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Ausgabe:

1906 Nr. 23

Spalte:

621-624

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Monnier, Henri

Titel/Untertitel:

La Mission historique de Jésus 1906

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 23.

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Monnier, Päd. Henri, La Mission historique de Jesus. Paris,
Fischbacher 1906. (XXXI, 376 p.) 8°

Der durch feine Unterfuchungen über den Begriff
des Apoftolats bis Irenaus auch unter uns aufs vor-
teilhaftefte bekannte Verfaffer (Theol. Litzeitg. 1905, S.
41—44) bietet uns ein umfaffend angelegtes, durch Gründlichkeit
der Forfchung und Klarheit und Lebendigkeit
der Darfteilung ausgezeichnetes Werk über die hiftonfche
Sendung und Berufstätigkeit Jefu. Das fehr fchön aus-
geftattete Buch zerfällt in vier Kapitel: I. Der Menfch
(S. 1—99), IL Der Offenbarer (101—161), III. Der Heiland,/V
Sauvcur (163—246), IV Der Erlöfer, le Ridempteur (247—
318). Eine lichtvolle Einleitung (I—XXXI) handelt von
den methodologifchen Grundfätzen, welche die Arbeit
beherrfchen und erörtert befonders das Problem der
Quellen. Ein aus führlicher Schlußabfchnitt (319—345)
zieht das hiftorifche und religiöfe Ergebnis der gefamten
Unterfuchung. Die beiden Zufätze über Paulus und die
fynoptifchen0 Evangelien (Appcndice A 346—351). und
über Johannes und die Synoptiker [Appendice B 352—354)
ergänzen und begründen die in der Einleitung geäußerten
Bemerkungen über die Quellenfrage. Sorgfältige Stellen-
(355—363) und Inhaltsverzeichniffe (365—376) erhöhen
die Brauchbarkeit der Schrift und tragen zur Uberficht-
lichkeit wefentlich bei.

Die Darftellung der im Kreuzestod gipfelnden irdi-
fchen Wirkfamkeit Jefu ruht lediglich auf den fynoptifchen
Evangelien. Obgleich M. fich zur Echtheit des

4. Evangeliums bekennt, hält er es nicht für ein Ge-
fchichtswerk: es ift das .Evangelium der Herrlichkeit',
das die Begebenheiten von einem überirdifchen Standorte,
sub spccic aeternitatis, betrachtet. In der Würdigung des
Prologs und feines Verhältniffes zum ganzen Evangelium,
pflichtet M. dem Urteile Harnacks bei (ZThK 1892,

5. i89ff.). Die bezüglich der Quellen aufgeftellten Grund-
fätze führt der Verf. im Laufe feiner Ausführungen zwar
korrekt durch, indem er fich ausfchließüch der Synoptiker
als Belege bedient. Indeffen wirkt die Überzeugung,
daß zwifchen Synoptikern und Johannesevangelium eine
.organifche Einheit' (354) herrfcht, daß diefes jenen nicht
feiten zur Erklärung und Ergänzung dient (83. 84. 87.
122. 159. 166. 210. 317—318), in der Interpretation der
fynoptifchen Quellen nach, welche nicht feiten aus der
johanneifchen Darftellung erft ihre volle und richtige
Beleuchtung erhalten follen. Ift doch das 4. Evangelium
superieur aux autrcs par les echappees merveillaises qu'il
ouvre Sur l'äme de Jesus (IV). Als charakteriftifches Bei-
fpiel mag die Tatfache dienen, daß der fynoptifche Jefus,
durch feine Selbftbezeichnung als Menfchenfohn, fich
implicitc durch einen Glaubensakt die Präexiftenz beilegt
(84—85, 99); das 4. Evangelium liefert den religiöfen
Kommentar diefer Selbftausfage, ohne fachlich die bereits
im fynoptifchen Zeugnis gezogene Linie zu überfchreiten;
die Präexiftenzausfage gibt die normale Erklärung des
religiöfen Genius Jefu (322—324).

Das Buch M.s umfaßt und behandelt alle Probleme,
welche die Verkündigung Jefu dem Hiftoriker ftellen. Auf
die Einzelfragen des Lebens Jefu geht es nur gelegentlich
und in dem Maße ein, als fie zur Charakteriftik
und zum Verftändnis des gefchichtlichen Werkes Jefu
unentbehrlich find. Während er die Kindheitsüberlieferungen
nur ftreift (323. 30. 176. 140). befpricht er die
Taufe, die Verfuchung und die Wunder Jefu im Zu-
fammenhang mit den meffianifchen Erwartungen des zeit-
genöflifchen Judentums (32—53 cf. 249); was den Aufriß
des öffentlichen Lebens Jefu betrifft, fo entfernt fich M.
von dem durch Renan, Keim und A. beinahe zum Dogma
geftempelten Bilde einer galiläifchen Idylle und einer
düfteren Sturmperiode; er will dem von A. Schweitzer
vertretenen Schema eine größere Berechtigung zuerkennen,
obgleich er fleh die damit zufammenhängenden Hypothefen
Schw.s nicht anzueignen vermag.

