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Ausgabe:

1906 Nr. 23

Spalte:

635-636

Autor/Hrsg.:

Daab, Friedrich

Titel/Untertitel:

Gott und die Seele. Ein Wort vom religiösen Erleben 1906

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 23.

636

theorie zweifelsohne von zahlreichen neueren Kantinterpreten
perhorresziert werden. Ref. möchte in diefer Beziehung
allerdings milder urteilen, da doch immerhin
noch eine andere Deutung als die auf den Fichteanismus
fich zubewegende möglich, alfo auch zuläffig ift. Dagegen
dürften unfraglich diejenigen im Recht fein, die
im Gegenfatz zu Thilo den Kantifchen Gottesbeweis
nicht als einen theoretifchen Beweis, fondern als einen
— sit venia verbot — ,Glaubensbeweis' auslegen.

Anzuerkennen ift — abgefehen von ein paar zutreffenden
kritifchen Bemerkungen — die Verwertung
einzelner vorkritifcher Schriften, die ja in den bisherigen
einfchlägigen Monographien etwas gar zu ftiefmütterlich
behandelt zu werden pflegten. Nur hätte, wenn einmal
damit der Anfang gemacht wurde, noch erheblich weiter
gegriffen werden müffen. Auch die Benutzung der ,Vor-
lefungen über die philofophifche Religionslehre' ift an
fich verdienftlich: find fie doch noch feiten analyflert
worden (vgl. die Auffätze von Watermann in Vaihingers
Kantftudien, III). Allerdings wird die Ausbeutung der
genannten Schrift in hohem Maße bedenklich, wenn fie
dazu dienen foll, die Thefe zu begründen, daß Kant
felbft in der kritifchen Periode ,den alten fcholaftifchen
Begriff des ens rea/issimum1 unverändert fefthalte. Man
darf eben nicht vergeffen, wie konfervativ der Königsberger
Philofoph in feinen Vorlefungen erfcheint, auch
da noch, wo die Publikationen bereits eine ftarke Wandlung
der Anfchauungen zum Ausdruck bringen.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Daab, Oberpfarrer Friedrich, Gott und die Seele. Ein

Wort vom religiöfen Erleben. Tübingen, J. C. B.
Mohr 1906. (63 S.) kl. 8° M. — 80

Es wäre gut gewefen, wenn D. das Lefen und Verliehen
durch Abfchnitte und Überfchriften etwas erleichtert
hätte, da fleh der Inhalt von 63 fortlaufenden Seiten,
befonders wenn es fleh um religionspfychologifche Dinge
in eigenartiger Auffaffung handelt, nicht fo fchnell und
leicht erfaffen läßt, wie es die Fülle unferes heutigen Lefe-
ftoffs erheifcht. — Es handelt fich für D. um die verfchie-
denen Weifen des religiöfen Erlebens und um ihr Kriterium
, das in der Erhöhung des Lebensgefühls gefunden
wird. Das bringt weder die myftifche, noch die äftheti-
fche, noch die pantheiftifche Mifchform von beiden fertig,
denn fie führen nur in die Einheit mit dem großen Sein
der Welt, fondern bloß eine Religion, die mit einem
aufwärtsfteigenden Werden in Verbindung fetzt. Das
gefchieht in der chriftlichen Religion, wo jeder Einzelne
an dem vorhandenen religiöfen Leben teilnimmt, das
gegenwärtig fich einer höheren Stufe bewußt wird, wie
es immer weiter in die Zukunft dringt; denn chriftliche
Religion ift Schöpfung (Bonus), die ein ftarkes Lebensgefühl
mit fich führt. So hat Paulus durch fein religiö-
fes Erlebnis, den Empfang des Geiftes, der ihm die Liebe
Gottes verbürgt, unüberwindliches Lebensgefühl empfangen
, das noch durch die Hoffnung auf die Vollendung
gefteigert wird. Nicht anders Luther. — Damit kommt
D. auf feine Hauptfrage: welche Rolle fpielt im religiöfen
Erleben Jefus? Die chriftozentrifche Auffaffung der neueren
Theologie lehnt er ab, weil in Jefus viel ift, was
nicht Gott, und in Gott vieles ift, was mehr als Jefus
ift. Jefus, wie er für fich felbft die Religion lebte, erlebte
feinen Gott, indem er mit Umgehung des offiziellen
Apparates fich feiner perfönlichen Macht erfchloß, die
er in Natur und Leben walten fah, die er Vater nannte,
und in der er das Leben fand, um felbft Leben zu werden.
Leider hindert die Herrfchaft des Chriftentums und befonders
die chriftliche Erziehung felbftändiges religiöfes
Erleben. Aber die Perfon Jefu, von der alle Lebenswirkungen
auf andere Perfönhchkeiten ausgegangen find,
gibt uns immer noch eine beftimmte Geiftesrichtung,
innerhalb deren wir Gott erleben, aber unfern Glauben

bindet er inhaltlich nicht. Dann erleben wir in feinem
Sinn Gott als fittliche Perfönlichkeit und als Vater.

