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Ausgabe:

1906 Nr. 2

Spalte:

38-42

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Merx, Adalbert

Titel/Untertitel:

Die Evangelien des Markus und Lukas nach der syrischen, im Sinaikloster gefundenen Palimpsesthandschrift erläutert 1906

Rezensent:

Nestle, Eberhard

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 2.

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Wiffenfchaft ,kür das praktifche Amt nichts abwerfe',
zeigt St, wie nur der das A.T. als Unterrichtsftoff für
die Gemeinde ohne Schaden verwerten kann, der den
Abftand zwifchen A. und N. T.licher Offenbarung richtig
abzufchätzen weiß.

Den Stoff diefes Bandes behandelt St. in zwei Ab-
fchnitten: 1. Die Religion Israels auf vorprophetifcher
Stufe, 2. Die Umbildung der Religion Israels im Zeitalter
der Propheten. Im erften legt er die Stiftung der Religion
Israels in der Wüfte, die Palaeftinifierung der Wüften-
religion und die prophetifche Reaktion dagegen dar und
behandelt dann den vorprophetifchen Glauben und die
Gottesverehrung. Der zweite Abfchnitt gliedert den
Stoff in drei Kapitel: I. Die Prophetie des 8. und 7. Jhdt.s,
die Auseinanderfetzung mit ihr und den babylonifchen
Kulten im Lande, 2. Die Auswirkung der prophetifchen
Predigt im Exil, 3. Die Gründung der jüdifchen Gemeinde.
Ein in erfter Linie doch für Studenten berechnetes Buch
muß ein klares und treffendes Bild vom Stande der
wiffenfchaftlichen Arbeit geben, d. h. muß in die zur
DLkuffion flehenden Probleme einführen und durch
Vorfünrungdesßro und contra zur Prüfung der getroffenen
Entfcheidung befähigen, muß vor allen Dingen klar und
fcharf die für die Entwicklung entfcheidenden Momente
heraustreten laffen, nicht aber durch erdrückende Fülle
des Details die Gewinnung eines Urteils erfchweren
oder unmöglich machen. Leiftet St.s Buch das? Ref.
fleht nicht an, darauf mit einem vollen Ja' zu antworten.
Man lefe nur z. B. die Überficht über den Gang der
prophetifchen Entwicklung S. 204fr. oder die Kapitel
über die Auswirkung der prophetifchen Predigt S. 275fr.,
fpeziell die Abfchnitte über die Bedeutung Ezechiels,
und man wird zugeftehen müffen, daß wir kaum irgend
eine Darftellung haben, in der in fo klarer, knapper und
doch erfchöpfender Art diefe Fragen behandelt find.
Daß ein Mann wie St. in forgfältigfter Weife fich über
alle einfchlagenden Probleme orientiert hat, beweift jede J
Seite dem Kenner, oft ift es nur eine knappe Bemerkung, ;
die ein Schlaglicht auf viel ventilierte Fragen fallen läßt. I
Ich erinnere an die durch die affyrilch-babylonifchen I
Probleme zu Tage getretenen Fragen: es werden wenig
Namen der Rufer im Streit genannt, es wird auch im
Ganzen wenig Material beigebracht, aber das über diefe
Fragen gegebene Urteil zeigt nicht nur die volle Be-
herrfchung des Stoffs, fondern auch die ruhige Befonnen- 1
heit des methodifch gefchulden Forfchers, der in den
Kern der Dinge einzudringen verlieht und fich nicht
durch allerlei äußerliche Ähnlichkeit blenden läßt. Man
wird dem gleich auf S. 4 fich findenden ablehnenden
Urteile St.s gegenüber den Panbabyloniflen nur zu-
ftimmen können, nicht minder der dort fich findenden
fcharfen Kritik Hommels und feiner Freunde, die fich
feit langer Zeit, freilich ohne Erfolg, als die Totengräber
der literarkritifchen Arbeit gerieren. Daß St. babylonifche
Einfluffe richtig einzufchätzen verlieht, zeigt feine Darftellung
des Schluffes der vorexilifchen und der fpäteren
Zeit. Beachtenswert ift feine Vermutung über den
Charakter des Moloch: St. beflreitet mit guten Gründen
die Herleitung aus phönizifchem und kanaaneifchem Kult
und weift auf die Vermutung, daß der Molochkult des
Benhinnomtales fich vielleicht als eine Modifikation des
Samas oder des Götterkönigs Marduk entpuppen könnte
S. 232 k Ich verweile ferner auf die Erklärung von
Ex. 22 2«, in dem St. nicht eine mißverftändlich formulierte I
Weihe der menfchlichen Erftgeburt, fondern eine Spur
der Einwirkung des Molochkultus auf den Jahvedienft j
fieht. Diefer Satz Ex. 22 28 fei weiter überliefert, weil
man ihn von der Löfung der Erftgeburt verftand, die in
der Jahve-Religion an die Stelle des wirklichen Vollzugs
des Opfers der Erftgebornen getreten ift. Manche bisher
ungehobene Schwierigkeit löft St.s Hypothefe über die
Entflehung des Bundesbuches: die Niederfchrift der rechtlichen
und kultifchen Gewohnheiten, die in ihm vorliegt,

