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Ausgabe:

1906 Nr. 25

Spalte:

676

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hoberg, Gottfried

Titel/Untertitel:

Die Psalmen der Vulgata übersetzt und nach dem Literalsinn erklärt. 2., verm. u. verb. Aufl 1906

Rezensent:

Frankenberg, Wilhelm

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675

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 25.

676

daß beides bei ihnen nebeneinander fleht, ift ein Beweis, daß
fie es übernommen haben; die Idee des ,Reftes', ebenfalls
übernommen, ift ein dürftiger Mittelgedanke. Die originale
Arbeit der Propheten befteht darin, daß fie den
gegebenen Stoff ethifch verwendeten und wandelten. Viel
fpäter begab fich dann eine 2. Überfchwemmung Israels
mit ausländifchem efchatolog. Material und fand in der
Apokalyptik ihren Sammelort. Aus der Apokalyptik,
aus den in den prophetifchen Büchern verfprengten efchatolog
. Brocken, die manchmal deutlich als Fremdkörper
fichtbar find, fowie aus dem, was die Propheten auf dem
Weg der Oppofition erwähnen, läßt fich jenes ausländi-
fche efchatolog.Syftem in derHauptfachenachkonftruieren.

Etliche Bedenken laffen fich nicht unterdrücken. Einmal
ift mir fraglich, ob es irgendwo in alter Zeit ein
efchatolog. Syftem, einen efchatolog. ,Bau' gab. Nicht
einmal in der Apokalyptik haben wir Eine Efchatologie
als Ganzes, fondern überall einzelne efchatolog. Vor-
ftellungen, hie und da efchatolog. Kompofitionen, nirgends
einen efchatolog. Bau oder bloß Fragmente eines außerhalb
beflehenden efchatolog. Baus. Und jedenfalls find
die in der israelitifchen Literatur enthaltenen efchatolog.
Stücke nicht bloß Fragmente eines oder auch mehrerer
auswärtiger Syfteme, fondern eben auch Beftandteile aus
den verfchiedenen Naturfphären und gefchichtlichen Er-
lebniffen. Sodann ift der Prozeß der Verarbeitung in
Israel felbft von G. gewiß nicht glücklich aufgefaßt. Es
ift an fich fchon fchwierig zu denken, daß die urfprüng-
lich mythifchen und kosmifchen Vorftellungen zuerft
follten nationalifiert und dann (von den Propheten) wieder
erweitert werden fein. Vor allem aber fcheinen mir die
(volksmäßigen) Nabis nicht die richtigen Vermittler zu
fein, eher die Priefter. Diefe Ekftatiker waren wohl dazu
angetan, efchatolog. Stimmung zu vermitteln und zu erzeugen
, aber nicht efchatologifche Ideen. Die umfaffen-
deren efchatolog. Vorftellungen haben überhaupt nichts
Volksmäßiges an fich, fondern find gelehrte Gebilde.
So möchte ich vielmehr vermuten, daß das Volk und
die Nabis zwar die (wohl jeder Religion anhaftende)
efchatolog. Stimmung pflegten, naturgemäß in nationalem
Sinn, und die aus der Naturbeobachtung genommenen
Bilder efchatologifch verwendeten, daß aber die efchatolog.
Ideen, insbefondre die kosmifchen und my,thifchen, in
israelitifchen Gelehrten- (Priefter-, Myfterien-, apokalyp-
tifchen) Kreifen aufgenommen, weitergetragen und von
ihnen auch den Propheten überliefert wurden; wenn man
nicht vorzieht, den Prozeß der Aufnahme und Verarbeitung
fich überhaupt als einen fehr komplizierten und langwierigen
vorzuftellen. Endlich glaube ich doch, daß wir
die Originalität der Propheten und der israelit. Schriftfteller,
auch hinfichtlich des Stoffes felbft, nicht gar zu knapp
bemeffen dürfen. Eine Idee wie die des .Scheär' z. B.
konnte Jefaja gewiß frei erfinden, als etwas, was das Volk
zum Aufhorchen und Nachfinnen reizen follte. Damit
foll nicht geleugnet fein, daß die Originalität fich oft
gerade an dem zeigt, was ein Großer aus einem gegebenen
Stoffe zu bilden weiß. Aber auch beim Ebed
möchten wir nicht annehmen, daß es fich um eine bloße
bedeutfame Umbildung handelt. Daß G. den Ebed als
efchatologifche Geftalt faßt, begrüße ich freudig; es
mehren fich doch die Stimmen in diefer Richtung. Aber
der Mythus des fterbenden und auferftehenden (Jahr-)
Gottes, der zurzeit wie ein Gefpenft umgeht, kann doch
wohl nur fo weit beigezogen werden, daß die Phantafie
des israelit. Schriftftellers dunkel von ihm (wie auch von
manchem andern) beeinflußt war, nicht aber fo, daß
Dtjef. diefe Geftalt etwa bewußt in feine eigene efchatologifche
umgewandelt hätte. Schließlich will ja auch G.
in feinem Buch nichts weiter als die erften, oft fehr weit
zurück liegenden Quellorte fuchen und zeigen. Darin
liegt der Reiz, aber auch der befchränkte Wert feiner
Arbeit. Es muß damit gerechnet werden, daß die 1. Quellorte
naturgemäß im Dunkel liegen, vielfach auch beim

Schriftfteller bzw. im Gemeinglauben nur im Bewußt-
feinsuntergrund bleiben und daß die Eine Sache oft viele
Urfprünge und Seitenflüffe hat.