Soweit der Inhalt der reichen und feinen Schrift.
Es wäre vielleicht gut gewefen, wenn D. den öfter
herangezogenen Gefichtspunkt der Deutung noch ausführlicher
verwertet und die beiden Fragen behandelt hätte:
In welchen Medien hat man auf den verfchiedenften
Stufen religiöfen Lebens die Kundgebung Gottes deutend
erlebt? Und welche inneren Entwicklungen ließen ihn
immer in einem höheren Medium fchauen? Dann hätte
er auch gerechter gegen die chriftozentrifche Auffaffung
fein können, der es darauf ankommt, auf dem Standpunkt
eines fich vertiefenden Innenlebens in dem Willen
und in der Gefinnung Jefu die Macht und Hilfe des
Gottes zu finden, der feinem Bedürfen abhilft.

Heidelberg. Niebergall.

Briiflau, Pfr. Oskar, Die Temperamente und das chriftliche
Leben. Hamburg, G. Schloeßmann 1906. (159 S.)
8» M. 1.80

Diefe Arbeit entflammt oder dient wenigftens dem
Intereffe an der Schilderung der religiöfen Phänomene, die
felbft wieder im Dienfte der Beeinfluffung flehen foll.
Zuerft werden in einer fehr behaglich anfehaulichen Weife
das Wefen der Temperamente und die Tragweite ihrer
Abgrenzung befprochen. Auf diefer Grundlage erhebt
fich die Behandlung der eigentlichen Aufgabe, die fich
zuerft der Bedeutung der Temperamente für das Chrift-
werden, alfo die Bekehrung, und dann der für das Chrift-
fein, die Heiligung, zuwendet. Recht vernünftig wird
die plötzliche Bekehrung dem cholerifchen T. vorbehalten
und den andern eine ihrer Art entfprechende Weife des
j Chriftwerdens überlaffen. Denn ,Chriftfein ift ein vielfältig
| Ding', und es geht nicht an, Gottes reiches Leben zu
j fchablonifieren. Die Heiligung der gewordenen Chriften
befteht darin, daß die Vorzüge der einzelnen T. entwickelt
1 und ihre Gefahren bekämpft werden. Das wird nun je
an einer einzelnen biblifchen Geflalt durchgeführt. Petrus
als der Vertreter des fanguinifchen ift ebenfo richtig
dargeftellt, wie Paulus als der des cholerifchen T„ wenn
auch die Ausdehnung der Beweisführung auf die beiden
Briefe Petri des Guten etwas zu viel bietet. Dagegen ift
die Verwendung des Johannes für das melancholifche und
des Jakobus für das phlegmatifche, immer mit Einfchluß
der ihren Namen tragenden N.T.liehen Schriften, recht
gewaltfam. Recht gut ift immer die Art, wie auf die
Diagnofe die feelforgerliche Therapie gegründet wird.
Die Darfteilung ift leicht lesbar und bis auf einige Töne
und Ausdrücke aus der Sprache Kanaans flott und gut.
— Der Grundgedanke der ganzen Arbeit ift fehr fym-
pathifch: nämlich die Ergänzung des Studiums der religiöfen
und theologifchen Lehrobjekte durch das des religiöfen
Subjekts. So wird eine Durchbrechung des bornierten
Abfolutismus in der Lehre und Seelenleitung erreicht
und eine der Wirklichkeit gerechter werdende Indivi-
dualifierung ermöglicht. Wenn wir aus B.s Feder gelegentlich
noch einmal eine fcharfe Polemik gegen moderne
Theologie finden, werden wir fie zwar aus feiner pfy-
chifchen Anlage erklären, uns aber erlauben, unfere Stellung
auf die unfere zurückzuführen. — Diefe Bemerkung
nur zu dem Zweck, um darauf aufmerkfam zu machen,
wie fehr diefe Arbeit einer Ergänzung bedarf durch
Hereinziehung noch anderer pfychologifcher Momente,
wie z. B. der Sexualität, der Phantafie usw. Dann aber
wird das Problem brennend, wie fich die abfolute Wahrheit
des Glaubens an die Offenbarung Gottes mit dem
Recht des Relativismus und Subjektivismus verträgt, das
doch eine Folge der von Gott uns mitgegebenen geifti-
gen und feelifchen Anlagen ift.

Heidelberg. Niebergall.