Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1906

Spalte:

708-711

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cramer, S. (Ed.)

Titel/Untertitel:

Bibliotheca reformatoria Neerlandica. Geschriften uit den Tijd der Hervorming in de Nederlanden. III. deel 1906

Rezensent:

Köhler, Walther

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 26.

708

6. Horn, ift durch Erwähnung von Einfällen der Kurden,
Kimmerier und Araber (I, pag. 116) ein höchft wertvolles
Objekt für den Profanhiftoriker. Die in fittengefchichtl.
Beziehung fo überaus wichtige 47. Horn. (,Über den Tadel
der Evastöchter und über die Betrügereien und Hinter-
liftigkeiten, die fie ausüben') bringt eine intereffante Be-
legftelle für den Pelagianismus Narfais. ,Nicht in der
Natur, die in dir gebunden ift', fo lefen wir da II, pag.
364, Z. 15fr., ,ift die Bosheit der Begierde, dein Wille
ifts, der da fündigt und fündigen macht, wie er will. Dein
Wille ifts, der dich führt, wohin er will, und nicht mit
Notwendigkeit bift du von jemandem zu Bosheiten
geführt. Dein ift das Gute und Böte ganz und gar, das
durch dich getan wird, und du bift Herrin über beides,
wie eine freie Tochter. Deine Freiheit ift es, gut und
böfe zu handeln, und wenn es fo ift, dann ift es dir
nicht erlaubt, dich zu beklagen' [ffr. dazu den Befchluß
der Synode des Patriarchen Sabhr-isöc 596 bei Braun,
Buch der Synhados pag. 285). — Die 14. Horn. (,Dürftig
ift die Zeit') gibt einen Beitrag zur Vita Narfais. Schon
Barhebraeus hat fie erwähnt. Er fchreibt darüber in
feinem Chron. eccl. {Abbeloos-Lamy, vol. 3 pag. 75): ,Es
gerieten in Streit mit einander Barfauma und Narfai um
einer Konkubine (Syneisakte) willen. Barfauma vertrieb
Narfai aus Nifibis und der ging in das Land der Kurden.
Als er fich dort nicht beruhigen konnte, fchrieb er die
Homilie, deren An fang lautet: „Dürft ig ift die Zeit".
Und er zeigte darinnen feine Liebe zu Barfauma, und
der ließ ihn wieder zurückkehren'. Tatfächlich fchreibt
Narfai die 14. Horn, aus dem Exil, und wer fich über
die religiös-tittlichen Zuftände der Chriften des 5. Sacc.
in kurdifchen Landen unterrichten möchte, findet hier
reichen Stoff. Nur beachte man, daß die Horn, kein
Bekenntnis der Liebe, wohl aber ein Bekenntnis der
Schuld an Barfauma richtet. .Geredet zwar habe auch
ich', fo fchreibt N. I, pag. 222 Z. 20ff., ,aber (danach) gehandelt
habe ich nicht, und gute Werke fehlen mir mehr
als meinen Zeitgenoffen. Meine Gedanken find voll vom
Geftrüpp meiner Schulden wie die meiner Genoffen, und
nicht ift in meinem Herzen eine Frucht, die dem Herrn
des Weinbergs angenehm wäre. Worte habe ich zu-
fammengeftellt wie ein Schuldiger vor dem Richter, ob
die Barmherzigkeit im Gericht fich neigen möchte zu
meiner Schuld ufw.' Diefes demütige Bekenntnis der
Schuld {haubä) und nicht der Liebe (Jiubä), wie der oben
zitierte Text des Chron. eccles. angibt, hat Barfauma
verföhnt. Unmittelbar darauf durfte der Verbannte nach
Nifibis zurückkehren und feine Lehrtätigkeit wieder aufnehmen
. — Wer Narfais Stellung in der Gefchichte der
Exegefe, infonderheit fein Verhältnis zu Theodor kennen
lernen möchte, lefe die 40. Horn. ,über Hiob, den Gerechten
, und die Verfuchungen, die er zu beliehen hatte',
vol. II, pag. 254fr. Ich mache nur auf Folgendes aufmerk-
fam: Während Theodor und die orthodoxen Neftorianer
(cf. Diettrich, Beihefte zu ZAW. VI, pag. XXV f. und Braun
/. c. pag. 197) einen hebräifchen ,Sophiften' als Autor
des Hiobbuches annehmen, führt Narfai ähnlich wie fpäter
Isbcdädh das Buch direkt auf ,den Mund Gottes' zurück
(II, pag. 254, Z. 1 ff.). Sonft freilich ftimmt Narfai völlig
mit Theodor überein. Auch er hält Hiob für eine hifto-
rifche Perfon (II, pag. 255, Z. 18ff.). Auch er fieht
(inkonfequenter Weife) im Hiobbuche Gefchichte »verbunden
mit Worten der Poeten'. Die Verfammlung
der Söhne Hiobs (fo faßtN. die Verfammlung in Kap. 1 e)
und Satans vor Gott, die Fragen Gottes an den Satan
und deffen Antworten an Gott, das Alles ift ihm nur
poetifche Fiktion. So fagt er zu Kap. 1 s (II, pag. 256;
Z. 7ff.): ,Nicht in natura, auch nicht in der Vifion find
fie nach feiner (Gottes) Ausfage zufammengekommen,
