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Ausgabe:

1906

Spalte:

665-666

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Beatis, Antonio de

Titel/Untertitel:

Die Reise des Kardinals Luigi d‘Aragona durch Deutschland, die Niederlande, Frankreich und Oberitalien, 1517 - 1518, beschrieben 1906

Rezensent:

Virck, H.

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66s

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 24.

666

fchichte der kirchlichen Territorien, deren vielgestaltige
Aufgaben nicht allein von nur kirchlich gefinnten
Männern bewältigt werden konnten. Nichts wohl ift bezeichnender
als die Ausführungen des Chroniften Levold
von Northof (14. Jahrhundert), deffen Mahnungen an den
Bifchof von Münfter Adolf von der Mark (1357 erhoben)
fich beinahe decken mit denen an den Grafen Engelbert
von der Mark (Chronik ed. L. Troß S. 226 ff. vgl. mit
S. 8 ff.) —, eine Art von Fürftenfpiegel, die wenig mehr
mit denen des neunten Jahrhunderts für die karolin-
gifchen Herrfcher gemein hat, weil fie verweltlicht, man
möchte fagen territorialifiert und laienhaft geworden
ift. Jedenfalls ift Ks. Schrift mit Recht in Zeumers
.Quellen und Studien' aufgenommen, die damit, ähnlich
den Kirchenrechtlichen Abhandlungen von U. Stutz, fich
in den Dienft von Betrachtungen flellen, von deren
weiterem Ausbau wir noch reiche Früchte erwarten
dürfen. Vielleicht regt Ks. Arbeit zu ähnlichen Arbeiten
für andere Domkapitel an, allein um durch Vergleiche
noch größere Anschaulichkeit zu ermöglichen. Zur
felben Zeit erweckt fie ein weiteres Verlangen. Auch
Statiltiken der deutfchen Bifchöfe des 10. bis 15. Jahrhunderts
wären nicht ohne Verdienft, fobald fie nur den
Fragen nachgehen, die K. für die Domkapitel beantwortet
hat; fie brauchten nicht fo fchematifch zu fein
wie die Tabellen des Prinzen Z. V. Lobkowitz in feiner
,Statiftik der Päpfte' —, hier fei nur angedeutet, daß
man hoffen darf, in abfehbarer Zeit eine derartige Zu-
fammenftellung für die Trierer und die Magdeburger
Kirchenprovinz zu erhalten.

Berlin. A. Wenninghof f.

Beatis, Antonio de, Die Reife des Kardinals Luigi d'Ara-
gona durch Deutfchland. die Niederlande, Frankreich und

Oberitalien, 1517—1518, befchrieben. Als Beitrag zur
Kulturgefchichte des ausgehenden Mittelalters veröffentlicht
und erläutert von Ludwig Paftor. (Erläuterungen
und Ergänzungen zu Janffens Gefchichte
des deutfchen Volkes. Herausgegeben von Ludwig
Paftor. IV. Band, 4. Heft.) Freiburg i. B., Herder
1905. (XII, 186 S.) gr. 80 M. 3.50

