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Ausgabe:

1906 Nr. 24

Spalte:

650-651

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Patrick, William

Titel/Untertitel:

James the Lord‘s brother 1906

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 24.

650

gefchichtlichen Parallelen gar nichts wüßte, und behauptet,
durch eine ganz unbefangene Exegefe zu dem Refultat
Lade = Thron zu kommen. Aber tatfächlich exegefiert er
mit der .Thron'brille. Die biblifchenStellen weifen faft alle
keineswegs notwendig auf einen Thron. D. (teilt ftets
gegenüber: Jahwe in der Lade und Jahwe auf der Lade,
als ob es nicht auch die dritte Möglichkeit gäbe: Jahwe
in Geftalt der Lade. Die Hauptbelege für Jahwe auf
der Lade' bleiben 1 Sam. 3 10 (Jahwe kommt, sc. von der
Lade?) und Jerem. 317 (Jerufalem Thron Gottes ftatt
der Lade); aber D. mutet m. E. diefen Stellen zuviel zu
und bedenkt vor allem nicht, daß wir bei den fpäteren
entwickelten und geiftigeren Schriftftellern nicht folche
genaue Detailauskunft über alte kultifche Formen holen
dürfen. Der Kabod ift nicht etwa fpeziell der Glanz des
thronenden, fondern allgemein des erfcheinenden Jahwe.
Ferner find die religionsgefchicbtlichen Parallelen für
den leeren Gottesthron nicht zwingend: bei etlichen der
Parallelen bleibt gerade die Hauptfache, ob nämlich der
Thron leer fei, im Dunkeln. Sodann aber find diefe
außerisraelitifchen Götterthrone meid als Wechfelfitze,
als verfchiedene Refidenzen je der gleichen Gottheit gedacht
, während die ,Lade' ganz beftimmtes Einzelfymbol
ift, unzertrennlich mit ihrer Gottheit verbunden; m. a. W.:
bei jenen Götterthronen ift der Thron nebenfächhch, die
Lade dagegen ift nicht nebenfächlich, jedenfalls befteht
ein viel engeres Band zwifchen Gottheit und Lade als
zwifchen Götterthron und entfprechender augenblicklich
darauf thronender Gottheit. Das ift mein Hauptbedenken.
Aus diefem Grund bleibe ich zunächft bei der Anficht,
daß die ,Lade' allgemein der Repräfentant der Gottheit
war (nicht beftimmt der Thron der unfichtbaren Gottheit),
ein Reft aus uralter Zeit. Ferner fchließe ich namentlich
aus 2 Sam. 62, daß Jahw'e, der auf den Keruben
fitzt', und der Gott der Lade urfprünglich zweierlei Gottheiten
find; für den Jahwe, der auf den Keruben fitzt',
ift ja der Kerubfund von Sendfchirli die denkbar belle
Parallele. Endlich ift mir die alte kosmifche Vorftellung
der Lade doch recht zweifelhaft, damit auch ihre baby-
lonifche Heimat.

Unter allen Umftänden aber ift die Unterfuchung
von D. beachtenswert und auch in der Methode trotz
des gerügten Hauptfehlers doch im einzelnen glücklich.
Die religionsgefchichtlichen Parallelen find durch eine
Anzahl fchöner Bilder fehr nahe gerückt. Es freut mich
zu fehen, daß an dem Baume Gunkels eine gute Frucht
um die andere wächft.

Leonberg. Volz.

Gelbhaus, Rabb. Dr. S., Propheten und Pfalmiften. Wien,
R. Löwit 1905. (57 S.) 8° M. 1.40

Propheten und Pfalmiften haben beide dasfelbe Ziel,
nämlich die Gedanken der Tora zu verbreiten, aber fie
tun es in verfchiedener Art. Die Propheten z. B. bekämpfen
die altorientalifche Weltfchöpfungslehre und
die altorientalifche Weltanfchauung, die Zauberei, den
Bilderkult in lebhafter, erfchütternder Weife; die Pfalmiften
befchränken fich auf die pofitive Darfteilung des israeli-
tifchen Sonderbefitzes oder treiben ftille, fanfte Polemik
und haben Verftändnis für die Schwäche des Menfchen-
herzens. Die alte Gefchichte des Volks behandelt der
Prophet nur kurz und nur als Mittel zum Zweck; dem
Pfalmift ift fie Selbftzweck und liebevoll gibt er das
Detail. Ebenfo finden fich merkwürdige Unterfchiede
zwifchen P. und Pf. hinfichtlich der Fauna, der vifionären
Erlebniffe, des Verhältniffes zwifchen Mann und Weib,
der 4 Erzmütter, des Tempelkultes. Es find lofe aneinander
gereihte, zufällig herausgegriffene Stücke; der alt-
orientalifchen Weltanfchauung und der affyrifch-baby-
lonifchen Prophetie und Zauberei ift als aktuell ein breiter
Exkurs gewidmet, die Exegefe ift midrafchifch. Der
Gedanke an fich, prophetifche und pfalmiftifche Art von

großen Gefichtspunkten aus bis ins kleine hinein miteinander
zu vergleichen, wäre ja nicht übel.

