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Ausgabe:

1906 Nr. 23

Spalte:

624-625

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmiedel, Otto

Titel/Untertitel:

Die Hauptprobleme der Leben-Jesu-Forschung. 2., verb. u. verm. Aufl 1906

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 23.

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fordern, als einen Mangel, eine unfichere und unbeftimmte
Haltung vorgeworfen. Indeffen, wenn auch nicht geleugnet
werden kann, daß M. weniger den die Differenzen
feft markierenden Scharfblick als die irenifche, das Auseinanderliegende
zufammenfaffende Stimmung befitzt, fo
bildet doch die ruhig nach allen Richtungen Umfchau
haltende, allen Beziehungen der hiftorifchen Aufgabe gerechte
Verfahrungsweife M.s einen wohltuenden Kontraft
mit dem abfprechenden, fchnell fertigen Tone mancher
Neueren, welche die Schwierigkeiten nicht fowohl durch
geduldige Kleinarbeit zu löfen verfuchen als mit fou-
veräner Machtvollkommenheit zu zerhauen wagen.

Eine weitere Eigentümlichkeit diefes Buches erinnert
in mancher Hinficht an Beyfchlag, welchem übrigens M.
in der Akribie der Einzelforfchung, in der ruhigen Objektivität
der Unterfuchung, in der Verwertung der ein-
fchlägigen Literatur, fragelos überlegen ift. Es ift die
Rückficht auf die Gegenwart, welcher die hiftorifche
Darfteilung zu dienen hat, das praktifche Intereffe fördernder
, vertiefender, aufklärender Einwirkung auf die kirchliche
Lehrtradition, auf die chriftliche Lebensgeftaltung.
Offenbar ift eine folche Erweiterung der hiftorifchen
Forfchung über die Grenzen der fyftematifchen und prak-
tifchen Disziplinen wohl geeignet, die Aufmerkfamkeit
des Lefers anzuregen und zu fpannen, den Reiz und den
Genuß der Lektüre durch das höhere Maß perfönlicher
Teilnahme beträchtlich zu erhöhen; nichtsdeftoweniger
find damit auch Gefahren verbunden, denen der Verf.
nicht überall zu entgehen vermochte. Zum Glück hat
er felbft, jenem Verfuch, den neuteftamentliche Gedankengehalt
in die Sprache der Gegenwart umzufetzen, im
Laufe der eigentlich hiftorifchen Darftellung keine weitere
Stätte, keinen beftimmenden Einfluß eingeräumt. Das für
die Gegenwart Wertvolle und Entfcheidende hat er vielmehr
in feiner Conclusion zufammengefaßt und zum
Ausdruck gebracht. Dort hat er in beredten Worten einen
Gedanken wieder' aufgenommen und entwickelt, den er
bereits in feiner Einleitung geäußert hatte und der fich
mit einigen Andeutungen begegnet, die A. Schweitzer
als .Ertrag der Leben Jefu Forfchung', am Schluß feines
letzten Werkes ausgefprochen hat (Von Reimarus zu
Wrede 396—401). Das Wahrheitsmoment, das A. Schweitzer
in dem viel umftrittenen Satze vertritt ,Nicht der
hiftorifche Jefus, fondern der Geift der von ihm ausgeht
und in Menfchengeiftern nach neuem Wirken und Herrichen
ringt, ift der Weltenüberwinder' (399), hat bei
Monnier eine m. E. glücklichere und fowohl dem hiftorifchen
Tatbeftand als der religiöfen Wahrheit entfprechen-
dere Formulierung gefunden: , Jesus de Nazareth liestpas
le Christ tout entier . . . Le Christ d'aujourd'hui est in-
finimentplus grand que le Christ d' autrefois. Sans doute,
c'est le meme Christ, mais augmente de tout ce qu'il a ete
dans l'äme de ses disciples depuis Paul et Jean jusqiiaux
hommes du Reveil et a des catholiques comme Perreyve,
Gratry, Newman. C'est aussi le Christ augmente de tout ce
qu'il a ete dans l'histoire exterieure du monde, dans la
transformation des idees et des peuples, dans Vevolution
sociale vers la justice et vers la fraternite. Cest enfin le
Christ augmente de toute son action dans l'Invisible; —
mais ici nous sortons du domaine de l'histoire' (XXIX).
Wie viel vortreffliches auch diefes Schlußkapitel über
die bleibende Bedeutung Jefu enthält, fo ift es doch
eine Selbfttäufchung, wenn M. verfichert, er wolle nur als
Hiftoriker fprechen; er tritt vielmehr bereits in jenes
Gebiet, das er im letzten Satze des mitgeteilten Zitates
berührt. Jefus hat den Erwartungen der alten Welt ent-
fprochen: er hat die Wahrheitsmomente der israelitifch-
jüdifchen Religion und des Mazdeismus vollendet. Ift er
auch im Stande den Erwartungen der modernen Welt
zu entfprechen? Die Antwort auf diefe Frage will M.
lediglich aus der Gefchichte entnehmen. Wenn er aber
fofort feinen Ausgangspunkt in der Tatfache der fünd-
lofen Heiligkeit Jefu als der .unerfchütterlichen Grundlage