Im April des Jahres 1893 entdeckte der bekannte
kath. Kirchenhiftoriker Paftor auf der Nationalbibliothek
zu Neapel das Manufkript der Befchreibung einer Reife,
die der oben genannte Kanonikus Antonio de Beatis aus
Mein als Begleiter des Kardinals Luigi d'Aragona in
den Jahren 1517 u. 18 machte. Sie führte ihn von Fer-
rara durch Tirol und Süddeutfchland an den Rhein und
in die Niederlande, und von dort durch das nördliche
und nordweftliche Frankreich an das Mittelmeer und
endlich über die Riviera und Oberitalien zurück nach
Ferrara. Er fah auf diefer Reife die bedeutendften
Städte wie Innsbruck, Augsburg, Straßburg, Mainz, Köln,
Aachen, Antwerpen, Brüffel, Gent, Brügge, Rouen, Paris,
Nantes, Blois, Lyon, Grenoble, Avignon, Marfeille, Genua
fowie die berühmteften Männer feiner Zeit und verzeichnete
alles, was er auf diefer Reife gefehen hatte, auf
das forgfältigfte in einem auf der Reife geführten Tagebuch
. Diefe Aufzeichnungen erweifen fich als eine
Quelle 1. Ranges für die Kulturgefchichte jener Zeit.
Denn Beatis war ein Mann mit offenem Sinn und von
feiner Beobachtungsgabe, der an allem, was er fah, den
lebhafteften Anteil nahm. So kommt es, daß der Inhalt
diefes Tagebuches eine Vielfeitigkeit aufweift, die ihres
Gleichen fucht, und wir von ihm über Dinge Auffchluß
erhalten, über die etwas zu erfahren wir uns fonft vergebens
bemühen. Kirchen und Klöfter mit ihren Heiligen
, Städte und Schlöffer mit ihren Bewohnern, Fürften
und Staatsmänner, Gelehrte und Gefchäftsmänner, das
Leben und Treiben der gewöhnlichen Menfchen, ihr Anzug
, ihre Lebensweife und ihre Nahrung, ihr Wuchs,
vor allem das Ausfehen und Gebaren der Frauen, die
er bis auf die Haare und Zähne befchreibt, aber auch
die Landfchaft und die von der italienifchen abweichende
Flora und Fauna der von ihm bereiften Länder — dies
alles und dazu noch vieles andere fchildert er mit gleicher
Genauigkeit und Ausführlichkeit. Für den Kunfthifto-
riker ift es von befonderem Intereffe, daß Beatis die von
Kaifer Maximilian in der Nähe von Innsbruck ins Leben
gerufene Erzgießerei zu Mühlau fah, in der die für das
Grabmal Maximilians beftimmten Erzfiguren gegoffen
wurden. In Brüffel befuchte er eine Teppichweberei,
in der man gerade die berühmten Teppiche für die
Sixtinifche Kapelle (nach den Entwürfen Raffaels) anfertigte
. In Blois unterhielt er fich mit Lionardo da
Vinci, der ihm 3 feiner namhaft gemachten Gemälde
zeigte. Bei diefer Gelegenheit erfahren wir, daß Lionardo
damals fchon an der rechten Hand gelähmt war,
weswegen er als Maler feitdem nicht viel mehr leiden
konnte. Von den Schilderungen hervorragender Perfo-
nen ift befonders ausführlich und anziehend die Karls V
(S. 113), aber auch die feiner Tante Margareta (ebenda)
fowie des Königs Franz I. und feiner Mutter (S. 125).
Daß auch auf das kirchliche Leben das mannigfaltigfte
Licht fällt, dürfte fich von felbft verliehen. — Der Herausgeber
hat dem Text eine ziemlich ausführliche Einleitung
vorausgefandt, in der er das Leben des Kardinals
Luigi d'Aragona behandelt und die Bedeutung des
Tagebuchs, das er mit den bekannteften Reifefchilde-
rungen jener Zeit über Deutfchland vergleicht, ins rechte
Licht zu ftellen unternimmt. Es folgt dann eine Über-
fetzung des Deutfchland betreffenden Teiles im Auszug
mit reichlichen literarifchen Nachweifen, wodurch weiteren
Kreifen diefer Teil des Tagebuches zugänglich gemacht
werden foll. Denn der Herausgeber ift der Anficht, daß
durch diefes Tagebuch das vorteilhafte Bild, das
Janffen von Deutfchland am Ende des Mittelalters entwirft
, beftätigt wird. Mancher Lefer dürfte vielleicht
Zweifel erheben, ob jener Schilderung des Beatis die
behauptete Beweiskraft innewohnt. Die von Beatis erwähnte
große Unficherheit und die vielen Galgen, die
er überall in Deutfchland fieht, beweifen, daß feine
Schilderung auch der dunklen Schatten nicht entbehrt.
Aber wie dem auch fei, der Herausgeber hat fich durch
die Veröffentlichung diefes Tagebuches jedenfalls den
wärmften Dank aller Freunde der Gefchichte des 16.
Jahrhunderts verdient.

Weimar. H. Virck.

Forrest, David W., DD., The Authority of Christ. Edinburgh
, T. & T. Clark 1906. (VIII, 437 p.) gr. 8°

Der Verf. behandelt fein Thema in einem größeren
Zufammenhang und beleuchtet dasfelbe von verfchie-
denen Seiten; in erfter Linie aber verfolgt er einen
praktifchen Zweck, indem er die Eigenart der .Autorität
zu beftimmen fucht, die Chriftus in allem ausübt, was
unferen religiöfen Glauben und unfere perfönliche Lebensführung
betrifft'.

Seinen Ausführungen gibt er einen dogmatifchen
Unterbau (,Die Anerkennung Chrifti als des fleifch-
gewordenen Sohnes', 1—48), und einen ebenfalls vorwiegend
dogmatifchen Abfchluß (,Die Fleifchwerdung
und der heilige Geift' 332—441). Im Haupteil feiner
Schrift weift er zunächft die Auffaffung derer zurück,
die einer unrechtmäßigen Ausdehnung der Autorität
Chrifti' das Wort reden (49—100); er befpricht dann die
Autorität Chrifti auf den verfchiedenen Gebieten, in
denen fie zur Anwendung kommt: Verhältnis zu Gott
(IOI —153), Sphäre der individuellen (154—205) und der
fozialen Pflicht (206—285), Bereich der menfchlichen
Beftimmung (286—331). Ein Namen- und Sachregifter
erhöht die Brauchbarkeit des Werkes.