Leonberg. Volz.

Patrick, William, D. D. (Glas.), James the Lord's brother.

Edinburgh, T. & T. Clark 1906. (XII, 369 p.) 8°

Geb. M. 6 —

Mehr kann man über den Herrnbruder Jakobus
kaum fchreiben, als der kanadifche Theolog in Winni-
peg in vorliegender Monographie fertig gebracht hat.
Mit ganz wenigen Ausnahmen (z. B. Harnacks Hypothefe
bezüglich der Auffchrift) find alle Fragen, zu deren Behandlung
das Thema Anlaß gibt, irgendwie berührt;
ausführlichft ift fogar von Geburt, Erziehung, Schulunterricht
, Verheiratung des älteften unter den Brüdern, nicht
Stiefbrüdern (gegen Lightfoot) Jefu, von feines Vaters
Tod ufw. die Rede. Von feinem Unglauben an die
Meffiasfchaft Jefu heilt ihn die Erfcheinung des Aufer-
ftandenen. Paulus nennt ihn Gal. 1, 19 Apoftel, aber im
weitern Sinn des Begriffs; daher 1 Kor. 15,5—7 mit Unter-
fcheidung von den Zwölfen (gegen Hort, der im Herrnbruder
den Nachfolger des Johannesbruders fand). Am
meiden Sorgen bereitet dem Verf., wie billig, der Kongreß
in Jerufalem und das an diefem Problem hängende
Verhalten zu Paulus. Aber die apologetifche Zuverficht
bleibt doch ungebrochen. Der Bericht Act. 15 ift proto-
kollarifch genau. Ganz wie Petrus (gegen Farrar) fo
fleht auch Jakobus fchon vorher im bellen Einvernehmen
mit den antiochenifchen Heidenchriften. Sein Chriften-
tum ift genau dasjenige des Paulus, wenn auch keiner
von beiden an der Sprache und Begriffswelt des andern
gemeffen werden darf. Es war darum eine ,neue Lehre'
(S. 137), wenn eine kleine, aber rührige Partei in Jerufalem
den bekehrten Heiden das jüdifche Gefetz aufzudrängen
fuchte. Aber Jakobus weift fie kräftig zurück in
einer Rede, die feltfamerweife zwar in aramäifcher
Sprache, aber unter Berufung auf.die vom hebräifchen
Original abweichende, griechische Überfetzung des Propheten
Arnos gehalten wird (S. 146 f. 160 f.). Beiläufig
fei bemerkt, daß überhaupt alles konfus und wider-
fpruchsvoll lautet, was wir auch über die Sprache des
Jakobusbriefes erfahren (S. 102 f. 298, vgl. S. 104 über die
Philologie in Nazareth). Wenn dann die von Jakobus
in Vorfchlag gebrachten, von der Verfammlung angenommenen
vier Klaufein in den Briefen an die Galater
und Korinther ignoriert werden, fo hat das feinen Grund
nicht etwa darin, daß fie erft nach diefen Briefen formuliert
, aber in der Apoftelgefchichte am falfchen Ort angebracht
wären (S. 182 f.), fondern Paulus, der nach
Gal. 2, 6 nur den religiöfen Gehalt feines Evangeliums
unbeeinträchtigt erhalten hat, legt ihnen keinen religiöfen
, fondern nur einen praktifchen Wert bei (S. 171.176?.),
wie ja auch Jakobus damit nur das jüdifche Empfinden
fchonen und auf diefe Weife die foziale Gemeinfchaft
der Gläubigen in Syrien und Cilicien vor mißliebigen
Störungen bewahren wollte; denn nur an diefe, nicht an
die fpäteren europäifchen Gemeinden war dabei gedacht
(S. 165 f. 178). Wenn aber Gal. 2, 12 .einige von Jakobus
her' nach Antiochia kamen und dort felbft den Petrus
und Barnabas zur Verleugnung ihrer freifinnigen Überzeugung
brachten, fo muß man nicht meinen, daß fie
folches in feinem Auftrag oder irgendwie in feinem Sinn
getan hätten (S. 172. 190 f.). Denn unmöglich ift eine
folche Stellung für einen Mann, der vor dem Kongreß,
nämlich um 50, feinen Brief gefchrieben und darin das
.vollkommene Gefetz', ,das Gefetz der Freiheit' in Gegen-
lätz zu den Zeloten des Ritualgefetzes gebracht und fieg-
reich vertreten hatte (S. 108 f. 112 f. 220). Diefem Briefe,
deffen Verftändnis ihm hauptfächlich die Kommentare
von Beyfchlag und Meyer eröffnen, widmet der Verf.
daher nicht bloß einen befondern Exkurs (S. 98 f.), fondern
auch 10 Appendices (S. 288 — 259) mit voraus-