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Ausgabe:

1906 Nr. 22

Spalte:

611-612

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidt, Wilh.

Titel/Untertitel:

Der Kampf um die sittliche Welt 1906

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 22.

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paar uns fo wohlbekannte Kunftftücke in den Kauf,
wie wir fie in der Schlußfolgerung zu fehen haben, daß
das große Wunder des alles erneuernden Gottesreiches
auch einzelne Wunder rechtfertige, zumal wenn dann
der Wundergriff fo erweicht wird, wie es hier gefchieht.
Den Schluß macht eine weniger bedeutende Darfteilung
des paulinifchen und johanneifchen Denkens, worauf noch
ein Anhang die Sätze des Vatikanums über die Glaubwürdigkeit
der göttlichen Offenbarung bringt.

Merkwürdig wenig Katholifches findet fich in dem
Buch; man kann oft hundert Seiten lefen, ohne daran erinnert
zu werden, daß es einen tömifchen Theologen
zum Verfaffer hat. Man hat den Eindruck, daß man es
zu tun hat mit einem Theologen der modern pofitiven
Richtung, der fich um fo härter mit Harnack und anderen
auseinanderfetzt, je mehr er von ihnen gelernt hat. Der
ganze Nachdruck liegt aber weniger auf den alten An-
fchauungen und ihrer notdürftigen Behauptung, als auf
der Erkenntnis und Darfteilung der großen geiftigen Realitäten
und Kräfte, die in Chriftus und dem Geift er-
fchienen und zur Befeligung und Erneuerung beftimmt
find.

Heidelberg. Niebergall.

Schmidt, Prof. D. Wilh., Der Kampf um die rittliche Welt.

Gütersloh, C. Bertelsmann 1906. (338 S.) gr. 8°

M. 5 —; geb. M. 6 —

In zehn lofe aneinander gereihten, oft recht apho-
riftifch ausgeführten Abhandlungen behandelt S. teils
syftematifche, teils gefchichtliche Gegenftände aus dem
Gebiet der Ethik. Die in der Einführung dargebotene
Darftellung des Empiriokritizismus, die diefe fchwierige
Lehre nicht gerade fehr klar macht, leitet zu der Frage
nach der Willensfreiheit über, die in der bekannten Weife
beantwortet wird, daß meine Selbftbeftimmung keine mo-
tivlofe, fondern eine durch mich motivierte ift. Aber
auf die fchweren Fragen, ob mein Ich und ebenfo die
Motivierung meiner Selbftbeftimmung durch mein Ich
nicht doch wieder eine Sache mechanifchen Gefchehens
ift, giebt S. keine Antwort. Das Gewiffen ift nicht nach
pofitiviftifcher Auffaffung entftanden, fondern feinem
prinzipiellen Inhalt nach angeboren; nur die jeweilige
Anwendung des Prinzips ermöglicht das Irren. Hier
denke ich anders: auf Grund einer entfprechenden Veranlagung
fchlagen fich innerhalb der Gefchichte Erfahrungen
über die Erhaltung wichtiger Gemeinfchaftsgüter
als Gewiffensinhalt nieder. — Gut ift der Abfchnitt Sha-
kefpeare, der Dichter des Gewiffens, wenn auch die
Anordnung des poetifchen Stoffes nach den drei Arten
des Gewiffens etwas fchulmeifterlich wirkt. Bei Herbert
Spencer wird jede Berückfichtigung des Verhältniffes
zwifchen Gut und gut abgelehnt. Für eine ausführlichere
Behandlung der Ethifchen Kultur wäre ich dankbar ge-
wefen. Der folgende Abfchnitt ftellt ausführlich die
buddhiftifche Sittenlehre dar und begnügt fich mit einer
ganz kurzen Kritik zugunften der chriftlichen. Die Gedankenwelt
Schopenhauers, Nietzfches und Tolftois wird
im wefentlichen referierend mit vielen Zitaten und manchen
ins einzelne gehenden Daten aus ihrem Leben
dargeftellt. Die ausführliche Behandlung Lombrofos mit
ihrem gründlichen Eingehen auf die Reform des Strafrechtes
und Strafvollzugs ift wohl die wichtigfte Partie
im ganzen Buch. Den Schluß bildet eine Zufammenfaf-
fung der einzelnen Darftellungen unter dem zum Anfang
zurückgreifenden Leitgedanken: Des Menfchen Wille ift
fein Los, die im Anfchluß an Ibfens Kaifer und Galiläer
in allgemeine Gedanken über das Verhältnis von Sittlichkeit
und chriftlichem Glauben ausläuft. — Ein ausführliches
Regifter macht das Buch fehr geeignet für
feinen Zweck, eine Orientierung über wichtige Fragen [

und Geftalten aus dem fittlichen Gebiet und von dem
ethifchen Kampfplatz zu geben.