der chriftlichen Apologetik' (321—3) nehmen will, fo verrückt
er offenbar die Grenzen der hiftorifchen und der
religiöfen Erkenntnis, indem die Ausfage über die Heiligkeit
Jefu nur als Glaubensurteil gefaßt werden kann.
Ebenfo wenn der Verf. in der Präexiftenz Chrifti die
normale Erklärung feines religiöfen Genius erblickt, fo
mag man zugeben, daß der der meffianifchen Apokalyptik
der Zeit angehörige Präexiftenzgedanke auch dem Selbft-
bewußtfein des hiftorifchen Jefus nicht fremd geblieben
ift; eine andere Frage aber ift es, ob der moderne
Hiftoriker fich zur objektiven Richtigkeit diefer zeitlich
bedingten Interpretation wird bekennen können. Auch
hier werden fchließlich Faktoren der religiöfen Weltan-
fchauung und Glaubensmotive den Ausfchlag geben. Eine
gleiche Bewandtnis hat es mit der fittlich-religiöfen Autorität
Jefu, mit der Unüberbietbarkeit des Evangeliums,
mit den Ausfagen Jefu über die Heilsbedingungen. Dagegen
findet ein anderes, nicht nur unter uns, fondern
auch jenfeits der Vogefen viel umftrittenes Problem, das
M. von vornherein richtig geftellt hat, eine fehr treffende
Löfung. Dem Vorwurfe, der häufig im Namen der modernen
Gefellfchaft gegen den Stifter der chriftlichen
Religion erhoben wird, Jefus fei kein reformateur social
gewefen, tritt er in einer Reihe von lichtvollen und überzeugungskräftigen
Ausführungen entgegen, die in dem Satze
fich zufammenfaffen: ,La religion de Jesus transforme
le monde, non par les observances qu'elle prescrit, mais par
les sentiments qu'elle inspire' (334). Nicht minder gelungen
find die Beiträge zu einer Parallele zwifchen Chriftentum
und Buddhismus, die Auseinanderfetzung mit Nietzfche,
die Beurteilung des Glaubens Jefu an das nahe Weltende
(cette conviction qui aurait pur engendrer, chez tout autrc,
un ascetisme inerte, a ete, en lui, le ressort de iaction
redemptrice, 337), die Bemerkungen über die moderne
Vertiefung des Begriffs der Solidarität, welche dem Ver-
ftändnis des Lebensopfers Jefu zu gute kommen.

Monniers Buch ftellt ohne Zweifel eine wefentliche
Bereicherung der franzöfifchen Theologie dar; aber auch
die deutfche Wiffenfchaft wird daran nicht vorübergehen
dürfen. Berufenere Kritiker werden im Einzelnen mit
mancherlei Ausftellungen nicht zurückhalten; fie werden
aber den Gewinn, den diefe durch vielfeitige Belefenheit,
reifes und befonnenes Urteil, klare und warme Darftellung
ausgezeichnete Schrift für die Entwickelung der
Forfchung abzuwerfen geeignet ift, gerne anerkennen
und dankbar zum Ausdruck bringen.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Schmiedel, Gymn.-Prof. Otto, Die Hauptprobleme der
Leben-Jefu-Forfchung. Zweite verbefferte und vermehrte
Auflage. (2. und 3. Taufend.) (Sammlung
gemeinverftändlicher Vorträge und Schriften aus dem
Gebiet der Theologie und Religionsgefchichte 27.)
Tübingen, J. C. B. Mohr 1906. (VIII, 124 S.) gr. 8»

M. 1.25

Was feinerzeit zur Empfehlung der erften Auflage
in diefer Zeitfchrift (Jahrg. 1902, Sp. 683 f.) gefagt war,
gilt, da Grundriß und Standpunkt fich gleich geblieben
find, auch von der neuen. Hält man fich gegenwärtig,
daß diefelbe ,nicht benimmt ift für gelehrte Theologen
fondern für lernende und in erfter Linie für Laienkreife',
fo kann man dem Büchlein das Zeugnis nicht vorenthalten
, daß es feiner Aufgabe in hervorragender Weife
gerecht wird und imftande ift, fich auch neben dem,
einem gleichen Zweck dienenden, ausgezeichneten Werk
des Freiherrn H. von Soden ,Die wichtigften Fragen im
Leben Jefu' zu behaupten. Die neue Auflage ift um
ein halbes Hundert Seiten ftärker geworden, weil eine
erhebliche Anzahl von neuen Autoren oder doch neuen
Veröffentlichungen zu berückfichtigen war; fo von
W. B. Smith, P. W. Schmidt, Wrede, P. W. Schmiedel,