ift eine der Wirkungen der durch das Eindringen fremder
Ideen und Gewohnheiten hervorgerufenen nationalen
Reaktion (S. 244). Hingewiefen fei ferner auf Stades
Klarlegung der Vorftellung Jeremias von Jahve und den
andern Göttern S. 259 k, auf feine Hypothefe über Mal. 31,
wo er ft. fStbtt vielmehr T,b)3 lefen will (S. 33^), leine
Abweifung von Gunkels Behauptung, daß die Vorftellung
daß Jahve im Himmel wohne der älteften Zeit angehöre
(S. 104) ufw.

Daß Stade an nicht unerheblichen Punkten umgelernt
hat, beweift namentlich die Darftellung der Ent-
ftehung der israelitifchen Religion: Mofe rief im Namen
Jahwes, der fchon vor Mofe als Stammgott der Kinder
Lea einen Kult in Kadefch hatte, in Gofen nomadifierende
und von den Ägyptern durch Frohnarbeiten bedrückte
zur Freiheit auf und führte fie unter Jahves Schutz aus
ägyptifcher Knechtfchaft in die Wüfte. Aus diefer hiftori-
fchen Situation ift der Grundgedanke der israelitifchen
Religion: Jahve Israels Gott' geboren. Diefes Kadefch
war während des Wpftenaufenthaltes der kultifche Mittelpunkt
, während die Vorftellung, daß die Übernahme der
Religion durch Israel am Sinai oder Horeb ftattgefunden
habe, jüngerer Zeit angehört (S. 34). — Man hat öfter
den Vertretern der literar-kritifchen Richtung den Vorwurf
gemacht, daß fie unrichtig die Zeit der Abfaffung
eines Buches als die Zeit der Entflehung der darin bezeugten
Ideen und Gewohnheiten anfehen. Der Vorwurf
mag dann und wann berechtigt gewefen fein, obgleich
die befonnenen Vertreter diefer Richtung ftets diefen
Fehler bekämpft haben. Auch Stade beweift in diefem
Buch, daß er fcharf zwifchen diefen beiden Dingen zu
fcheiden weiß, ich erinnere befonders an die §§ 67—88,
ja, — mir will es eher Rheinen als ob Stade hier zu weit
gegangen ift, wenn er S. 164k Chattät und Afchäm als
der vorexilifchen Zeit angehörig anfieht. Ein ficherer
Beweis ift m. E. dafür nicht beizubringen, denn daß
Hof. 48 nxtsn das Sühnopfer fei, halte ich nach dem
ganzen Zufammenhang der Stelle und den fonftigen Vor-
itellungen Hofeas für ebenfo unrichtig, wie die von 5|0D
nsuri2 Reg. 12 17 gegebene Erklärung: Geld für das Chattätopfer
für fraglich, vgl. I Sam. 63fr. Auch zu anderen
Stellen könnte ich Fragezeichen machen vgl. S. 291 oben,
S. 345 unten zu St.s Stellung zu den meffianifchen
Weisfagungen ufw., aber es widerftrebt mir. Denn für den
Fachmann find bei der Fülle der hier behandelten Probleme
derartige Differenzen felbftverftändlich, andern gegenüber
aber mag ich durch derartige Ausfüllungen den
Eindruck meiner unter dem Studium des Buches ftets
fich fteigernden Befriedigung nicht abfehwächen. Ich bin
gewiß, daß wie ich fo viele andere das Buch mit herzlichem
Dank gegen den Verf. aus der Hand legen werden
. Möge er uns bald mit dem. zweiten Band erfreuen,
der freilich eine an Schwierigkeiten unendlich reichere
Periode behandeln wird.

Straßburg i. E. W. Nowack.

Merx, Adalbert, Die Evangelien des Markus und Lukas nach
der fyrifchen, im Sinaiklofter gefundenen Palimpfeft-
handfehrift erläutert. Mit vier Originalaufnahmen
jerufalemifcher Grabftätten. — A. u. d. T.: Die vier
kanonifchen Evangelien nach ihrem älteften bekannten
Texte. Überfetzung und Erläuterung der fyrifchen
im Sinaiklofter gefundenen Palimpfefthandfchrift.
Zweiter Teil, zweite Hälfte, Erläuterung. Markus
und Lukas. Berlin, G. Reimer 1905. (X, 545 S.)
Lex. 8« M. 16 —

Was J. Weiß in der Theologifchen Rundfchau anläßlich
der Wellhaufenfchen Evangelienbearbeitung fagte,
daß fie eine ganze Stufenleiter von Gefühlen erwecke
von aufrichtigfter Bewunderung bis zu kopffchüttelnder