Heidelberg. Niebergall.

Girgenfohn, Priv.-Doz. Karl, Zwölf Reden über die chrift-
liehe Religion. Ein Verfuch (,) modernen Menfchen
die alte Wahrheit zu verkündigen. München, C. H.
Beckfche Verlagsbuchhandlung 1906. (XI, 382 S.)

M. 3.20; geb. M. 4 —

Die Einleitung ftellt die innere Not des modernen
Kulturmenfchen dar, weift die Anfprüche Nietzfches, der
Ethifchen Kultur und der idealiftifchen Philofophie, ihr
abzuhelfen, mit guten Gründen ab und läuft in die Frage
aus: wer wird uns erlöfen von dem modernen theoreti-
fchen und praktifchen Materialismus? Da dies nur durch
ftarkes inneres Leben gefchehen kann, empfindet unfer
Gefchlecht Sehnfucht nach der Religion, der Mutter alles
echten Innenlebens, geht aber am Chriftentum vorbei.
Darum foll es nach verfchiedenen Seiten hin dargeftellt
werden (S. I—32). Nun folgen drei Teile, ein hiftorifcher,
ein religiös-praktifcher und ein dogmatifcher, die den
Eindruck machen, als ob die beiden erften hauptfächlich
als Fundament des dritten zu dienen hätten. Etwas
breit und behaglich (,Lang, lang ifts her') zeichnet G. im
erften zunächft in fehr fympathifcher Weife ein Bild von
Jefus, wie es immer mehr das gemeinfame Eigentum
aller theologifchen Richtungen wird; die abfchließende
Frage, ob er nicht doch vermöge feiner Gefamtperfön-
lichkeit behaupten konnte, mehr als ein Menfch zu fein,
bezeichnet die Stelle, auf der nachher der Oberbau ruhen
foll. Die Behandlung Pauli und des Urchriftentums
mündet in eine Reihe von Problemen, von denen die
Frage nach Pauli Verhältnis zu Jefus im Sinn der Uber-
einftimmung richtig beantwortet, die Annahme der Gottheit
Jefu flatt auf orientalifche Mythen auf die Aufer-
ftehung zurückgeführt, dagegen die Entfcheidung darüber,
J ob diefe auf Phantafie oder Wirklichkeit (?) beruht, dem
praktifchen Glauben anheimgegeben wird (S. 35—124).
Der zweite, hervorragendfte Teil behandelt in vier Ab-
fchnitten perfönlich-religiöfe Fragen, nämlich die all-
! mähliche Vertiefung der Seele durch die chriftliche
Religion famt ihren verfchiedenen Folgen. Hier ift
alles klar und richtig, eigenartig und gut ausgedrückt;
man bekommt einen Eindruck von dem großen gemein-
famen Gut der Richtungen. Wer von den ,Kritifchen'
kann fich nicht aneignen, was da über das Innenleben,
das Gebet, die Sünde und die Nächftenliebe gefagt
ift? Nur berührt es immer wieder fremdartig, wenn man
die Stützpunkte für den dogmatifchen Aufbau merkt;
fo z. B. S. 185 ,Wer in Jefu Namen betet, wird über kurz
oder lang gewiß auch zu Jefus beten'. Vorzüglich ift
dagegen der Schlußpaffus, daß fich niemand den mühfam
erkämpften feelifchen Befitz von Chriftentum durch theo-
retifche Argumente nehmen laffen werde, ebenfo die
Definition für den Glauben: ein neues Innenleben bekommen
, für die Einwirkungen Gottes und Chrifti Sinn
und Herz haben (S. 246). Dann aber kommt im dritten
Teil die Hauptfache. Der fucht nämlich nachzuweifen,
daß für die dargelegten feelifchen Erfahrungen das alte
Dogma auch heute noch ein angemeffener Ausdruck fei.
Das wird recht fchematifch an der Gottheit Chrifti, der
Dreieinigkeit und der Genugtuungslehre nachgewiefen.
Denn immer heißt es, daß die gefchilderten feelifchen
und göttlichen Dinge zu groß feien, um mit andern als
den vermeffenen und paradoxen Ausdrücken der alten
kirchlichen Frömmigkeit bezeichnet zu werden, zu denen
unfer Innenleben geradezu drängt. Diefe ganze Partie
ift ein apologetifches Meifterftück, das einen um fo
weniger angenehmen Eindruck zurückläßt, je mehr man
allenthalben die Gewaltfamkeit fpürt, mit der fehr fym-
pathifche Gefühle und verftändige Gedanken in die alten