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Ausgabe:

1906 Nr. 24

Spalte:

648-649

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dibelius, Martin

Titel/Untertitel:

Die Lade Jahves. Eine religionsgeschichtliche Untersuchung 1906

Rezensent:

Volz, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 24.

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wird (z. B. das FrauenfHmmrecht, leider nicht die Ab-
fchaffung des Konfirmationsgelübdes).

Die fyflematifche Theologie der Proteflanten hat
Troeltfch mit einer eindringenden Unterfuchung über
Wefen der Religion und der Religionswiffenfchaft (31 S.)
eingeleitet. Er verzichtet auf eine Definition für das
Wefen der Religion und eine Erklärung feines Urfprungs;
4 Hauptprobleme ftellt er feiner Forfchung: Religions-
pfychologie, Erkenntnistheorie, Gefchichtsphilofophie und
Metaphyfik.

W. Herrmann hat auf 50 S. Gefchichte und Aufgabe
der proteftantifchen Dogmatik dargeftellt. Er will
auf Grund einer gefchichtlichen Kritik, in der befonders
der Grundgedanke der Reformation (Glaube = Zuverficht
zu Gott auf Grund der in Chriftus erlebten Offenbarung
Gottes; diefer Glaube i ft die Erlöfung) und Schleiermachers
(Religion = innerliche individuelle Lebendigkeit
) gewürdigt werden, die Aufgabe der Dogmatik
entwickeln: nicht Darftellung der Glaubensgedanken im
Sinne einer normativen Lehre, fondern Darftellung des
Glaubens felbft, feines Wefens und feines Urfprungs.
Diefe Arbeit enthält alle die den Lefern unferer Zeit-
fchrift bekannten Vorzüge Hs.: feine energifche Art zu
denken, feine unbeftechliche Unabhängigkeit im Urteil,
das verhaltene fittliche Pathos, wenn er die Religion als
die Wahrheit des perfönlichen Lebens befchreibt und
aus der einzig in Jefu Perfon rein erlebten fittlichen Güte
ableitet; aber auch feine Schwächen: die gefährliche Enge
diefes Standpunktes und die fchwer verftändliche Schreibweife
. So vermag ich fchlechterdings nicht einzufehen,
wie Nichttheologen H. verliehen follen.

Reinhold Seeberg behandelt auf 44 S. die pro-
teftantifche Ethik. Die gefchichtliche Einleitung bekundet
eine feltene Kunfl der Befchränkung auf das Wefent-
liche in knapper klarer Darftellung. Sein Syftem aber
leidet trotz vieler fchöner Ausführungen oft unter der
Herübernahme alter Anfchauungswetfen und Begriffe, die
vor unferer ethifierten Pfychologie nicht mehr ftand
halten. Wenn z. B. das Wefen der Sünde an erfter
Stelle als Unglaube charakterifiert wird, fo kann das
einen Gottfucher unferer Zeit nicht überzeugen, weil
gar kein Verfuch gemacht wird, zu zeigen, inwiefern die
Sittlichkeit als innerlich perfönliche Lebendigkeit des
Glaubens bedarf (Herrmann) und inwiefern der Unglaube
eine verfchuldete Folge mangelnder perfönlicher Lebendigkeit
ift. Oder es heißt: ,Durch das Wort tritt ein
Komplex zufammenhängender Begriffe (sc. von der Erlöfung
durch Chriftus) in die praktifche Vernunft'. Wie
reflektiert, wie theologifch klingt diefe Erlöfung durch
den Komplex zufammenhängender Begriffe? Vor allem
aber: was ift ,das Wort'? und wie wirkt es? Für unfere
Alten hatte folch ein Satz Sinn, kraft ihres lebendigen
Infpirationsglaubens war ihnen das Wort sans phrase

Di beiius, Martin, Die Lade Jahves. Eine religionsgefchicht-
liche Unterfuchung. Mit 13 Abbildungen im Text.
(Forfchungen zur Religion und Literatur des alten
und neuen Teftaments, herausgegeben von W. Bouffet
und H. Gunkel. 7. Heft.) Göttingen, Vandenhoeck &
Ruprecht 1906. (VIII, 128 S.) gr. 8°. M. 3.60