Blicken wir auf den zum eigentlichen Thema gehörenden
und in den Rahmen feiner Aufgabe fallenden Gegen-
ftand, fo muß zunächft feftgeftellt werden, daß M. in die
wiffenfehaftliche Diskuffion aller auf der Tagesordnung
flehenden Fragen mit Tapferkeit und Gefchick eingreift.
Er gibt eine genaue und vollftändige Orientierung über
den gegenwärtigen Stand der die Verkündigung Jefu
betreffenden Probleme. Die zur Debatte flehenden Fragen
über die meffianifchen Erwartungen zur Zeit Jefu, über
die durch ihn felbft behauptete Stellung, über den Menfchenfohn
, das Verhalten zum Gefetz; den Reichgottesbegriff
, den Todesgedanken, die Abendmahlshandlung
find ftets an dem Punkte aufgenommen, wo die Forfchung
der Gegenwart angelangt ift. Es müßte hier die Einzel-
unterfuchung einfetzen, um dem Lefer über die durch
den Verf. erzielten Refultate und den von ihm einge-
fchl agenen Wege Bericht abzuftatten. E.in folcher Bericht
würde die diefer Anzeige gezogenen Grenzen ungebührlich
überfchreiten. Ich muß mich deshalb damit begnügen,
einige charakteriflifche Eigentümlichkeiten der Schrift
hervorzuheben und zu beleuchten.

Von der Gliederung des Ganzen mag abgefehen
werden, obgleich diefelbe mancherlei Bedenken hervorrufen
müßte. Namentlich will die Berechtigung einer
Scheidung der beiden letzten Kapitel nicht recht einleuchten
. Die Trennung von Sauveur und Redempteur
foll offenbar dem Verf. nur dazu dienen, den unter den
letzten Titel fallenden Todesgedanken Jefu einer gefon-
derten und eingehenden Prüfung zu unterwerfen, während
der Reichgottesbegriff, der unter die Überfchrift des
Sauveur fubfumiert wird, mit ebenfo viel Recht auf die
Rechnung des Revelateurhäxte gefchrieben werden können.
Ähnliche Ausftellungen ließen fich bezüglich der zwei
erden Kapitel machen. Doch fallen diefe rein formellen
Fragen wenig ins Gewicht, da fie die Sache felbd unberührt
laffen und jedenfalls nur von peripherifcher Bedeutung
find. — Ganz entfehieden flellt fich M. auf den
Standpunkt der hidorifchen Methode, behandelt die Evangelien
als Gefchichtsquellen, naht fich der Perfönlichkeit
jefu als einer hidorifchen Größe. Allerdings betont er
es zu wiederholten Malen, daß die neueden Vertreter
jener Methode mit vollem Recht dem intuitiven, divina-
torifchen Verfahren eine Stelle eingeräumt haben. La
methode applicable a ces etudes, c'est toujours la methode
historique, mais gut doit mener de front la critique et
PIntuition: la critique, fournissanl a Pintuttiofi les materiaux
sur lesquels eile travaille; l'intuition, venant ä l'aide de
la critique dans les cas douteux et, des materiaux inertes
fournis par eile, faisant jaillir la vie. Et ici, plus que
partout adleurs, pour comprendre, il faut ainier, ce n'est
pas contraire a la methode historique, den est Vapplication'
(XXIII). In der Anwendung der fo gefchilderten Methode
id der Verf. ebenfo weit entfernt von den verzweifelten
Repridinationsverfuchen einer unlebendigen theologifchen
Scholadik als von einem voreiligen Hypothefenfchwindel
und einer überdürzenden Hyperkritik. Im Gegenfatz zu
allen Kundgriffen älterer und moderner Apologetik löd
er beifpielsweife das Problem der Eschatologie Jefu
dahin, daß er urteilt: Jesus n'a janiais professe une eschatologie
spiritualiste (232), und unumwunden anerkennt,
daß Jefus felbd, nicht erd die urchridliche Gemeinde,
das unmittelbare Bevordehen der Parufie erwartete. An-
dererfeits tritt er aber der Neigung entgegen, die religiöfe
Glaubenswelt Jefu in den zeitlich bedingten und befchränk-
ten apokalyptifchen Gedanken aufzulöfen und damit die
fchöpferifche Originalität feiner Perfönlichkeit anzutaden.
Überall id die Unterfuchung M.s von dem Bcdreben
geleitet, alle Elemente der zu behandelnden Fragen in
Erwägung zu ziehen und fich vor jeder einteiligen Beurteilung
gewiffenhaft zu hüten. Diefe weife Umficht,
die auch vor dem non liquet nicht zurückfeheut, haben
ihm einige Kritiker, welche nicht nur eine präzife Erfaffung
der Probleme fondern eine entfehiedene Stellungnahme