denn die Gefchöpfe können den, der vor Allem verborgen
ift, nicht fehen. Nur die Gedanken der Gerechten und
des Böfen (lies: büd) wollte er (Gott) kundtun, nämlich
weshalb fie allezeit nach der Pforte des Höchften trachteten
. Nicht gefchah es, daß die Gerechten den Verborgenen
fahen, dadurch daß fie kamen, und nicht konnte
der Satan mit Gott reden. Auch wenn die Gerechten
den Verborgenen fchauen mit reinem Herzen, wie kann
der Verleumder Gott fehen! Alfo dürfen wir nicht nach
dem, was wir hören (d. h. nach den Wortlaut), das Ver-
ftändnis bilden; das Innere müffen wir erforfchen und
nicht durch das Außere befchwert werden'.1 Und zu
den Fragen Gottes an Satan Kap. 1 ■]{. bemerkt N. ganz
in der Art von Adrians elöaycoyrj elq rag d-eiaq ygoxpaq,
aber durchaus felbftändig (II, pag. 257, Z. 18ff.): ,Nicht
fragte der Schöpfer den Böfen, um feinen Weg kennen
zu lernen, auch fah oder redete der Widerfpenftige den
Allwiffenden nicht an. Derartiger Wendungen pflegt fich
der Schöpfer zu bedienen und allezeit fragt er feine Gefchöpfe
, wie ein Nichtwiffender. Er fragte Adam: ,Adam
wo bift du?', obwohl er ihn fah, und er fragte Kain: ,Wo
ift dein Bruder?', und er wußte, wo er war ufw.' — Für
Dogmenhiftoriker und Liturgiker bieten die 21. und 22.
Horn, das umfaffendfte Material, jene, indem fie von Taufe
und Abendmahl, diefe, indem fie von den der Taufe
unmittelbar vorhergehenden Skrutinien handelt. Freilich
hier befinden wir uns in einer anderen Welt, als in der
von mir veröffentlichten Isocjahbfchen Taufliturgie. Wir
merken fofort: Narfai fetzt überall noch das alte neftori-
anifche Katechumenentaufritual voraus, Isocjahb bietet
ein Kindertaufritual. Daher die großen Differenzen. N.
vertritt noch die Anficht, daß .Sünde und Tod durch
die Taufe getilgt werden' (I, pag. 345, Z. 18 f., ähnlich pag,
343, Z. 20f. und 23f.), L weigert fich, die Wirkung der
Taufe in die Sündentilgung zu fetzen (c/r. Diettrich, die
neftor. Tauflit., Gießen 1903, pag. 7, Z. i8f. und 10, Z. 3).
N. weiß nur von einer im Baptifterium zu vollziehenden
Signation mit Öl zu berichten (I, pag. yßy, Z. 7 ff.), I. hat
diefe Skrutinie in eine vor dem Baptifterium auszuführende
Signation ohne Öl und eine im Baptifterium
auszuführende Salbung mit Öl auseinandergelegt. Bei N.
werden noch die Katechumenatsakte der Abrenuntiation
und des Glaubensbekenntniffes ausführlich befchrieben
{pag. 359, Z. 9ff.), I. hat fie fallen laffen. Bei N. werden
die alten Worte resain, Petkum, meiah noch unterfchieds-
los als Wechfelworte gebraucht {pag. 367, Z. 7 ff.), bei I.
bezeichnet jedes diefer Worte eine befondere Skrutinie.
An Einzelheiten beachte noch bei N. die bewußte und wohlbegründete
Ablehnung der abendländifchen Signations-
und Taufformel {pag. 367, Z. 17fr. und 346, Z. 5 ff.), die
Eintragung der Taufkompetenten in eine Lifte {pag. 363,
Z. 21 f.), die Auffaffung der Paten als Bürgen und Vor-
bilder der Täuflinge {pag. 363, Z. iöff.), die Aufnahme
der Getauften in die Kirche durch Umarmung, Bruderkuß
und Einkleidung von feiten des Priefters {pag. 346,
Z. I5ff.) ufw. — Genug! Wer feine Zeit und Kenntniffe
einer Uberfetzung der Homilien Mar Narfais widmen
wollte, der würde nicht nur den abendländifchen Theologen
, infonderheit den Kirchenhiftorikern, ein neues
dankbares Forfchungsgebiet zugänglich machen, — er
würde zugleich auch dem wiffenfchaftlichen Verdienfte
Minganas zur rechten Würdigung verhelfen.

Berlin. G. Diettrich.

Bibliotheca reformatoria Neerlandica. Geschäften uit den
tijd der hervorming in de Nederlanden. Opnieuw
uitgegeven en van inleidingen en aantekeningen
voorzien door hoogleeraars Dr. S. Cramer en Dr. F.
Pijper. Derde deel. De oudste Roomsche bestrijderg
van Luther. Bewerkt door Dr. F. Pijper. 's-Graven-
hage, M. Nijhoff 1905. (XI, 642 blz.) Lex. 8°
Das holländifche Publikationswerk zur Reformations-

gefchichte fchreitet rüflig vorwärts. Leider fchreitet die

1) Das klingt zwar ganz alexandrinifch, paßt aber dennoch zu Theodor.
Auch diefer hat noch der Synode Isocjahbs I (585/86) ,im geittigen Sinne'
einen Kommentar über das Buch Hiob gefchrieben (c/r. Braun /. c.fag. 197).