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Ausgabe:

1906 Nr. 26

Spalte:

700-701

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Briggs, Charles Augustus and Emilie Grace

Titel/Untertitel:

A critical and exegetical Commentary on the Book of Psalms. Vol. I 1906

Rezensent:

Frankenberg, Wilhelm

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699 Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 26. 700

felben Gedankengänge reproduzierte, oder auch fich
direkt widerfpräche. Es fcheint z. B. kaum möglich, daß
der Verfaffer von Pfalm 3 oder 4, der einigermaßen dem
von Minocchi gezeichneten Bilde entfprechen könnte,
auch die Pfalmen 25. 31. 34. konzipiert hat, ganz abge-
fehen von anderen Unmöglichkeiten, die mit Minocchis
Annahme verbunden find. So geht es z. B. nicht an,
alle Äußerungen, die von einem Verweilen im Tempel,
von einem Preifen Jahwes oder von Opfern reden, auf
priefterliche Funktionen ihres Urhebers zu deuten. Denn
foviel ift doch gewiß, das alles dies nicht priefterliche
Prärogative war, fondern das fich jeder fromme Jude
daran beteiligte. Weiter vermag ich die vielen Bezugnahmen
auf den .meffianifchen Glauben', die Minocchi
in den Inhaltsangaben der einzelnen Pfalmen konftatiert,
in den Gedichten felbft nicht aufzufinden, und Minocchi
befchränkt fich auch felbft wefentlich darauf, fie zu
behaupten, ftatt fie nachzuweifen. (Daß Minocchi alle
Königspfalmen, auch Pf. 45, als von Haus aus meftia-
nifch anfleht, liegt wohl weniger an ihrem Inhalt, als
an der kirchlichen Tradition, die er in diefem Punkte
akzeptiert.) Die fprachlichen Übereinftimmungen, die ich
in meinem Ferienaufenthalt mangels einer Konkordanz
nicht genau nachprüfen kann, die aber auch bei oberflächlicher
Nachprüfung zu allerlei Bedenken Anlaß
geben, könnten, felbft wenn fie richtig und genau wären,
nicht dartun, daß die Stücke, denen fie angehören, alle
eine und diefelbe Perfon zum Verfaffer haben, und
Minocchi irrt, wenn er meint, man habe auf diefe Weife
die fchriftftellerifchen Perfönlichkeiten der Jahwiften,
Elohiften etc. eruiert. Diefe Namen bezeichnen vielmehr
nach der Meinung der meiften Kritiker gar keine Einzel-
perfonen, fondern fchriftftellerifche ,Schulen' oder Kreife
gleichgeftimmter Erzähler.

Zu dem Verfuch einer ,Gefchichte der Pfalmen' überhaupt
ift zu fagen, daß unfere Kenntnis der nachexilifchen
Gemeinde viel zu gering ift, als daß wir die Pfalmen mit
einer folchen Genauigkeit und Sicherheit, wie es jetzt
üblich ift und wie auch Minocchi es tut, auf jene Zeit
verteilen könnten. Daß diefe ganze Zeit von Parteihader
und innerjüdifchen Zwiftigkeiten durchtobt war, können
wir ohne weiteres annehmen. Dann muß man aber anerkennen
, daß die in den verfchiedenen Pfalmen vorausgefetzten
, aber für uns meift nur fehr undeutlich erkennbaren
Situationen ihrer Dichter während der ganzen nachexilifchen
Zeit, die uns für den Pfalter zur Verfügung
fleht, immer wiederkehren konnten; darum ift es nicht
möglich feftzuftellen, welchem Jahrhundert oder gar Jahrzehnt
nun jeder einzelne Pfalm angehört, und darum
mußte auch Minocchis Verfuch mißlingen.

Wie die meiften neueren Exegeten ift auch Minocchi
ein überzeugter Vertreter der Metrik. Er befchränkt fich
auch nicht darauf, einzelne Verfe feftzuftellen, fondern
er fucht, wie Duhm und viele andere das auch getan
haben, in allen Pfalmen Strophen nachzuweifen. Dabei
beobachtet man wieder, wie unficher doch die Theorien
find, die unfere Metriker befolgen. Nicht allein, daß die
Zählung der Hebungen oft zu fchweren Bedenken Anlaß
gibt und die uns überlieferte Ausfprache des Hebrä-
ifchen fich dem Metrum zuliebe allerlei Abänderungen
gefallen laffen muß (Minocchi lieft z. B. in Pfalm 72:

Jahweh mispatekä Umalk-ten
WesädkaFkä Eben-mälk
jadin ammekä besädk
weänijekä bemispät),

nein, auch über Art und Abteilung der Strophen find
fie fich gar nicht einig. Während Duhm z. B. in Pfalm 30
.zweihebige Siebenzeiler' findet, erklärt Minocchi (der
fonft von Duhm außerordentlich ftark abhängig ift, fodaß
feine Bemerkungen zu den einzelnen Verfen fich oft wie
wörtliche Überfetzungen derer von Duhm lefen), der
Pfalm beftehe aus Strophen zu 4 Zeilen, von denen zwei

