhalle und Taufbaffin (S. 7 f. 298) und fo Maßregeln noch leichter verziehen werden, als die ähn-
viele andere gelegentliche Vorkommniffe diefer Konflruk- lieh motivierte Behauptung, daß der Logos des Prologs
tion gefchichtlich denkbar werden könnten. nichts zu fchaffen hat mit dem Jefus des Evangeliums
Wo — fo muffen wir fragen — liegt nun das jiqü>tov j (z. B. S. 43. 87 f. 159. 231. 247. 715 f.), und fo vieles Gleichende
-.: bei diefem phänomenalen Irrgang? Lediglich i wertige. Bemerkt mag noch werden, daß der Verfaffer,
in der fchon I, S. 593 ausgefprochenen und II, S. 315 f. i wenn auch zuweilen etwas zögernd, im Evangelium Spuren
325 k durchgeführten Meinung, daß von Juden' im hifto- j der Benutzung des Jofephus zu finden glaubt (S. 397 k
rifchen Sinne nur in den vier erften Kapiteln die Rede 407. 409. 519. 533. 579. 592). Zugunften von Lefern,
fein dürfe, weil nämlich das Judentum für das nach dem , die des Verfaflers Wege etwa weiterhin zu kontrollieren
Barkochbakrieg entftandene Werk keine lebendige Gegen- I verfuchen, fei darauf hingewiefen, daß S. 4 und 231 das
wart, alfo auch kein Kampfobjekt mehr fein könne. Alfo I, S. 580 und 517. 519 Gefagte leicht modifiziert ift, daß
von Kapitel 5 an bedeuten die Juden nach S. 15. 142. j S. 5 ftatt 6,1 zu lefen ift 64, S. 125 ftatt 5,16 vielmehr 6,16,
309. 319. 323. 546k 550. 682. 817 immer die Großkirche. '< S. 126 ftatt 21 vielmehr 31, S. 313 ftatt 5.3 vielmehr 5,1,
Erft müßte alfo das 1903 erfchienene. vom Verfaffer igno-j S. 328 oniöco, S. 427 aXloc,, S. 511 verfolgen, S. 532
rierte Buch Wredes über .Charakter und Tendenz des j Quirinius, S. 620 /jxovaav, S. 624 und S. 720 haben ftatt
lohannesevangeliums' widerlegt fein, ehe die Menander- - heben, S. 805 ftatt 4.10 vielmehr 4,9 und S. 825 ftatt 138
Ignatrus-Hypothefe Kurs finden könnte. Einigermaßen ge- ( vielmehr 183. Wenige Druckfehler von unerheblicher
rechtfertigt erfcheint fie einftweilen nur als Verfuch, einen ; Art, die das gut gedruckte und wohl ausgeftattete Buch
leeren Raum auszufüllen, wie ein folcher fofort entfteht, i noch außerdem bietet, verbeffern (ich von felbft.
fobald die traditionelle Auffaffung des johanneifchen Straßburg t. E. H. Holtzmann
Evangeliums aus Gründen, welche unfer Verfaiier in i______ '

meift unanfechtbarer Weife entwickelt (S. 729h 745 R), ! Fiebig,Gymn,Oberlehr. Lic.theol.Paul. Joma. DerMifchna-
aufgegeben werden muß. Nicht bloß die Präge, wo denn _ 3 * . ■ '

der Evangelift zu fuchen ift, iöndern auch arge Verlegen- tractat Werlohnungstag" ins Deutfche überfetzt und
heiten und Schwierigkeiten, die jedes Kapitel in Überfluß unter befonderer Berückfichtigung des Verhältniffes
bietet, bilden zufammen ein großes X, das, wofern nicht zum Neuen Teftament mit Anmerkungen verfehen.
ungeahnte Quellen neu fich öffnen, kaum jemals reülos (Ausgewählte Mifchnatractate in deutfeher Ueberausgerechnet
werden kann. Unfer Verfaffer glaubt es ^ Tübingen, J. C. B. Mohr 1905. ( VII, 34 S.)
bis in die Minutien des Details ausgerechnet und mit h ; b ,J ^D 1 ' ^dl'
Ausfprechen des Namens Menandros gelöft zu haben, j £r- ° M. 1 —
gerade wie früher die Aloger den Namen Kerinth zu j F.s Beftreben, durch Überfetzungen thalmudifchen
gleichem Zweck gebraucht haben (S. 800). Die zähe, j Parallel-Materials das Verftän lnis des N. T. zu fordern

und zu vertiefen, verdient warme Anerkennung und jede
P'örderung. Den Nutzen z. B. gerade von Joma für die
Exegefe des Hebräerbriefs zeigt F. augenfällig durch

unverdroffene Arbeit, die er an diefes Unternehmen
gewendet hat, wird auch derjenige gern anerkennen, der
wie der Unterzeichnete, trotzdem daß der Verfaffer neben

Thoma, Honig, Schmiedel und Oskar Holtzmann auch I zahlreiche Zitate aus diefem Briefe in den Fußnoten,
ihn nicht fo fchlecht wegkommen läßt, wie faft alle , Seine Überfetzung übertrifft faft alle 12 Vorgängerinnen an
übrigen Zeitgenoffen. keinerlei Mitverantwortlichkeit für ! (achlicher Deutlichkeit; die typographifche wird öfters
fo gewagte Gedankengänge übernehmen mochte. Viel- j durch zu lange, fchlecht interpunktierte, erklärende Text-
leicht verftehe ich den Verfaffer auch nicht immer und I einfchaltungen geltört, die in die Anm. gehörten und zu-
gehörc überhaupt nicht zu jenen Interpreten, .welche die 1 dem nicht immer zutreffen. Im Urtext gleichlautende
eigentümliche Gefühlsmyftik des Verfaffers einigermaßen < Termini und ganze Sätze hätten bei Wiederholungen
nachzuleben vermögen' (S. 231). Aber es handelt fich j nicht verfchieden uberfetz.t werden follen; mehrfach war
doch keineswegs bloß um folche fublime Dinge, deren Ver- größere Genauigkeit und auch Wörtlichkeit zu erreichen,
(ländnis Kr. lieh felbft vorbehält, fondern ich fehe z. B. Der Wechfel von Präfens und Präteritum bei Überfetzung
auch nicht ein, wie x/_ oc 18,1. 2ü. 19,41 ,Verfammlungs- des hebr. Perfekts foll wahrfcheinlich andeuten, was im
lokal' (S. 504. 540. 680. 682 f. 709. 739), dann aber doch Texte nach F.s Anficht fchon aus Jefu und noch früherer,
wieder Garten (S.. 530. 637 t. 671) bedeuten foll. Ich oder aber aus fpäterer Zeit flammt (äußerlich ift im
hoffe bei Neubearbeitung meiner .Neuteftamentlichen ! Druck D. Hoffmanns verfuchte Quellenfcheidung markiert);
Theologie' den Beweis dafür liefern zu können, daß ich aber manchmal wird ohne Grund gewechfclt (z. B. S. 23