Der bleibende Beitrag der Arbeit G.s für die Wiffen-
fchaft aber befteht darin, daß er in hervorragender Dar-
ftellung gezeigt hat, wie die israelitifche Efchatologie ein
Zweig an dem uralten Baum der allgemeinen Efchatologie
ift.

Leonberg. Volz.

Hoberg, Prof. Dr. Gottfried, Die Psalmen der Vulgata überfetzt
und nach dem Literalfinn erklärt. Zweite, vermehrte
und verbefferte Auflage. Freiburg i. B., Herder
1906. (XXXV, 484 S.) gr. 8°. M. 10—-; geb. M. 11.50

Der Herr Verf. hat es fich zur Aufgabe gemacht,
den lat.Text der Pfalmen (vulgata= psalteriumgallic. des
Hieron.) wort- und finngetreu zu überfetzen. Ihm kommt
es nur auf den Sinn an, der dem hauptfächlich nach den
LXX überfetzenden Verfaffer der lat. Pfalmen vorfchwebte.
Die LXX kommen für ihn erft in zweiter und der M-T.
erft in dritter Linie; in ihrer Benutzung ift kein fefler
Kanon zu finden.

Selbftverftändlich ift es intereffant zu erfahren, was
der lat. Überfetzer der Pfalmen an diefer und jener Stelle
fich gedacht hat; aber ein fo felbftändiges Intereffe, wie
es der Herr Verf. aus dogmat. und praktifchen Rück-
fichten feinem Stoffe entgegenbringt, dürfte die lat. Über-
fetzung in rein wiffenfchaftlichen Kreifen kaum bean-
fpruchen. Text und Inhalt der lat. Überfetzung werden
dort immer nur Mittel bleiben zum befferen Verftändnis
des hebr. Originales.

Im allgemeinen hat d. H. Verf. feine Aufgabe ftreng
durchzuführen fich bemüht. Nur hin und wieder läßt er
fich durch die beneficia der Wiffenfchaft verleiten, feinem
Programm untreu zu werden. So macht er manchmal
Anleihen bei LXX und M-T., die eigentlich unftatthaft
find; hätte er das unterlaffen, wäre er z. B. dem Kuri-
ofum jab Fifa ,der Tod macht bleich' entgangen. Auffallend
ift auch, warum manche Stellen der Vulgata, die
fich doch offenbar nicht nur überfetzen, fondern auch verliehen
laffen, nicht überfetzt werden, wie z. B. manche
Überfchriften. Es ift ja freilich richtig, daß die ober-
fchriften (in LXX und Vulg.) oft Mißverftändniffe des
hebr. Originales find; aber diefe kritifchen Fragen gehören
ja garnicht in das Arbeitsgebiet, das der H. Verf.
fich abgedeckt hat. Wenn er uns den Literalfinn der
lat. Pfalmen geben will, muß er uns alles geben, auch
das, was mißverftanden ift. Kritifche Bedenken find bei
der von ihm umfchriebenen Arbeit nicht am Platze und
ftören nur das Programm. Überfetzungsfehler find mir
an folgenden Stellen aufgefallen: rp 1,1. 7,7, u. 9.19. 25. 34. 39.
11,2, c 14,3. 15,*, l6,io.ii.i4. 17,38. 18,10,14 und fonft.

Luifendorf. Frankenberg.

Haupt, Prof. Dr. Paul, The book ot Ecclesiastes. A new

metrical translation. With an Introduction and ex-
planatory Notes. Baltimore, The Johns Hopkins Press
1905. (47 p.) gr. 80

Diefe Ausgabe ift mit der in ThLZ 1905 Nr. 25
befprochenen faft ganz identifch und unterfcheidet fich
ihrem wiffenfchaftlichen Charakter entfprechend von ihr
nur durch einen größeren Reichtum an Anmerkungen.
Der literarkritifchen Einleitung find Noten beigegeben,
die fich hauptfächlich mit der neueften Literatur über
Qohelet befchäftigen. Die der englifchen Überfetzung
folgenden Noten dienen der Sinnerklärung; zu 414 ift
Pfalm 45 beigedruckt, der nach H. die hebräifche Überfetzung
des griechifchen Hochzeitsgedichts war, das
Jonathan dem König Alexander Balas bei feiner Hoch-