I vierhebig, die beiden anderen dreihebig feien. Ähnlich
fleht es bei Pfalm 31, wo Minocchi und Duhm vierzeilige

i Strophen von zweihebigem Rythmus finden, aber nun
doch die Einzelverfe und Strophen vielfach verfchieden
abteilen. In Pfalm 2 findet Duhm fiebenzeilige, Minocchi
aber fechszeilige Strophen, denen zuliebe er freilich
manches aus dem Text ausfloßt, was inhaltlich zu Bedenken
gar keinen Anlaß gibt. Solange derartige Manipulationen
nötig find und folche Unficherheiten beliehen,
fcheint es immer noch geraten, nicht allzufeft auf die
metrifchen Syfteme zu bauen, die uns hier und dort vorgetragen
werden.

Es ift bekannt genug, daß der Text der Pfalmen
fich vielfach in recht fchlechtem Zuftand befindet, und
machmal aller Erklärungsverfuche fpottet; fo wird jeder
Ausleger darauf gedrängt, dem Text durch Konjekturen
aufzuhelfen, die aber nicht immer auf feftem Grunde
ruhen, fondern manchmal ohne Halt völlig frei in der
Luft fchweben. So fcheint es mir um einen Verbeffe-
rungsvorfchlag Minocchis beftellt zu fein, den er zu
Pfalm 110, 4 b macht; der überlieferte Text lautet bekanntlich
: 'attäh köhen le<öläm 'al-dibrätl malki-sedek;
das überfetzt Minocchi (wahrfcheinlich falfch, da 'aldibrat
fonft nicht heißt ,nach dem Wort', fondern .wegen,
um-willen'): ,du bift Priefter in Ewigkeit nach dem Wort
von Malki-sedek'. Das ,Wort von Malki-sedek' findet
Minocchi nun in Gen. 14, 18: wehü köhen 1<= 'el 'eljön
und lieft darnach im Pfalm B'eljön ftatt L'öläm. Jahweh
würde dann in feinem Schwur die Genefisftelle zitieren
und fich felbft als den 'eljön (NB. nicht 'el 'eljön!) bezeichnen
. Wenn beides fchon an fich unwahrfcheinlich
ift, io fcheitert Minocchis Annahme vollends daran, da
eine folche Verderbnis des Textes einfach unverftändlich
wäre. Die Malkisedekperikope der Genefis war ficherlich
dem fpäteren Judentum fo geläufig, daß das ,Wort von
Malkisedek' vor einer derartigen Entftellung gewiß ge-
fchützt gewefen wäre. — Die Erklärung des vielbe-
fprochenen nasseku bar in Pfalm 2 hat Marti fchon
früher gefunden; das hätte Minocchi aus Duhms Kommentar
Seite 10 erfehen können.

Auch fonft wäre noch genug zur Einzelexegefe
Minocchis zu bemerken. Aber dabei will ich nicht länger
verweilen, fondern noch darauf hinweifen, wie frei fich
diefer römifch-katholifche Gelehrte auf dem Gebiete der
biblifchen Kritik bewegt. Was manchem Proteftanten
ein Grauen verurfacht, macht ihm keine Skrupel, wie
z. B. die Feftftellung, daß im Pfalter nur ein und vielleicht
gar kein Gedicht von David enthalten ift, daß die
weitaus größte Zahl aller Pfalmen der nachexilifchen
Zeit angehört uff. Freilich diefe Dinge fowohl, wie auch
die Verbefferungen verderbter Texte werden vorbehaltlich
der Zuftimmung der Kirche vorgetragen, der allein
das Recht zuftehe, über jedes Wort der Bibel ein unfehlbares
Urteil zu fällen, und im Widerftreit mit der keine
wahre Kritik je beftehen könne. Aber Minocchi fcheint
gar nicht daran zu zweifeln, daß feine Kirche die Er-
gebniffe feiner Forfchung, die doch zum größten Teil
auf proteftantifchen Vorarbeiten beruhen, gutheißen werde.
Wer weiß, vielleicht tut fie das eher, als die offiziellen
Vertreter des Proteftantismus fich zu ihrer Anerkennung
bequemen!

Charlottenburg. Friedrich Küchler.

Briggs, Prof. Charles Augustus, D.D., D. Litt, and Emilie
Grace Briggs B. D., A critical and exegetical Commen-
tary on the Book of Psalms. (In two volumes) Vol. I.
Edinburgh, T. & T. Clark 1906. (XC, 422 p.) gr. 8°

s. 10.6

Das Buch enthält nach einer perfönlich gehaltenen
Vorrede eine Einleitung, die über die Stellung des Pfalters
im A. T., den Text und feine Überfetzungen und die