Die Lade ift nicht von Haus aus der Behälter der
Gefetzestafeln; das anzunehmen verbieten die älteren
Angaben der Gefchichtsbücher und die in den jüngeren
Nachrichten durchfchimmernden antiken Züge. Die Unterfuchung
diefer älteren Vorftellungen ergibt vielmehr, daß
die Lade urfprünglich ein leerer Thron war, auf dem die
Gottheit unfichtbar weilt. Er ftand im innerften Heiligtum
oder wurde als Kriegspalladium mit ins Feld getragen
. Er repräfentiert den Himmelsthron, wie auch
Jahwe von ältefter Zeit her im Himmel wohnend gedacht
ift. Mit der Lade verbunden erfcheinen der Kabod (der
Glanz des thronenden Gottes), die Keruben (die auch
kosmifche Bedeutung haben) und der Gottesname Jh.
Zebaot. Keruben und Lade gehören von Haus aus zu-
fammen. Das Deuteron, kann die Lade wegen ihrer
Heiligkeit nicht abfchaffen, es bildet fie aber zum Behälter
der Gefetzestafeln um, was dadurch möglich war,
daß die Lade vorher nichts enthalten hatte (?). Der Ver-
faffer der Priefterfchrift will die Lade nicht wieder her-
ftellen, fondern nur die alte befchreiben; fein Bericht ift
wertvoll, weil er an die gegebene Erinnerung gebunden
war und die alten Vorftellungen noch durchfcheinen läßt.
Die Lade war nicht etwa ein Fetifch; ihr Kult ift vielmehr
ein bildlofer Kult; wirkfam und angebetet ift der
auf dem Thron fitzende unfichtbare Gott.

Zu diefem Erfund fucht nun D., in Ergänzung der
von Reichel geleifteten Arbeit, die religionsgefchichtlichen
Parallelen zufammenzuftellen. Der leere Gottesthron, der
wandernde Thron, der bildlofe Kult (der Thronkult) find
auch in der affyrifch-babylonifchen, perfifchen, griechi-
fchen u. a. Religionen zu Haus; der ifraelitifche Kerub,
deffen kosmifche Bedeutung, der israelitifche Glaube
an den Himmelsgott erfahren von außen her zahlreiche
Beleuchtung. Der Name )"nfct (Karten) für den
Gottesthron darf nicht irre machen. Zwar ift die Anficht
Reichels abzuweifen, daß die Lade erft fpäter, als
man ihren urfprünglichen Charakter nicht mehr verftand
oder verliehen wollte, diefen Namen erhielt. Aber der
Name wird erklärt durch das fprachgefchichtliche Moment,
daß auch fonft Gegenftände ihren Namen einer oft zufälligen
Äußerlichkeit verdanken, und durch das fehr wichtige
religionsgefchichtliche Moment, daß die alten Throne
(z. B. in Ägypten, Babylonien) in der Tat häufig die Form
von Karten oder Kiftchen hatten, alfo der israelitifche
Thronkaften durchaus nichts Befremdliches hat. Zum

Gottes Wort und wirkte die Bekehrung als ein echtes ; Schluß eine kurze (hypothetifche) Gefchichte der ,Lade':
Wunder. Aber wir find doch gewöhnt, überall pfycho- | Sie ift vorisraelitifch, kanaanitifch, vielleicht urfprünglich
logifch-ethifch zu vermitteln und nach perfönlichen in Silo geftanden, und zwar — von Babylonien importiert,

Kräften zu fragen. — Sodann bedaure ich, daß der Verf.
öfter den Problemen, z. B. Gebet (Verhältnis zu Gottes
allmächtiger Weisheit und Güte), Verhältnis des Chriften
zur Kultur (Handel und Politik) die äußerfte Spitze abgebogen
hat.

Einen würdigen Abfchluß des Ganzen macht
H. J. Holtzmann. Um die Zukunftsaufgaben der Religion
und der Religionswiffenfchaft zu befchreiben (20 S.)
ftellt er dar, wie fie aus perfönlichem Leben zu perfön-
lichem Leben führt, deshalb auf die gefchichtliche Perfon
Jefu lieh ftützt und ihre große Zeit nicht hinter, fondern
vor fich hat.

Frankfurt a. M. H. Schuft er.

in oder außer Paläftina gebaut. Der Jofephftamm (der
den Jahwekult hatte) eroberte fie, nahm fie für fich als
Heiligtum, und jetzt wurde fie Jahwes Lade. Von den
Philiftern verfchleppt, wurde fie von David wieder gefunden;
diefer benützte fie, um die Jofephgruppe an fich zu binden.
Sie wurde in den Tempel geftellt und auch poetifch be-
fungen; fpäter kam fie außer Kurs (vielleicht durch den
Tempel), ging vermutlich 586 unter und wurde nicht
wieder hergeftellt.

So haben wir nun drei Vertreter der Theorie vom
leeren Gottesthron, Reichel, Meinhold und Dibelius; einer
fteigt auf die Schultern des andern. Ich möchte nicht
fagen, daß ich diefe Theorie ganz verwerfe. Aber etliche
Bedenken treten gegen die Ausführungen von D. auf.
Zuerft das, daß er fich in einem methodifchen circulus
bewegt: er will au die ATlichen Stellen herantreten, wie
! wenn er von der Thronhypothefe und von den religions-